Zwischen Barcelona und Vic, am Rande des Naturparks Montseny liegt La Garriga, eine authentisch gebliebene kleine Stadt, deren Geschichte bis in die Zeit der römischen Besiedlung der Iberischen Halbinsel zurückreicht.

Wo alles begann…

Vor rund zweitausend Jahren verlief die Via Ausa durch das Tal des Congost. Im Mittelalter entwickelte sich ein Camí Ral, ein königlicher Weg, aus der alten Römerstraße und auch heute verläuft eine wichtige Verkehrsachse, die Barcelona und Vic miteinander verbindet, hier entlang.

Neben der guten Verkehrsanbindung boten die fruchtbaren Böden längs des Congost und das reichlich sprudelnde Wasser im Untergrund bereits in der Antike ideale Möglichkeiten zum Ackerbau. Kein Wunder also, dass schon die Römer zahlreiche Landgüter anlegten, Weinstöcke und Olivenbäume pflanzten und Getreide aussäten. Eine dieser landwirtschaftlichen Villen, die damals in der Gegend des heutigen Städtchens La Garriga entstanden, war die Vil·la Romana Can Terrers.

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Von der vermutlich aus dem 4. Jahrhundert stammenden Villa Rustica ist nur ein kleiner Teil freigelegt. Der ausgegrabene Bereich entspricht den Badethermen des Landgutes. Das eigentliche Haupthaus und die Ställe liegen noch unter einem benachbarten Acker verborgen. Dort, wo das goldgelbe Getreide sich im Wind wiegt, stand einst die beeindruckende Villa Romana.

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Eine Gruppe Hobbymaler ist gerade dabei, die alten römischen Mauern zu zeichnen. Verteilt zwischen dem ehemaligen Umkleideraum, dem Frigidarium, Tepidarium und dem Caldarium sitzen sie auf den alten Steinen, versunken in ihre Arbeit, den Blick auf die Zeichenblöcke und Staffeleien konzentriert.

Damit man sich besser vorstellen kann, wie es hier in der Antike aussah, sind an mehreren Stellen “Fernrohre” angebracht, mit dem man nicht in die Landschaft, sondern in die Vergangenheit blicken kann. Diese “Visoren” zeigen verschiedene Szenen aus dem römischen Alltag der Gebäude. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite vermittelt eine Glasscheibe mit den Umrissen des antiken Bauernhofs einen Eindruck davon, wie groß die Anlage einst gewesen sein muss.

Nützliche Information:
Für einen sehr nett gelegenen Wohnmobilstellplatz mit Picknicktischen ganz in der Nähe wird gerade die Strom- und Wasserversorgung eingerichtet. Ein paar Meter weiter befindet sich gegenüber eines normalen Spielplatzes eine Art “archäologischer Spielplatz”, an dem Workshops für Kinder stattfinden.

Emma und Xixilona

Benannt wurde die archäologische Fundstelle nach dem Gehöft Can Terrers, das direkt gegenüber der Vila romana liegt. Zu diesem Bauernhof gehört das kleine romanische Kirchlein Santa Maria del Camí, das ursprünglich Teil eines Klosters war. Auf den Überresten römischer Bauten errichtet, gründete Emma de Barcelona, Äbtissin aus Sant Joan de les Abadesses, im Jahr 921 die kleine Klosteranlage für ihre Schwester Xixilona. Beide Frauen waren Töchter des legendären Guifré el Pelós, dem Landesvater Kataloniens. Um den Vormarsch maurischer Eroberer zu stoppen, ließ Guifré in der von Karl dem Großen eingerichteten Spanischen Mark neue Dörfer errichten und gründete Klöster, die die umliegenden Ländereien bewirtschafteten.

Ermita Santa Maria del Cami

Auch wenn das kleine Kloster bald schon nach dem Tod Xixilonas 945 geschlossen wurde, betrieb eine Gemeinschaft frommer Frauen, der Donades, im 13./14. Jahrhundert eine Herberge für Reisende, die auf dem Camí Ral unterwegs waren. Rund um die Ermita Santa Maria de Camí und den Bauernhof hatten sich im Mittelalter eine Schmiede und verschiedene andere Handwerker angesiedelt, vermutlich der Anfang für die Entstehung eines kleines Dorfes.

Mit drei Schlüsseln in die Vergangenheit

Unter der Schnellstraße hindurch, direkt neben dem Friedhof erhebt sich La Doma, die Kirche, die von Ferne wie eine Burg aussieht. Ein Hobbyarchäologe hat sie Mitte des letzten Jahrhunderts nach eigenem Gutdünken „restauriert“. Zwar hatte der gute Mann alte Quellen konsultiert und es gut gemeint, doch historisch akkurates Arbeiten geht anders. In den 50er Jahren nahm man das offenbar nicht so genau. Da der beflissene Wohltäter gelesen hatte, die Kirche sei befestigt gewesen, zieren nun Burgzinnen das Dach der Kirche, die es hier so nie gegeben hat.

Sant Esteve La Doma La Garriga

la Garriga La Doma

Es mag am nahegelegenen Friedhof liegen oder an dem Blick, den man von hier über La Garriga und die gesamte Ebene hat, aber auf mich strahlt dieser Ort eine besondere Ruhe aus. Irgendwie majestätisch wirkt die kleine Kirche, wie eine alte Diva, die Eleganz und Haltung bewahrt, auch wenn sie längst nicht mehr auf der großen Bühne steht.

la Garriga La Doma

Als Montse, die Stadtführerin, drei beeindruckende Schlüssel unterschiedlicher Größe hervorholt um die kleine Kirche aufzuschließen, staune ich zunächst einmal über das Schloss. Die Tür ist zwar relativ modern, aber das Schloss selbst scheint aus dem Mittelalter zu stammen. Nur wenn alle drei Schlüssel in einer ganz bestimmten Reihenfolge eingesteckt und gedreht werden, öffnet sich die Kirchenpforte und wir können die alte Pfarrkirche des Heiligen Stephan, La Doma de Sant Esteve, betreten.

Schon auf den allerersten Blick ist mir die kleine Kirche sympathisch. Sie ist nicht überbordend mit barockem Gold und Engeln geschmückt, sondern ganz einfach, eine echte Dorfkirche, der man ihr ehrwürdiges Alter durchaus ansieht. Im romanisch-gotischen Stil errichtet, hat sich hier in den letzten 200 Jahren nicht viel verändert. Nachdem La Doma zwischen dem 10. und dem 18. Jahrhundert als Pfarrkirche gedient hatte, wurde es seit dem Bau der neuen Kirche jenseits des Congost bald recht still hier.

St Esteve La Doma La Garriga  St Esteve La Doma La Garriga

Der Altar ist ungewöhnlich prächtig für so ein Kirchlein. Das Retablo stammt aus dem 15. Jahrhundert und zeigt Szenen aus dem Leben des heiligen Stephan. Oben links zeigt das Bild wie Stephan bei sich selbst als Kind einen Dämon austreibt. Das heißt wohl, die Verwandlung, die er als Erwachsener durchgemacht hat, sei das erste Wunder. (Wie Montse mir erklärt, braucht es für eine Heiligsprechung immer zwei Wunder.) Zwei weitere Bilder zeigen, wie Stefan das Christentum predigt, doch das Volk verurteilt und steinigt ihn. Weil er als Märtyrer gesteinigt wird, ist er auf vielen Darstellungen an einer Beule am Kopf zu erkennen. Das letzte Bild zeigt dann das zweite Wunder, das zur Heiligsprechung nötig war: Als man Stephan Jahre nach seinem Tod ausgrub, war sein Körper im Gegensatz zu anderen Toten unversehrt.

Ich staune ehrlich gesagt, wie man sich diese Wunder so zurechtbiegt. Inzwischen wurde sogar angefragt, ob der Vatikan nicht Antoni Gaudí heilig sprechen könnte.

St Esteve La Doma La Garriga

Im unteren Teil des Altarbildes sind der Heilige Petrus und der Heilige Paulus zu sehen. Der mittlere Teil, heute durch einen roten Vorhang ersetzt, fehlt seit dem Spanischen Bürgerkrieg. Zwar hatte man das jahrhundertealte Altarbild vorübergehend in Granollers versteckt, wo es die Bürgerkriegswirren auch überstand, doch bei seiner Rückkehr in die Kirche fehlte dieser Mittelteil.

Montse weist mich auf eine Inschrift an der Rückseite der Kirchenbank vor mir hin. Die hölzernen Kirchenbänke stammen aus ganz unterschiedlichen Stilepochen. An einer Seite sind ungefähr fünf verschiedene Bänke nebeneinandergestellt, von einem schlichten Baumstamm bis hin zur barocken Prachtbank. Die Bank vor mir und einige weitere tragen Namen. In der ersten Bank durfte die Familie Berenguer Ramons Platz nehmen. Ein Name, der mich sofort an die mittelalterlichen Geschichten der Grafen von Barcelona erinnert.

Diese kleine Doma beeindruckt mich immer mehr. Nun führt mich Montse durch die Sakristei hinter den Altar. Die altehrwürdige Sakristei, wo sich auch heute noch der Priester auf die selten gewordenen Gottesdienste vorbereitet, sieht wie ein kleines Museum aus. Uralte liturgische Gegenstände verstauben in den  Regalen, Schubladen und Vitrinen.

Direkt hinter dem Retablo befindet sich ein in edle Stoffe gehülltes Heiligtum. Die einst sicher wertvollen Stoffe sind in die Jahre gekommen. Während ich noch staune, zeigt mir Montse etwas ganz anderes: Im Boden, so erzählt sie, sei man vor ein paar Jahren durch Zufall auf ein paar lose Steine aufmerksam geworden, unter denen ein verborgenes Gewölbe zum Vorschein kam. In diesem unterirdischen Versteck hinter dem Altar fand man zahllose Gebeine. Vermutlich Überreste eines alten Friedhofs, der bei dem Neubau der Kirche im modernen Teil La Garrigas nicht mehr neben dem Gotteshaus eingerichtet werden durfte.

La Doma

La Doma

La Doma

Überall entdecke ich kleine Details, Darstellungen von Heiligen und Reste von bunten Wandmalereien an den Wänden. Zum Schluss darf ich noch einen Blick vom Chor auf das Kirchenschiff werfen und über die Wendeltreppe sogar bis auf das Dach steigen. Zwischen den Mauerritzen der Burgzinnen, die bei der historisch nicht ganz so korrekten Restaurierung Mitte des letzten Jahrhunderts angebracht wurden, entdecke ich einen Feigenbaum. Etwas weiter stosse ich auf einen weiteren Baum, der hier zwischen den Steinen seine Wurzeln geschlagen hat. Unglaublich, wie die Natur immer wieder einen Weg findet.

La Doma

Der Blick von hier oben fällt als erstes auf die Schnellstraße direkt unter uns, die sich durch die grüne Ebene zieht, in der sich La Garriga erstreckt. Jenseits der Straße auf der die Autos dahinbrausen liegt die neue Església de Sant Esteve, auf einem kleinen Platz im modernen Ortskern.

La Doma

Es ist wirklich rührend, wie sich die Menschen in La Garriga immer noch um ihre alte Kirche kümmern. Sie lieben die kleine Esglésisa Sant Esteve und halten sie für Konzerte, Aufführungen und besondere Anlässe instand.

La Doma

 

Narben des Bürgerkriegs – Als die Bomben kamen

Camp d’Aviació Rosanes

Auf Feldwegen geht es nun an einem Golfplatz und dem Grüngürtel des Congost vorbei in eine Ackerlandschaft, die nur von wenigen einzelnen Häusern durchbrochen wird. Wir sind auf dem Weg zu einem ehemaligen Flugplatz, dem Camp d’Aviació Rosanes. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts hatte ein wohlhabender Argentinier sich hier einen privaten Hangar neben sein modernes Wohnhaus gebaut. Aus der Ferne kann man das Haus und den weißen Kontrollturm deutlich erkennen.

spanischer Bürgerkrieg. Flugplatz Camp D'Aviacio Rosanes

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Nach dem Militärputsch Francos, der Spanien in einen mehrere Jahre andauernden Bürgerkrieg stürzte, wurde der Flugplatz 1937 vom republikanischen Heer enteignet und zur Verteidigung Barcelonas genutzt. Während die schnelleren Jäger von anderen militärischen Flugplätzen wie in Cardedeu o.a. starteten, war dieser für die deutlich schwerfälligeren und langsameren Bomber sowjetischer Herkunft gedacht, die von hier aus an die Fronten des Segre und des Ebro flogen. Längs der Start- und Landebahn, die man für die schwerfälligen Bomber verlängern musste, hatte man camouflierte Unterstände gebaut, in denen die Soldaten bei einem Angriff notdürftig Schutz fanden.

Flugplatz Camp D'Aviacio Rosanes

Das Gelände benachbarter Bauernhöfe wurde konfisziert und eine Militärkaserne eingerichtet, in der das für den Betrieb des kleinen Flugplatzes notwendige Personal untergebracht war. Für die Piloten hatte man bequemere Unterkünfte in den nahe gelegenen Dörfern gefunden.

Kaserne Bürgerkrieg. Flugplatz Camp D'Aviacio Rosanes

Bürgerkrieg. Flugplatz Camp D'Aviacio Rosanes

Wachhäuschen Camp D'Aviacio Rosanes La Garriga

Nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs nutzte die Familie Sorgues den auf ihrem Gelände errichteten Schutzraum zur Pilzzucht und als Lagerraum und hielt das „Refugi“ instand.

Camp D'Aviacio Rosanes La Garriga

Refugi Estació

Zur Erinnerungskultur La Garrigas gehört eine weitere Gedenkstätte aus der Zeit des Spanischen Bürgerkrieges. Direkt gegenüber des im Januar 1939 bombardierten Bahnhofs erinnert eine Plakette an die bei dem Angriff italienischer Bomber gestorbenen Menschen. Ihre Namen sind auf einer kleinen Tafel verewigt, die neben einer Eiche (ein Ableger der Freiheits-Eiche aus Guernica) angebracht wurde. Dort befindet sich auch der Eingang zu einem der drei Schutzräume La Garrigas. Denn nach den schweren Bombenangriffen auf Barcelona, als die Franco-Truppen immer weiter vormarschierten und man sich auch im Hinterland nicht mehr sicher fühlte, griffen die Einwohner hier selbst zu Hacke und Schaufel und begannen eigene Schutzräume, sogenannte Refugis, zu bauen.

Bahnhof La Garriga

Refugi La Garriga

In den 110 Meter langen unterirdischen Gängen gegenüber dem Bahnhof fanden maximal 200 Personen Schutz. Die beiden anderen Refugis hatten eine ähnliche Kapazität. Das reichte für die damals rund 3.000 Einwohner zählende Bevölkerung La Garrigas bei Weitem nicht aus. Doch viele Menschen trauten den selbstgebauten Tunneln unter der Erde nicht, verfügten über eigene Kellerräume oder flohen aus der Stadt.

Refugi La Garriga

Refugi La Garriga

Am 26. Januar 1939 fiel Barcelona in die Hände der nationalistischen Truppen. Die gewählten Regierungsvertreter und Internationale Brigadisten, die auf Seiten der Republikaner für die Demokratie gekämpft hatten, mussten Spanien so schnell wie möglich verlassen. Angesichts der militärischen Unterstützung durch Italien und Deutschland war der Kampf um ein demokratisches Spanien schon so gut wie verloren.

Lediglich die italienischen und deutschstämmigen Brigadisten, die nicht in ihre Heimat zurückkehren konnten, waren geblieben. Sie stellten sich als letztes Hindernis dem Vormarsch der faschistischen Truppen in den Weg, um all denen, die bis zum Schluss die Republik verteidigt hatten, die Flucht zu ermöglichen. Von La Garriga aus, wo sich der Rest der Brigadisten gesammelt hatte, stellten sie sich den nationalistischen Angreifern.

Luftschutzbunker La Garriga

Am Mittag des 29. Januar war es dann soweit. Mit drohendem Brummen flogen italienische Bomber über La Garriga und warfen 120 Bomben auf die kleine Stadt ab. Getroffen wurden zivile Ziele, Wohnhäuser, Straßen und der Bahnhof. 15 Menschen starben im Bombenhagel, Hunderte wurden schwer verletzt.

Bahnhofsuhr- spanischer Bürgerkrieg

An vielen Stellen erinnern im Boden eingelassene Plaketten an die Einschlagstellen. Viele davon findet man direkt gegenüber der prachtvollen modernistischen Villen. Angesichts so vieler Bomben erscheint es mir fast ein kleines Wunder, das nicht viel mehr passiert ist.

Bombeneinschlag La Garriga

Informationen zum Spanischen Bürgerkrieg:

Führungen (auf Englisch): guided-tours/airfield  und  guided-tours/air-raid-shelter-station

Weiter geht es hier demnächst mit der Geschichte der modernistischen Bauten in La Garriga, auf den Spuren des Architekten Manuel Raspall.