Mit dem Rad nach Nazaré : Eine Radtour im Regen

Vor dem Farol Penedo da Saudade bin ich mit Joana verabredet. Als ich am Leuchtturm ankomme, wartet sie schon mit dem Rad auf mich, denn von hier aus wollen wir nach Nazaré fahren. Nur noch eine schnelle Anprobe. Passt der Helm? Hat der Sattel die richtige Höhe? Ich verstaue noch meine Kamera in der Tasche, dann kann es losgehen. Statt direkt an den Klippen der Steilküste entlang zu fahren, was man theoretisch auch machen kann, nehmen wir einen anderen Weg. Wir fahren auf einer relativ ebenen Straße durch einen Pinienwald, der das Meer vor Versandung schützt.

Als wir losradeln, ist das Wetter noch prima, doch ziemlich bald zieht sich der Himmel zu. Es beginnt zu nieseln. Ich habe keine Ahnung, wie weit es bis Nazaré ist und wie lange unsere Radtour wohl dauern mag. Also ignoriere ich das bisschen Regen vorerst einfach.

José, mein Guide, der mich während meiner Reise durch das Zentrum Portugals begleitet, fährt mit dem Auto voraus. Unterwegs hält er ab und zu am Straßenrand und wartet mit gezückter Kamera auf uns. Ich drehe für ihn eine extra Runde, umkreise ihn mit dem Rad und mache gut gelaunt Faxen. Diese Radtour macht mir richtig Spaß.

Unterwegs erzählt Joana von ihrem Job als Fahrradguide und den verschiedenen Strecken, die hier an der portugiesischen Küste entlang führen. Als sie ein paar Liebesbeeren entdeckt, steigt sie kurz ab und pflückt eine Handvoll, damit ich sie probieren kann. Diese Liebesbeeren heißen eigentlich Camarinhas und sehen aus wie weiße Johannisbeeren. Sie schmecken aber wesentlich süßer. Obwohl diesen kleinen Früchtchen schon immer hier in der Gegend wachsen, sind sie gerade wieder total angesagt, seit ein paar Spitzenköche die Beeren für ihre Gourmetküchen entdeckt haben.

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Wir radeln weiter. Zwischendurch geht es dann auch mal ein lang gezogenes Stück bergauf. Ich schnaufe und fluche vor mich hin, aber ich komme oben an ohne abzusteigen. Ich muss an meine letzte Radtour in Zypern denken. Die ist wegen des immer heftiger werdenden Regens am Ende ausgefallen. Aber noch schlimmer als der Regen war die Tatsache, dass ich bei der Tour damals mehr oder weniger vom Rad gekippt bin. Welche Schmach! Im Zeitlupentempo habe ich mich vom Rad Richtung Boden bewegt, weil ich Sportskanone versucht hatte, bergauf, in einer Kurve zu schalten – ohne gleichzeitig zu treten. Fehler, denn ich war mit einem Mountainbike auf einer Schotterpiste unterwegs und landete folglich auf dem Boden.

Bis auf das Wetter ist bei dieser Radtour jedoch alles anders. Das Rad ist ein bequemes, leichtes Tourenrad, die Fahrradwege sind super und ich düse fröhlich vorne weg. Jedenfalls, wenn es nicht gerade bergauf geht.

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Leider wird das mit dem Regen dann doch immer schlimmer. Also frage ich Joana schließlich, wie lange wir denn noch fahren. “Das kommt auf dein Tempo an“, meint sie nur grinsend. „Wenn wir weiter 20 km/h fahren, sind es noch zwanzig Minuten.“ Bei mir hängt die Geschwindigkeit von der Steigung der Strecke ab. Bergauf werde ich sicherlich keine 20km/h durchhalten! „Wie weit ist es denn in Kilometern“, frage ich daher weiter, um mir irgendwie eine Vorstellung davon zu machen, was da noch vor mir liegt.  Es sind elf Kilometer. Wenn wir zügig fahren, schaffen wir es noch vor dem großen Wolkenbruch bis Nazaré!

Langsam aber sicher hat mich der Ehrgeiz gepackt. Egal ob es regnet oder nicht, Aufgeben kommt für mich nicht mehr infrage. Das wäre jetzt total doof. Außerdem muss ich meine Schmach von Zypern irgendwie wieder in Ordnung bringen. Zumindest für mich selbst. Also trete ich wie wild in die Pedale. Trotz des Windes ist mir bald richtig heiß. Ich schwitze im Regen. So richtig passend gekleidet bin ich leider auch nicht. Ich konnte ja schließlich nicht ahnen, dass mich hier eine so sportliche Herausforderung erwarten würde und hatte mich auf eine lockere Spazierfahrt eingestellt.

Längst grinse ich nicht mehr in Josés Kamera, wenn wir an ihm vorbeikommen. Ich drehe keine Extrarunden mehr um ihn herum und mache auch keine ausgelassenen Faxen mehr. Ich bin jetzt hochkonzentriert. Meine ganze Aufmerksamkeit gilt jetzt der Straße, der Schaltung und meiner Atmung. Schnaufend geht es durch die Kurven, dann wieder geradeaus, bis Joana plötzlich „Das ist Nazaré“ ruft. Sie zeigt auf den Kirchturm des kleinen Dörfchens vor uns. Endspurt! Noch einmal trete ich kräftig in die Pedale, dann rollen wir auf den Platz vor der Kathedrale Nossa Senhora da Nazaré. Geschafft! Eine zwanzig Kilometer Radtour in so kurzer Zeit und das unter erschwerten Bedingungen! Hat eigentlich jemand meine Zeit genommen? Leider nicht. Aber egal, ich bin jetzt schon ein wenig stolz auf mich. Meine Fahrradschmach vom Frühjahr ist getilgt!

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Meine Beine sind allerdings schon noch etwas wackelig, als ich vom Rad absteige und auf Anna und José zugehe, die vor der Kirche auf uns warten. Diese puddingartige Konsistenz meiner Beine lässt schnelle Bewegungen gerade nicht zu. Anna und José lachen, als sie mich angewackelt kommen sehen und laden mich auf eine Tasse heißen Kaffee ein. Super Idee! Nur leider muss ich dazu quer über den Platz, denn die Bar liegt auf der anderen Seite.

Als wir endlich im Café sitzen, fängt es prompt an, wie aus Kübeln zu schütten. Die Reisebusse haben ihre Gäste rechtzeitig eingesammelt und fahren die älteren Damen und Herren schon zu einem trockenen Plätzchen. Wir warten einfach, bis sich der Regen etwas beruhigt.

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Dann kann ich auch endlich diesen kleinen Ort genießen. Die Reisebusse sind weg und es ist relativ leer, jetzt nach dem Regenguss. Am Rand des Platzes erhebt sich ein großes Kreuz. José erzählt mir, dass Vasco da Gama, der portugiesische Seefahrer, genau von hier einst losgesegelt ist, um einmal die ganze Welt zu umrunden. Heute ist Portugal ein kleines Land am Ende Europas, aber früher waren die Portugiesen eine der größten Seefahrernationen! Das Meer und die Schiffe gehören hier einfach überall dazu. Keine Geschichte, keine Stadt, kein Gericht, das nicht irgendwie mit den Ozeanen der Welt verbunden ist.

Gleich neben dem Kreuz steht eine kleine Kapelle, die Ermida da Memória. Der Legende nach war Dom Fuas Roupinho auf der Jagd und ritt einem Hirsch hinterher, als plötzlich dichter Nebel aufkam. Der Hirsch verschwand in dem Nebel, der Graf galoppierte hinterher. Erst im letzten Moment bemerkte er, dass er sich am Rande der Klippe befand. Gerade noch rechtzeitig konnte er sein Pferd anhalten, um nicht in die Tiefe zu stürzen. Aus Dank für diese Rettung in letzter Sekunde ließ er die kleine Kapelle errichten, die demnach schon seit dem zwölften Jahrhundert hier steht!

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Obwohl es noch immer regnet, stehen ein paar Frauen und Männer unerschrocken hinter ihren Verkaufsständen. Sie tragen bunte, traditionelle Kleidung, die Damen fesche Miniröcke, die offenbar in mehreren Schichten übereinander getragen werden, die Herren eine Art Kniebunthosen. Sie verkaufen Feigen, Nüsse, Trockenobst und bolinhos. Ich kaufe eine Tüte von den lecker aussehenden Erdnusskeksen. Die habe ich mir heute verdient.

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Infos zu Nazaré:

Camarinha: camarinha-uma-baga-que-poucos-conhecem

Fahrradtour: www.portugal-a2z.com

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Reise, zu der ich von Centro Portugal eingeladen wurde. Besonderer Dank an Joana für die Motivation während unserer Radtour!  

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