Vom Kork zur Kunst

Wo genau kommt der Korken her? Und was für ein Material ist Kork eigentlich? Fragen, die ich mir schon so manches Mal beim Öffnen einer Flasche gestellt habe. Seit letzter Woche weiß ich die Antwort, und darum spielen wir heute ein bisschen die Sendung mit der Maus.

Die Korken wachsen praktisch auf den Bäumen, denn Kork macht man aus der Rinde der Korkeichen – und die gibt es im ganzen Mittelmeerraum. In Spanien wachsen Korkeichen vor allem im heißen Andalusien, aber auch und hier oben an der Costa Brava, im Baix Empordà.

Schon die alten Römer sollen Kork für die Schuhsohlen ihrer Sandalen verwendet haben. Bis der Kork dann aber so richtig boomte, dauerte es noch viele Jahrhunderte. Erst im achtzehnten Jahrhundert, mit dem Anstieg des Wein- und Sektkonsums in Europa, erlebte das altbekannte Material eine wahre Blütezeit. Zu verdanken hat der Kork diesen kometenhaften Aufstieg nämlich der Flaschenindustrie. Seit die wiederverwertbaren Glasflaschen, wie wir sie heute kennen, im Einsatz sind, werden sie mit Korken verschlossen.

FABRIK KORK Palafrugell

Als in Frankreich die Produktion des Champagners immer weiter wuchs, reichte der französische Kork bald nicht mehr aus. Für den guten Champagner brauchte man guten Kork und davon viel. Die unmittelbare Nähe Palafrugells zur französischen Schaumweinregion, die damit verbundenen kurzen Transportwege, und die gute Qualität des Korks, machte die Champagnerkellereien in Frankreich zu den Hauptabnehmern der katalanischen Korkproduzenten.

FABRIK KORK Palafrugell

Während jahrzehntelang alle Korken von Hand geschnitzt worden waren, übernahmen bald Maschinen einen Teil der Arbeit. Die Korkverarbeitung entwickelte sich schließlich zu einer richtigen Industrie, denn außer Flaschenkorken fanden sich schnell zahlreiche weitere Einsatzmöglichkeiten dieses Materials. Kork hat unglaublich viele gute Eigenschaften: Es ist ein natürliches, nachwachsendes Material, stabil, aber drückbar, wasserabweisend, isolierend, absorbierend, biologisch abbaubar, leicht, Wärme dämmend und schwimmt sogar auf Wasser.

FABRIK KORK Palafrugell

Mit der Erfindung des Kühlschranks boomte dann der Verkauf von Korkplatten, dem „Agglomeratkork“, als Dämmstoff. Hauptabnehmer des Korks aus Palafrugell waren die USA. Die Geschäfte gingen so lange gut, bis die Kühlschrankindustrie beschloss, statt Naturkork lieber billigere, alternative Materialien einzusetzen. Die Einführung des Plastiks machte der Korkindustrie das Leben schwer – und nicht nur der.

Die Fabrik in Palafrugell, in denen Tausende Arbeiter jahrzehntelang Korkprodukte hergestellten hatten, mussten schließen. In den ehemaligen Fabrikhallen des riesigen Geländes befinden sich heute ein Korkmuseum. Der weithin sichtbare Wasserturm, der einst die Fabrik mit Wasser versorgte, ist zum Wahrzeichen Palafrugells geworden.

wasserturm palafrugell kork fabrik

Im Eingang des Korkmuseums begrüsst mich ein sympatischer Baum-Mann: Groot! Sofort habe ich die Musik von Guardians of the Galaxy im Kopf. Beschwingt und mit guter Laune mache ich mich auf den Weg durch die Ausstellung.

groot aus kork

Im Korkmuseum: Vom Baum zum Korken

modernistische Fabrik Museu del suro palafrugell

Korkeichen können nicht jedes Jahr geschält werden. Die Korkrinde muss mindestens sechzig Zentimeter dick sein, und dazu brauchen die Bäume hier oben im Nordens Spaniens rund zwölf Jahre. Das bedeutet also, das auch nur alle zwölf Jahre geerntet werden kann. In Andalusien, wo das Klima heißer und trockener ist, bilden die Korkeichen schon nach rund acht bis neun Jahren eine solche Schicht. Dort kann also öfter geernet werden als hier.

FABRIK KORK Palafrugell Kork aus erster Schälung

FABRIK KORK Palafrugell
gleichmässigerer Kork eines älteren Baumes

Bei der ersten und zweiten Schälung einer Korkeiche ist die Rinde noch sehr grob und wird nur in geschredderter Form als Dämmaterial verwendet. Erst aus der Rinde der dritten Schälung können feine, gleichmäßige Champagnerkorken entstehen. Zu diesem Zeitpunkt ist der Baum dann also schon mindestens sechsundreißig Jahre alt!

Geschält wird immer im Sommer, in der Trockenzeit, denn wenn die Baumrinde nass ist, läßt sie sich nicht gut vom Baum lösen. Früher konnte von Juni bis September geerntet werden, heute maximal bis August.

Die Korkplatten müssen dann zunächst gepreßt werden, bis sie eine glatte Platte bilden, damit man sie verarbeiten kann. Bevor aber die Korken aus dem Kork geschnitten oder gestanzt werden können, muss das Material nicht nur aufgekocht werden, sondern auch neun Monate ruhen. Das ist wirklich ein sehr langwieriger Prozess!

FABRIK KORK Palafrugell

FABRIK KORK Palafrugell

Per Hand konnte ein geschickter Korkmacher früher an die hundert Korken pro Tag herstellen. Mit dem Einsatz der Maschinen verdreifachte sich diese Menge locker. Doch die Einführung der Maschinen hatte noch einen anderen Vorteil. Während vorher vorwiegend Männer Korken geschnitzt hatten, konnten nun auch Frauen diese Arbeit erledigen. Da die Männer als Saisonarbeiter nur so viel arbeiteten, wie sie gerade Geld brauchten und dann gern mal in die Kneipe verschwanden oder fischen gingen, erhöhte sich die Produktivität durch die Frauenarbeit! Denn die Damen gingen nicht in die Kneipe, sondern arbeiteten regelmäßiger. Sie sangen und schwatzen sogar. Fast idyllisch hören sich die Erinnerungen einer alten Dame an, die in einem Video von ihrer Arbeit  in der Korkfabrik damals berichtet.

FOTO FABRIK KORK Palafrugell

FOTO FABRIK KORK Palafrugell
Als die Produktion sich von Korken für Champagnerflaschen und Zigarettenblättchen immer mehr auf Dämmaterial für Kühlschränke verlagerte, war die Arbeit nicht mehr so idyllisch. Die Männer leisteten körperliche Schwerstarbeit, wenn sie stundenlang schwere Wagen mit geschredertem Kork in den heißen Brennöfen zu Korkplatten verarbeiten mussten. Nicht jeder hielt das durch und die Bezahlung war auch nicht umwerfend.

kronkorken kork museu del suro palafrugellKorkplättchen für Innenseite eines Kronkorkens 

Als dann immer mehr Kunststoffprodukte in unsere Haushalte Einzug hielten, machte das den Korkproduzenten schwer zu schaffen. Eine ganze Branche verschwand mehr oder weniger von der Bildfläche. Aber zum Glück verschwand der Kork nie ganz. Noch immer sind fast 70% der Weinflaschen mit echtem Kork verschlossen. Bei den guten Weinen sogar 100%, sagt mein Weinhändler. Und mit dem zum Glück wachsenden Bewusstsein für den Umweltschutz, wird auch immer mehr Leuten wieder bewußt, dass Kork doch ein echt gutes Material ist!

      FABRIK KORK Palafrugell

Infos zum Thema Kork und ein Geheimtipp:

Museu del Suro (Korkmuseum)
Placeta del Museu del Suro
17200 Palafrugell
Website: museudelsuro.cat

Auf dem Gelände der alten Fabrik befindet sich – direkt gegenüber des Korkmuseums – das 2004 eingerichtete Kunstmuseum Can Mario. Es gehört zur Fundaciò Vila Casas, der Stiftung eines Apothekers, der einerseits die historischen Gebäude erhalten wollte und andererseits ein großer Kunstliebhaber ist. Insgesamt vier Museen gehören mittlerweile zur Stiftung. Während in Palafrugell vorwiegend Skulpturen gezeigt werden, widmen sich die anderen Museen der Malerei und der Fotografie. Alle drei Jahre verleiht die Fundaciò Preise an katalanische Künstler.

Das Can Mario zeigt in den Räumen der ehemaligen Korkfabrik kontemporäre Künstler, wie Subirachs, von dem die Passionsfassade der Sagrada Familia stammt, Antoni Clavé und viele junge Künstler. Aber sogar renommierte Künstler wie Tàpies und Miró sind hier vertreten.

Da sitzt ein Mann, der nur aus Buchstaben besteht. An der Wand lehnt ein Junge, sichtbar in sein Handy vertieft. Wellen von Licht in einem Glaskasten verstecken fast einen dünnen Faden Blau, der sich durch das Gewirr zieht. So erlebte der Künstler das Eingesperrtsein als Kind. Eine Lebensleiter stellt in verschiedenen Würfeln die Etappen eines Menschlebens dar. Mal wird es ganz bunt und schrill, dann wieder zart, fast schon leise. Ganz unterschiedlich sind die Geschichten, die die Bildhauer mit ihren Werken erzählen.

Manche Werke sind abstrakt, andere hyperrealistisch, so dass ich zwei oder dreimal hinsehen muss, um festzustellen, dass das, was wie ein Buch aussieht, aus Stein und nicht aus Papier ist. Oder dass das Porzellan des schmutzigen Waschbeckens -inklusive der Seife- aus Holz geschnitzt wurde. Holz, Marmor, Glas, Eisen, Schaumstoff, Plastik, Nägel, Stein, Draht, Styropor – der Kreativität beim Verarbeiten der verschiedensten Materialien scheint kein Ende gesetzt zu sein.

Ein echter Geheimtipp!

Can Mario Museum
Plaça de Can Màrio, 7
17200 Palafrugell
Website: www.fundaciovilacasas.com

kunst

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