Verzaubert – in der Medina von Marrakesch

Wie betäubt von all den Eindrücken laufe ich völlig verzaubert durch die Straßen. Marrakesch ist eine sehr sinnliche Stadt. Ich höre die Musik der Schlangenbeschwörer und Gaukler auf dem großen Platz, ich rieche den schweren Blütenduft in den Gärten und bestaune die fein gearbeiteten Häuser und Paläste. In den Souks fühle ich das kalte Metall der silbernen Lampen, das warme Holz der geschnitzten Schachfiguren und das feine Leder der Taschen und Schuhe.

Es sind nicht nur die kleinen Schälchen mit kulinarischen Köstlichkeiten, die zwischen Rosenblättern hübsch drapiert den Tisch füllen. Es sind auch nicht die prachtvollen Paläste und die nach Jasmin duftenden Gärten, die mich in Marrakesch so beeindrucken. Es ist die märchenhafte Mischung aus Düften, Architektur und den Menschen selbst, die mich völlig begeistert.

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Die Menschen in Marrakesch faszinieren mich gleich am ersten Tag. Warmherzig und offen werde ich überall empfangen. Mit einer fröhlichen Herzlichkeit, wie ich sie selten erlebt habe, begrüßen mich schon die Zollbeamten am Flughafen. Egal ob im Taxi, im Hotel, im Souk oder auf der Straße – ich werde freundlich begrüßt und willkommen geheißen. Die Menschen sind neugierig und suchen das Gespräch.

Klar, wirst Du jetzt vielleicht denken, in den engen Gassen der Souks, auf den Märkten, wollen die Leute natürlich ihre Ware verkaufen und quatschen daher die Touristen an. Aber es ist viel mehr als das. Der Flughafenbeamte oder der Taxifahrer verkaufen mir nichts und freuen sich trotzdem auf eine fast schon kindlich unschuldige Art, ihre Deutschkenntnisse an mir zu üben und ein kleines Schwätzchen halten zu können.

Überhaupt sind die Marokkaner unglaublich sprachbegabt. Auf Deutsch empfangen zu werden, ist in Marrakesch keine Seltenheit. Jeder Marokkaner den ich treffe, spricht mindestens drei oder vier Sprachen. In der Schule und im Alltag sind marokkanisches Arabisch und Französisch die wichtigsten Arbeitssprachen. Offizielle Amtssprache ist neben Arabisch aber auch das berberische Mazirisch. Darüber hinaus scheint es jedoch für viele Menschen kein Problem zu sein, auch noch fließend Deutsch, Englisch oder Spanisch zu sprechen.

In einem der Souks weist mich unser Guide Mustapha auf ein dreisprachiges Straßenschild hin. Während die Sprache der Berber ursprünglich nur gesprochen weitergegeben wurde, gäbe es heute ein offizielles Alphabet, erklärt er. Die einst fast ausschließlich zu magischen Zwecken verwendeten Schriftzeichen Tifinagh sind zu einer Schrift weiterentwickelt worden. Daher wird Mazirisch seit einigen Jahren auch in den Schulen unterrichtet und wurde zur zweiten Amtssprache erklärt.

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Kawtar und Boushra, zwei nette Frauen, die ich während einer Veranstaltung in Marrakesch kennenlerne, sind großzügig, intelligent, freundlich und warmherzig. Während Boushra ihre eigene Firma leitet, engagiert sich Kawtar neben dem Studium für Menschenrechte. Die Rolle der Frau, ihre Stellung in der arabisch-islamischen Gesellschaft ist sicher kein leichtes Thema, aber die wenigen Frauen, mit denen ich in der kurzen Zeit hier persönlich spreche, scheinen sehr selbstbewusst und emanzipiert zu sein.

Abends treffe ich junge Mädchen in schwarzen Miniröckchen und glitzernden Tops. Die meisten Frauen tragen jedoch langärmlige, modische Kleidung ohne Schleier. Als ich mit Mustapha über die Rolle der Frau in Marokko spreche, erzählt er mir, dass die Berber ursprünglich in einer matriarchalischen Ordnung lebten. Erst nach der Islamisierung der Berberstämme durch die Araber setzte sich hier die patriarchalische Ordnung durch.

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Les tombeaux saadiens: Saadier Gräber

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Marrakesch ist eine unglaublich helle Stadt aus Licht und warmen Farben, sogar die Architektur wirkt einladend auf mich. Breite Straßen und Plätze, ockerfarbene und rötliche Lehmmauern und keinerlei Hochhäuser weit und breit. Durch eines der prächtigen Eingangstore gelange ich in das Herz der noch heute ummauerten Altstadt Marrakeschs, die Medina.

Bisher sind mir in den Straßen nur gelegentlich andere Touristen begegnet. Hier bei den Tombeaux Saadiens ist der Andrang der Besucher jedoch recht groß. Da die Saadier Gräber aber eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt sind, reihe ich mich geduldig in die Schlange der Wartenden ein. Die prachtvollen Grabmäler will ich mir nicht entgehen lassen.

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Sobald ich die Gartenanlage der Nekropole betrete, umfängt mich der schwere Duft von Jasmin. Die Sultane haben sich hier ein kleines Paradies auf Erden geschaffen. Zwischen dem großen und dem kleinen Mausoleum glänzen die einfachen mit bunten Fliesen und Kacheln dekorierten Gräber der Sklaven und Diener im Sonnenlicht.

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Im ausgehenden Mittelalter waren die Saadier ein bedeutendes Herrschergeschlecht in Marokko, erklärt mir Mustapha. Es war die Zeit, in der das einst mächtige Kalifat von Córdoba zerfiel und die Katholischen Könige Andalusien eroberten. Jüdische und maurische Einwohner von Al-Andalus, darunter viele Handwerker, Gelehrte und Philosophen, waren damals schon nach Marrakesch geflohen, dem kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum des Reichs der Saadier.

Einer der wichtigsten Sultane des Saadier Geschlechts war Al-Mansur, der Goldene. Unter seiner Herrschaft erlebte Marokko eine neue Blütezeit. Er schaffte es, sich gegen die Portugiesen im Norden durchzusetzen und die Stadt Agadir zu erobern. Neue Handelswege mit afrikanischen Völkern und Stämmen führten zu einem florierenden Handel mit Gold, Silber, Salz und Gewürzen. Die prachtvollen Grabmäler und Dekorationen aus teurem Zedernholz und wertvollem Marmor aus Carrara zeugen von diesem Wohlstand.

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Um mich nicht gleich in die Schlange vor der letzten Ruhestätte der sieben Herrscher einzureihen zu müssen, bummle ich erst einmal zum Grabmal der Frauen, da bin ich fast allein. Als die Warteschlange kürzer wird, passe ich einen guten Moment ab und muss nur wenige Minuten warten, bis ich auch einen Blick auf das Heiligtum werfen darf.

In dem Saal der zwölf Säulen befindet sich auch das Grab des berühmten Al-Mansur. Betreten dürfen die Touristen die Grabstätte natürlich nicht. Die reich verzierten Decken und Bögen darf ich nur von der Schwelle dieser prunkvollen Halle aus bewundern. Schnell holt mich das „yala yala“ des Wächters aus meinen Träumereien von Tausendundeiner Nacht zurück in die Wirklichkeit. Brav trete ich einen Schritt zurück und lasse die hinter mir Wartenden ihren Blick in das Mausoleum werfen.     

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Palais Bahia

Im neunzehnten Jahrhundert ließ ein wohlhabender Wesir namens Si Moussa einen prächtigen Palast als Wohnhaus für sich und seine Frauen errichten. Sein Sohn Bou Ahmed erweiterte den Bau und nannte den Palast nach seiner ersten Frau Bahia, die Strahlende.

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Seit 2004 ist die Vielehe in Marokko zwar mehr oder weniger abgeschafft, doch damals war Polygamie noch ganz normal. Der Islam erlaubt einem wohlhabenden Mann bis zu vier Frauen zu heiraten, wenn er sie gleichberechtigt behandelt und gut versorgen kann. So errichtete der Wesir neben dem Pavillon seiner Hauptfrauen einen weiteren Pavillon für die Konkubinen. Vierundzwanzig Frauen lebten in den Räumen um den hellen, großer Innenhof herum, der in Filmen wie Lawrence of Arabia als Kulisse gedient haben soll.

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Konkubinen galten früher als Statussymbol. Je größer ihre Anzahl, umso angesehener war der Mann. Heute gibt es zum Glück andere Möglichkeiten, seinen Wohlstand zu zeigen. Die Konkubinen waren damals so etwas wie Dienerinnen, keine sexuellen Gespielinnen der reichen Wesire. Das behauptet zumindest unser Guide. Ihre Zeit verbrachten die Frauen angeblich mit kleineren Arbeiten im Haushalt. Kinder zu gebären war den nicht ehelichen Frauen des Wesirs allerdings streng verboten. Für den Nachwuchs sorgten ausschließlich die offiziellen Ehefrauen.

Zwischen den verschiedenen Pavillons der wundervollen und riesengroßen Anlage erstrecken sich noch kleine und große Gärten, die Riads. Das arabische Wort Riad heißt übrigens Garten, wie Mustapha mir erklärt. Nach arabisch-islamischer Tradition wurden diese riads wie irdische kleine Paradiese angelegt.

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Medersa Ben Youssef

Als Nächstes führt Mustapha mich durch die engen Gassen der Souks zur Medersa Ben Youssef. Eine der bedeutendsten Koranschulen der islamischen Welt befand sich früher in dieser märchenhaft schönen Anlage. Studenten aus aller Herren Länder seien in den Räumen oberhalb des malerischen Innenhofs untergebracht gewesen. Zu der Zeit, als die Medersa unter der Herrschaft der Saadier gebaut wurde, befand sich Marrakesch in seiner schönsten Blüte. Philosophen und Gelehrte aus der ganzen Welt trafen sich hier schon im vierzehnten Jahrhundert.

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Ich bin völlig verzaubert! Wie ein kleines Kind laufe ich mit großen, staunenden Augen durch die Räume. Marrakesch ist wirklich eine Stadt wie im Märchen. In meiner Fantasie tausche ich die Touristen im Innenhof einfach durch fleißige Koranschüler aus. Die sollen früher in dem jetzt leeren Wasserbecken in der Mitte des Innhofs ihre Tafeln gereinigt haben.

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Irgendwie ist Marrakesch schon fast zu schön, um es in so kurzer Zeit überhaupt richtig fassen zu können. Ich brauche definitiv noch ein paar Tage mehr, um diese Stadt zu entdecken!

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Tipps und Infos zu Marrakesch :

Website Palais Bahia: www.palais-bahia.com

Die Saadier herrschten zwischen 1549 und 1664 über das heutige Marokko. Die Nekropole gehört übrigens zum UNESCO Welterbe. Obwohl es natürlich recht voll werden kann, sind die Gräber eine der schönsten Sehenswürdigkeiten in Marrakesch.
Website Saadier Gräber www.tombeaux-saadiens.com

Website Medersa Ben Yousseff www.medersa-ben-youssef.com

Zu der Reise nach Marrakesch wurde ich vom Marokkanischen Fremdenverkehrsamt eingeladen. Die hier dargestellten Ansichten geben ausschließlich meine persönliche Meinung wieder.  

 

4 Comments

    • Danke Dir! Das war ja nur ein erster Eindruck von Marrakesch – mit mehr Zeit dort könnte man sicher wundervolle Geschichten erzählen, wie aus Tausenundeiner Nacht halt 🙂

      Liebe Grüße

      Nicole

  • Toller Bericht! Man merkt sofort, wie Dich die Stadt verzaubert hat. Mir ging´s beim erstem Mal ähnlich, ich war gleich mittendrin, hatte leider nur 3 Tage Zeit und konnte danach kaum loslassen … 😉

    LG, Wolfgang

    • Drei Tage sind einfach nicht genug! Das war gerade mal so etwas wie eine Kostprobe von Marrakesch – und nun will ich mehr! Ich bin sicher, es gibt noch richtig viel zu entdecken!

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