Vom Winde verweht – zwischen den Bettlaken des Lençóis Maranhenses

Atemberaubend. Um mich herum sind nur Dünen mit ganz hellem bis weißem Sand – dazwischen kleine blau schimmernde Wasserlöcher. Das Regenwasser sammelt sich zwischen den sandigen Dünen und bildet kleine Teiche. In manchen steht das Wasser nur knöchelhoch, in anderen ist es richtig tief, sodass man richtig darin baden kann. Obwohl wir schon am Ende der Regenzeit sind, haben sich einige dieser fantastischen Seen noch gehalten. Doch schon bald werden alle Wasserstellen wieder verschwunden sein. Ausgetrocknet ist der Parque dos Lençóis dann wieder eine weiße Sandwüste, wie es viele andere auf der Erde gibt. Doch jetzt gerade bietet diese Wüste im Norden Brasiliens ein einmaliges Naturschauspiel.

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Schon auf der Fahrt mit dem Jeep hierher, in die Lagoa da Capivara, bin ich sprachlos. Und das nicht nur, weil der Wind so pfeift. Dieser Anblick, so komplett von Sand umgeben zu sein, ist einfach unglaublich. Wenn diese Wüste im Sommer von den Wasserlöchern durchzogen wird, sieht der Parque dos Lençóis Maranhenses von oben fantastisch aus. Wie Bettlaken finden die Einheimischen, denn lençóis ist das portugiesische Wort für Bettlaken. Als wir an der Lagune ankommen, stampfe ich in dem pulverfeinen Sand geradeaus und staune nur noch über so viel Schönheit.

Der Wind bläst derweil unerbittlich. Später auf den Fotos wird man das gar nicht sehen können. Da wird diese Landschaft einfach nur eine stille Ruhe ausstrahlen. Doch in Wirklichkeit ist es hier zwar einsam, aber absolut nicht ruhig. Der Wind macht die Wüste zu etwas sehr Lebendigem. Es ist, als würde sie durch die Bewegung der Luft zu mir sprechen, mit mir spielen wollen. Neugierig betastet die Wüste meinen Körper, fährt an meinen Armen und Beinen entlang und verstrubbelt mir das Haar. Wie ein übermütiges Kind, immer und immer wieder streift mich der ungestüme Wind, schubst oder stoppt mich, wie es ihm gefällt.

Parque_Nacional_dos_Lençóis_Maranhenses

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Ich stampfe hinunter zu einem der kleinen Teiche. Hier ist der Sand nass und matschig. Es fühlt sich an wie im Wattenmeer. Ein paar Vögel, die hier ihren Durst gestillt haben, fliegen auf, als ich mich zu ihnen geselle. Ein paar Wolken spiegeln sich im Wasser. Barfuß durch diese Pfütze zu laufen ist gut. Angenehm frisch in der unbarmherzigen Hitze, die vom Himmel brennt. Und es geht sich leichter, denn der nasse Sand ist fester, als weiter oben in der trockenen Düne. Eine Weile erkunde ich also diese kleine Talsohle, doch irgendwann muss ich wieder nach oben. Der Sand ist so locker, dass das Gehen schwerfällt. An manchen Stellen sacke ich richtig tief ein. Fast wie in einem Schneesturm, nur eben mit Sand. Mühsam kämpfe ich mich vorwärts, bis ich wieder oben auf dem Kamm einer Düne stehe.

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Neugierig verfolge ich, wie die Wolken über uns hinweg ziehen und ein Schattenspiel in den Sand zaubern. Die Wolken machen auch den einzigen Schatten hier in der Wüste. Die Natur kennt kein Erbarmen. Wind und Sonne spielen unbarmherzig mit mir, dem kleinen Eindringling in diesem Reich aus Sand. Das unglaublich feine Pulver dringt durch alle Klamotten, sogar durch mich durch, habe ich das Gefühl.

Verloren im Parque dos Lençóis:

Da fliegen sie. Drei kleine Geldscheine, die sich der Wind aus meinem Beutel geschnappt hat. Wild lässt er sie tanzen und spielt mit den Scheinen. Erst noch vorsichtig zögernd, doch dann, als er merkt, dass ich nicht so schnell bin, nicht hinterherkomme, wirbelt er sie immer frecher und flinker die Dünen hinauf. Verzweifelt versuche ich, mein Geld einzufangen. Doch der Sand bremst meine Schritte. So sehr ich mich auch bemühe, nur mühsam schleppend komme ich voran.

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Während die Scheine fröhlich und leicht im Wind über den Sand tänzeln, sacke ich mit jedem Schritt schwerfällig tief in den Sand ein. Ich laufe wie in Zeitlupe. Unterwegs verliere ich noch mein Handy und meine Brille. Ich drehe mich kurz um, doch die müssen jetzt kurz warten. Ich will einfach nicht glauben, dass da gerade mein ganzes Tagesbudget davon fliegt. Immerhin 90 Reais, der komplette Betrag, den ich heute mit zu diesem Ausflug in die Wüste genommen hatte, sind dabei zu verschwinden. Als ich endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit doch noch oben auf der Düne ankomme, habe ich die Scheine endgültig aus den Augen verloren. Weg sind sie. Hier geht es nur steil hinunter, fünf Meter tief in eines der Wasserlöcher. Nirgends ist auch nur die leiseste Spur meines Geldes.

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In mir regen sich sehr gemischte Gefühle. Einerseits bin ich noch immer ungläubig und wie erstarrt. Ich kann es gar nicht fassen, was da eben so schnell passiert ist. Anderseits steigen da auch schon Wut und Ärger in mir hoch. Wie konnte ich nur so blöd sein, das Geld zu verlieren. Ich ärgere mich über meine eigene Schusseligkeit. Und das Pech. Dabei ist es ja fast schon zum Lachen. Im Film hätte man das nicht besser machen können und alle Lacher auf seiner Seite gehabt. Wie auf einer Leinwand sehe ich mich selbst tollpatschig und verzweifelt im Sand herumstampfen.

Schließlich bleibt mir nichts anders übrig als Handy und Brille wieder einzusammeln, bevor die im Sand auch noch verschwinden. Dann setzte ich mich einfach irgendwo hin. Allein. So ein Mist. Aber Aufregen hilft ja jetzt auch nicht weiter. Davon kriege ich mein Geld auch nicht mehr zurück. Und Schuld habe ich ganz allein. Die kann ich niemandem in die Schuhe schieben. Ich schließe einfach die Augen.

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Der Wind bläst und der Sand tanzt, als sei nichts passiert. Fast kommen sie mir noch übermütiger vor als eben. Richtig frech peitscht mir der Wind nun die Sandkörner ins Gesicht. Die feinen kleinen Diamanten schmirgeln wie eine zarte Feile an meiner Haut. Ich sitze eine Weile ganz still und höre nur noch dem Pfeifen des Windes zu.

Irgendwann öffne ich die Augen dann doch wieder. Fast bin ich selbst eine Sanddüne geworden. Auf meinen Händen hat sich eine feine Schicht aus weißem Sand gebildet. Wie eine zweite Haut bedeckt mich das schneeweiße Pulver.

Meine Tasche, ein knallblauer Beutel, versinkt auch schon fast in der Wüste. Wenn ich den länger als eine halbe Stunde hier liegen lassen würde, hätte ihn der Wüstensand garantiert verschluckt und unter sich begraben.

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Immer noch fühle ich mich wie hypnotisiert, fühle den Wind auf meiner Haut. Keine Ahnung, wieviel Zeit vergangen ist. Gefühlt ist es eine Ewigkeit. Als ich aufblicke, sehe ich niemanden mehr. Wo sind die anderen Leute hin? Ich gehe ein wenig nach rechts, ein wenig nach links. Niemand zu sehen. Ich bin komplett allein. Sind die anderen schon losgefahren und ich habe es einfach nicht mitgekriegt? Aber ich bin doch hier genau an der Stelle, an der der Jeepfahrer uns wieder abholen wollte. Und es sind noch ein paar Minuten bis zur vereinbarten Zeit. So ganz sicher bin ich mir auf einmal nicht mehr, denn irgendwie sieht alles gleich aus und vielleicht habe ich die Zeit ja auch falsch verstanden.

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Suchend blicke ich mich um. Das kann doch nicht sein. Dort, wo vorhin noch das französische Pärchen gebadet hat, ist niemand mehr am Wasser. Nur ein paar Ziegen bewegen sich weit weg in der Ferne. Langsam kommt in mir doch etwas Unruhe hoch. Und wenn ich die Abfahrt doch verpasst habe? Ja, was dann? Hier warten, bis man mich sucht? Oder versuchen, zu Fuß in Richtung Dorf zurückzugehen? Den Weg finde ich hoffentlich … oder vermutlich auch nicht. Zu ähnlich sehen sich diese Sandberge aber auch. Aber mal ernsthaft, die müssen doch gemerkt haben, dass ich nicht da bin! Die werden schon nicht ohne mich losgefahren sein, oder? Wo zum Kuckuck sind sie denn nur alle?

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Merkwürdigerweise fühlt es sich aber erstaunlich gut an, so ganz allein hier zu stehen. Umgeben nur von dem unendlich scheinenden Sand und der Natur, fühle ich mich wunderbar frei. Angst habe ich keine, es ist eher so etwas wie ein Hochgefühl. Irgendetwas in mir freut sich über diese stille Einsamkeit. Dann plötzlich sehe ich in der Ferne auf einer Düne ganz klein einen winzigen Menschen stehen. Ich kann zwar noch nicht erkennen, wer das ist, aber ich bin definitiv nicht mehr allein. Mein Adrenalinspiegel beruhigt sich wieder. Langsam und so lässig, wie der Sand es zuläßt, stapfe ich in seine Richtung. Da tauchen auch die anderen zwei weiter vorne aus einer Sandkuhle auf und hinter mir höre ich den Jeep herannahen.

Infos Touren in den Parque Nacional dos Lençóis Maranhenses:

Von Barreirinhas aus werden auch Touren in den Parque Lençóis Maranhenses angeboten, denn Barreirinhas ist das Touristenzentrum des Naturparks. Von Atins aus kann man aber andere, einsamere Lagunen erreichen und sogar Wanderungen machen. Da unser kleines Dorf nur rund zwanzig Minuten Fahrt von der Capivara Lagune entfernt ist, hat sich dieser relativ große See zu so etwas wie einem Klassiker entwickelt.

Zu den Touren gehört mittlerweile auch ein Stopp in dem Restaurante do Antonio dazu. In der kleinen Oase vor dem Parque Lençóis kann man essen oder sogar übernachten. Laut Lonely Planet ein absolutes Muss, mir kommt es eher wie die Haltestelle einer Butterfahrt vor. Das Essen ist wirklich gut und nicht teuer aber es geht schon recht geschäftsmäßig zu hier. Zum Glück sind wir außerhalb der Hochsaison und vor den großen Ferien hier. Außer uns sind insgesamt mal gerade acht bis zehn Leute hier, aber die langen Tische und Bänke zeigen, dass man hier auch auf mehr Gäste eingerichtet ist. Ich finde es absolut nicht schlimm, dass das hier kein Geheimtipp mehr ist, aber freue mich trotzdem, dass ich in einer relativ ruhigen Zeit hier bin.

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Essen: Reis, Bohnen, gegrillter Fisch (Anchoa) und Farofa. Für Vegetarier gibt es noch ein paar Blätter Salat. Kaffee ist umsonst. Den genauen Preis habe ich vergessen, aber es waren „normale“ Preise für brasilianische Verhältnisse. In diesem Land ist ja leider alles ungefähr genauso teuer wie in Europa. Das Restaurant heißt sowohl Restaurante do Antonio als auch Restaurante Chao de Lençóis. Ich habe beide Namen dort gefunden!

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Fahrtkosten für den Tagesausflug: 90 Reais pro Kopf – Je mehr Leute zusammenkommen, umso günstiger wird die Fahrt. Von Atins aus ist man höchstens eine Dreiveirtelstunde bis in die Lagune der Capivara unterwegs. Da die Autos im Parque Nacional dos Lençóis selbst nicht fahren dürfen, bringen die Fahrer Dich mehr oder weniger bis an den Rand der Wüste. Von dort aus musst du dann nur noch ein paar Minuten zu Fuß weitergehen.

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Anfahrt: Von São Luis mit dem Minibus bis Barreirinhas. Von dort dann mit Boot, Jeep oder Quad bis Atins. Über die Anfahrt nach Atins und das Dorf selbst schreibe ich später noch einen Artikel.

Website Atins:  www.atins.me

Unterkunft in Atins: 
Convento do Arcadia
Rua Esperança, 3
Povoado Atins
Barreirinhas – MA, 65590-000
Websit: www.convento-arcadia.com

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Vielen Dank an das Convento do Arcadia für die Übernachtungen und an  TAP Airlines für die Unterstützung beim Flug nach Brasilien. Meine Meinung ist davon nicht beeinflusst und die hier dargestellten Ansichten beruhen einzig und allein auf meiner persönlichen Erfahrung.   

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