Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich vor meinem Besuch noch nie von der verlassenen Römerstadt Itálica gehört hatte. Ein antikes Amphitheater, vor den Toren Sevillas? Das wollte ich mir unbedingt ansehen.


Also haben wir uns mit dem Auto auf den Weg gemacht. Durch Sevilla hindurch, auf der anderen Seite des Guadalquivir, erreichen wir den kleinen Ort Santiponce. Hier erstreckte sich vor über 2000 Jahren die römische Siedlung Itálica. Noch bis ins 18. Jahrhundert dienten die antiken Ruinen als Steinbruch. Man zerschlug die erhalten gebliebenen Mauern des Amphitheaters, um daraus nicht nur Wohnhäuser, sondern sogar eine Staumauer des Guadalquivir zu bauen. Viel erwarte ich nach zweitausend Jahren Expolio also nicht mehr zu sehen. Umso beeindruckter bin ich, als wir dann inmitten des einstigen Stadtzentrums stehen. Von dem Amphitheater ist noch so viel erhalten, dass ich mir sehr gut vorstellen kann, wie beeindruckend und mächtig diese Mauern einst gewesen sein müssen.

Nachdem Cornelius Scipio Africanus im Jahre 206 v. Chr. die Karthager im zweiten Punischen Krieg besiegt hatte, stationierte er einen Teil seiner Soldaten als Schutztruppe auf einem Hügel in der Nähe des Flusses. Aus dem militärischen Stützpunkt entwickelte sich bald eine kleine Beamtenstadt. Gleich zwei der römischen Kaiser wurden hier geboren: Sowohl Trajan als auch Hadrian stammten aus einflussreichen Familien Itálicas.

Kaiser Hadrian erteilte seiner Geburtsstadt sogar den Status einer römischen Kolonie. Doch nach einer kurzen Blütezeit verlor die Colonia Aelia Augusta Itálica bald schon an Einfluss. Vielleicht lag es an der Nähe zu der florierenden Metropole Hispalis, dem heutigen Sevilla,in der Handel und Wirtschaft florierten, dass Itálica immer mehr an Bedeutung verlor.

Fest steht, dass während der auf den römischen Niedergang folgenden Phase der visigotischen Besiedlung zumindest Teile der alten Beamtenstadt noch lebten, denn im 6. Jahrhundert nutzte König Leovigild die Befestigungen Itálicas als militärischen Stützpunkt bei der Belagerung Sevillas und ließ hier Münzen prägen. Später wurde die Stadt sogar kurze Zeit zum Bischofsitz der frühen Christen.
Als im 7. Jahrhundert maurische Herrscher die Iberische Halbinsel eroberten, verblasste der Glanz der einst blühenden Stadt schließlich gänzlich und al-Talikí, das einstige Itálica, geriet in Vergessenheit. Zwischen dem 12. und dem 18. Jahrhundert wurden die Überreste der römischen Stadt nur noch als Steinbruch genutzt. Erst im 19. Jahrhundert wird man sich der Schätze bewusst, die unter den Feldern von Talica* schlummerten.


Bei den Ausgrabungsarbeiten förderte man die Überreste des einst prachtvollen Amphitheaters, einer Tempelanlage, der Thermen, Latrinen und die Grundmauern einiger Patriziervillen mit dekorativen Fußbodenmosaiken zutage. Etwas weiter entfernt, mitten im heutigen Santiponce, befindet sich noch ein Teatro romano.


Für mich ist das mit Abstand beeindruckendste Bauwerk des Komplexes aber das Amphitheater. Mit 160 Metern Länge soll das Bauwerk eines der größten Amphitheater des römischen Reiches gewesen sein. 25.000 Zuschauer sollen hier Platz gefunden haben, um den spektakulären Spielen und Aufführungen beizuwohnen. Eine außergewöhnlich hohe Zahl für eine eher kleine Stadt. Doch man vermutet, dass damals schon Menschen aus dem nahegelegenen Hispalis hierherströmten, um die Spektakel mitzuerleben.



Ich stelle mich in die Mitte des großen Platzes, der einstigen Arena und drehe mich ehrfürchtig, einmal um die eigene Achse. Was mag den Kämpfern hier unten wohl durch den Kopf gegangen sein, wenn sie zu den Zuschauern auf den Rängen und in die Logen der Herrscher hinauf blickten? Ich entdecke einen Eingang, der mich in die tunnelartigen Gänge unter die Rängen führt. Eng ist es hier, und dabei sind nicht einmal mehr alle Mauern vollständig erhalten. Vor zweitausend Jahren müssen das hier dunkle Gewölbe gewesen sein.

Es wundert mich jedenfalls nicht, dass sich die Regisseure von Game of Thrones von der römischen Stadt und dem Amphitheater inspiert gefühlt haben: Itálica war einer der Drehorte der 7. Staffel der beliebten Serie.
Informationen zu Itálica
Im Eingangsbereich der Ausgrabungsstätte gibt es ein kleines Museum, in dem man Nachbildungen von einigen der Statuen bewundern kann, die hier gefunden wurden. Auf der Website gibt es Informationen zu Öffnungszeiten, Führungen und Eintrittspreisen.

Conjunto Arqueológico Itálica
Avenida Extremadura 2
41970 Santiponce, Sevilla
Website
(*Campos de Talica oder Sevilla la Vieja, das alte Sevilla, genannt).
Hinweis: Bereist im November 2023
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