Die verschwundenen Reliquien des Klosters Sant Pere de Rodes

Serpentinenartig schlängelt sich die enge Straße durch die Berge. Aus dem Radio erklingen alte Sommerhits. Alle Fenster sind runter gedreht. Am liebsten hätte ich jetzt ein Cabrio. Allein der Weg hinauf zum Kloster Sant Pere de Rodes ist schon unglaublich. Endlich kommt eine kleine Haltebucht. Ich steige aus und sehe das Meer, tief unter mir.

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Hinter der nächsten Kurve erscheint das in die Felsen gehauene Kloster. Den Wagen muss ich ein paar Hundert Meter vor dem eigentlichen Gebäude parken, denn das letzte Stück des Weges ist schmal und nur für Fußgänger gedacht.

Ein pfiffiger, fröhlicher Lockenkopf stellt sich mir als Max vor. Mein Guide kennt sich unglaublich gut in der Geschichte des Monestirs de Sant Pere de Rodes aus und versprüht schon früh am Morgen gute Laune. Ich vermute, er ist Archäologe oder dabei einer zu werden, denn er war an einem der Ausgrabungsprojekte hier beteiligt, wie ich etwas später erfahre.

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Dorf Kirche Santa Helena Sant Pere de Rodes Freibeuter Reisen.

Wir legen auch gleich mit dem Rundgang los. „Zu den Nachbarn des Klosters gehören die Burg Sant Salvador de Verdera, dort oben am Berg, und die Überreste des Dorfes Santa Creu de Rodes, das weiter unten am Hang liegt.“ Von der Burg ist nur noch eine Ruine übrig geblieben und von dem besagten Dorf kann ich von hier aus eine Kirche erkennen. „Das ist die Església de Santa Helena„, erklärt Max. „Angeblich war Salvador Dalí von diesem Ort besonders angetan, weil sowohl sein Name Salvador als auch Galas (deren Geburtsname Jelena war) hier vorkommen.“ Das Kloster Sant Pere de Rodes liegt praktisch in der Mitte, zwischen dem Burg und dem Dorf. „Diese Lage entspricht der Hierarchie, die das Mittelalter prägte: Ganz oben ist der König, dann kommt der Klerus und ganz unten das Volk.“

Blick aufs Meer Sant Pere de Rodes Freibeuter Reisen.

Max erzählt die Geschichte der Gründung des Klosters. „Der Legende nach wurde das erste Kloster an dieser Stelle von Mönchen gegründet, die aus Rom geflohen waren, um hier einen Schatz zu verstecken. Bei einem Angriff auf die heiligen Stätten schickte der Papst ein paar seiner Leute mit einem bedeutenden Schatz aus der Stadt. Der Kopf und der rechte Arm des Petrus mussten in Sicherheit gebracht werden. Die fliehenden Mönche gelangten bis an die Küste der Iberischen Halbinsel und versteckten ihr wertvolles Gut in einer Höhle.“

Aus einer kleinen Kapelle, die in der Nähe des Verstecks errichtet worden war, wurde im Laufe der Jahrhunderte ein Kloster und später dann das einflussreiche Monestir Sant Pere de Rodes. Der Abt des Klosters war ein wichtiger politischer Akteur seiner Zeit, Gläubige pilgerten in Strömen in die Kirche. Doch trotz der imposanten Größe lebten in dem Benediktinerkloster offenbar höchstens um die zwanzig Mönche. Das kann man unter anderem wohl auch anhand der Größe des Speisesaals ableiten.

Kloster Sant Pere de Rodes Freibeuter Reisen.

Von einer der Terrassen, ich glaube, es ist der Balkon des Abtes, blicken wir auf den Kreuzgang hinab. Vom ursprünglichen Kloster ist Vieles zerfallen und Einiges restauriert worden. Aber leider nicht einheitlich. Auf der einen Seite befinden sich die wenigen, noch original erhaltenen Kapitelle des Kreuzgangs. Auf der gegenüberliegenden Seite erkennt man die ähnlich aber mit anderen Steinen gebauten Säulen und Kapitelle der ersten Renovierungsphase Anfang des letzten Jahrhunderts.

Zwischen diesen beiden stehen die fast schon schockierend glatten, modernen Säulen, der letzten Renovierung. Max erklärt, dass es eine Auflage der UNESCO sei, nach der man auf keinen Fall versuchen sollte, Altes nachzubauen, wenn man keine eindeutigen Belege dafür habe, wie etwas ausgesehen hat. Um die Besucher nicht zu verwirren, darf bei einer Renovierung nicht der Anschein erweckt werden, es handele sich um etwas Altes. Die nachgebauten Teile müssen deutlich vom Original unterscheidbar sein.

alter kreuzgang Sant Pere de Rodes Freibeuter Reisen.       neuer kreuzgang restauriert Sant Pere de Rodes Freibeuter Reisen.

Einerseits klingt es zwar logisch, andererseits ist es in der Praxis aber sehr merkwürdig. Dass man sich alte Gebäude nicht einfach schön bauen kann, ist ja in Ordnung, aber irgendwie ist es doch schade, dass die Harmonie, der symmetrische Einklang, die mit Sicherheit bei der Erbauung eine wichtige Rolle spielten, so abrupt unterbrochen werden.

Im Kreuzgang Sant Pere de Rodes Freibeuter Reisen.

alte Kapitelle selfie der Mönche Sant Pere de Rodes Freibeuter Reisenmittelalterliches „Selfie“ der Mönche im Kloster Sant Pere de Rodes

Wir betreten die mächtige Kirche des Klosters. Die wurde im elften oder zwölften Jahrhundert auf einer bereits vorhandenen, aber wesentlich kleineren Kirche gebaut. Die wiederum wurde sehr wahrscheinlich auf den Ruinen eines römischen Tempels errichtet. Alten Dokumenten zufolge weihte der Abt Oliba 1022 die Klosterkirche, in der Max und ich nun stehen.

Im Kirchenschiff gibt es viel zu entdecken. Für eine romanische Kirche ist die Decke mächtig hoch. Über sechzehn Meter, auf drei Etagen, stapeln sich hier die Säulen nach einem ausgeklügelten Prinzip. „Die Bauweise ist dieselbe, wie die des Kolosseums in Rom.“ Eine wahre Meisterleistung war es auf jeden Fall allein schon, diese Kirche überhaupt in den Felsen hineinzubauen. Während auf einer Seite fast zwei Meter Felsen abgetragen werden musste, musste man auf der anderen Seite des Kirchenschiffs den Boden aufschütten, um einen einigermaßen ebenen Untergrund zu haben. Trotz aller Bemühungen ist der Boden ein wenig schief – und auf diesem instabilen Grund wurde dann noch so hoch gebaut! Einfallsreich und mutig waren sie schon, die Planer und Erbauer.

Das Kirchenschiff Sant Pere de Rodes Freibeuter Reisen

Max erklärt mir die Geschichten, die man an den Kapitellen lesen kann, wenn man die Symbole zu deuten weiß. Im Eingangsbereich sind die Dekorationen der Säulen noch unsymmetrisch und bestehen vorwiegend aus Schleifen, Kreuzen und Knoten. Im mittleren Bereich werden die Knoten feiner, entwickeln sich zu Blüten. Neben den Pflanzen tauchen nun Tiere in der Dekoration auf. Ich erkenne einen Löwen auf einer der Säulen. Aus einem kugelartigen Motiv, das auf den Säulen näher zur Apsis hin wiederholt wird, entwickelt sich eine Rose: eine Rose von Jericho. Diese Pflanzen können lange Zeit total vertrocknet aussehen, aber sie leben wieder auf, sobald man sie ins Wasser legt. Daher wird die Rose von Jericho manchmal auch Auferstehungspflanze genannt und hatte bei den Christen früher eine hohe symbolische Bedeutung.

Kirchenschiff Decke Sant Pere de Rodes Freibeuter Reisen

Max zeigt mir noch weitere Details und meint, das sei nur ein kleiner Vorgeschmack. Wenn man sich alles ganz genau ansehe, könne man noch viel mehr Geschichten finden. Wir sind jedoch bereits in der Mitte der Apsis angelangt und stehen vor einem Loch im Boden. An dieser Stelle müssen sich im Mittelalter wohl die wertvollen Reliquien befunden haben. Heute ist das Loch jedoch leer. Nur ein paar Geldstücke, die Besucher wohl in der Hoffnung, dass es ihnen Glück bringe, dort hinunter geworfen haben, glitzern im spärlichen Licht.

Um aus einem kleinen Kloster einen bedeutenden Pilgerort zu machen, wie Sant Pere de Rodes einer war, bedarf es wichtiger Reliquien. Hier gab es offenbar gleich eine ganze Menge davon. Max zählt auf: einen Finger von Maria Magdalena, ein Töpfchen mit dem Blut von Christus, ein Stück weißer Felsen und rote Erde, die Jesus betreten haben soll und ein Stück vom Heiligen Kreuz, das Helena, die Mutter Kaiser Konstantins, auf ihrer Jagd nach Reliquien gefunden haben soll. Die umherreisende Mutter des Kaisers ist mir übrigens auch auf Zypern schon über den Weg gelaufen.

Aber das wichtigste Heiligtum von allen, waren sicher der Kopf und der rechte Arm von Petrus, wenn sie denn je hier waren. Theoretisch liegt Petrus, der Stellvertreter Gottes auf Erden und Vorläufer aller Päpste, bekanntlich im Vatikan begraben. Aber seine letzte Ruhestätte, irgendwo unter dem Petersdom, ist fest verschlossen und nicht öffentlich zugänglich. Ob Petrus also vollständig mitsamt seines Kopfes und beiden Armen dort liegt, oder ob ihm diese beiden entscheidenden Körperteile fehlen, weil sie vor vielen Jahrhunderten hierher in Sicherheit gebracht werden sollten?! Bisher konnte das nicht nachgeprüft werden.

Mauervorsprung Blumen Sant Pere de Rodes Freibeuter Reisen.

Einige Punkte sprechen für einen gewissen Wahrheitsgehalt dieser Legende, nach der ein paar Mönche mit dem wichtigsten Schatz des Vatikans losgeschickt wurden, um diesen in Sicherheit zu bringen. Nur wo genau diese Höhle mit den besagten Körperteilen des Petrus sich befindet, ist nach wie vor ein Rätsel. Gefunden hat man sie bislang jedenfalls nicht. Und den Aufenthaltsort der bedeutenden Reliquien kennt auch niemand.

Vielleicht wurden sie bei einer der vielen Plünderungen geraubt. Durch seine Lage nahe der Küste wurde das Kloster Sant Pere de Rodes oft zum Opfer räuberischer Angriffe. In zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen griffen militärische Truppen die Burg und das Kloster an. Vom Meer her kamen Piraten, um die Schatzkammern zu plündern. Bei einem Übergriff französischer Truppen 1789 nahmen die Soldaten die „Biblia de Rodes“ von hier mit nach Paris, wo sie bis heute in der Nationalbibliothek zu sehen ist. Vielleicht war dem Kopf des Petrus ein ähnliches Schicksal beschert. Oder er liegt nach wie vor gut versteckt in der noch nicht entdeckten Höhle.

Unter dem Kreuzgang der Kirche ist man vor einigen Jahren jedenfalls auf einen noch sehr viel älteren, gut erhaltenen Kreuzgang aus dem neunten Jahrhundert gestoßen. Wir steigen hinab und Max zeigt mir die wenigen, aber gut zu erkennenden Reste von Malereien an den Wänden.

alter kreuzgang 9 jahrhundert Sant Pere de Rodes Freibeuter Reisen

Sant Pere de Rodes Freibeuter Reisen. Keller untergewölbe

Max hat übrigens eine Theorie, wo sich die sagenumwobene Höhle befinden könnte. Er erklärt mir seine Vermutung und zeigt mir sogar, wo sich die Höhle seiner Ansicht nach befinden muss. Leider kann man nicht an einer beliebigen Stelle Löcher in die Wände schlagen, nur um einer Hypothese nachzugehen. Das Kloster steht schließlich unter Denkmalschutz. Aber wer weiß, vielleicht findet man wirklich eines Tages die sagenumwobenen Reliquien hier im Kloster, in einem Loch im Felsen.

Blick vom Monastir Sant Pere de Rodes Freibeuter Reisen

Infos zum Monestir Sant Pere de Rodes

Adresse:
Camí del Monestir, s/n
17489 El Port de la Selva / Girona

Eintritt: 4,50 Euro

Website www.es.mhcat.cat

Öffnungszeiten: täglich (außer Montag) 10- 17.30 Uhr

(im Sommer auch bis 20. 00 Uhr)

Glockenturm Sant Pere de Rodes Kloster Freibeuter reisen

Glockenturm von unten Sant Pere de Rodes Freibeuter Reisen. innenhof eingang Sant Pere de Rodes Kloster Freibeuter reisen

4 Comments

  • Toller Beitrag! Ich kenne Sant Pere de Rodes seit fast 40 Jahren, bin mal per Zufall drauf gestoßen. Unrenoviert war es noch schöner und geheimnisvoller..

  • Ganz toll geschrieben mit mehr Infos als man sie in vielen Büchern über das Kloster findet. Nun habe ich direkt wieder Lust hochzufahren nach Sant Pere de Rodes. Für mich war der Bericht lesenswert und hatte viele, für mich neue Informationen. Ich werde das in ein paar Tagen direkt noch einmal nachprüfen.
    Da dieser Bericht schon so gut war, werde ich mich auf der Seite weiter umsehen.
    Danke dafür !

    • Freut mich! Dann wünsche ich gleich noch viel Spaß beim Entdecken! Es gibt noch so viel zu sehen 🙂

      Liebe Grüße
      Nicole

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