Ein Sonntagmorgen in Neapel, einfach mittendrin

Die Glocken läuten. Und zwar richtig laut. In der historischen Altstadt von Neapel gibt es so viele Kirchen, dass ich gar nicht orten kann, welche da gerade so lärmend zum Gottesdienst ruft. Aber es ist Sonntag, da gehört das nun einmal dazu.

Neapel Madonna Altstadt

Laura und ich retten uns in ein kleines Café, irgendwo in der Nähe der Spaccanapoli, der Straße, die seit ewigen Zeiten die Stadt sozusagen in zwei Teile schneidet. Viel leiser ist es hier drin aber auch nicht. Die klassische Musik schallt aus den Lautsprechern, als ob sie mit den Kirchenglocken um die Wette klingen wollte. An der Bar stehen zwei Stammgäste und diskutieren angeregt über Politik. Es riecht nach köstlichem Kaffee und frischem Gebäck. Wir suchen uns einen Tisch in der Ecke. Scheinbar sind wir hier in einem Lokal gelandet, das sonntäglich ausschließlich von den Bewohnern des Viertels besucht wird. Man kennt sich. Jeder grüßt jeden und quer durch das kleine Café unterhalten sich die Gäste über die Tische hinweg.

Links neben uns sitzt ein intellektuell aussehender, leicht angegrauter Herr, mit langem Wollschal, dekorativ um den Hals geschlungen. So ähnlich wie Opernsänger das tragen. Er unterhält sich mit zwei Männern, die rechts hinter uns sitzen. Einer der beiden liest Zeitung, der andere stützt sich sitzend auf seinen Gehstock und beobachtet neugierig das Geschehen in der kleinen Bar. “Hey, tu‘ doch nicht so, als ob du Zeitung lesen würdest!“, ruft der Schalmann dem Zeitungsmann zu. „Grummel.“ „Was liest du denn da überhaupt?“ mischt sich jetzt auch der Stockmann ein. Der Zeitungsleser muss schmunzeln. Das scheint ein bekanntes Spiel zwischen ihnen zu sein.

Es ist wie ein liebevolles Necken unter alten Freunden. “Ich gucke nur, was heute im Fernsehen läuft”, murmelt er und vertieft sich wieder in die Seiten. Die anderen beiden werfen sich weiter neckische Bemerkungen zu während Laura und ich versuchen, einen ungefähren Plan zu machen, wohin wir als Nächstes gehen wollen. Es gibt hier so viel zu sehen. Plötzlich springt der Stockmann auf. Er ist ganz aufgeregt und geht auf den Tisch des Schalmanns zu. Es geht um Politik, so viel verstehe ich immerhin. “Ma ti voglio bene” beruhigt ihn der angegraute Intellektuelle zu unserer Linken lächelnd. Er meint wohl so etwas wie „Reg dich doch nicht auf. Du bist mein Freund, auch wenn ich nicht mit dir einer Meinung bin.“ Es geht um Stalin, um Trotzki und um Kommunismus. Interessant. Die kommunistische Subkultur existiert also noch immer. Ich erinnere mich an meine Zeit in der Universität, als ich Gramsci verschlang und die Welt verbessern wollte.

Pulcinella Neapel Altstadt

Schließlich ist es unausweichlich. Irgendwie haben diese redefreudigen und sehr neugierigen Herren uns in ihre Diskussion mit einbezogen. Einfach so. Laura hat es leichter, sie ist Italienerin. Mein Italienisch ist bruchstückhaft, mit vielen spanischen Wörtern durchmischt. Aber irgendwie mache ich mich verständlich. Die Hände helfen mit, gestikulieren darf man ja in Italien gern und viel. Es stellt sich raus, dass der Schalmann Gennaro heißt und Schriftsteller ist. Zwei Bücher hat er schon geschrieben und mittlerweile verfasst er Drehbücher für seinen Sohn. Der Stockmann ist eingefleischter Kommunist und beginnt sofort lauthals eine alte spanische Anarchistenhymne zu singen, als er mitkriegt, dass wir aus Barcelona kommen. Dass meine Freundin Italienerin ist, entgeht ihm in seinem Eifer völlig. Gennaro versucht mir etwas über die lange Theatertradition der Stadt zu erklären, während Laura in den Genuss einer Abhandlung über Trotzki kommt. Ich amüsiere mich prächtig, auch wenn ich nur die Hälfte verstehe. Diese Menschen muss man einfach gern haben. Aber wir müssen trotzdem weiter. Wir verabschieden uns von den kommunikationsfreudigen Herrschaften und überlassen sie ihrer sonntäglichen Diskussionsrunde. Dann stehen wir wieder auf der Straße.

Neapel Napoli centro storico

Die Altstadt Neapels ist eigentlich dem Barrio Gotico in Barcelona gar nicht so unähnlich. Der große Unterschied ist, dass es hier sehr viel weniger Touristen gibt. In Neapel leben die Menschen tatsächlich noch in dem Viertel. Neben den Cafés und ein paar Souvenirläden gibt es vor allem ganz normale Geschäfte: Gemüseverkäufer, Bäcker, Fischhändler und so. Ich habe mich bis über beide Ohren in diese bunte, quirlige Stadt verliebt. Neapel ist so ehrlich, so authentisch. Alle Menschen, denen wir begegnen, sind unglaublich herzlich und hilfsbereit. Und neugierig sind sie, aber auf eine liebevolle Weise. Jeder verwickelt einen irgendwie gleich in ein Gespräch. Es ist ein bisschen, wie auf dem Dorf meiner Großeltern. Da kannte auch jeder jeden und alle wussten immer über alles Bescheid.

Vorbei an frischen Muscheln, lustigen paprikaartigen Glücksbringern, Gemüseläden und grinsenden Pulcinellas bummeln wir also weiter durch die Altstadt. Ich bin ziemlich überrascht über die vielen Krippenfiguren. Laura erklärt mir, dass es sogar eine ganze Straße gibt, die Via San Gregorio Armeno, in der ausschließlich Krippenfiguren verkauft werden, das ganze Jahr über.

Neapel Krippen

Im Quartieri Spagnoli hängt die obligatorische Wäsche von den Balkonen. Ältere Frauen lehnen aus Türen, die sich wie bei einem Pferdestall auch nur oben öffnen lassen, und beobachten aufmerksam das Treiben auf der Straße.

Neapel Quartieri spagnoli

Das Quartieri Spagnoli war ursprünglich so etwas wie eine Kaserne für die spanischen Soldaten. Damals, im sechzehnten Jahrhundert, vor der großen Einigung Italiens, wurde Neapel nämlich von spanischen Königen regiert. Noch heute stößt man alle paar Meter auf Überreste dieser ein paar Jahrhunderte andauernden Herrschaft der Spanier, auf Straßennamen wie die Haupteinkaufsstraße Via Toledo zum Beispiel.

Ansonsten ist Neapel aber sehr italienisch. Obwohl, genau genommen, wenn man mit einem Neapolitaner spricht, ist es eher anders herum: Italien ist sehr neapolitanisch. Der Pulcinella, die Pizza, die Mandoline, fast alles, was wir heute mit „typisch italienisch“ assoziieren, ist eigentlich neapolitanischen Ursprungs. Darauf legen die Neapolitaner sehr viel wert.

Und was wir nun genau in Neapel alles gesehen haben, das ist wieder eine andere Geschichte. 🙂

Altstadt Napoli Historisches Zentrum Neapel
Altstadt Neapel
Neapel Muscheln altstadtNeapel Piazza Altstadt

Hinweis: Gewohnt haben wir übrigens in einem wunderschönen Apartment im Stadtteil Posillipo, das uns von only apartments zur Verfügung gestellt wurde. Aber das stelle ich Euch erst morgen vor. Vielen Dank noch mal an das super only Team!

4 Comments

    • 🙂 für mich sind das die besten Momente auf Reisen. Diese unerwarteten Zusammentreffen, völlig unvorhersebar und eindeutig nicht planbar. Ich mag das 😉
      Liebe Grüße!!

  • Hach, bei deinen Schwärmereien freue ich mich noch viel mehr auf unseren Urlaub auf Capri und in Neapel. Dauert leider noch ein bisschen… Bin gespannt, was du uns noch aus Neapel berichtest.

    Liebe Grüße
    Jessi

    • Hi Jessi,
      boh da bin ich jetzt schon neidisch! ich würde am liebsten sofort wieder hinfahren!
      liebe Grüße!!

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