Als wir in dem kleinen Ort Tarazona, ganz im Westen Aragons, ankommen, suchen wir uns als Erstes einen Platz in einer der kleinen Bars am Ufer des Flusses. Von hier unten haben wir einen wunderbaren Ausblick auf die am Hang liegende Altstadt. Aus der Silhouette der alten Häuser, hinter denen die Sonne untergeht, ragt ein prächtiger Kirchturm im Mudéjar-Stil hervor. Unten, nur wenige Meter vom Flussufer entfernt, befindet sich die beeindruckende Kathedrale.

Tarazona Ausblick auf Altstadt vom Fluss aus

Kathedrale Tarazona

Durch ein paar enge Straßen geht es steil bergauf zu unserem Hotel, das direkt gegenüber dem Rathaus auf einem langgezogenen Platz liegt. Hier beginnt schon das Viertel am Hügel, das ich gleich morgen erkunden will.

Casa Consistorial Tarazona

Casa Consistorial heißt das im 16. Jahrhundert errichtete Rathaus hier in Tarazona. Es ist ein irgendwie sehr mächtig wirkendes Bauwerk im Renaissancestil, die Fassade mit rustikal aussehenden, überdimensionalen Figuren geschmückt. Auf der Webseite Tarazonas steht, dass die Figuren vielleicht Herkules darstellen und eine Geschichte aus der Zeit der Gründung von Tarazona erzählen sollen. So ganz sicher sind sie sich wohl aber auch nicht. Auf dem Fries soll angeblich sogar die Vorbereitung für die Krönung Karls V. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation 1530 dargestellt sein (Karl V. war als Carlos I de España erster Herrscher aller fortan zu Spanien gehörenden Reiche).

Rathaus Tarazona

Rathaus Tarazona Herkules Fries

Tarazona:

Am nächsten Morgen mache ich mich also auf den Weg, um die Altstadt Tarazonas zu erkunden. Durch enge Gassen, typisch für in maurischer Zeit entstandene Orte, geht es durch erstaunlich ruhige, fast schon einsame Straßen bergauf. An manchen der in die Jahre gekommenen Gebäude hängen Vorhänge in der geöffneten Eingangstür, sodass an heißen Sommertagen ein bischen frische Luft in die dahinterliegende Räuem weht. Zwei kleinen Jungs in schicker Schuluniform spielen am Straßenrand. Vermutlich sind es Brüder, die auf dem Nachhauseweg noch etwas bummeln. Der Ältere der beiden ruft hinter mir her, ob ich nicht ein Foto von ihm machen könnte. Doch da bin ich schon ein gutes Stück weiter.

Tarazona

Hängende Häuser Tarazona

Richtig viel gibt es hier gar nicht zu sehen. Einige Straßen tragen bedeutungsschwere Namen wie „Calle de la Traición“, die Straße des Verrats. Wäsche hängt zum Trocknen vor den Fenstern, die meisten Gebäude sehen renovierungsbedürftig aus. Aber vor allem ist es ungewohnt leer und still. Ich bestaune die Casas Colgantes, hängende Häuser, die sich mutig an den Hang klemmen und zum jüdischen Viertel Tarazonas gehören.

Tarazona Calle de la Traicion

Am höchsten Punkt des Hügels angekommen, lasse ich den Blick über die Dächer der Stadt schweifen. Hier befand sich einst die Zuda, die maurische Befestigungsburg. Unter mir liegt eine Stierkampfarena. Da wo ich wohne, im Katalonien, ist Stierkampf schon länger kein Thema mehr, aber im spanischen Inland gibt es solche Arenen noch in jedem größeren Ort. Ob sie noch benutzt wird?

Direkt neben dem Palacio Episcopal ragt schließlich der beeindruckende Kirchturm im Mudéjar-Stil in den Himmel, den ich gestern vom Fluss aus bestaunt habe. Er gehört zur Iglesia Maria Magadalena, der Kirche, die auf den Grundmauern einer Moschee, die wiederum auf einer ersten visigotischen Kirche errichtet worden sein soll.

Mirador Tarazona

Als ich mich wieder auf den Weg bergab mache, kommt mir eine junge Frau mit einem Handy in der Hand entgegen. Während sie im Gehen spricht, blickt sie nicht einmal vom Bildschirm auf. Sie kennt den Weg wohl schon im Schlaf.

Bald bin ich wieder auf dem Platz vor dem Rathaus und stelle fest, dass sich das Leben hier in Tarazona nicht in dem historischen Viertel am Hang, sondern eindeutig in den paar engen Gassen die hinunter zum Fluss führen, abspielt. Dort unten, wo die Bars und Cafes zum Sitzen und Tapas essen einladen.

Maurische Geschichte Tarazonas

Viel Wasser und die fruchtbaren Böden zogen schon sehr früh Menschen in diese Gegend zu Füßen des Moncayo. Keltiberische und römische Siedlungen entstanden bereits vor dem ersten Jahrtausend. Tarazonas Ursprung lässt sich auf eine römische Siedlung namens Tirasone zurückführen, die ursprünglich links des Flusses lag, im Laufe der Zeit jedoch auch über das rechte Ufer des Queiles hinauswuchs. Archäologen gehen davon aus, dass dieses Wachstum mit der Erweiterung der Römerstraße von Zaragoza (Caesaraugusta) nach Astorga (Asturica Augusta) zusammenhing. Ab dem 3. Jahrhundert nach Christus verlor der römische Ort jedoch an Bedeutung.

Muralle Mudéjar Tarazona

In der visigotischen Epoche muss Tarazona eine wichtige Festung gewesen sein. Man geht davon aus, dass die frühchristlichen Visigoten eine erste Kathedrale an der Stelle der heutigen Kirche der Maria Magdalena errichteten. Doch schon im 8. Jahrhundert wurde die Stadt von maurischen Truppen erobert und in Tarazuna umbenannt. Bald schon begannen sie damit, den Ort nach dem Muster islamischer Siedlungen umzubauen. In den Straßen der damaligen Medina, im barrio del „Cinto“, errichteten sie die wichtigsten muslimischen Bauten wie die Zuda (Festungsburg), der Almudí (Kornspeicher) und die Mezquita (Moschee), öffentliche Bäder und einen Palast, von dem aus Tammam ben Allajmí sein kleines Reich regierte.

In der Folge bestimmte die Familie Banú Qasi (baskisch: Beni Casi) viele Jahrzehnte lang die Geschicke der Stadt. Wie die meisten Einwohner war auch diese ursprünglich hispanogotische Herrscherfamilie zum Islam konvertiert

Casas Colgantes Tarazona

juderia casas colgantes Tarazona

Die jüdische Bevölkerung lebte in dem Teil, der bis heute Judería Vieja genannt wird. Wo genau sich im muslimischen Tarazona der mozarabische Teil der Einwohnerschaft, also die visigotisch-christlichen Gläubigen, niedergelassen hatte, weiß man allerdings nicht so genau. Fest steht lediglich, dass diese Bevölkerungsgruppe im 9. Jahrhundert nach Tudela zog, wo sich eine größere christliche Gemeinde befand.

Den Banú Qasi folgten um das 10. Jahrhundert die aus der Gegend des Jemen stammenden Tudschībiden (Banū Tujīb), bis im 10.–11. Jahrhundert die Hudiden (Banú Hud) an die Macht. kamen. Zu dieser Zeit hatte sich das mächtige Kalifat von Córdoba bereits in viele kleine Taifas aufgespalten. Die Hudiden galten als große Förderer der Kunst und sie führten den Widerstand gegen die aus Süden vordringenden Almoraviden an. Unter der Herrschaft des Hudiden Ahmad I. Al-Muqtadir entstand auch die wunderschöne Aljafería in Zaragoza, ein wirklich beeindruckendes und gut erhaltenes Beispiel maurischer Baukunst, das man außerhalb Andalusiens gar nicht vermutet.

Ab dem 11. Jahrhundert musste Tarazona, wie viele muslimische Taifas, den christlichen Herrschern Kastiliens Tribut zahlen. 1119 eroberte schließlich König Alfonso I. de Aragón die Stadt. Als Dank für den Beistand bei dem Eroberungsfeldzug überließ er Tarazona zwei aus der Gegend der Gascogne und des Béarn stammenden Brüdern, die ihm treue Dienste geleistet hatten: Céntulo II., Graf von Bigorra, und Gaston IV. von Béarn, dem „Kreuzfahrer“. Die christlichen Herrscher zogen in La Zuda ein, von der aus sie die Stadt von nun an regierten. Die Moschee wurde zur Kirche umgewandelt und der Almudí von nun an als Rathaus genutzt.

Iglesia Maria Magdalena Muédjar Tarazona

Die muslimische Bevölkerung musste die Altstadt verlassen, die fortan von Christen bewohnt werden sollte. Manche Familien zogen vor die Tore der Stadt, andere gingen fort. Doch durch die Entstehung neuer Viertel vor den Stadtmauern, eines neuen jüdischen Viertels und dem Zuzug neuer christlicher Bewohner, vergrößerte sich Tarazona in dieser Zeit schnell.

Alfonso gestand den vertriebenen Einwohnern jedoch gewisse Freiheiten zu: Die umgesiedelten Muslime durften ihren Besitz und die Ländereien außerhalb der Stadtmauern behalten. Er garantierte, dass sie keine Repressalien oder Misshandlungen unter der neuen Herrschaft zu erleiden haben würden und im Zweifelsfall unter dem Schutz des christlichen Bürgermeisters stünden.Sie durften ihre Waffen tragen, und weiterhin ihren Glauben und ihre Bräuche pflegen. Auch in den nun christlichen Vierteln Tarazonas durften sie sich frei bewegen. Auch von mittelalterlichen Fronzahlungen, den Azofras, waren sie befreit.

Mudéjar Tarazona

Die Mudéjares genannten muslimischen Einwohner waren für das reibungslose Funktionieren des neuen christlichen Reiches unabdinglich. Aus der arabischen Welt stammten im Mittelalter das Wissen und moderne Technik, wie Bewässerungskanäle in der Landwirtschaft, Kunst- und Handwerkstechniken der Baumeister, Schmiede, Stuckateure, Zimmerleute oder Töpfer. In dieser Zeit entstand der einzigartige Mudéjar-Baustil, bei dem die nun unter christlicher Herrschaft lebenden muslimischen Handwerker weiterhin ihre traditionellen Gestaltungstechniken nutzen, auch, um neue christliche Gebäude zu errichten.

Die spanische Sprache ist bis heute voll mit Worten, die aus dem Arabischen abgeleitet sind, wie acequia, azud oder aljibe (Bewässerungskanal, Stauwehr, Zisterne), aber auch naranja, algarrobo, alcachofa, berenjena, acelga oder zanahoria (Orange, Johannisbrotbaum, Artischocke, Aubergine, Mangold oder Mohrrübe*).

Im Mittelalter war die Iberische Halbinsel von endlosen Kriegen überzogen, bei denen die kleinen Königreiche, Taifas und Grafschaften gegeneinander um die Vormachtstellung auf der Halbinsel kämpften. Im 14. Jahrhundert kam es im Verlauf der Guerra de los Dos Pedros, einer mehrjährigen Auseinandersetzung zwischen dem König von Kastilien und dem König von Aragón, zur Belagerung Tarazonas. Mithilfe militärischen Ritterorden wie dem Orden de Calatrava überfiel Pedro der Grausame 1357 mehrere strategisch wichtige, nahe der Grenze liegende Städte in Aragón und vereinnahmte  dabei auch Tarazona. Während der neun Jahre andauernden Besatzung durch Kastilien erlitt die Stadt schwere Schäden, ehe aragonesische Truppen Tarazona 1366 zurückerobern konnten.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts fand das nicht immer reibungslose, aber jahrhundertelang funktionierende Zusammenleben muslimischer, jüdischer und christlicher Einwohner schließlich ein abruptes Ende. Die von Felipe III. 1609 veranlasste endgültige Vertreibung aller nichtchristlichen Bewohner aus der Gegend stellte nicht nur für Tarazona einen herben Verlust dar. Einige Ortschaften wurden komplett verlassen und verfielen.

Mudéjar Kunst Tarazona Maria Magdalena

Nützliche Informationen:

Im Altstadtviertel trifft man viele Überreste der alten Stadtmauer, alte Portale und kleine Plätze. Ein PDF auf der Website der Kathedrale (leider nur auf Spanisch) erklärt die Mudéjar-Gebäude auf einer Route. Es gibt auch Führungen.  catedraldetarazona.es

Hotel Encanto Tarazona

Hotel Tipp Tarazona:

Hotel Encanto
Plaza España 9
50500 Tarazona, Zaragoza
Website

Wir hatten ein schön großes Zimmer direkt zum Rathausplatz für unter 100 Euro pro Nacht. Frühstück geht extra.

Frühstücks-Tipp : 

Gefrühstückt haben wir in der Bar Autobuses (Avenida Navarra 17). Super nett, sowohl süße als auch salzige Frühstücksoptionen, also Croissants, Tostadas oder belegte Brote (immer bedenken, dass man in Spanien ganz anders frühstückt, als in Deutschland!)

Restaurant Tipp:
Taberna La Zarzamora
Plaza Goicoerrotea 1
50500 Tarazona

Nicht ganz billig, aber sehr nett, leckeres Essen und der Koch kann sogar ein wenig Deutsch.

Cipotegato: 

Cipotegato Tarazona

Irgendwann muss ich im August noch einmal nach Tarazona kommen, wenn hier das Fest des Cipotegato gefeiert wird. Ein bunter Harlekin hüpft dabei duch die auf dem Rathausmarkt versammelte Menge, verfolgt von einem Hagel aus Tomaten. Der Legende nach geht dieser rätselhafte Brauch angeblich auf die Freisprechung eines Gefangenen am Tag des Stadtpatrons zurück.

Tarazona

(*Gerade fällt mir zum ersten Mal auf, dass das Wort für „Karotte“ im Deutschen „Mohrrübe“, also eigentlich maurische Rübe, heißt. Wenn ich hier im Blog meistens das Wort „maurisch“ benutze, um von Gebäuden und der Kultur aus der Zeit des Kalifats von Córdoba spreche, dann meine ich damit nicht die früher in Spanien oft abwertend benutzte Bezeichnung „moros“, sondern den Ursprung der berberischen Stämme aus der Gegend des antiken Mauretaniens. Die Berberstämme vermischten sich später auf der Iberischen Halbinsel mit anderen aus der Sahara stammenden und arabischstämmigen Völkern muslimischen Glaubens. Da das dt. Wort Mohr mit problematischen kolonialen Vorstellungen verknüpft ist, schwingt immer eine negative Konnotation mit, auf frz. kennt man das Wort Maure und den „Tête de Maure“, ein schwarzer Kopf, der das Wappen Korsikas ziert. )