Zu Beginn des letzten Jahrhunderts entwickelte sich La Garriga dank seines gesunden Klimas und der Bahnverbindung zu Barcelona zu einem beliebten Erholungsort der von Enge und Hitze geplagten Einwohner Barcelonas. Estiueig (Sommeraufenthalt) nannte man es, wenn die Damen der wohlhabenden Bürgerhäuser mit Kindern und dem Hauspersonal von Mai bis September in ein Häuschen auf dem Land, in die Sommerfrische, zogen. Die Hausherrn blieben meist auch in den Sommermonaten in Barcelona, um dort ihren Geschäften nachzugehen, und statteten den Familien auf dem Land gelegentliche Besuche ab. Die in dieser Zeit entstandenen Sommerresidenzen, im damals angesagten Stil des Modernisme errichtet, waren jedoch keine kleinen Ferienapartments, sondern prächtige Paläste.

Auf den Spuren Manuel Raspalls
Einer der wichtigsten Vertreter dieses Stils war Manuel Raspall. Zwar wurde der 1877 als Sohn eines „Indians“ (wie man die Industriellen nannte, die es in Übersee zu Wohlstand gebracht hatten und in die Heimat zurückgekehrt waren) geborene Architekt nicht so berühmt, wie Antoni Gaudí, der das Stadtbild Barcelonas nachhaltig prägte, aber auch Raspall hinterließ eine eindrucksvolle Reihe an Gebäuden, die in seiner ganz eigenen Interpretation des Jugendstils errichtet wurden. In Barcelona studierte Raspall Architektur und arbeitete zunächst als Schüler berühmter Modernisten wie Lluís Domènech i Muntaner oder Josep Puig i Cadafalch.
Palau Mornau – Barcelona
Casa Viader – Cardedeu
In Barcelona gibt es zwar einige von Raspall entworfene Bauten wie den Palau Mornau oder die Granja Viader, den Großteil seiner Werke findet man jedoch vor den Toren der Metropole. Als verantwortlicher Stadtarchitekt prägte Raspall das Bild mehrerer Gemeinden im Vallès Oriental. Neben der Casa Viader in Cardedeu oder der Casa Clapés in Granollers, begegnet man seinen Entwürfen vor allem in La Garriga, wo ihm stattliche 400 Werke zugeschrieben werden. Die dortige Ruta Raspall führt nicht nur zu all den Bauwerken, die bis heute erhalten sind, sondern auch an die Stellen, an denen einst seine Gebäude standen.
Die letzte Ruhestätte des Architekten befindet sich auf dem Friedhof neben der alten Kirche La Doma de Sant Esteve.

Casa Raspall
Das Wohnhaus der Familie Raspall liegt an der Plaça Santa Isabel. Kleine, traditionelle Häuser säumen diesen Platz, einer der ältesten in La Garriga. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sprudelte hier noch warmes Thermalwasser aus einem Brunnen. Um sicherzustellen, dass dieser Pou Calent öffentlich zugänglich bleibe, verlegte man ihn ein paar Meter weiter im Carrer dels Banys. Auf Deutsch bedeutet das „Straße der Bäder“, denn bis heute liegen in dieser Straße zwei wunderschöne „Balnearis“, die außer einem Bad im warmen Thermalwasser auch Sauna, Massage und alles, was man so für ein Wellness-Wochenende braucht, anbieten. Früher sollen alle Häuser in dieser Straße ihre eigene kleine Thermalquelle gehabt haben. Angeblich manche sogar noch heute.

Die Casa Raspall steht jedenfalls an diesem kleinen Platz. Man kann sie nicht nur von außen, sondern auch von innen besichtigen, denn da sie inzwischen der Stadt gehört, ist die untere Etage frei zugänglich.


Der Umbau des Familiensitzes war eine der ersten Arbeiten des damals noch angehenden Architekten Raspall. An der Fassade erkennt man diese frühe Phase an den gotischen Elementen, die an die mittelalterliche Pracht Kataloniens erinnern sollen. Die verwendeten Materialien wie Eisen, Buntglas und Keramik sind typisch für die modernistischen Entwürfe. Mit der Zeit entwickelte sich Raspalls Stil, wurde zunächst verspielter, später dann neoklassizistischer.


Der Eingangsbereich des Hauses beeindruckt mit den handgearbeiteten Buntglasfenstern und Keramikkacheln. In der ehemaligen Küche entdecke ich ein sehr ungewöhnliches Motiv: Während bei den meisten Buntglasfenstern meist mit floralen Mustern gearbeitet wird, ziert hier ein Topf, aus dem heißer Dampf quillt, den Bereich über der Tür, die in den Garten führt. Man kann durch alle Säle des Erdgeschosses bummeln und den Empfangsraum, das Treppenhaus und auch den Garten bewundern.

Illa Raspall
Der Passeig in La Garriga ist die wohl eleganteste, von modernistischen Prachtbauten gesäumte Promenade La Garrigas. Im Schatten der rechts und links der Allee aufragenden Platanen, kann man beeindruckende Villen aus der Blütezeit des katalanischen Jugendstils bewundern. Die elegante Flaniermeile endet an der Illa Raspall, einer Kreuzung, an der sich ein Häuserblock mit vier eindrucksvollen Bauten des Architekten finden. Obwohl die Gebäude innerhalb nur weniger Jahre, zwischen 1910 und 1913, errichtet wurden, hat jedes einen ganz eigenen, unverwechselbaren Charakter.
Casa Barbey
Das größte der vier Häuser, das unglaublicherweise von vier Straßen aus erreichbar ist, ist das Haus der Familie Barbey. Vom Passeig kommend, sieht man zunächst den hauseigenen Tennisplatz, heute eine Wiese, dahinter ragt ein Turm des beeindruckenden Gebäudes aus dem Grün hervor. Von einer kleinen Seitenstraße aus erkenne ich durch die Hecke und den dicht bewachsenen Garten ein im modernistischen Stil errichtetes Hühnerhäuschen.

Zum Carrer Raspall hin ziert ein imposantes Sant-Jordi-Mosaik die Casa Barbey. Sant Jordi, der Drachentöter ist als Nationalheiliger Kataloniens ein beliebtes Motiv des katalanischen Jugendstils. Die Zeichnung des Sant Jordi zu Pferde stammt zwar von einem anderen Künstler, doch alle Keramikarbeiten der Casa Barbey fertigte Lluís Brú an, einer der renommiertesten Keramikkünstler Barcelonas, dessen Mosaike am Palau de la Música Catalana, am Hospital Santa Creu i Sant Pau und der Casa Lleó Morera zu finden sind. Auch den modernistischen Bahnhof Estació del Nord in Valencia ziert ein von ihm gefertigtes Trencadís.


Schließlich stehen wir an der Vorderseite vor einem schmiedeisernen Tor. Sehr viel beeindruckender als die Pforte finde ich die Klingel in Form einer Blume. Wie hübsch bitte sehr ist diese Klingel! Was für eine Handwerkskunst! Durch das Gitter kann ich weiter hinten den Hauseingang erkennen. Durch einen parkähnlichen Garten gelangt man über eine elegante Treppe auf eine mit Säulen dekorierte Veranda. Auf eine verwunschene Art wirkt das Haus verlassen. Überall wuchern grüne Pflanzen, denen niemand Einhalt gebietet und verleihen dem eindrucksvollen Palast etwas Märchenhaftes. Beinahe meint man, die Schöne und das Biest würden hinter der verschlossenen Tür einen Walzer tanzen.



1910 errichtet, ist die Casa Barbey das erste der vier Gebäude der Illa Raspall. Mit seiner markanten Lage und dem schlossähnlichen Aussichtsturm dominiert es den gesamten Häuserblock.

Torre Iris
An der Torre Iris ranken Heckenrosen in zartem Rosa malerisch an den eisernen Gitterstäben empor. Auch dieses 1911 gebaute Wohnhaus zeigt typisch modernistschen Elemente wie die ornamentalen Details des schmiedeeisernen Zauns, viel Backstein und farbige Keramikdekorationen, die das Bild der Fassade prägen. Im Gegensatz zur „Bombonera“, dem ebenfalls von Cecilia Reig i Argelagós in Auftrag gegebenen Bau, wurde die Torre Iris von Anfang an als Mietshaus mit mehreren einzelnen Wohnungen geplant und konstruiert.


La Bombonera
Statt Rosa und Gelb wie bei der benachbarten Torre Iris, überwiegen satte Grüntöne die Fassade des 1912 errichteten Palasts, den in La Garriga alle „La Bombonera“, die Pralinenschachtel, nennen. Deutlich verspielter und geschwungener sind die Dekorationen aus Keramik und Eisen. Auch hier zeigt der katalanische Jugendstil wieder das Können der traditionellen Handwerkskünstler. Eine hübsche Laterne beleuchtet nachts die kleine Eingangstreppe.


Casa Barraquer
Das letzte Haus des modernistischen Quartetts ist die Casa Barraquer. Raspalls Stil ist 1913 schon deutlich weniger verschnörkelt und trägt mit den geradlinigeren Dekorationen bereits erste neoklassizistische Züge. Als einer der späten Vertreter des katalanischen Jugendstils zeigen Raspalls Entwürfe eine Entwicklung vom üppig verzierten Modernisme über den geordneten Noucentisme mit seinen klaren Linien bis hin zum beginnenden Art Déco.

Centre de Visitants
In den 30er Jahren entwarf Manuel Raspall am Ufer des Congost ein Waschhaus, in dem die Frauen La Garrigas ihre Wäsche waschen konnten. Es gilt als eines der wenigen Gebäude, das Raspall im beginnenden Art-Déco-Stil plante. Später wurde das Waschhaus vom gegenüberliegenden Schlachthof genutzt und diente eine Zeit lang als Lagerhalle und Abstellschuppen. Erst 2011 eröffnete man in dem renovierten und umgebauten Waschhaus ein Besucherzentrum, das Centre de Visitants, das außer einer Ausstellung zur kulturellen Geschichte La Garrigas eine Informationsstelle und einen kleinen Laden beherbergt.

Plaça de l’Esglesia: Sant Esteve und das Rathaus
Die Pfarrkirche La Garrigas ist noch relativ neu. Sie stammt aus dem 20. Jahrhundert, denn ursprünglich befand sich die erste Esglesia Sant Esteve jenseits des Congost an einem kleinen Hang. Doch nicht nur der Fluss mit seinen Überschwemmungen, sondern auch die in den 60er Jahren gebaute Schnellstraße schnitt La Garriga zunehmend von der alten Pfarrkirche ab. Mit dem Bau der neuen Esglesia Sant Esteve geriet das außerhalb im Grünen gelegene Gotteshaus ein wenig in Vergessenheit. So zumindest sieht es auf den ersten Blick aus. Doch die Menschen in La Garriga haben eine ganz besondere Beziehung zu der alten Kirche.

Im Rathaus, das am selben Platz, direkt neben der Kirche liegt, finden sich übrigens die Riesen der Stadt gleich neben der Eingangstreppe. Hier ist auch Xixilona zu finden, eine der Töchter Guifré el Pilós, die dort, wo heute der Hof Can Terrers liegt, im frühen Mittelalter ein kleines Kloster leitete.

Wohlfühlen und Genießen
Wie vorhin bereits erwähnt, gibt es in La Garriga eine Straße, die die Straße der Bäder genannt wird, in der die Tradition der modernistischen “Sommerfrische” bis heute fortlebt. Die Quellen, die hier schon zu Zeiten der römischen Eroberung der Iberischen Halbinsel unter der Erde sprudelten, werden auch heute noch genutzt. Denn zwischen den prachtvollen Villen der wohlhabenden Bürger finden sich zwei historische Hotels, die ihre Gäste mit modern ausgestatteten Thermalbädern zum Entspannen und Wohlfühlen einladen.
Hotel Blancafort Spa Termal

Das Hotel Blancafort ist das größere der beiden Thermalhotels und erinnert mit der großen Gartenanlage an ein luxuriöses, mediterranes Resort. Hinter dem Hauptgebäude befinden sich hinter hohen Palmen und schattenspendenden Bäumen versteckt, gleich zwei offene Schwimmbäder, von denen eines sogar mit Thermalwasser gespeist wird. Zum Wellnessangebot gehört darüber hinaus natürlich eine Thermalanlage im unteren Stockwerk des Hauses, in der man unterschiedliche Bäder, Ruhebereiche, Saunen und Dampfbäder genießen oder sich bei einer Massage verwöhnen lassen kann.



Auch wer nicht im Hotel übernachtet, kann die Thermen oder das wunderschöne Restaurant besuchen, das sich am Ende der parkähnlichen Gartenanlage verbirgt. Geradezu romantisch kann man hier elegant im Grünen speisen. Da ist es nicht erstaunlich, dass viele Paare ihre Hochzeit in dieser Anlage feiern.


Adresse:
Carrer de la Mina 7
08530 La Garriga, Barcelona
hotelblancafort.com
Hotel Termes La Garriga
Während sich das Hotel Spa Blancafort als luxuriöses Thermal-Ressort präsentiert, kommt das nur wenige Schritte entfernt liegende Hotel Termes La Garriga mit seinem ganz eigenen Charme daher. Schon von außen erinnert das deutlich kleinere Hotel an die Zeit, in der die betuchten Gäste aus Barcelona hier abstiegen, um die Sommerfrische zu genießen.

Der Eingangsbereich mit seinen modernistischen Elementen entführt mich sofort in ein nostalgisches Ambiente, das an die traditionelle Badekultur La Garrigas erinnert. Fernab touristischer Besucherströme der nahegelegenen Metropole Barcelonas herrscht in den Räumlichkeiten des Hotels eine sehr persönliche, familiäre Stimmung. Während das Blancafort Platz für über 100 Gäste hat, geht es hier mit gerade 22 Zimmern deutlich beschaulicher zu. Neben dem Badebereich mit Sauna und Massagen haben die Termes La Garriga natürlich auch einen kleinen Außenpool im Grünen und ein Restaurant mit Blick in den kleinen Garten.



Adresse:
Carrer dels Banys 23
08530 La Garriga, Barcelona
termeslagarriga.com
Naturpark Montseny:
Demnächst erfährst du auch noch, welche Wanderungen und Radtouren du im nahe gelegenen Naturpark des Montseny unternehmen kannst. Falls du nicht so lange warten willst, findest du auf der Website von La Garriga jetzt schon viele Ideen, um die Naturlandschaft zu entdecken: senderisme-i-natura.

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