Mittelmäßig ist kein Drama. Wann haben wir diesen Drang entwickelt, dass jede Entscheidung die beste sein muss? Alles immer optimal und richtig machen zu müssen?

Handy aus Welt an Reisedepeschen

Von den vielen guten Gedanken aus dem Buch “Handy aus, Welt an – eine Einladung, die Welt wieder mit eigenen Sinnen zu entdecken” ist diese Überlegung am stärksten bei mir hängen geblieben. Johannes Klaus beschreibt nachfühlbar und schön zu lesen seine eigenen Erfahrungen beim Reisen mit und ohne Handy. Klar und deutlich, sortiert und leicht verdaulich berichtet er von unterschiedlichen Situationen und zieht daraus seine Schlüsse.

Viele Beispiele aus dem Buch kommen sicher nicht nur mir sehr bekannt vor. Dabei verklärt Johannes das Reisen ohne das “kluge” Alleskönner-Telefon nicht in einem nostalgischem “früher war alles schöner”. Natürlich haben diese handlichen kleinen Geräte viele Vorteile, ohne die wir oft meinen, nicht mehr auskommen zu können. Aber vielleicht gerade deswegen lädt uns das Buch dazu ein, uns ruhig mal wieder zu verlaufen. Keine Angst vor Umwegen zu haben, Unsicherheiten auszuhalten und Mittelmäßigkeit zuzulassen. Nicht jede Minute unserer freien Zeit muss zwangsweise optimal genutzt werden.

Vielleicht müssen wir erst wieder lernen, uns zu langweilen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Langeweile wichtig ist, damit Kreativität überhaupt erst zustande kommen kann. Wenn ich längere Spaziergänge oder kleinere Wanderungen mache, schwirren während der ersten zehn Minuten tausend Gedanken durch meinen Kopf. To-Do-Listen, Begegnungen, Termine. Doch nach einer Weile entsteht Ruhe. Dann bin ich im Hier und Jetzt, nehme meine Umgebung bewusster wahr und in meinem Kopf entstehen plötzlich Geschichten. Als ob ein Windstoß durch mein Gehirn gepustet und den Gedankenstaub des Alltags weggefegt hätte, der wie ein klebriger Schleier auf allem lag.

Vor einigen Jahren habe ich einen Film gesehen, “Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit”. Ein deutscher Dokumentarfilm, bei dem es darum geht, dass wir viele nützliche Maschinen erfinden, die uns Arbeit abnehmen, aber wir trotzdem – oder gerade deswegen? – immer weniger Zeit haben. Der Dokumentarfilmer macht sich also auf die Suche nach der verlorenen Zeit …

Irgendwie erinnert mich das Buch ein bisschen an diesen Film. Zwar geht es gar nicht um dasselbe Thema, aber in beiden Fällen fühle ich mich dazu eingeladen, innezuhalten, den Autopilot in mir auszuschalten und Leerlauf zuzulassen.

Dass man in den schwierigen Momenten des Lebens mehr lernt, als in den glücklichen Augenblicken, liegt sicher auch daran, wie wir in bestimmten Situationen unsere Umwelt wahrnehmen. Ich erinnere mich nicht an den genauen Wortlaut, aber im Buch gibt es eine Stelle, an der Johannes Klaus schreibt, Angst mache die Sinne schärfer. Ich habe solche Momente erlebt, in denen ich höchstkonzentriert die Geräusche und Bewegungen in meiner Umwelt wahrgenommen und die Menschen ganz genau beobachtet habe. Kann man daraus einen Umkehrschluss ziehen, dass zu viel Sicherheit die Sinne abstumpfen lässt und uns unempfindlicher macht?

Fest steht, wer ständig aufs Handy schaut, ist kein potenzieller Ansprechpartner, denn er signalisiert ich bin beschäftigt. Das ist auch so ein Gedankenfaden aus dem Buch. Ich ertappe mich immer öfter dabei, dass ich mich in der Bahn oder an Bushaltestellen wie meine eigene Oma fühle. Andere Menschen einfach so anzusprechen, Smalltalk nach dem Motto “das ist wieder ein Wetterchen heute”, Leuten, die ganz offensichtlich ortsfremd sind, den Weg zu erklären oder meine Hilfe anzubieten, bevor sie gefragt haben. Oder andersherum, selbst nach dem Weg zu fragen, wenn ich nicht weiter weiß und Fremde auf der Straße anzusprechen. Vielleicht liegt es am Alter, aber ich verliere immer mehr die Scheu, mich lächerlich zu machen.

Stehen bleiben und zurückschauen, die Perspektive wechseln. Es gibt immer einen Weg. In einem Ort im Senegal, wo es keine Straßenschilder gab und die Straßen aus sandigen Fußwegen bestanden, habe ich mich aus Furcht, den Rückweg nicht zu finden, an jeder Abzweigung umgesehen und versucht, mir irgendwelche Merkmale der Häuser einzuprägen. Im Gebirge warnte mich eine erfahrene Bergführerin einmal davor, mit einer Handy-App zu wandern. Folge den Wegweisern und achte lieber auf den Himmel, die Wolken, die Geräusche des Windes, des Wassers und der Tiere, die Beschaffenheit des Bodens unter deinen Füßen, als dich auf das Handy zu verlassen, riet sie mir.

Handy aus Welt an Reisedepeschen

Als ich in den 80er-Jahren zum ersten Mal allein aufbrach, um die große weite Welt zu entdecken, gab es noch kein Internet. Drei Monate war ich in einem fremden Land unterwegs, dessen Sprache ich nicht sprach, ohne Handy (gab es damals auch nicht), ohne feste Adresse. Nur mit Reiselektüre über Land und Leute, ein paar Traveller-Schecks und ein paar Dollarnoten ausgestattet, flog ich los. Vor Ort habe ich neue Menschen kennengelernt und der Weg hat sich dann während der Reise ergeben. Eine Postkarte nach Hause musste meiner Mama damals genügen. Heute wird es zum gewagten Experiment, ohne Smartphone zu reisen. Man braucht Mut, um sich ohne den Alleskönner, der immer den kürzesten Weg weiß, die besten Unterkünfte kennt und alle Sprachen der Welt spricht, auszukommen.

Wer nur noch mit dem klugen Telefon unterwegs ist, verliert die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen, Menschen kennenzulernen und Freundschaften entstehen zu lassen. Andererseits ist man ohne Handy manchmal schlicht und einfach aufgeschmissen. Viele alltägliche Dinge sind “ohne” gar nicht mehr möglich: die Banküberweisung verlangt eine two-factor-authentification, das Restaurant kann man nur über die App reservieren und die Eintrittskarten sind online deutlich billiger als am Schalter vor Ort. Ohne Smartphone stehen wir immer öfter vor einer digitalen Hürde. Sie zu umgehen oder alternative Wege zu finden ist echt anstrengend.

Dieses Buch ist, wie alle Bücher des Reisedepeschenverlags, mit viel Liebe gestaltet und macht Lust, sich auf Entdeckungstour zu begeben. Es nimmt ein Stück weit sogar die Angst davor, verloren zu sein, denn es gibt praktische Tipps, wie es auch „ohne“ geht. Es gibt so viele tolle Denkanstöße und hat bei mir Erinnerungen an meine ersten Reisen wachgerufen. Vielleicht kann es junge Menschen, die mit den sozialen Medien groß werden, dazu ermuntern, sich aus der Flut an Filmen und Bildern herauszutrauen, sich selbst mehr zuzutrauen und die Erfahrung zu machen, wie schön es sich anfühlen kann, wenn man sich ganz ungeplant mit fremden Menschen austauscht und dabei Ähnlichkeiten findet und Neues lernt.

Wäre ich Lehrerin, würde ich das Buch in meinem Unterricht durchnehmen, weil es so viele spannende Gedanken und Diskussionsstoff enthält, weil es eine Einladung an uns alle ist, innezuhalten und die bunte Welt wieder selbst zu entdecken.

Handy aus Welt an Reisedepeschen

Kaufen kannst du das Buch in der Buchhandlung bei dir um die Ecke oder online beim Verlag selbst: reisedepeschen.de/verlag/shop/

Handy aus, Welt an. Eine Einladung, die Welt wieder mit eigenen Sinnen zu entdecken
Verlag: Reisedepeschen-Verlag
Autor: Johannes Klaus
Erscheint: 1. Oktober 2026 in Berlin
ISBN: 978–3‑96348–040‑9

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Hinweis: Ein Exemplar des Buches wurde mir vom Verlag vorab zur Rezension überlassen.