Wie schmecken Seeigel? Meine erste Garoinada

Seeigel kann man tatsächlich essen! Viele Menschen betrachten sie sogar als Delikatesse, das habe ich jedenfalls gehört. Aber wie die Dinger schmecken, muss ich endlich einmal selbst ausprobieren. Als ich noch klein war, habe ich mir beim Urlaub am Mittelmeer die Stacheln der Seeigel beim Baden immer in die Füße gerammt. Damals hätte ich nicht im Traum daran gedacht, dass ich eines Tages so ein Ding essen würde. Als mich Marta, von der Oficina de Turisme in Palafrugell zu einem Bootsausflug mit Seeigelessen einlädt, kann ich natürlich nicht Nein sagen.

Garoinada Rafel bootsausflug

Es ist Sonntagmorgen, kalt, aber die Sonne scheint. Schon früh um zehn treffen wir uns im Hafen und suchen zusammen unser Boot. Es ist das Letzte in der Reihe, ein wunderschönes, altes Holzboot. Wenn ich groß bin, will ich auch so eins haben. Joan, der Kapitän und stolze Besitzer der Rafael, begrüsst uns und führt uns auf sein Schiff. Er erzählt auch gleich, dass die „Rafael“ in diesem Jahr schon hundert wird.

Die „Rafael“ ist ein Zwillingsschiff, es gibt also noch eine baugleiche Schwester, die Bartolomé. Die „wohnt“ aber auf Ibiza. Gebaut wurden die beiden Boote nämlich Anfang des letzten Jahrhunderts von zwei Brüdern auf Mallorca. Die Brüder waren Fischer und brauchten zwei Boote, um die Netze zwischen sich zu spannen und alles zu fangen, was da eben ins Netz ging. Vor zwanzig Jahren hat Joan dann die Rafael gekauft und fährt nun, im Sommer wie im Winter, an der Costa Brava hoch und runter.

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Seeigel haben früher eigentlich eher die armen Leute gegessen. Erst seit ein paar Jahren ist die Garoinada in Mode gekommen. Garoines nennt man die Seeigel, die auf Spanisch erizos de mar heißen, nur hier in Palafrugell. In den Nachbarorten heißen sie ganz anders. Aber wie auch immer, heutzutage ist es schick Seeigel zu essen. Garoines kommen fast schon nach Kaviar.

Früher sammelten die Leute einfach ein paar dieser Meeresigel im flachen Wasser ein, brachen sie auf und stippten ihr Brot da rein. Brot hatten auch die Ärmsten zu essen, und mit dem Seeigel kriegte das Brot dann auch etwas Geschmack. Ob die Dinger sehr nahrhaft sind, weiß ich nicht. Als Joan den ersten Seeigel knackt, läuft jede Menge Wasser raus. Zum Knacken benutzt er so was wie eine Nußknacker-Guillotine. Von den beiden Hälften isst man nur eine. Die andere, die mit der Mundöffnung, fliegt zurück ins Meer.

garoina seeigel garoinada

Erst habe ich ein wenig Skrupel. Die Dinger leben ja schließlich noch, wenn er sie knackt. Ich stelle mir das ein wenig vor, wie Austern zu essen. Habe ich übrigens auch noch nie probiert. Als ich dann aber sehe, dass da außer Wasser gar nichts drin ist, verflüchtigen sich meine Bedenken. Muscheln esse ich ja schließlich auch und sogar Tintenfische, obwohl die total intelligent sein sollen und auch noch fast menschliche Augen haben. Unter Wasser bewundere ich diese Tierchen immer. Wenn sie auf dem Teller liegen, kann ich aber nicht Nein sagen. Pulpo und Calamares schmecken einfach total lecker. Sorry.

Jedenfalls kommen mir die Seeigel nicht wirklich lebendig vor. Irgendwie haben sie mehr was von stacheligen Pflanzen. Also schnappe ich mir so eine Hälfte und tunke mein Brot in das Orange. Die Konsistenz ist ein wenig schwammig und schleimig, es schmeckt zunächst nach Nichts, dann ein wenig salzig, nach Meerwasser eben. Viel ist in so einem Seeigel ja eh nicht drin. Insgesamt passt das essbare Innere auf einen kleinen Teelöffel. Satt wird man davon also nicht.

Seeigel bootsausflug Rafael

Joan schneidet noch katalanische Wurst auf und verteilt Rotwein. Rotwein zu trinken sei bei einer Garoinada sehr wichtig. Wichtig für die Verdauung, frag ich mich? Oder einfach nur, weil es besser schmeckt? Keine Ahnung, aber ich trinke gern mit. Während unser Kapitän also die Seeigel knackt, wie andere Leute Walnüsse, erfahre ich noch ein bisschen mehr über diese Dinger, Tiere, … Vielzeller.

Seeigel Beilage Rotwein

Es gibt Männchen und Weibchen, das kann man an den verschiedenen Farben im Inneren sehen. Die Weibchen sind die, die innen orange sind. Die Männchen sind eher beige oder weißlich. Ich zucke leicht zusammen, als Joan meint, dass das, was man da isst, die Geschlechtsdrüsen der Seeigel seien. Wie bitte? Wie vermehren die sich denn? Das muss ich noch mal in Ruhe zu Hause herausfinden. Ich schlürfe mein zweites Seeigelgeschlecht aus seiner stacheligen Schale. Es schmeckt immer noch nach salzigem Meerwasser.

Auf jeder Fahrt, darauf legt Joan ganz viel Wert, wird ein Seeigel wieder zurück ins Wasser geworfen. Schwupps, schon fliegt einer der Stachelhäuter über Bord. Für Joan ist das wie eine Danksagung ans Meer. Und an die Seeigel natürlich auch.

Seeigel gibt es in ganz unterschiedlichen Farbnuancen. Manche sind lila, manche schwarz, manche eher bräunlich. Dennoch gehören sie alle zur selben Familie. Wahrscheinlich ist das so ähnlich wie die unterschiedliche Haarfarbe bei Menschen, einfach nur ein Unterschied in der Farbe, der Rest ist gleich.

Seeigel Farben

bunte Seeigel Garoines

Und warum isst man die Garoines nur im Winter? – muss ich von Joan unbedingt noch wissen. Im Sommer gibt es sie ja auch zuhauf an den Stränden. Theoretisch kann man sie auch im Sommer essen, – erklärt er mir. Im Winter ist das Wasser aber flacher und ruhiger, sodass es zu dieser Jahreszeit leichter ist, die Seeigel einfach aufzusammeln. Zufälligerweise sind sie gerade im Januar und Februar auch dicker, also besser gefüllt, als in anderen Monaten des Jahres. Woran genau das liegt, weiß Joan aber auch nicht. Das bleibt dann wohl das Geheimnis der Seeigel.

Seeigel innen

Nach der dritten Garoina lehne ich mich mit meinem Glas Rotwein an die Reling und genieße die Aussicht. Auch wenn es eine kalte Brise weht, ist diese raue Küste die da an uns vorbeizieht einfach nur wunderschön. Wäre jetzt Sommer, würde ich direkt ins Wasser springen. Aber im Februar ist mir das doch ein wenig zu kalt.

seeigel essen

Kleine Seeigelkunde

Namen: Garoines heißen die Seeigel nur in Palafrugell. Garotes, oricios, ourizos, oder einfach erizo de mar nennt man sie in anderen Orten Spaniens. Auf Englisch sagt man Sea urchin, Oursin auf Französisch.

Vorkommen: So unterschiedlich die Namen für diese stacheligen Kugeln in den einzelnen Ländern auch sind, die Seeigelkommen in allen Meeren der Welt vor.

Größe und Gewicht: Je nach „Sorte“ können sie von 5 bis zu 30 cm groß werden, zwischen 50 und 200 g wiegen und sogar richtig alt werden. In Kalifornien soll es eine Sorte Seeigel geben, die angeblich bis zu 200 Jahre alt werden kann. Natürlich nur, wenn sie nicht vorher von Seeottern, Fischen oder von uns Menschen gegessen werden.

Die meisten Seeigel ernähren sich von Algen, aber nicht alle sind Vegetarier. Mit ihren kräftigen Zähnen können sie auch Seegurken, Muscheln oder kleine Fische verspeisen!

Sind die Stacheln giftig? Manche Tiere, wie der Rote Diademseeigel, sondern Gift über ihre Stacheln ab, also besser vorsichtig, wenn man sie im Wasser trifft. Meistens sind Seeigel allerdings nicht giftig, sich an ihnen zu pieksen ist dennoch schmerzhaft. Die Stacheln dienen übrigens nicht nur der Verteidigung vor Fressfeinden, sondern helfen auch bei der Fortbewegung im Sand.

Wie viele Arten gibt es?  Laut Meerwasserlexikon gibt es an die 900 verschiedene Arten der Seeigel.

Wir Tauchen mit dem Physikprofessor - Verregnete Karibik 8Beim Tauchen auf Bastimentos Panama – Seeigel

Guadeloupe Mangroven seeigelIn den Mangroven Guadeloupe – Oursins de mer

Der Traum der Südsee, die Inseln in Französisch Polynesien 12Seeigel Polynesien (Foto: by Carmeta)

Die Diademseeigel erkennt man an ihren ungewöhnlich langen Stacheln. Sie leben im Pazifik, im Atlantik und im Roten Meer, kommen aber auch im Mittelmeer vor.

Die in Südeuropa gern und häufig verspeisten Seeigel sind meist Steinseeigel. Wie die „essbaren Seeigel“ gehören sie zur Ordnung der „echten Seeigel“. Im Mittelmeer kommen auch die recht ähnlich aussehenden Schwarzen Seeigel vor, die aber nicht geniessbar sind. Und dann gehören natürlich noch die oben schon erwähnten Diademseeigel, Lederseeigel, Lanzenseeigel, Herzseeigel und sogar Sanddollars mit zur Familie.

Seeigel sind durchaus lebendige Tiere, von denen es männliche und weibliche Wesen gibt. Die tun sich (wann genau weiß man nicht) zusammen, um sich fortzupflanzen. Man hat ganze Gruppen dieser Tierchen beobachtet, die so dicht aneinander, wie die Stacheln es eben ermöglichen, die Flüssigkeiten mit den Samen- und Eizellen ausstossen, damit die sich im Wasser treffen und befruchten können.

Seeigel haben einen kalkartigen Panzer, eine Mund- und eine Darmöffnung, aber kein Herz, kein Gehirn und auch kein Nervensystem.

Seeigel garoina
Wie schmecken Seeigel? Meine erste Garoinada 8
Seeigel essen:

Während Japaner Seeigel am liebsten roh essen, kann man sie in vielen Mittelmeerländern auch als Soße zu Pasta oder in Reisgerichten finden. In Japan heißen die orangefarbenen Drüsen der Seeigel Uni und gelten als Delikatesse, die frisch zu Sushi gegessen wird. An der Costa Brava isst man die Innereien der Seeigel auch so frisch wie möglich, aber man stippt sie traditionell meist einfach mit Brot aus und trinkt ein oder zwei Gläser kräftigen Rotwein dazu.

Ich habe noch nie Seeigel selbst gesammelt, aber an der Costa Brava kann man sie zu bestimmten Zeiten in den Fischläden der Hafenstädte kaufen. Seit ein paar Jahren gibt es in unserer Familie zu Weihnachten als Vorspeise eine leckere Auswahl frischer Meeresfrüchte, wozu außer Muscheln und Austern nun auch meistens ein paar Seeigel gehören. Meine Schwägerin hat ein spezielles Gerät, das wie Joans Guillotine aussieht, mit dem sie flink und zackig die Tierchen in zwei Hälften teilt.

Seeigel guillotine

Seeigel knacken

Falls Du noch nie Seeigel gegessen hast und sie einmal selbst probieren möchtest, würde ich Dir auf jeden Fall raten, sie erst in einem Restaurant zu kosten, bevor Du Dich in der eigenen Küche daran wagst, sie zu knacken.

Wer die orangen Seeigeldrüsen nicht einfach so roh essen mag, kann sie auch in einer Soße verwenden. Aber die Seeigel nicht „kochen“. Wenn Du sie in einer Pasta-Soße verwendest, vergiss nicht, dass Seeigel schon sehr salzig sind. Du solltest also mit Salz bei dem Gericht eher sparsam umgehen.

Hier noch eine deutsche und eine französische Website mit tollen Berichten und Rezepten zu den Seeigeln:  https://schlaraffenwelt.de/pasta-mit-seeigel-sauce/  und  https://www.saveurs-magazine.fr/oursin-de-mer-peche/

Garoinada

Jedes Jahr beginnt in Palafrugell das Jahr mit der Garoinada. Viele Restaurants bieten dann für ein paar Wochen spezielle Seeigel-Menüs an. Eine Liste mit ausführlichen Infos, Adressen der Restaurants, Terminen besonderer Aktivitäten und allen Veranstaltungen, rund um diese Igel aus dem Meer, kann man sich auf der Webseite der Touristeninformation herunterladen (sogar auf Deutsch) https://visitpalafrugell.cat/de/kultur/veranstaltungen/garoinada/. Da kann man auch Bootsausflüge, Wanderungen oder Weinproben mit anschließender Seeigel-Verkostung finden.

Wandern auf dem Camí de Ronda 12

Seeigel-Bootsfahrt Infos:

Die Rafael legt im Januar und Februar in Llafranc, das ist eine der drei Buchten die zu Palafrugell gehören, zu den ganz besonderen Bootsfahrten mit Garoina-Verkostung ab. Da das Seeigelessen sehr traditionell katalanisch ist, kommen fast ausschließlich Katalanen hierher. Eine gute Gelegenheit für alle, die auf ihren Reisen gern auf Einheimische treffen und neugierig auf traditionelle Bräuche sind. Die Website ist daher Katalanisch, müsst Ihr Euch mit Google übersetzen: www.telamarinera.es

Der alte Segelschoner fährt natürlich nicht nur zum Seeigel essen aufs Meer hinaus. Mit Joan kann man auch Delfine beobachten oder einfach die wilde Küste einmal von der Seite des Meeres aus bestaunen. Über einen anderen Bootsausflug mit der Rafael habe ich vor einiger Zeit in dem Artikel „Telamarinera“ geschrieben.

Der Kapitän der Rafael Boot Seeigelessen

Telamarinera – mit der alten Rafael an der wilden Küste 7
Vielen Dank an die liebe Marta von Visit Palafrugell, die mich zu dem Bootsausflug eingeladen hat, bei dem ich zum ersten Mal die Garoines probieren durfte. 

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6 Comments

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  1. says: Oli

    Ich hatte im Süden von China aus mal Seeigel probiert. Nein, bereuen tue ich das nicht, aber geschmeckt hats mir aber auch nicht so wirklich und muss deswegen nicht nochmal sein. Mein Prachtexamplar war allerdings ein bisschen grösser als deines.

    1. says: ninotsch

      Hi Olli,

      so ähnlich ging es mir auch. Ist schon ein bisschen „special“. Wie groß sind denn die Seeigel in China????

      LG

  2. says: Charles Rahm

    Danke für die Idee. Da wäre ich nie drauf gekommen! 🙂
    Tut das nicht unendlich weh, wenn man auf so einen Seeigel tritt oder gilt das nur für die tropischen in Südostasien? Mir ist es zum Glück nie passiert. 🙂

    1. says: ninotsch

      Ja drauftreten ist keine so gute Idee. Das tut weh und kann sich auch mal entzünden. Aber Essen ist schon was anderes … spannend 🙂