Stilles Glück im Valle Maira

Schon von Weitem hören wir die Kuhglocken bimmeln, als der Hirte seine „mucche“ über den Weg treibt. Es ist Sergio. Gerade muss er einen seiner beiden Hunde zurückpfeifen, denn statt auf die Kühe aufzupassen, die gerade einen steilen Abhang hinunterlaufen sollen, begleitet Spike lieber zwei gemütliche Wanderer. Sergio hat seine liebe Mühe den schon etwas älteren Hund zu überreden. Während er schließlich langsam angetrottet kommt, unterhalten wir uns mit Sergio. So erfahren wir zu meiner großen Überraschung, dass hier im Valle Maira Okzitanisch gesprochen wird.

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Okzitanien lag ja ursprünglich im Südwesten des heutigen Frankreichs. Dass diese Kultur bis hierher in ein piemontesisches Tal reichte, war mir gar nicht klar. Sergio ist kein bisschen scheu und plaudert munter drauflos. Er erzählt auch von seinem Sohn, der “irgendwo im Norden Spaniens” Skifahren war. Bei seiner Rückkehr soll er erstaunt berichtet haben, dass die Leute dort genauso reden wie hier, im Valle Maira! Vermutlich ist er in Katalonien gewesen, denn Katalanisch und Okzitanisch sind Zwillingsschwestern. Diese beiden Sprachen sind so eng verwandt, dass sie noch viel ähnlicher sind, als Spanisch und Italienisch oder Deutsch und Niederländisch.

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Während wir so plaudern sind alle Hunde und Kühe da, wo sie sein sollen. Michi und ich wandern weiter. Noch eine ganze Weile hören wir die Glocken bimmeln. Aber nun weit unter uns. Es duftet nach grünem Gras und Blumenwiese. Hohe Berge erheben sich rings um uns. Weiter vorn kommt ein Kirchturm in Sicht. Das so unberührt scheinende Tal ist unter Wanderern kein Geheimtipp mehr. Doch zum Glück ist das Valle Maira so lange unentdeckt geblieben, denn nur dadurch konnten sich hier viele Traditionen, die okzitanische Sprache, und vor allem die Natur fast unberührt erhalten. Hier gibt es keine Skilifte oder Pisten wie in anderen Tälern Piemonts. Selbst die wichtigen Straßen sind nur schmale, asphaltierte Wege.

In Reinero machen wir eine Pause, denn wir haben dort ein kleines Restaurant entdeckt. Und das bietet sogar vegetarische und vegane Leckereien an. Wir kriegen dort nicht nur einen leckeren Kuchen aus Mandeln und Buchweizenmehl, sondern auch einen Brennnessel-Smoothie. Wie genial, in diesem kleinen Bergdorf, mit gefühlten fünf bis zehn Einwohnern, ein vegetarisches Restaurant zu eröffnen. Ich bin völlig begeistert, wie gut Brennnesseln schmecken! Ob ich das zu Hause auch hinkriege? Brennnesseln gibt es bei uns genug. Aber vermutlich verbrenne ich mir dabei dann die Finger an den Blättern.

Reienro

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Frisch gestärkt machen wir uns wieder auf den Weg. In diesem Tal gibt so unendlich viele Wege zum Mountainbike fahren, Klettern und Wandern. Man könnte hier tagelang unterwegs sein und trotzdem jeden Tag einen anderen See entdecken oder Gipfel erklimmen. Man kann aber auch einfach mal einen Tag lang die Ruhe und die Natur genießen. Abschalten und runterfahren. Wir machen natürlich alles, ein bisschen Radfahren, ein bisschen Laufen und ganz viel Natur genießen.

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Manchmal führt der Weg ein Stück geradeaus, doch schon hinter der nächsten Kurve geht es wieder steil bergab. Oder steil bergauf. Der Berg macht es uns nicht leicht. Wir kommen zwischendurch ins Schnaufen, müssen Stehenbleiben und Luft schnappen. Während das Herz bis in die Ohren pocht, freuen sich die Augen einfach nur über diese wunderbare Welt in Grün und Blau. Auf einigen Gipfeln liegt jetzt im Juni sogar noch Schnee.

Ohne ein Wort blicken wir uns an, lächeln still und wissend. Unsere Sprache braucht keine Worte, um diese Schönheit zu verstehen. Es ist ein leises Glück, das wir in diesem Moment teilen. Langsam erholen sich Herz und Lunge, dann kämpfen wir uns weiter die Steigung hinauf. Bis zur nächsten Kurve.

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Auch wenn es zwischendurch anstrengend ist, tut unseren Körpern die Bergwelt ganz offensichtlich gut. Mit rosigen Wangen und einem breiten Grinsen kommen wir schließlich wieder an unserer Unterkunft an. Eine sanfte, bescheidene Zufriedenheit erfüllt uns. Obwohl wir keinen Gipfel erklommen, kein wildes Abenteuer bestanden haben, sprießen die Glückshormone. Es braucht gar nicht viel im Leben, um glücklich sein zu können. Manchmal reicht es schon, sich all der guten und schönen Dinge bewusst zu werden, die man direkt vor der Nase hat und die man im Alltag oft trotzdem nicht sieht. In mir kommt einfach nur eine tiefe Dankbarkeit auf. Die Berge verändern den Blickwinkel auf das Leben.

orchideen blumen

Ganz oben im Mairatal, ungefähr auf 2000 m Höhe, haben Giovanni und Teresina sich ein neues Zuhause geschaffen, das Sagna Rotonda. Aus einer Handvoll verlassener alter Häuser, die Giovanni mithilfe einiger Fachleute restauriert und wieder aufgebaut hat, ist ein wunderschönes Eco-Village entstanden, das im Einklang mit der Natur und von der Kraft der Sonne lebt.

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Doch der Anfang war gar nicht so leicht. Giovanni erzählt uns, dass gleich im ersten Winter, nachdem er die alten Häuser gekauft hatte, so viel Schnee fiel, dass bei vielen Gebäuden das Dach einstürzte und die Wände wegbrachen. So musste alles komplett neu gebaut werden. Wie gut, dass Giovanni ein geschickter Handwerker ist. Ständig werkelt und baut er an irgendetwas. Gerade ist er dabei, das kleine Restaurant ein bisschen zu vergrößern. Die wunderschönen Holzbalken der alten Häuser werden dabei natürlich wiederverwendet.

Den ehemaligen Kuhstall hat Giovanni mit eigenen Händen in eine Finnische Sauna verwandelt. Nach unserer kleinen Wanderung lassen wir uns einen Saunagang natürlich nicht entgehen. Der Raum mit der Sauna, Minipool und der Ruhezone ist relativ klein, darum muss man vorher reservieren. Dann hat man die Sauna ganz für sich allein. Während irgendwo leise im Hintergrund Wasser plätschert und chillige Musik erklingt, genieße ich in der wohlig warmen Sauna den Blick hinaus auf die grünen Berge.

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Infos zum Valle Maira – Mairatal

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Hotel im Mairatal:

Gefühlt eine Stunde fährst Du ab Dronero einfach immer am Fluss entlang. Hinter Stroppo geht es dann links hoch bis Marmora. Und von dort aus schlängeln sich immer enger werdende Wege hinauf zum Sagna Rotonda.

Das kleine Eco-Village verursacht keine CO2 Emission und arbeitet mit erneuerbaren Energien. Sogar ein eigenes Abwasserfiltersystem hat Giovanni gebaut. Mit großen Ohren lässt sich Michi von ihm alles ganz genau erklären. Im Grunde könnte das Sagna Rotonda sich komplett selbst versorgen.

valle maira sagna rotonda

Sagna Rotonda
Ecovillaggio
12020 Marmora (CN) Provinz Cuneo
Website www.sagnarotonda.com

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Für das kleine Restaurant im Sagna Rotonada sind Fabio und Paola verantwortlich. Dort kannst Du frühstücken, Mittag- oder Abendessen oder Dir Lunch-Pakete einpacken lassen. Eigentlich ist Sagna Rotonda mit allem ausgestattet, um sich selbst zu versorgen. In den Apartments gibt es eine kleine Küche, Kühlschrank, Geschirr und Töpfe (nur die Einkäufe musst Du weiter unten, in einem größeren Dorf machen). Aber falls man mal keine Lust zum Kochen hat oder sich verwöhnen lassen will, kann man eben auch zu Fabio gehen.

Ristorante taberna valle maira sagna rotonda

Borgata Reinero

In Reinero findest Du zwischen den relativ großen alten Häusern mit hübschen Holzbalkonen eine kleine Kirche. Die kannst Du vom Sagna Rotonda aus schon sehen. Gleich um die Ecke, denn auch Reinero besteht nur aus ein paar Häusern, liegt das vegane Restaurant die Casa Loa.

Casa Loa
Borgata Reinero
12020 Marmora
www.casaloa.com

 

kirche reinero

… Nachgelesen … Infos zum Valle Maira:

Das Valle Maira liegt nahe der französischen Grenze in der Provinz Cuneo und gehört zu Piemont. Während des 13. und 14. Jahrhunderts gehörte das Tal zu Okzitanien, das sich damals über die gesamte Provence erstreckte. Danach geriet die Gegend eine Zeit lang in Vergessenheit. Während des Zweiten Weltkriegs versteckten sich hier italienische Partisanen und kämpften gegen die Truppen der deutschen Wehrmacht.

Okzitanerkreuz
Die rote Flagge mit dem gelben Kreuz und einem kleinen Stern, die hier überall weht, ist übrigens die Flagge Okzitaniens. Das Kreuz allein mit den zwölf Kugeln an den Spitzen ist auch das Kreuz der Stadt Toulouse. Der siebeneckige Stern steht für die sieben Regionen, in denen heute noch Okzitanisch gesprochen wird.

de.wikipedia.org/wiki/Okzitanien

okzitanische flagge

Percorsi Occitani
Giovanni erzählt uns auch von percorsi occitani, den okzitanischen Wanderwegen, die mit gelb und lila Streifen gekennzeichnet sind. In achtzehn Etappen sollen diese Wege auf den Spuren der okzitanischen Kultur durch die abgelegenen Dörfer führen. Dabei geht es durch Täler und Wälder, über Pässe und Hochebenen. Klingt sehr spannend, aber dafür muss ich wohl noch üben.

www.percorsioccitani.com

wanderwege valle maira sagna rotonda

Elva
In dem Dörfchen Elva sammelten die raccoglitori di capelli die Haare der Frauen und Mädchen, um sie nach England und Frankreich zu verkaufen, wo daraus Perücken geflochten wurden.
Cultura Tradizioni Pelassiers

Dronero
Der größere Ort im Valle Maira ist das niedliche Dronero. Das Museum war leider geschlossen, als wir dort waren, aber auch ein Bummel über den Markt und der Blick auf die Ponte del Diavolo aus dem fünfzehnten Jahrhundert lohnen einen kleinen Besuch. Als eingefleischte Linguistin und Sprachenfreak hier noch ein kleiner Tipp: Museum Kultur und Sprache Okzitaniens in Dronero www.espaci-occitan.org

Dronero valle maira

Hinweis: Dieser Artikel entstand während eines Blogtrips, zu dem wir von Greenpearls, einem Portal, das sich dem nachhaltigen Reisen verschrieben hat, und dem Sagna Rotonda eingeladen wurden. Unsere hier dargestellten Erlebnisse wurden nachhaltig von der wundervollen Natur des Valle Maira beeinflusst, der wir uns einfach nicht entziehen konnten.  

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