Ullastret – eine Metropole unter der Erde

Ullastret – eine uralte iberische Siedlung:

Eigentlich wollte ich auch Archäologin werden. Unter anderem. Damals im Studium habe ich in diverse Fachbereiche hineingeschnuppert, nur bei den Archäologen war leider gerade kein Platz frei. Die Vorstellung in alten Ruinen nach kleinsten Überresten vergangener Kulturen zu suchen, finde ich genauso faszinierend und aufregend, wie die vielen verschiedenen Sprachen auf dieser Welt. Allerdings wäre ich wenn, dann wohl eine Gut-Wetter-Archäologin geworden. Im Regen und bei Kälte sitze ich doch lieber in der warmen Stube am Schreibtisch. Nobody is perfect. 😉

Jedenfalls bin ich megagespannt auf die Ruinen der alten iberischen Siedlung bei Ullastret. Doch als ich am Morgen aus dem Fenster sehe, schwant mir nichts Gutes: Der Himmel ist grau und mit dichten Wolken verhangen. So ein Mist. Es dauert auch nicht lange, da stürzt das Nass von oben auf uns herab.

Ullastret Iberer im Regen

Lina und ich fahren natürlich trotzdem los. Mit Regenschirm bewaffnet, steigen wir oben auf dem Puig de Sant Andreu aus dem Auto und gehen einen kurzen Weg den Hügel hinauf, zum Museum, das sich inmitten der Ruinen befindet. Gabriel, der Direktor des archäologischen Museums von Ullastret, erwartet uns bereits. In der Hoffnung, dass sich das Wetter noch bessert, beginnen wir mit einem Rundgang durch die Ausstellungsräume des Museums.

Lange bevor die Römer die iberische Halbinsel eroberten, lebten hier schon verschiedene iberische Stämme. Von den meisten dieser iberischen Stämme, weiß man leider nicht viel. Nur wenig ist aus dieser vorrömischen Zeit erhalten geblieben.

Ullastret iberische Siedlung Ausgrabungen

Erst in den dreißiger Jahren hat man diese bedeutende Siedlung in Ullastret, mehr aus Zufall, überhaupt entdeckt. Die Leute aus der Gegend nutzten die Steine der alten Stadtmauer zum Bau neuer Gebäude. Ein Spaziergänger ahnte damals jedoch, dass es sich hier womöglich um eine archäologische Fundstätte handeln könnte und benachrichtigte die Behörden. Die schickten auch tatsächlich Spezialisten vorbei, die ohne zu graben feststellten, dass hier wirklich eine historische Siedlung im Boden versteckt sein musste.

Es war die Zeit kurz vor Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs. „Da hatte man andere Sorgen, als archäologische Ausgrabungen.“ meint Gabriel. So wurde das Gelände zwar sofort geschützt, aber die ersten Ausgrabungen fanden erst 1947, Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs statt. Bei der zweiten Ausgrabung 1949 war man sich sicher, dass hier eine bedeutende Siedlung aus dem sechsten bis vierten Jahrhundert vor Christus begraben lag, also eine Zeit des Übergangs von Bronze- zur Eisenzeit, lange bevor die Römer die Küste besiedelten.

Die Diputaciò de Girona begann sofort, den Bauern die Felder auf dem Hügel abzukaufen, um das gesamte Gelände zu schützen und die Geschichte der Siedlung zu erforschen. Es kamen immer mehr Besucher, Studenten und Wissenschaftler, so dass schließlich ein kleines Museum errichtet wurde. In den Ruinen einer alten Kirche aus dem dreizehnten Jahrhundert baute man einen Ausstellungsraum, Toiletten und einen kleinen Kiosk. Zur feierlichen Einweihung dieser kleinen Anlage 1961 kamen nicht nur lokale Größen, wie Salvador Dalí mit seiner Frau Gala und der katalanische Dichter Josep Plà, sondern auch bedeutende Persönlichkeiten und Direktoren aus Madrid angereist.

Seither ist viel Zeit vergangen, viele neue Schätze wurden zu Tage befördert und warten darauf, einen Platz in den Vitrinen zu finden. Schon bald muss hier renoviert werden. Gabriel und seine Mannschaft haben den Umbau längst geplant.

Ein verschwundener See

An einem alten Modell erklärt Gabriel zunächst die Lage der Iberer Siedlung. „Die Stadt hatte einen doppelte Stadtkern, ein Teil der Siedlung befand sich hier oben auf dem Berg, ein anderer Teil weiter unten auf einer bebauten Insel.“ Ich bin verwirrt und frage nach „Eine Insel? Hier ist man doch aber bestimmt zehn Kilometer vom Meer entfernt?“ Gabriel drückt ein paar Knöpfe und auf dem Modell erscheint die Umrandung eines riesigen Sees, der sich einst am Fuße des Hügels ausgebreitet hat. Die bebaute Insel liegt mittendrin. „Heute gibt es den See nicht mehr, aber früher lag die Illa de Reixac in einem ziemlich großen Gewässer, doppelt so groß wie der See von Banyoles.“ Anfang des neunzehnten Jahrhunderts legten die Bewohner der Gegend den See trocken, um Platz für neue Felder und Ackerbau zu schaffen. Dreißig Jahre haben sie dafür gebraucht!

Die alten Iberer erreichten den unteren Teil ihrer Stadt über einen aufgeschütteten Erdwall. Spuren davon hat man mit neusten Techniken erst in den letzten Jahren entdeckt. Die Stadt auf dem Hügel war von einem mächtigen Schutzwall und einem tiefen Graben umgeben. Sechs Meter tief und zwölf Meter breit war die Vertiefung vor der eigentlichen Stadtmauer. „Das ist ein immenser Aufwand für diese Zeit. Hier muss sich also eine große und wichtige Siedlung befunden haben.“

Dank modernster Forschungsmethoden hat man herausgefunden, dass sich diese Stadt unter der Erde über ein insgesamt fünfzehn Hektar großes Gelände ausbreitet. Bisher hat man nur einen kleinen Teil, nicht einmal ein Viertel der vergrabenen Mauern und Ruinen, ausgegraben. Um uns die Größe und Bedeutung der Siedlung zu verdeutlichen, erklärt Gabriel, wie man die wahrscheinliche Anzahl der Einwohner anhand einer bestimmten Formel ausrechnet. Demnach lebten hier bereits Jahrhunderte vor Christus an die 6.000 Menschen! Ullastret muss für die damalige Zeit eine wahre Großstadt gewesen sein! Wahrscheinlich war dies hier sogar eine Art Hauptstadt der iberischen Kultur, die sich quer über die Halbinsel von Huelva im Süden Spaniens, bis kurz vor Montpellier im Süden Frankreichs, erstreckte.

Wenn Gabriel von den Resten der im Boden liegenden Siedlung der Iberer spricht, nennt er sie das „Oppidum von Ullastret“. Obwohl das Wort lateinischen Ursprungs ist und mich zunächst an römische Siedlungen denken lässt, nennen die Archäologen auch keltische oder iberische Siedlungen so, wenn es sich dabei um befestigte Anlagen handelt, die schon eine Art Stadtcharakter hatten.

Die Nekropole von Ullastret

In der außerhalb der Stadt gelegenen Nekropole haben die Archäologen für die Größe der Siedlung nur wenige Gräber gefunden. Kleinere iberische Siedlungen in der Gegend hatten gar keine Friedhöfe. Normalerweise verbrannten die Ibererihre Toten nämlich. Alles scheint darauf hinzuweisen, dass nur sehr wichtige Persönlichkeiten, wie Herrscher oder Adelige, begraben wurden. Denn die rund achtzig bisher entdeckten Gräber waren alle reich mit Amphoren, Schmuck und zahlreichen anderen Gegenständen bestückt, die sich einfache Bauern sicher nicht leisten konnten.

Ullastret Demetergriechische Fruchtbarkeitsgöttin Demeter

Ullastret Sphinxägyptische Sphinx

Ullastret lag auch strategisch günstig. Oben auf einem Hügel, geschützt durch dicke Mauern und in unmittelbarer Nähe wichtiger Häfen wie Empordà und Roses, von denen aus die Iberer mit den Griechen und Phöniziern Handel trieben. Das Mittelmeer war damals eine wichtige Verbindung zu anderen Völkern. Mit den Schiffen kamen nicht nur Handelswaren aus der ganzen damals bekannten Welt nach Ullastret, auch Religion und Wissen anderer Kulturen nahmen die Iberer in ihre eigene Kultur auf. Viele Fundstücke in den Vitrinen zeigen den Einfluss der Griechen, Phönizier und Ägypter: fein gearbeitete griechische Vasen waren wertvolle Statusobjekte, die man sogar aufwendig zu reparieren versuchte, Figuren der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter oder eine Sphinx deuten darauf hin, dass hier verschiedene religiöse Kulte parallel existierten.

Ullastret wertvolle grriechische vasen repariertreparierte“ Vase griechischen Ursprungs – ein Statussymbol?

Caps tallats

Von den Kelten im Norden haben die Iberer offenbar eine ganz andere Tradition übernommen, nämlich die, ihren Feinden den Kopf abzuschlagen und das Haupt dann an einem gut sichtbaren Ort, z.B. vor der Haustür, festzunageln. Gleich mehrere mit dreiundzwanzig Zentimeter langen Nägeln, die extra zu diesem einen Zweck angefertigt wurden, durchbohrte Schädel hat man in Ullastret gefunden. Caps tallats, abgetrennte Köpfe, heißen diese Kriegstrophäen. Den am besten erhaltenen und einzigen fast vollständigen Schädel dieser Art fand man hier erst kürzlich, 2012. Da er so gut erhalten ist, muss er entsprechend oft auf Reisen gehen, weil andere Museen dieses wertvolle Stück auch gern ausstellen wollen.

Ullastret Caps tallat schädel mit NagelKriegstrophäen, ein ursprünglich keltischer Brauch

Neben geschmiedeten Schwerten und anderen Gegenständen aus Eisen, entdecke ich in einer der Vitrinen ein paar kleine, alte Geldstücke. Obwohl die Iberer keine eigenen Münzen prägten und vom Tauschhandel lebten, hat Gabriel hier in Ullastret vor ein paar Jahren einen echten Schatz gefunden. „Ein einmaliges Erlebnis im Leben eines Archäologen!“ Die vorwiegend aus Griechenland stammenden Silbermünzen nutzten die Iberer zum Handel mit den Griechen oder tauschten sie zum Gegenwert des Silbers.

Auch eine Schrift hatten sie schon, die Iberer. Sie ähnelt der phönizischen und der griechischen Schrift und bestand aus Zeichen, die sowohl Silben als auch Buchstaben bedeuten konnten. „Mehr oder weniger hat man zwar inzwischen ableiten können, wie diese iberische Schrift gelesen und ausgesprochen wurde, aber bisher fehlt uns noch der Rosettastein.“ lacht Gabriel. Bis heute hat noch niemand diese Schrift entschlüsselt! Wir wissen also nicht sicher, was auf den Dokumenten steht.

Ullastret Münzen
Ullastret schrift der Ibererdie bis heute nicht entschlüsselte Schrift der Iberer

… und Ullastret heute?

Im vierten Jahrhundert gab es mehrere große iberische Siedlungen auf dem Boden des heutigen Kataloniens. Eine davon befand sich in der Nähe von Tarragona, die dann von den Römern komplett aufgesaugt wurde, eine andere lag im Maresme, in der Nähe von Matarò. Ullastret war jedoch bedeutend größer als diese beiden. Jedenfalls bis zur Ankunft der Römer. Während die Eroberer kleinere Dörfer und Ortschaften bestehen ließen und sie sogar für ihre eigene Versorgung nutzen, scheint es als ob die große Stadt auf dem Hügel dem Erdboden gleichgemacht worden wäre. Auch das spricht für die Bedeutung der iberischen Siedlung, die hier einst stand. Warum hätten sich die Römer sonst die Mühe gemacht, sie zu vernichten, wenn sie nicht Rebellion und Aufstände befürchteten? Eine andere Theorie besagt jedoch, dass Ullastret von den Iberern verlassen wurde, weil es zu einer wirtschaftlichen Krise gekommen sei und andere, kleinere Städte, immer mächtiger wurden. Mehr Gewissheit werden da wohl erst weitere Ausgrabungen schaffen.

Nach diesem Rundgang gehen wir dann doch nach draußen. Es regnet leider noch immer in Strömen. Unter Regenschirmen Schutz suchend, können wir nur einen kurzen Blick auf die ausgegrabenen Reste der Iberersiedlung werfen.

Ullastret Reste eines TempelsReste eines Tempels

Ullastret zisterneZisterne

Was man heute sicher weiß, ist dass die Siedlung zur Blütezeit der römischen Herrschaft an der Küste bereits verlassen war. Erst als Karl der Große im Norden der iberischen Halbinsel die Spanische Mark errichtete, bauten die Truppen der karolingischen Herrscher hier auf dem Hügel eine kleine Burg. Der Blick über die gesamte Ebene ist schon genial. Gabriel zeigt uns die Reste der alten Burgtürme. Weiter unten sehen wir den Kirchturm des im Mittelalter entstandenen Dorfs von Ullastret. Eigentlich wollten wir von der Ausgrabungsstätte hier oben einen alten Weg hinab bis ins mittelalterliche Dorf spazieren. Bei dem Wetter nehmen wir dann doch lieber das Auto.

Absis Kirche Ullastret Kirche im mittelalterlichen Dorfkern von Ullastret
Kirche im mittelalterlichen Ullastret
Mittelalterliches Ullastret Stadtmauer
Ich komme sicher bald wieder, aber dann bei Sonnenschein, und dann spaziere ich auf dem alten Weg von den Ruinen hinunter ins Dorf!

Infos zu Ullastret und iberischen Siedlungen:

Archäologisches Museum Ullastret
Afores, s/n. Puig de Sant Andreu
17114 Ullastret
Girona
Website: www.mac.cat

Erklärungstafel am Weg Ullastret

Andere interessante Links zum Thema:
Man vermutet, dass der hier ansässige iberische Stamm zu den Indigets gehörte.
www.poblesdecatalunya.cat
www.xtec.cat/monografics/socials/ibers

Hinweis: Vielen Dank an Gabriel für die spannende Führung in die Welt der Iberer und an das Patronat de Turisme de Girona Costa Brava für die Unterstützung bei der Recherche.

4 Comments

  • Antworten März 30, 2016

    Nord-Peru Reisen

    Was für ein toller, faszinierender Artikel ! Danke für die vielen Details und lebhafte Darstellung. Super !

    • März 30, 2016

      Nicole

      Danke! es war auch einfach mega spannend- trotz Regen!

  • Antworten März 28, 2016

    Bori

    Weiterso, es ist eine Freude wenn man die Geschichte in so lebhafter schreibweise erzählt bekommt. Bin immer begeisterteter Leser solcher Berichte .

    • März 28, 2016

      ninotsch

      Das freut mich :-)

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