Die Amazone von Écija:
Es war ein unglaublicher Zufall, als die Archäologen 2002 bei den Bauarbeiten unterhalb der Plaza de España in Écija auf eine vollständig erhaltene Skulptur aus römischer Zeit stießen. Besonders glücklich waren sie über den außergewöhnlich guten Zustand der Marmorstaue, denn normalerweise überleben die aus Stein gehauenen Herrscher, Helden, Göttinnen und Athleten die Jahrtausende nur in angeschlagenem Zustand. Meist fehlt ihnen ein Arm, ein Fuß oder andere Körperteile. Doch diese wohlbehaltene Statue schien äußerst behutsam in einem Versteck abgelegt worden zu sein, um sie vor Zerstörung zu bewahren. Wer auch immer seinen Schatz damals so sorgsam verborgen hatte, kehrte jedoch nie mehr zurück, um ihn zu holen. Viele Jahrhunderte lang musste die stolze Amazone geduldig auf ihre Wiederentdeckung warten.

Aufrecht und stoisch steht sie heute im oberen Stockwerk des Museums von Écija, in dem sie längst eines der Glanzstücke der Ausstellung geworden ist. Auch wenn die 1,85 Meter große Statue keine Waffe trägt, ist sie an ihrer Kleidung als eine tapfere Kriegerin zu erkennen. Unter dem erhobenen Arm zeigt sie eine kleine Verletzung. Das Gewand fällt locker über eine Schulter und bedeckt nur eine der Brüste. An der Hüfte wird das Tuch von einem Gürtel gehalten. Wenn man ganz genau hinsieht, kann man sogar ein paar Farbreste erkennen, denn die meisten Skulpturen, die wir heute nur in strahlendem Marmorweiß kennen, sind in der Antike ursprünglich bunt bemalt worden.
Die Amazone von Écija, so schön sie auch ist, war kein originelles Einzelstück, keine einzigartige Eingebung eines römischen Künstlers, sondern eine im 2. Jahrhundert n. Chr. angefertige Kopie einer griechischen Bronzeskulptur. Im antiken Griechenland hatten nämlich gleich mehrere, durchaus bekannte Bildhauer, eine eigene Version der “verwundeten Amazone” erstellt. Der Legende nach gehen diese Darstellungen auf einen Wettstreit griechischer Künstler zurück, den die Stadt Ephesos im Jahre 430 v. Chr. ausgerufen hatte, um den Tempel der Diana mit einer Statue zu schmücken.
Die meisten dieser Skulpturen sind heute verschollen. Außer der in Écija gefundenen Amazone gibt es nur noch drei weitere Exemplare, die sich in großen Museen in New York, Berlin und Kopenhagen befinden. Das Besondere an der tapferen Kriegerin von Écija ist die Tatsache, dass sie so unversehrt erhalten geblieben ist.

Neben der “Amazona hérida” zeigen die zahlreichen Mosaike des Museums, dass Écija dank des prosperierenden Olivenanbaus, bereits in römischer Zeit eine sehr wohlhabende Stadt gewesen sein muss.

Klosterkuchen: Los Marroquies:
Nachdem im 14. Jahrhundert christliche Herrscher die Stadt von den Mauren erobert hatten, bauten sie zum Zeichen ihrer Macht, die Moschee zu einer christlichen Kirche um. Wie in vielen anderen Orten, ließen sie auch hier zahlreiche Klöster errichten. Außer der Hauptkirche “Iglesia Mayor de Santa Cruz” stosse ich bei meinem Bummel durch Écija hinter jeder Straßenecke auf die Überreste eines Klosters, eine Kirche oder sogar beides. Viele dieser Kirchen werden sogar noch heute genutzt. Insgesamt ragen an die 20 Kirchtürme und 11 Glockengiebel über die Dächer der Stadt. Die meisten dieser schönen alten Bauten sind in einer Mischung aus gotischen und mudéjar Elementen errichtet worden, wie man sie in vielen Städten Andalusiens findet.





In einem dieser Klöster, dem Monasterio de la Santismia Trinidad, wurde seit dem 18. Jahrhundert ein ganz besondere Kuchen gebacken. Der Legende nach hatten die Schwestern Luisa, Catalina, Ana und Francisca Marroquí, die das Kloster gründeten, (heimlich) ein Rezept aus der königlichen Hofbäckerei mitgebracht. In Écija erfreute sich dieses feine Gebäck schnell so großer Beliebtheit, dass es aus der Stadt nicht mehr wegzudenken war.
Als das Monasterio im Oktober 2014 mangels Nachwuchs seine Tore schließen musste, befürchteten die Einwohner Écijas, dass das streng gehütete Rezept der leckeren Kuchen für immer verloren gehen könne. Denn die letzte, schon sehr betagte Schwester Pilar, fand im Kloster von Osuna ein neues Zuhause, wo man seitdem das traditionelle Gebäck herstellt.
Glücklicherweise konnte die Produktion der berühmten “Bizcochos Marroquíes” auch in Écija bewahrt werden: Im Monasterio Santa Florentina bereiten die Nonnen die Kuchen weiterhin nach der alten Rezeptur zu.

Um einen dieser Kuchen zu kaufen, klopfe ich schüchtern an eine Art Drehfenster im Eingangsbereich des Klosters. Eine weibliche Stimme murmelt daraufhin etwas Unverständliches. Ich bin unsicher und weiß nicht, was ich antworten soll, aber zum Glück begleitet mich Mirian, die mich heute durch Écija führt und mir alles erklärt. Ganz selbstverständlich antwortet sie mit etwas, das sich wie ein kurzes Gebet an die Muttergottes. Prompt öffnet sich eine Tür, durch die wir in einen kleinen Raum gelangen. In diesem “Klosterladen” ist der Bereich, den wir nun betreten dürfen, mittels eines eisernen Gitters von den in Klausur lebenden Klosterfrauen getrennt. Durch die mittelalterlich anmutenden Gitterstäbe hindurch verkaufen die Nonnen ihr frisch zubereitetes, heute sogar noch ofenwarmes, Gebäck.

Bezaubernde Paläste:
Obwohl Écija bereits in der Antike eine äußerst wohlhabende Stadt war, wie wir oben schon gesehen haben, sind es heute vor allem die Kirchen und Klöstern, die die die Besucher sich in dieser kleinen Stadt ansehen. Was mich jedoch – neben der Amazone – am meisten bezaubert hat, sind vor allem die ungewöhnlichen Paläste in Écija.

Besonders auffällig ist eine bunt bemalte Fassade mit einem offenbar endlosen Balkon, die zum Palacio Peñaflor gehört. Dieser besonders prachtvolle Bau wurde im 18. Jahrhundert, dem „Goldenen Zeitalter“ Écijas, von einer der vermögendsten Adelsfamilien und Großgrundbesitzer des Landes errichtet, den Marqueses de Peñaflor. Genau genommen bauten die Peñaflors eine ganze Reihe bereits vorher bestehender Gebäude zu einem einzigen Palast um. Die Adelsfamilie lebte tatsächlich noch bis 1958 in diesem großen Komplex.


Toll ist der Blick vom Palast über die Dächer und die unzähligen Kirchtürme der Stadt.

Noch mehr als der Palacio Peñaflor hat mich die Casa de las Tomasas begeistert. Heute ist in dem Gebäude das Amtsgericht Écijas untergebracht, in dem die Menschen ihre Hochzeiten und Geburten anmelden. Der Palacio de la Justicia, wie er offiziell heißt, wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet. Die Inspiration dazu soll die Ibero-Amerikanischen Ausstellung in Sevilla 1929-30 gegeben haben, denn wie man schnell erkennt, ist der maurische Stil des Gebäudes unverkennbar.

Wie ein kleiner Nachbau des Nasriden-Palastes in der Alhambra oder der prachtvollen Räume der Almohaden im Real Alcázar im nahe gelegenen Sevilla, zieren verschlunge Ornamente, sich endlos wiederholende geometrische Muster und feine Arabesken die Wände. Aufgrund der hohen Säulen und Bögen fällt viel Tageslicht in den Innenhof, der dadurch eine freundliche Wärme ausstrahlt. Ich könnte hier jedenfalls stundenlang diese Schnörkel und Muster bewundern.

Informationen:
Museo Histórico Municipal
Plaza de la Constitución
41400 Écija (Sevilla)
Website
Palacio Peñaflor
Calle Emilio Castelar 26
41400 Écija (Sevilla)
Website der Stadt
Casa de las Tomasas
(Palacio de la Justicia)
Calle La Marquesa 15
41400 Écija (Sevilla)
Website Turismo Sevilla
Convento Santa Florentina
Calle Santa Florentina 12
41400 Écija (Sevilla)
www.bizcochosmarroquies.es

So sieht die Plaza España in Écija nach den Bauarbeiten, bei denen die Amazone entdeckt wurde, aus.
bereist im November 2023
Hinterlasse einen Kommentar