Barcelona hat ein neues Museum. Wer Street-Art und urbane Kunst liebt, sollte das Museu BAS auf keinen Fall verpassen.

Street Art Museum Barcelona
Angenehm kühl ist es in der kleinen Gasse der Altstadt, in der ich auf der Suche nach dem neuen Museum bin. Vor Kurzem erst muss jemand frisches Wasser auf die alten Steinplatten gegossen haben, denn der Boden ist noch feucht und der typische Geruch alter Steinhäuser begleitet mich, während mein Blick suchend über die Hausnummern streift. Beinahe wäre ich in der engen Straße daran vorbeigelaufen. Erst als ich schon vor der Tür stehe, sehe ich den knallgelben Astronauten, der den Eingang ziert. Eine bunte Einladung in die Welt der urbanen Kunst.

Da das Museum gerade erst eröffnet wurde, ist es tatsächlich so etwas wie ein Geheimtipp. Es gibt – noch – keine Warteschlangen. Der Fußboden ist mit Panots ausgelegt, den grauen Steinfliesen in Form einer stilisierten Blume, die typisch für die Gehwege in Barcelonas Straßen sind. Die Kuratorin der Sammlung Miriam Díaz begrüßt mich und führt mich durch die thematisch geordneten Säle. Da geht es um Ironie und Gesellschaftskritik, um Rhythmus, Material, Dialog zwischen Tradition und Moderne, um spielerische Impulse oder Metaphern.

Gleich im ersten Saal stehe ich vor dem Bild eines mir wohl bekannten Künstlers. Aryz ist hier mit seinem „Coleccionista“ vertreten, das sich mit der Rolle der Kunstsammler beschäftigt, die seit Jahrhunderten entscheiden und beeinflussen, was Kunst ist und welchen Wert sie hat.

mural aryz street art cardedeuein anderes Werk von Aryz – La Cultura – Cardedeu 2017

Direkt daneben hängt das Werk eines anderen bekannten Künstlers, des aus Valencia stammenden Ecif. Ein rosafarbener Plastikdelfin in der Bildmitte zieht mich sofort in seinen Bann. Mit fröhlichem Blick und einem aufgemalten Lächeln scheint er mich anzusehen. Er blickt durch die Beine einer Gruppe dunkler Gestalten hindurch, die auf ihn einschlagen. Warum? Es ist eine völlig absurde Situation!

Ecif Street Art Museum Barcelona

Der unschuldige Delfin mit einem regenbogenfarbenen Schwanz hat niemandem etwas getan. Und dennoch hat er die Wut dieser Männer auf sich gezogen. Wehrlos und mit einem Lächeln muss der Delfin die absolut sinnlose Gewalt über sich ergehen lassen. Ich bin mega beeindruckt, wie Ecif hier den Mangel an Toleranz, die sinnlose Aggressivität aufzeigt. Eine Gesellschaftskritik, die so sehr berechtigt ist und versucht uns aufzurütteln. Das Bild macht sichtbar, wie zerbrechlich unser aller Freiheit am Ende ist…

Aufrüttelnd auf eine ganz andere Art ist das neue Abendmahl „la nueva Última cena“ von Okuda. Farbgewaltig schreit uns diese Ansammlung von Kunstschaffenden und diktatorischen Weltenlenkern förmlich entgegen, was gerade mit unserer Welt passiert. Alte und neue Dämonen manipulieren, zerstören und wirken allgegenwärtig auf uns ein. Zwischen Salvador Dalí, Yayoi Kusama und einem mit Tesla-Logo gekleideten Hitler, verbergen sich ein Schweinekopf mit Fentanyl-Shirt, eine Europaflagge mit Hakenkreuzen, ein verfaulter goldener Apfel, eine verfremdete Palästina-Flagge neben einem Trump mit gemauertem Gesicht.

Okud Street Art Museum Barcelona

Die zentrale Figur in der Mitte trägt eine Maske und Hörner auf dem Kopf. Gekleidet ist sie in ein Gewand aus Symbolen verschiedenster Religionen, Ideologien und Glaubensgemeinschaften. Bunte Logos amerikanischer Firmen, die die ganze Welt überschwemmen, ein Kopf, der sich unter dem Tisch übergibt und eine Weltkugel in Form einer gespaltenen Wassermelone. Allein in diesem einen Bild gibt es so viele Details, die einem zu denken geben.

Miriam führt mich von Saal zu Saal und erklärt die Werke der nationalen und internationalen Street-Art Künstler. Es sind „obres d’estudi“, in der Werkstatt entstandene Studien oder Vorarbeiten zu dem, was dann auf der Straße umgesetzt wurde. Neben Okuda, Escif und Aryz sind viele andere große Namen wie Dulk, Felipe Pantone, Mina Hamada, Kenor, Os Gêmeos, Vhils oder Bordalo II in diesem kleinen Museum versammelt. Bunte Muster, Popart, grafische Rhythmen, in denen es um Wahrnehmung, um Empfindung geht, und darum, das Leben zu feiern.

Sehr eindrucksvoll sind die Werke, die an berühmte klassische Gemälde erinnern, in denen die Menschen durch roboterähnliche Figuren ersetzt wurden. Der Argentinier Juanjo Surace interpretiert Rembrandts „Anatomie des Dr. Tulp“ oder Goyas „Saturn verschlingt seinen Sohn“ in einer ganz neuen Denkweise.

In dem Saal, in dem es um die besondere Verwendung verschiedener Materialien geht, zieht eine ausdrucksstarke Gorilla-Mutter sofort meine Aufmerksamkeit auf sich. Bei näherem Hinsehen besteht sie aus tausenden unterschiedlichen und irgendwie zusammengewürfelt wirkenden Plastik- und Müllresten. An der Algarve gibt es in dem Dörfchen Alcoutim eine überdimensionale Otter-Skulptur desselben Künstlers: Mit den Abfallprodukten unserer Wegwerfgesellschaft zu arbeiten ist das Markenzeichen des Portugiesen Bordalo II. Er arbeitet mit dem, was wir unbedacht zurücklassen und schafft daraus etwas Neues, Schönes. Ein unübersehbarer Weckruf an uns alle.

Bordalo Street Art Museum Barcelona

Plastikmüll Street Art

Total fasziniert betrachte ich die Werke und lausche Miriams Erklärungen. Jedes Bild erzählt eine fantastische, einzigartige Geschichte. Es ist eigentlich unglaublich, dass so viel urbane Kunst nicht nur hier in Barcelona, sondern überall auf der Welt, gratis in unseren Straßen, zu sehen ist, und wir sie gar nicht richtig zu schätzen wissen. Unsere Gesellschaft scheint Street-Art absolut nicht angemessen zu würdigen. Oft schenken wir diesen Werken kaum Beachtung und wissen ihren Wert einfach nicht zu schätzen. Dabei könnten wir all diese wertvollen Denkanstöße und andersartige Blickwinkel so gut gebrauchen, um unsere Welt ein bisschen besser zu machen.

OSGemeos Street Art Museum Barcelona

Ich bewundere die Tür „M’encanta Barcelona“ der aus São Paulo stammenden Brüder Os Gêmeos, das von Keramik umrahmte Werk GR170s, der sogar einen Zigarettenstummel getöpfert hat, und das rundliche, pastellfarbene Frauengesicht aus der Werkstatt der mallorquinischen Künstlerin Fátima de Juan, eine der wenigen Frauen, die hier vertreten sind. Nach dem Bad Wolf von Rubén Martín de Lucas bleibe ich einen Moment vor Sebas Velascos beeindruckender Darstellung einer nächtlichen Szene stehen, die zwei einsame Gestalten vor einem unwirtlichen urbanen Hintergrund zeigt.

Street Art Museum Barcelona

Zum Abschluss der Besichtigung führt mich Miriam in einen Saal, in dem wechselnde Ausstellungen aufstrebender Street-Art-Künstler zu sehen. Im Augenblick zeigt der in Kolumbien geborene Nevile.143 hier einen Teil seines Werks.

nevile 143 street art barcelona museum

Informationen zum Museu BAS – Barcelona Art Street Museum

Eintritt: der Eintritt kostet 11 Euro, wenn man das Ticket zu einer bestimmten Zeit bucht, 12,50 Euro, wenn man bei der Uhrzeit lieber flexibel ist. Wenn du bei einer der wirklich lohnenswerten Führungen von der Kuratorin begleitet werden willst, beträgt der Preis 18 Euro. Diese Führungen sind auch auf Englisch möglich.

Aryz Street Art Museum Barcelona

Website basmuseum.com
Carrer de la Carabassa 10
08002 Barcelona, Ciutat Vella
Metro: L3 Liceu oder L4 Jaume I