Seltsam sieht er aus, der schwarz gefiederte Waldrapp. Mit seinem kahlen Kopf erinnert er an einen Geier, seine Federn glänzen in changierenden Farben im Sonnenlicht. Eigentlich war der im alten Ägypten verehrte, mythische Vogel in Europa schon ausgestorben, erzählt Emma in der Aufzuchtstation. Doch ausgerechnet an der Costa Brava, im Sumpfgebiet der Aiguamolls, wachsen neue Jungtiere heran, die von hier aus den Weg in die Freiheit finden sollen.

In einer verlassenen Kaserne kümmern sich Mitarbeiter des Projekts und Freiwillige darum, die Vögel für die Auswilderung vorzubereiten. Will man die Station besuchen, ist es unabdingbar, dunkle Kleidung und einen besonderen Helm zu tragen. Auch Emma trägt einen solchen Waldrapp-Helm, der eigens für die Aufzucht mit dem 3D-Drucker angefertigt wurde. Denn die Prägung eines Waldrapps funktioniert ähnlich wie bei anderen Vögeln: Frisch aus dem Ei gehüpft, folgen die Kleinen dem ersten Tier, das sie sehen und nehmen es als ihre Mutter an.

Für das Überleben in freier Natur ist es daher wichtig, dass die zutraulichen Tiere sich nicht zu sehr an die Menschen gewöhnen. Die Mitarbeitenden und freiwilligen Helfer des Projekts arbeiten in unterschiedlichen Schichten und die Tiere sollen schließlich ausgewildert werden. Angeblich können Waldrappen auch nicht sonderlich gut sehen. Ihr Futter finden sie mithilfe der langen, sehr sensiblen Schnäbel, mit denen sie im Untergrund nach Würmern und Käfern suchen. Normalerweise leben Waldrappen an Felsklippen oder an Flussufern, ernähren sich von kleinen Insekten, fressen aber auch Obst und Gemüse – und ab und zu auch Steine. Da sie keine Zähne haben, dienen die Steinchen dem Zermahlen der Nahrung.

Anders als die meisten Vögel, kann der Waldrapp sowohl Zugvogel als auch sesshaft sein. Seine natürliche Wanderroute erstreckt sich von Andalusien bis nach Deutschland und Österreich. Wie viele migrierende Vögel macht auch der Ibis ermità, wie er hier genannt wird, in den Aiguamolls Pause, ehe er über die Pyrenäen fliegen kann. Denn wenn der typische Tramontana-Wind von Norden weht, ist das für die Vögel wie eine Wand, die sie nicht durchbrechen können. Also rasten sie in dem sumpfigen Naturpark, bis die Tramontana abebbt. Dann erheben sich ganze Schwärme, um ihren Weg nach Norden fortzusetzen.
Rechts: Ein erwachsenes Exemplar, das allein migriert und in der Aufzuchtstation Zwischenstopp macht.
Nachdem sie im 17. Jahrhundert in ganz Europa ausgerottet worden waren, überlebten nur isolierte Populationen in Marokko und in der Gegend zwischen der westlichen Türkei und Syrien. Auch in einigen Zoos konnten vereinzelte Exemplare überleben und für Nachkommen sorgen.
Besonders spannend finde ich, wie man in Österreich den jungen Waldrappen bei der Migration hilft, denn ohne erwachsene Tiere, die die Richtung vorgeben, ziehen die Jungen nicht gen Süden. Die menschlichen Zieheltern, auf die die Küken geprägt waren, mussten zunächst vor den kleinen Vögeln herlaufen, damit sie ihnen folgen. Im nächsten Schritt liefen sie schneller und schließlich gewöhnten sie ihre Küken an Ultraleichtflugzeuge, denn im letzten Schritt, sollten die jungen Waldrappen dem Fluggerät folgen.
Dank dieser menschengeführten Migration schafften es die Vögel bis nach Vejer de la Frontera im Süden Spaniens. Unter den Jungtieren in den Aiguamolls ist ein erwachsener Vogel, den man gut an dem roten Kopf und den roten Augen erkennen kann. Er ist ganz allein von Andalusien, wo sich die sesshafte Kolonie der Waldrappen angesiedelt hat, bis hierher migriert. Emma hofft, dass er den anderen Vögeln später den Weg zeigt und sie ihm folgen werden.


Als ich vor zehn Jahren zum ersten Mal in diesem Teil der Aiguamolls unterwegs war, stand die Torre Mornau komplett leer. Der Pferdestall der ehemaligen Kaserne, die früher in der Finca Mornau untergebracht war, beherbergt heute das Büro der Fundació Alive. Das Projekt in den Aiguamolls arbeitet eng mit der Aufzuchtstation in Vejer de la Frontera und Österreich zusammen. Jedes Jahr sollen rund 15–30 Jungtiere ausgewildert werden. Inzwischen ist der Waldrapp nicht mehr vom Aussterben bedroht, sondern „nur noch“ eine stark gefährdete Art.

Neben den Besichtigungen, bei denen man diese ungewöhnlichen Vögel näher kennenlernen kann, organisieren Emma und ihre Kollegen viele weitere Aktivitäten. Sie besucht umliegende Bauernhöfe und Schulen oder trifft sich mit Jagdverbänden, um über die Lebensweise dieser Vögel aufzuklären. Mit großem Engagement und viel Herz versucht sie, Verständnis zu schaffen und Sympathie für den Waldrapp zu wecken. Denn für das Überleben der hier aufgezogenen Jungtiere ist es ganz entscheidend, dass die Menschen den Waldrapp nicht als Bedrohung wahrnehmen, wenn sie ihm in freier Natur begegnen. Leider sind nämlich ausgerechnet menschliche Einflüsse für die schwarz gefiederten Vögel eine Gefahr.

Bei einem Besuch der Anlage trägt man daher nicht nur mit dem Eintrittsgeld dazu bei, dass der einst überall in Europa heimische Vogel hoffentlich eines Tages wieder von der Liste der bedrohten Arten gestrichen werden kann. Wer will, hilft mit und sammelt zum Beispiel in der Umgebung der Aufzuchtstation herumliegenden Müll wie kleine Plastik- oder Metallteile ein, damit die Vögel nicht daran ersticken, schneidet Äpfel und Möhren klein oder sortiert Würmer für die Fütterung.
(Foto © by Susanne Freitag)
Während mich die kahlhalsigen Ibisse anfangs noch an aasfressende Geier erinnert haben, tut es mir am Ende unseres Besuchs, als einer der Vögel an der Hacke meines Schuhs auf Futtersuche geht, richtig leid, dass ich den zutraulichen Jungvogel nicht streicheln kann. Eigentlich sind sie gar nicht so hässlich, sondern ziemlich faszinierend.

Tipps und Informationen zum nachhaltigen Nachreisen
Waldrapp in den Aiguamolls
Webseite der Organisation: alivefund.org
instagram: @fundacioalive
Führungen sind auf Englisch möglich, Preis: Taquilla inversa, d.h. man zahlt einen freiwilligen Betrag (Zahl-was-du willst-System). Termine und Anmeldungen auf der Website, dann wird auch erklärt, wie man am besten zur Torre Mornau gelangt.
Die Aiguamolls, der Naturpark, auf dessen Gelände sich die Aufzuchtstation befindet, liegt in der Nähe von L’Escala, einem hübschen Küstenort, in dem man nette Hotels wie das Hostal Empúries und Restaurants wie zum Beispiel das Miryam findet, in dem regionale Küche modern und sehr lecker serviert wird.

Übernachtungstipp: Hostal Empúries
Traumhaft in einer ruhigen Bucht kurz vor L’Escala liegt das Hostal Empúries. Das heute als elegantes Boutique-Hotel daherkommende Anwesen wurde zu Beginn des letzten Jahrhunderts eigentlich als einfache Unterkunft für die Archäologen der damals frisch entdeckten Ausgrabungsstätte Ruines d’Empúries errichtet. Die erste schlichte Hütte baute man bald schon zu einem eleganten Hotel um, das inzwischen längst schon weiter ausgebaut ist. Inzwischen gibt es einen historischen und einen modernen Gebäudeteil mit zusätzlichem Anbau, einen eigenen Garten und duftende Kräuterbeete.
ruhige, einsame Bucht im Frühjahr
beliebter Badestrand im Juli und August
Vor der Terrasse erstreckt sich der Strand Portixol mit dem hübschen Felsenbogen. Auf dem Camí de Ronda, einem Wander- und an dieser Stelle auch Radweg, der direkt vor dem Hotel vorbeiführt, gelangt man bei einem kleinen Spaziergang ins nahe gelegene L’Escala oder Sant Martí d’Empúries: Das Archäologische Museum und die Ausgrabungsstätte liegen direkt nebenan.



Vom Restaurant, in dem auch das üppige Frühstück serviert wird, hat man einen tollen Blick auf das Meer und die Wellen. Serviert werden dort saisonale Köstlichkeiten mit Produkten aus der Umgebung, teilweise sogar aus dem eigenen Garten. Dafür, dass das Hotel großen Wert auf umweltfreundliche Aspekte in Bereichen von Bau, Betrieb und Management bis zur Abfallentsorgung legt, ist es sogar ausgezeichnet worden.



Adresse des Hotels:
Hostal Empúries
Platja de Portitxol
17130 L’Escala/ Girona
Webseite: hostalempuries.com


Restaurant-Tipp: Miryam
Vor über 50 Jahren wurde das Restaurant Miryam in L’Escala eröffnet. Zahlreiche schwarz-weiß Fotos an den Wänden zeigen, wie der kleine Küstenort früher aussah. Der kleine, traditionelle Familienbetrieb, einst vom Vater gegründet, wird heute von Pere Sabadí geführt.

Pere steht auch an den Kochtöpfen und serviert moderne, mediterrane Küche. Es gelingt ihm ganz wunderbar, die Zubereitung traditioneller Gerichte aus saisonalen Zutaten, frischestem Fisch und Meeresfrüchten mit einem Ambiente angenehmer Gastlichkeit zu verbinden. Der aufmerksame, sehr persönliche Service und die hohe Qualität der köstlichen Gerichte machen den Erfolg des Familienunternehmens aus.
Carrer Ronda del Pedró 4
17130 L’Escala/ Girona
Website: restaurantmiryam.com





Hinweis: Dieser Bericht entstand im Rahmen einer Pressereise zum Thema Nachhaltigkeit, zu der ich von Turespaña und dem Patronat de Costa Brava i Pirineus eingeladen wurde.
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