Die Frauen von Cadaqués, die Kunst und Salvador Dalí

Salvador Dalí kennt jeder. Tony und Maria noch nicht. Aber das kann sich bald ändern. Nicht nur wegen der Mercedeswerbung, für die sie engagiert wurden. Die deutsche Autofirma hatte in Cadaqués Frauen gesucht, Künstlerinnen aus dem kleinen Fischerort an der Costa Brava, um ihr Konzept von Freiheit vorzustellen. Eine gute Wahl, denn das versteckt gelegene Dörfchen ist bekannt für seine starken Frauen. Der Werbefilm ist so schön gemacht, dass erst ganz am Ende ein Auto auftaucht.

atelier kunst cadaques
Gemütlich sitzen wir bei Tony und Maria im Atelier, einer ausgebauten Garage, und trinken Tee. Kekse gibt es auch. Bis zum Sommer war Tony noch Dozentin an einer der bekanntesten Designer-Unis in Barcelona und pendelte ständig zwischen der Metropole und dem Fischerdorf hin und her.

Vor ein paar Jahren hatten die beiden sich entschieden, nicht nur die Wochenenden und die Ferien in Cadaqués zu verbringen. Sie wollten das ganz Jahr über hier leben und arbeiten. Also eröffneten sie eine Galerie und richteten ihr Atelier ein. Sehr aktiv sind Maria und Tony seither dabei, die Künstlerszene in Cadaqués auch außerhalb der Sommermonate zu beleben. Denn während der Hauptsaison kommen die Besucher von ganz allein hierher.

kunst cadaques farben

Während Tony kreative Skulpturen aus allem macht, was sie auf ihren Spaziergängen in der Natur oder in ihrer Umgebung findet, konzentriert sich Maria ausschließlich aufs Malen. Sie liebt Farbe und hat sich auf kraftvolle abstrakte Gemälde spezialisiert. Es ist Maria enorm wichtig, wie die Farben wirken, welches Maß es braucht, um einen bestimmten Effekt zu erzielen. Sie versucht stets, die optimale Intensität eines Farbtons herauszuarbeiten. Farben sind einfach ihr Leben, sagt sie.

maria sola atelier cadaques

maria kunst cadaques

Tony ist überhaupt nicht schüchtern. Die jahrelange Erfahrung als Dozentin merkt man ihr an. Unterhaltsam erzählt sie, was sie alles von den Tintenfischen gelernt hat. Wie sich diese intelligenten Tiere verstecken, wie sie sich vor Angreifern schützen und flink im Wasser bewegen. Sie hat wirklich eine besondere Beziehung zu den Kraken, die sie gern beim Schnorcheln beobachtet. „Und in der Pfanne schmecken sie auch gut“, lacht Tony schelmisch und zeigt uns ihre Pulpo Arbeit.

pulpo cadaques tony

Bei Alice, einer anderen Künstlerin, die wir heute in Cadaqués kennenlernen, dürfen wir selbst kreativ werden. Wir sollen ein Tier auf ein Weinglas malen, und zwar sodass sich die Tierform dem Glas anpasst. Keine leichte Aufgabe. Neben verschiedenen lustigen Tieren kommt dabei auch ein Nachthimmel zum Vorschein!  Mein Talent als Künstlerin ist zwar leider eher mäßig, aber wir haben viel gelacht!

malen cadaques
Aber in Cadaqués gibt es ja nicht nur Kunst, sondern auch ganz viele Geschichten. Natürlich kommt in vielen davon auch Salvador Dalí vor. Mercè, die hier geboren und aufgewachsen ist, kennt in Cadaqués wirklich jeden Stein. Sie zeigt uns kleine Buchten, die die Touristen normalerweise nicht erreichen. Eine davon ist der Strand von Sa Conca. Dort in der Nähe hat vor über hundert Jahren die Familie Dalí ein Haus gemietet. Hier also hat der später so berühmt gewordene Surrealist als Kind seine ersten Eindrücke von Cadaqués gesammelt.

Irgendjemand soll einmal gesagt haben, einen echten Dalí könne man von einer Fälschung ganz schnell am Licht unterscheiden. Salvador Dalí hat so lange und so ausführlich dieses ganz besondere Licht in Cadaqués beobachtet, dass kein Fälscher es so malen kann, wie Dalí es auf die Leinwand bringen konnte.

sa conca-dali-cadaques-

ansicht wie von dali cadaques

Eine Figur am Straßenrand zieht meine Aufmerksamkeit an sich. Es ist die Silhouette einer Frau in langem Kleid. Mercè erklärt mir, was es mit dieser Lídia auf sich hat. La Lídia de Cadaqués war eine einfache Fischverkäuferin. Aber sie war auch eine Hexe, so sagten die Leute im Dorf. Denn Lídia kannte sich mit Kräutern und Heilpflanzen aus, das hatte sie von ihrer Mutter gelernt. Solchen Frauen, heute würde man sie vermutlich eher Naturheilerinnen nennen, wurde schnell nachgesagt, sie könnten sich des Nachts in Tiere verwandeln und würden das Wetter beherrschen.

dali lidia cadaques

Doch Lídia war eine selbstbewusste Frau. Sie verdiente sich mit der Vermietung von Zimmern etwas Geld dazu und war mit berühmten Künstlern wie Picasso, García Lorca, Josep Puig i Cadafalch befreundet, die sich zu Beginn des letzten Jahrhunderts oft und gern in die Abgeschiedenheit des kleinen Fischerörtchens zurückzogen, um hier Inspiration zu finden. Die unglückliche Lídia verliebte sich unsterblich in den Schriftsteller Eugeni d’Ors. Der Künstler wurde ihre Obsession. Eine sehr spannende Geschichte, finde ich! Doch leider endet sie eher traurig, denn Lídia soll als alte Frau arm und senil, allein in einem Heim gelebt haben.

Salvador Dalí war noch ein Kind, als er Lídia kennenlernte. Aber das Ambiente in Cadaqués, der Einfluss der Künstler und auch der Fischer prägte den Jungen schon früh. Während des Zweiten Weltkriegs, in die siebziger und den achtziger Jahren kamen noch viele andere bedeutende Persönlichkeiten hierher, Schauspieler, Filmemacher, Dichter und Maler. Sie liebten nicht nur die Zurückgezogenheit, sondern auch das ganz besondere Licht hier. Viele kamen und viele gingen wieder, doch Dalí blieb für immer in Cadaqués.

Ein Skulptur erinnert an Federico García Lorca, den großen Dichter und engen Freund Dalís. Vermutlich war García Lorca mehr als nur ein Freund des Malers. Tragischerweise wurde der sensible Schriftsteller 1936 von den Soldaten des Francoregimes erschossen.

garcia lorca salvador dali

Salvador Dalí gasse cadaques

Salvador Dalí haus blumen cadaques

Als das Donnergrollen immer lauter wird und wir langsam auch richtig hungrig sind, gehen wir in Cadaqués noch etwas Essen. Das Can Rafa liegt direkt an der Promenade und gehört zum Weingut Perafita, das wir oben in den Bergen auf der Fahrt hierher schon gesehen haben.

Rafa höchstpersönlich kommt zu uns an den Tisch und erklärt in perfektem Englisch, was uns die Küche heute alles zaubern kann. Wir verlassen uns da ganz auf seine Empfehlungen und werden natürlich nicht enttäuscht. Frische Meeresfrüchte, Schwertmuscheln, Anchovis, Pilze, lauter kleine, mega köstliche Leckereien!

can rafa cadaques

In einer Fischkühltruhe kann man sich den fangfrischen Fisch aussuchen, den der Koch dann zubereitet. Während ich noch so überlege, welche dieser Fische ich überhaupt kenne, nähert sich eine Mutter mit ihren zwei Kindern. Als würden sie ein Bilderbuch ansehen, fragt die Mami „Na welches ist denn die Meerbrasse?“ und „Wo ist das Petermännchen?“ Völlig ungläubig staune ich, wie die höchstens zwei Jahre alten Menschlein ohne zu zögern auf die richtigen Fische zeigen! Für die beiden süßen Knirpse scheint das ein ganz normales Spiel zu sein. Die kennen tatsächlich viel mehr Fische als ich. Ich bin absolut begeistert. Das werden sicher einmal Feinschmecker, wenn sie groß sind!

fisch cadaqués

can rafa cadaques„Nicht anfassen!“ mahnt die Mama, doch die kleinen Finger wandern immer wieder zu den Fischen 

Tony Azorin
Website: www.tonyazorin.com

Maria Sola
Website: www.mariasola.com

Adresse der Galerie:
El Carro Galeria D’art
Carrer Curós
17488 Cadaqués

Rutes de Cadaqués
Durch Zufall habe ich Mercè vor ein paar Jahren über Freunde kennengelernt. Sie bietet verschiedene Touren in und um Cadaqués an. Ihr Spezialgebiet ist das Leben und Werk des Künstlers Salvador Dalí, aber sie kennt auch viele spannende Geschichten über die Piraten und Legenden über die Frauen von Cadaqués. Ich bin total gern mit Mercè unterwegs und kann nur jedem empfehlen, mit ihr auf Entdeckungstour zu gehen. Sie ist ein wirklich netter Guide und immer gut gelaunt. Mit Mercè gibt es garantiert viel zu lachen!
Website: www.rutescadaques.com

Restaurant Can Rafa  
Plaça del Passeig, 7
17488 Cadaqués
(keine Website – nur tripadvisor: Reviews Can Rafa Cadaques)

Salvador Dalí boot cadaques

Wie Elke von Meerblog das Dörfchen Cadaqués erlebt hat, kannst Du in dem Artikel Cadaqués – Costa Brava im November lesen.

ueber den daechern cadaques dali

Dieser Artikel entstand im Rahmen eines Blogtrips an die Costa Brava. Ich bin wie immer wirklich und ehrlich begeistert von „meiner“ wilden Küste. 

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