Strandräuber und Krabbenfischer – Leben mit dem Meer

Es war ein Sturm, wie ihn die Menschen lange nicht erlebt hatten. Dramatische Momente müssen sich in dieser kalten Winternacht im Jahr 1170 abgespielt haben. Als das Unwetter auf Texel endlich nachgelassen hatte, war nichts mehr, wie vorher. Am nächsten Morgen war Texel eine Insel. Das Meer hatte in dem nächtlichen Sturm den Küstenort vom Festland getrennt.

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Die Strandräuber von Texel

Fluten, Sturm und heftige Unwetter sind die Menschen auf Texel gewöhnt. Das Wetter ist nicht zimperlich. Wie zur Versöhnung scheint dafür die Sonne auf der Insel öfter als auf dem holländischen Festland. Doch es gibt auch Leute, die sich freuen, wenn es stürmt. Die „Jutter“ rennen bei Sturm förmlich an Strand, denn dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Meer neue Schätze an Land spült.

An die zweitausend Kilogramm Müll werden an jedem einzelnen Tag auf der Insel angeschwemmt, erzählt Jules van Meel im Museum Kaap Skil. Die Jutter sammeln all diese Dinge, die von der Strömung an den Strand getrieben werden, denn Jutter sind Strandräuber. Im angeschwemmten Strandgut suchen sie nach Verwertbarem und nehmen es mit nach Hause. Offiziell ist es verboten, Strandgut einzusammeln und zu behalten, denn was das Meer wieder hergibt, gehört ja eigentlich jemandem, der es auf See verloren hat. Eigentlich muss das Treibgut beim Strandvogt abgeliefert werden. Der patrouilliert daher auch regelmäßig am Strand, um den Jutters das Handwerk zu legen.

Doch die Strandräuber sind geschickt und lassen sich nicht erwischen. Fast wie ein Handwerk hat das Juttern Tradition auf der Insel. Heute gibt es nur noch wenige Strandräuber, aber früher lebten ganze Familien davon. Als die meisten Boote noch aus Holz waren, fanden die Jutter vor allem Holz, das sie zum Bau von Häusern, Zäunen oder Möbeln verwenden konnten. Oder sie nutzten es als Feuerholz. Heute landet jedoch hauptsächlich Plastik am Strand. „Das meiste davon kommt aus England, weil die Strömung es von dort hertreibt“, erzählt Jules, selbst einer der Strandräuber, deren Sammlungen hier im Museum ausgestellt sind.

strandgut-strandraeuber-freibeuter-reisengesammelte Schätze der Strandräuber im Kaap Skil

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Natürlich schmeißen die Fischer nicht all diese Dinge einfach ins Meer. Es sind vielmehr die heftigen Wellen, die alles von Bord spülen, was nicht ordentlich festgemacht ist. Und so stehen in der großen Scheune des Museums zahlreiche Bojen, Fässer, Propeller, Anker, Seile und Plastikeimer. Alles ordentlich sortiert in den Regalen. Tausende Glasflaschen füllen eine ganze Wand, hunderte einzelne Schuhe hängen nebenan. Dazwischen Regenzeug, Schwimmflossen, Handschuhe und Tabakdosen. Für mich ist es ein unglaubliches Durcheinander, für die Jutter ist es eine Schatzkammer. Denn die Strandräuber sammeln nicht einfach nur Müll ein, sondern sind vor allem an den Geschichten interessiert, die jeder einzelne Gegenstand erzählt. Meist sind sie sehr stolz auf ihre Funde und erzählen gern von ihren Schätzen.

Übrigens: Wegen ihrer Form kommen meist nur linke Schuhe auf Texel an, während rechte Schuhe nach England oder Schottland an den Strand treiben. Die Form der Schuhe reagiert angeblich unterschiedlich in der Strömung.

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strandraeuber-kaap-sklil-texel-freibeuter-reisenein bekennender Strandräuber, der sympathische Jules van Meel 

Fischerhäuschen im Kaap Skil

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Doch das Museum hat nicht nur Strandgut, sondern auch eine Schmiede, eine Backstube und Fischerhäuser wieder zum Leben erweckt. Wie in einem Freilichtmuseum spazieren wir von der Backstube in ein typisches Texel-Häuschen aus den fünfziger Jahren, in eine Wohnung aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts und werfen einen Blick in die Wohnung eines wohlhabenden Schiffsbauers. Mit liebevollen Details haben sie das Ambiente vergangener Zeiten eingefangen. Ein altes Radio läuft, der Tisch ist gedeckt, auf dem Boden steht Spielzeug, und in einem Bettschrank schnarcht ein schlafender Fischer lautstark vor sich hin. Genau so sah die Wohnung seiner Kindheit aus, erzählt Jules. Der Spielzeugkran ist sogar sein eigener!

Draußen vor den Häuschen fließt ein Kanal entlang. Direkt am Wasser befindet sich das Klo. Zum Gang auf die Toilette musste man die Wohnung – auch im kalten Winter – schon verlassen.

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Im Keller des modernen Hauptgebäudes ist ein riesiges Modell der alten Reede aufgebaut. Texel im siebzehnten Jahrhundert. Das war das goldene Zeitalter für die Niederländer, die damals ihre Schiffe weit weg, in Kolonien auf der anderen Seite der Welt schickten und Handel trieben. Die Verenigde Oostindische Compagnie, die niederländische Ostindien Kompagnie, erlebte ihre Blütezeit. Niederländische Händler segelten bis Java, Persien, Japan, Indien oder nach Kapstadt.

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Texel war zu dieser Zeit einer der wichtigsten Häfen ganz Hollands, so wie heute etwa Rotterdam. Die großen Überseeschiffe hatten zu viel Tiefgang, wenn sie beladen aus fernen Ländern heimkehrten, um durch die relativ flache Zuiderzee bis zum Festland fahren zu können. Damit sie nicht auf Grund liefen, ankerten sie eben auf Texel. Nachdem die großen Schiffe entladen waren, wurden die wertvollen Handelsgüter dann von vielen kleineren Frachtern aus von hier aus weiter transportiert.

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Bevor die Schiffe wieder in See stechen konnten, mussten sie hier manchmal wochenlang auf günstigen Ostwind warten. Damit die Wasservorräte bis Kap Hoorn reichten, luden die Seeleute besonders gern das Wasser aus dem Waisenbrunnen von Texel. Das Wasser aus dem Brunnen beim Waisenhaus war besonders eisenhaltig und hielt sich dadurch wesentlich länger. Das konnte bei langen Fahrten für die Seeleute lebenswichtig sein.

Genauso wie die Reede auf Texel damals ausgesehen hat, wurde dieses Modell gebaut. Alle Schiffe sind bis ins kleinste Detail nach den noch erhaltenen Aufzeichnungen entstanden. Tausende kleine Figuren, von Hand bemalt, erzählen Geschichten vom Alltag der Fischer, Händler und Matrosen. Jules zeigt mir, wie ich mit der Lupe, die am Rand des Modells aufgebaut ist, einzelne Figuren anleuchten kann. Sobald ich ein Schiff oder eine Figur fokussiert habe, läuft ein kleiner Film ab. Super niedlich gemacht!

Am Weihnachtsabend 1593 lagen rund 200 Schiffe vor Anker, als in der Nacht ein schlimmer Sturm aufkam. Viele kleine Boote und große Kähne versanken in den Fluten. Über tausend Menschen starben. Eine Katastrophe. Ein Texeler Reeder kam zwar mit dem Leben davon, verlor aber in dieser Nacht 44 seiner Schiffe. Seine nur wenige Tage nach diesem Unglück geborene Tochter nannte er daher Maria Tesselschade, auf Deutsch „Texelschaden“. Unglaublich, schließlich kann das arme Kind ja nichts dafür. Aber das Mädchen wuchs zu einer starken und tüchtigen Geschäftsfrau heran und war eine der ersten emanzipierten Frauen des Landes.

Von dem Museum aus, sind es nur wenige Meter bis zum Hafen von Oudeschild. Als ich den Deich erklimme, sehe ich schon die vielen Schiffe, große und kleine Kutter, die heute hier vor Anker liegen.

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Die Krabbenfischer von Oudeschild

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Zu den Fischern von Texel gehört auch Frido Bohm. Er ist Krabbenfischer, und er ist vor allem nicht auf den Mund gefallen. Seit einigen Jahren schon nimmt er Gäste mit aufs Meer hinaus, um ihnen zu zeigen, wie das mit dem Krabbenfischen so funktioniert. Und das macht er nicht nur zweisprachig, sondern auch mit raubeinigem Witz und Charme.

Während die Piratenflagge neben dem niederländischen Banner oben am Mast weht, werfen Frido und sein Kollege die Netze aus. Der Fang landet in einem großen Becken, doch da sind nicht nur Krabben – auch Krebse, Algen, ein Sandaal, ein Knurrhahn und eine kleine Scholle sind im Netz gelandet. Die Fische und Krebse werden wieder zurück ins Meer geworfen, wobei und so mancher Fisch gut daran tut, möglichst schnell abzutauchen, denn die hungrigen Möwen kreisen schon! Wenn er nicht im hungrigen Vogelschnabel landen will, muss er ganz schnell in der Tiefe verschwinden.

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Die verbliebenen Krabben sind gräulich und scheinen fast durchsichtig zu sein. Sie landen noch an Bord sofort im Kochtopf. Es geht ganz schnell, dann servieren uns die Krabbenfischer die erste Ladung frischer Krabben.

Jetzt heißt es pulen. Und eine Pulerei ist das bei den Winzlingen wirklich. Ziehen, drehen, ziehen, drehen. Ich probiere eine Krabbe. Es schmeckt wirklich sehr lecker, frischer geht schließlich nicht, aber satt wird man davon nicht. Die Gambas und Langusten aus dem Mittelmeer sind doch deutlich größer. Total erstaunt bin ich aber als Frido erklärt, dass die Krabben normalerweise von hier aus nach Marokko geschickt werden. Im Norden Afrikas ist das Pulen offenbar deutlich günstiger. Sauber und zum Verzehr bereit, kommen sie dann hier in den Verkauf. Mit den deutschen Krabben ist das ganz genauso.

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Als ich Frido einen Augenblick auf der Brücke besuche, muss ich ihn natürlich fragen, wie lange er das hier denn schon macht und warum. Wie immer lacht er frech und erzählt, dass er schon seit dreißig Jahren fischt, seit über zwanzig Jahren mit Gästen an Bord. „Das Gute daran, die Touren mit den Gästen zu machen ist, das man abends pünktlich nach Hause kommt!“ Das kann ich gut verstehen, denn die Fischer müssen nicht nur hart arbeiten, sondern sind auch oft tagelang auf See. Da ist die Aussicht den interessierten Gästen seine Liebe zum Meer und zu diesem rauen Beruf zu zeigen und trotzdem am Abend bei der Familie zu sein, doch sehr verlockend.

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Infos Strandräuber und Krabbenfischer:

Kaap Skil Maritiem & Jutters Museum
Seefahrts- und Strandräuber Museum
Heemskerckstraat 9
1792 AA Oudeschild
Texel
Anfahrt: Bus Linie 29, Haltestelle Heemskerckstraat
Website: www.kaapskil.nl
Eintritt für Erwachsene 9 Euro, Kinder bis 14 Jahre 6,50 Euro.  Für Kinder unter 4 Jahren ist der Eintritt frei.

neptun-strandraeuber-museum-freibeuter-reisenAuch ein Werk der Strandräuber: Figur aus Treibgut

Noch eine Sammlung der Strandräuber, ein Museum, das ich leider nicht mehr besucht habe:
Juttersmuseum Flora
Pontweg 141A
1796 MA De Koog
Texel
Website: www.juttersflora.nl

Krabbenkutter Emmie TX10

Abfahrt: Im Hafen Oudeschild
Von März bis November fahren die Kutter täglich, außer sonntags.
Abfahrtszeiten sind Montag – Samstag um 10.30 und 14 Uhr (rechtzeitig vorher dort sein!)
Die Fahrt dauert circa zwei Stunden.
Website: www.hetwadop.nl
Eintritt für Erwachsene 11  Euro, für Kinder zwischen 3 und 9 Jahren 9 Euro.
Eigentlich fährt die Kutter fahrt auch an Seehundbänken vorbei. Ich habe mich erst gewundert, warum ich keinen einzigen gesehen habe, aber wir sind bei Flut losgefahren, da stehen die Sandbänke natürlich unter Wasser! Wenn Du also Seehunde sehen willst, achte unbedingt auf die Gezeiten!

Es gibt noch andere Kutter wie die TX20 oder die TX35, die ähnliche Fahrten anbieten.

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Unbedingt lesen: Schöne Geschichten über Strandräuber und andere spannende Dinge auf Texel mit unglaublich guten Fotos findest Du bei Jutta auf 6gradost.com

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Hinweis: Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Pressereise mit VVV Texel 

 

 

4 Comments

  • Ach wie schöne Fotos! Ich komme selbst von der Waterkant – allerdings aus Ostfriesland – und bekomme doch gleich wieder Lust auf frische Krabben 🙂

    • Danke Simone! … Texel ist echt schön – und es gibt so viele Dinge, die ich dieses Mal noch nicht gesehen habe aber mir „nächstes“ Mal unbedingt angucken will …

      Liebe Grüße!

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