Um uns herum erstrecken sich endlose Weinstöcke. Westlich von Zaragoza gedeihen die Trauben aus denen die Weine der D.O. Campo de Borja gemacht werden, ganz prächtig. Grüne Landschaften, Ruhe und viel Sonnenschein werden hier seit Jahrhunderten in Flaschen gefüllt. Die edlen Tropfen schmecken auch ganz ausgezeichnet. Der einzige Nachteil in dieser relaxten Gegend ist, dass es so dermaßen ruhig zugeht, dass nicht einmal die Weingüter unter der Woche geöffnet sind. Besichtigungen, Verkostungen oder Verkauf finden, wenn überhaupt, nur an den Wochenenden statt. Unter der Woche muss man die Weine eben in einem Restaurant probieren. Zum Glück servieren alle Lokale in der Gegend auch die einheimischen Weine. Nur mit dem Kaufen muss man eben bis zum Wochenende warten.

Borja liegt in einer vermeintlich ruhigen, unscheinbaren Gegend ganz im Westen Aragóns. Die Landschaft ist zwar still und beschaulich, aber alles andere als unscheinbar. Während auf den Gipfeln des Moncayo fast das ganze Jahr über Schnee liegt, strotzt die Natur zwischen den wenigen kleinen Ortschaften mit grünen Weinstöcken, goldgelben Äckern und klarem Wasser in den Flüssen und Seen. Mittendrin in dieser Idylle liegen Borja, ein paar kleine Klöster, Überbleibsel maurischer Burgen und Festungen aus der Zeit der Tempel-Ritterorden.



Kurz hinter Borja befindet sich das Santuari de Misericordia, ein winziger Ort, der einst um eine Einsiedelei entstand. Bis heute hat das große Gebäude, zu dem die Kapelle der Misericordia gehört, den Charakter einer Herberge im weitesten Sinne behalten. Aus der anfänglich klösterlichen Wohlfahrtseinrichtung, die später zu einer Jugendherberge umfunktioniert worden war, ist inzwischen eine Wohnstätte für ältere Menschen geworden, die heute im oberen Teil des historischen Baus untergebracht ist.


Die Aussicht von der Esplanade vor dem Caserón ist wunderschön. Von hier aus hat man die gesamte Ebene mit den Weinstöcken und dem Moncayo im Hintergrund im Blick. Durch eine schwere alte Tür betreten wir den breiten Eingangsbereich des Gebäudes, der von einer uralt wirkenden Treppe dominiert wird. Links geht es zu einer kleinen Ausstellung, geradeaus kann man einen Blick in die ehemalige Küche der Herberge werfen. Wir wenden uns nach rechts, wo eine beflissene grauhaarige Dame in einem Kassenhäuschen Platz genommen hat, um uns zu erklären, was es hier zu sehen gibt.


2012 rückte dieser stille Winkel nämlich ungewollt in den Mittelpunkt des medialen Interesses. Ganz Spanien und sogar im Ausland sprach man plötzlich über eines der Gemälde in der kleinen Kirche: den Ecce Homo. Das von dem lokalen Künstler Elías García Martínez zu Beginn des letzten Jahrhunderts angefertigte Bild zeigt eine Darstellung Jesu mit Dornenkrone. Doch das Bild begann durch die Feuchtigkeit der Wand langsam Schaden zu nehmen.
Eine Rentnerin, die sich seit Jahren liebevoll um die einsam gelegene Kapelle kümmerte und selbst leidenschaftliche Hobbymalerin war, machte sich an den Versuch einer Restaurierung. Die Feuchtigkeit des Untergrundes verhinderte jedoch saubere Pinselstriche, sodass die aufgetragenen Farben verliefen. Die geplante Restaurierung dauerte länger, als Cecilia, so hieß die 80-jährige Dame, geplant hatte. Daher konnte sie die Arbeit nicht mehr vor einer lange geplanten Reise vollenden und fuhr in den Urlaub, bevor sie das Bild fertigstellt hatte.

Doch genau in dieser Zeit kam zufällig ein Journalist in die Einsiedelei, entdeckte das “unfertig” restaurierte Bild und publizierte einen Artikel darüber. Das Gemälde und die lustig erzählte “Story” entwickelten sich rasendschnell zu einer beliebten Anekdote. Der verunglückte Ecce Homo wurde als “Monchichi” zu einer viralen Sensation im Internet und zog sogar internationale Aufmerksamkeit auf sich. Als Cecilia aus ihrem Urlaub zurück kam, hatte das Bild bereits einen unfreiwilligen Kultstatus erreicht.
Einige Zeitungen schrieben, ein wertvolles Kunstwerk sei schwer beschädigt, viele verspotteten die Restaurierung. Doch die nette Dame, die uns die Kirche zeigt, beteuert, dass das Bild zu keiner Zeit ein wertvolles Kunstwerk gewesen sei, sondern ein beschädigtes Gemälde eines lokalen Künstlers, um das sich außer Cecilia niemand geschert habe. Die Hobby-Malerin wäre sehr wohl imstande dazu gewesen, das Bild zu renovieren und wusste angeblich, was sie tat. Deswegen habe sie sich sehr über diese Geschichten gegrämt, die ihre Bemühungen einfach nur ins Lächerliche zogen.
Borja traf der Ansturm neugieriger Besucher, die den berühmten Ecce Homo sehen wollten, völlig unerwartet. Doch die kleine Stadt beschloss die Anekdote zu nutzen und sich die Geschichte zu eigen zu machen. Das “Monchichi”-Bild ziert inzwischen die Prospekte der Tourismusbehörde und Wikipedia meint gar, man habe die unglückliche Rentnerin an den Einnahmen durch den Touristenboom beteiligt.
Der Hype um die verunglückte bzw. unvollendete Restaurierung ist inzwischen abgeebbt, Ende 2025 ist die gute Cecilia verstorben, aber Borja ist wohl zumindest für diese Generation untrennbar mit dem Ecce Homo verbunden.
Informationen zu Borja:
Als Eintritt zahlen wir eine kleine Spende in Höhe von 3 Euro, die dem Hospital des Santuarios zugute kommt.
Das Santuario hat zwar keine eigene Website, aber einen Instagram Account: @eccehomodeborja
Auf den folgenden Websites gibt es nützliche Informationen zu Wanderrouten, Radwegen und zum Thema Wein. Ein kleines Weinmuseum liegt ganz in der Nähe, im Kloster von Veruela.

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