Die Trommeln des Pelourinho

Laut dröhnen die Trommeln durch die mit Kopfstein gepflasterten Gassen des Pelourinho. Die meist jugendlichen Trommler spielen auf dem steil abfallenden Platz im Zentrum des historischen Viertels von Salvador. Ihre Musik klingt die vielen kleinen Hügel rauf und runter. Der Rhythmus geht durch mich hindurch und zieht mich mit. Wie muss sich das erst im Karneval anfühlen, wenn hier tagelang die ganze Stadt im Rhythmus der Trommeln erbebt?

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Doch Salvador trommelt nicht nur im Karneval. Schon Ende der siebziger Jahre entstand die Musikschule Olodum als eine Bewegung gegen Rassismus. Bis heute setzt sich die Organisation für Gleichheit und soziale Gerechtigkeit ein. Neben Olodum gibt es im Viertel aber noch viele andere Gruppen, die sich musizierend um sozial Schwächeren und Benachteiligten kümmern.

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Während ich noch total begeistert der Musik lausche, nähert sich eine üppige, ganz in weiß gekleidete Bahianerin. Ihre weiten Röcken wehen im Wind. Sie möchte, dass ich ein Foto von ihr mache. Gegen Geld natürlich. Erst zögere ich, doch dann beschließe ich, dass fünf Reias ein guter Preis sind und dass es sich doch lohnt, ein Foto von ihr zu machen. Nur einen kurzen Moment lang stellt sie sich für mich in Pose, lacht in die Kamera. Ich drücke ab, mehrmals. Dann ist meine Zeit auch schon um. Aber ich freue mich über die Bilder.

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Die Bahianerinnen spazieren nicht immer im Pelourinho herum. Aber wenn, dann verdienen sie sich als Fotomodelle für Touristen ein wenig Geld. Sie sind sozusagen das Aushängeschild der Candomblé Religion, die in Salvador sehr viele Anhänger hat. Da die Stadt früher einer der wichtigsten Umschlagplätze für den Sklavenhandel war, brachten die vielen Millionen Sklaven auf den Schiffen aus Afrika auch ihre Religion mit hierher. Fern der Heimat vermischte sich dann die Verehrung der afrikanischen Götter und Göttinnen mit christlichen Elementen und es entstand eine ganz neue, eigene Religion, das afrobrasilianische Candomblé.

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Das kleine Hotel im Pelourinho, in dem ich für zwei Nächte schlafe, hat seine Zimmer nach den Orixás, den Göttern des Candomblé benannt. Mein Zimmer ist der Meeresgöttin Iemanjá gewidmet und ganz in Blau gehalten. Die Iemanjá ist die Beschützerin der Fischer, der zu Ehren jedes Jahr am 2. Februar ein besonderes Fest gefeiert wird. Dann gibt es noch Oxalá – oder Obtala – der für Ruhe und Frieden stehende Schöpfer, Oxóssi für die grünen Wälder und die eitle Oxum, die Venus unter den Göttern der Orixá, deren Farbe das an glitzerndes Gold erinnernde Gelb ist. Xangô, der das Feuer beherrscht, ist der Donner- und Trommelgott und eine Art Chef der Orixas. Besonders in Brasilien entwickelte er sich zu einem Symbol des Widerstands der Sklaven.

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Der Pelourinho liegt in der Oberstadt, auf einem Hügel. Der Hafen, an dem 1549 Salvador von einem gewissen Tomé de Sousa gegründet wurde, befindet sich unten, in der Cidade Baixa und ist mit einem Fahrstuhl zu erreichen. In nur dreißig Sekunden fährt der ungewöhnliche Lift dreiundsiebzig Meter in die Tiefe und erspart den Einwohnern seit 1873 das mühselige Treppensteigen.

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Bis 1763 war Salvador de Bahia die Hauptstadt Brasiliens, das wichtigste Zentrum des Seehandels und Umschlagplatz für den Sklavenhandel. Immer mehr Europäer ließen sich jedoch im Süden des Landes nieder. Als 1763 Rio de Janeiro neue Hauptstadt wurde und schließlich 1888 die Sklaverei abgeschafft wurde, verlor Salvador immer mehr an Bedeutung. Die Stadt litt unter der Abwanderung der wohlhabenden Bevölkerungsschichten und wurde von Seuchen heimgesucht. Fast schon trotzig setzten die Bewohner den Bau ihrer Kirche fort. Imposant und strahlend wurde die Einrichtung der von außen recht schlicht wirkenden Franziskanerkirche im Pelourinho über und über mit Gold geschmückt, als die Stadt eigentlich immer ärmer und ärmer wurde.

Vor der Klosterkirche, in der heute noch ein achtzig Jahre alter Mönch aus Deutschland leben soll, erhebt sich ein großes Kreuz auf dem mit Kopfstein gepflasterten Platz.

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Die bunten malerischen Häuschen, die heute das Viertel so hübsch aufgeräumt aussehen lassen, waren bis in die achtziger Jahre hinein noch heruntergekommene, baufällige Überreste vergangener Jahrhunderte. Das Pelourinho Viertel war lange Zeit keine gute Adresse, eine Favela inmitten der Stadt. Erst als 1985 die Militärdiktatur endete, überließen die Verantwortlichen das heruntergewirtschaftete Land der Demokratie. Man beschloss, die Häuser des Pelourinho zu renovieren und das historische Zentrum zu säubern. Nur hatten die meist mittellosen Anwohner kein Geld für teure Renovierungsmaßnahmen. Wer nicht selbst restaurieren konnte, wurde umgesiedelt. Investoren aus dem reichen Süden übernahmen die Aufgabe und steckten Geld in das heute so malerische Stadtzentrum.

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Das Ergebnis ist auch wirklich schön geworden, und die allgegenwärtige Präsens der Polizei sorgt dafür, dass der Pelourinho ein sicheres Viertel ist. Im Nachhinein sagen einige Leute, es wäre vielleicht besser gewesen, die alteingesessenen Bewohner hier zu lassen. Bloß, wer hätte die Kosten für die teuren Renovierungen übernommen?

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Auf einem kleinen Platz entdecken wir eine Gruppe Capoeira Tänzer, die sich gegen Zahlung eines kleinen Obolus den Touristen für ein Foto zur Verfügung stellen. Mestre Macacao und Mestre Dao zeigen auch uns etwas von ihrem Können.

Die Ursprünge der Capoeira gehen zurück auf rituelle Tänze der Sklaven. In Brasilien wurde aus den traditionellen Riten, die die Nachkommen der verschleppten Afrikaner weiterhin nachspielten im Laufe der Zeit etwas Neues, Anderes.

Was, Du warst nur einen Tag in Salvador? Meine Tochter ist entsetzt, dass ich nicht mehr Zeit in dieser Stadt, die sie so liebt, verbracht habe. Und sie hat recht. Wie konnte ich nur einen so kurzen Aufenthalt planen? Ich verstehe selbst nicht mehr, wie es dazu kommen konnte. 

Barrio de Ribera

Salvador hat noch so viele andere schöne Stadtteile, wie Barra, mit dem Leuchtturm und den schönen Stränden, das ich leider gar nicht gesehen habe. Dafür bin ich aber noch kurz bis Praia de Ribera gefahren, habe in einer der ältesten Eisdielen der Stadt ein leckeres Eis geschlemmt und habe mir die berühmte Kirche mit den Armbändern angesehen.

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Früher war die Halbinsel von Ribera ein Rückzugsort der Reichen. Hier hatten sie ihre Sommerhäuschen und verbrachten ihre Wochenenden. Doch das ist lange her. Heute kommen eher die Bewohner der Favelas vom gegenüberliegenden Ufer in die Bucht des Viertels. An den Wochenenden sind die Strände belagert mit grillenden und picknickenden Familien. Ganz am Ende der Promenade gelangen wir schließlich auf einen kleinen Platz.

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Vor der Igreja de Nosso Senhor do Bonfim vollführt eine Bahianerin gerade ein reinigendes Ritual mit Zweigen an einem Gläubigen. Candomblé und Katholizismus scheinen sich hier nicht zu stören, sondern zu ergänzen. Unser Guide erzählt die Geschichte der Wallfahrtskirche und zeigt uns die unter der Decke hängenden Arme und Beine aus Wachs. Votivgaben der Gläubigen, wohin man sieht, ein ganzer Raum voller Fotos und Körperteile.

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Lavagem do Bonfim

An einem bestimmten Tag am Jahr findet hier eine ganz besondere Prozession statt. Vor dem Umzug der Katholiken laufen ganz in weiß gekleidete Baianos und Baianas. Gemeinsam ziehen sie von der Unterstadt den Hügel zur Kirche hinauf. Dann bringt der Priester die Jesusstatue, den Senhor de Bonfim, nach draußen. Der erste Teil der Zeremonie besteht darin, dass die Bahianerinnen die Treppen der Kirche putzen. Lavagem do Bonfim nennen sie das. Die nachfolgenden Katholiken betreten anschließend über die frisch gereinigten Stufen die Kirche.

Dieses merkwürdig anmutende Fest geht wohl darauf zurück, dass die Sklaven früher die Kirche putzen mussten und dabei heimlich ihre eigenen Candomblé Gottheiten, die Orixás, verehrten. Noch heute führen die Baianas ihre rituellen Handlungen im Freien vor der Kirche aus.

Am Zaun der Kirche flattern bereits Tausende der bunten Armbändchen, die überall in Salvador verteilt werden. Drei Knoten muss man sich in das Bändchen machen, während man es sich umbindet. Bei jedem Knoten wünscht man sich etwas. Vor drei Jahren habe ich in Berlin schon einmal so ein rotes Band geschenkt gekriegt. Damals habe ich mir gewünscht, eines Tages nach Salvador de Bahia zu reisen. Hat geklappt! Natürlich mache ich jetzt auch so ein Bändchen fest. Drei Knoten und drei Wünsche.

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Infos zum Pelourinho und Salvador:

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Capoeira
Da die Sklaven keine Waffen tragen durften, konnten sie sich nur mit ihrem Körper verteidigen. Also nutzen sie die rituellen Tänze ihrer afrikanischen Vorfahren als Deckmantel um eigene Kampftechniken zu entwickeln. Capoeira entwickelte sich von Anfang an als ein Symbol des Widerstandes, des Kampfes der Unterdrückten gegen die Unterdrücker.

Nach der Abschaffung der Sklaverei stand Capoeira zunächst in keinem guten Ruf. Man fand diesen Kampftanz vorwiegend bei Straßenkämpfen in Hafenvierteln der großer Städte in einem eher kriminellen Milieu. Capoeira galt als gefährlich und wurde bis in die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts unter Androhung von Gefängnisstrafen verboten. Dass Capoeira schließlich doch legalisiert wurde und endlich aus seinem Schattendasein hervortreten konnte, ist vor allem einer Person zu verdanken, Mestre Bimba.

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Als Manoel dos Reis Machado zur Jahrhundertwende in Salvador geboren wird, ist Capoeira noch mit dem Schmuddelimage der Hafenviertel behaftet. Bereits mit achtzehn Jahren beginnt Manoel Capoeira zu unterrichten und nimmt diese Aufgabe sehr ernst. Er versteht Capoeira als eine Lebensphilosophie.

Mestre Bimba, wie er später von allen genannt wird, stellt Verhaltensregeln auf. Er besteht darauf, dass ein Capoeira weder raucht noch trinkt. Dass er mit seinen Fähigkeiten nicht auf der Straße angibt oder vor Freunden prahlt oder dass täglich und mit der angemessenen Konzentration und Ernsthaftigkeit trainiert wird. Dem intelligenten und charismatischen Mann geht es um mehr, als um Körperertüchtigung und Kampftechnik. Er stellt nicht nur Trainingspläne für seine Schützlinge auf, sondern versteht sich als Erzieher. Für Mestre Bimba geht es darum, ein kulturelles Erbe weiterzugeben. Nicht nur als Erzieher, auch als Mensch geht er stets mit gutem Beispiel voran und ist ein Ausbund an Seriosität und Ernsthaftigkeit.

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Durch die Einführung neuer, schneller Elemente schafft er schließlich einen ganz neuen Stil, den Capoeira Regional. Mestre Bimba gelingt es, Capoeira in allen Gesellschaftsschichten Brasiliens beliebt zu machen. 1937 wird das alte Verbot aufgehoben und Capoeira entwickelt sich zu einem Nationalsport. Heute ist diese Kampfkunst eines der bekanntesten Beispiele brasilianischer Kultur in aller Welt. Das Erbe des außergewöhnlichen Mestre Bimba ist in Salvador de Bahia noch immer zu spüren.

Bahianerinnen

Die Bahianerinnen aus Salvador sind fast so berühmt wie die Sambaschulen in Rio. Würdevoll stehen sie mit ihren mächtigen weißen Kleidern am Straßenrand und verkaufen Acarajé. Die typische weiße Kleidung geht zurück auf die Priesterinnen des Candomblé, die mit dem Verkauf dieser Snacks ihren Lebensunterhalt aufbessern.

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Das Rezept der Acarajés stammt ursprünglich aus Afrika. Der Genuss der frittierten, mit Bohnenmus gefüllten Bällchen, auf denen eine Garnele thront, ist bis heute eng mit der Candomblé Religion verbunden. Denn zu die Acarajés dürfen nur zu bestimmten Tageszeiten verkauft, beziehungsweise nicht verkauft werden, weil sie dann den Göttern geopfert werden müssen.

Hotel Solar dos Deus:

Adresse:
Largo do Cruzeiro de São Francisco, 12
Pelourinho, Salvador – BA, 40020-280
Website: www.solardosdeuses.com.br

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Jeden Morgen begrüßt mich Sandra fröhlich und serviert mir ein köstliches Frühstück im Zimmer. Frisches Obst, Fruchtsaft, Brot, Kaffee und jeden Tag eine andere regionale Spezialität.

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Vielen Dank an TAP Airlines für den Flug nach Salvador und an das Hotel Solar do Deus, das mich zu zwei Übernachtungen eingeladen hat. Meine Meinung ist davon nicht beeinflusst und die hier dargestellten Ansichten beruhen einzig und allein auf meiner persönlichen Erfahrung.   

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