Im ruhigen Hinterland der Costa Brava bin ich auf dem Weg zu einem ganz besonderen Weinkeller. Empordàlia ist kein klassisches Weingut einer einzigen Familie, sondern eine Kooperative. Genossenschaftlich organisiert, bauen hier viele alteingesessene Familien Wein- und Olivenöl an. Wein und Oliven kamen schon vor rund zweitausend Jahren mit den Griechen und Römern, die an dieser Küste ihre ersten Siedlungen auf der Iberischen Halbinsel errichteten.

Viele Generationen lang lebte die Gegend vom Weinanbau – bis die gemeine Reblaus im 18. Jahrhundert fast allen kleinen Weingütern den Garaus machte. Um Überleben zu können, mussten viele Höfe andere Produkte anbauen, uralte Weinstöcke wurden ausgerissen und durch andere Produkte ersetzt. Doch mit der Zeit erholte sich der Weinanbau von dieser schweren Krise und mittlerweile ziehen sich überall links und rechts der Straßen wieder Weinstöcke bis zu den Hügeln der Albera hinauf.

Empordàlia Weinrebe

1947 wurde die Weinkooperative in Vilajuïga gegründet, 20 Jahre später vereinten sich die Weinbauern aus Pau mit dem benachbarten Roses und 2005 gründen alle drei Gemeinden zusammen schließlich die Genossenschaft Empordàlia. Nicht eine einzige Familie, sondern an die zweihundert kleine Wein- und Olivenbauern arbeiten hier zusammen, um aus ihren Trauben und Oliven das Beste herauszuholen und hochwertige Produkte zu erschaffen.

Empordàlia

Bei meinem Besuch heute führt mich Núria durch die Anlage. Im Eingangsbereich ist eine alte Ölpresse aufgebaut, el Moli de Pau, die bis vor wenigen Jahren noch in Betrieb war.

Núria zeigt mir aber nicht nur die alten und neuen Maschinen, die Tanks, in denen der Wein heranreift, sondern erklärt mir auch die Philosophie, die hinter Empordàlia steckt. Denn außer gemeinschaftlicher Produktion und Verkauf geht es bei den monatlichen Zusammenkünften auch um die Werte der Kooperative. Ganz oben auf der Prioritätenliste steht nicht Gewinnmaximierung, sondern ein verantwortungsvoller Umgang mit der Natur, der Erhalt der Naturlandschaften und das Wohlergehen der Menschen, die hier leben.

olivenölpresse Empordàlia

Zwischen gleich drei Naturparks (Cap de Creus, Aiguamolls und Serra d’Albera) gelegen, genießen die Weingüter nicht nur die Vorteile unverfälschter Natur, die man am Ende in den Trauben schmeckt. Die Weinbauern sind sich auch der Verantwortung bewusst, die sie tragen. Wenngleich nicht alle Höfe Öko-Siegel beantragt haben, um nachzuweisen, dass sie ökologisch arbeiten, werden die meisten Rebstöcke längst nach ökologischen Kriterien bearbeitet. Pheromonfallen statt Chemiekeulen und keine unnötigen Zusatzstoffe während des Reifungsprozesses im Weinkeller. Bei den leider immer häufiger werdenden Waldbränden dienen Weinstöcke auch als Feuerschneise.

weintrauben

Bei unserem Rundgang finde ich den alten Teil des Gebäudes besonders spannend. Denn bevor die Weinbauern ihren Wein in großen Inox-Tanks reifen ließen, nutzte man jahrzehntelang riesengroße Betontanks. Die sehen sogar richtig schön aus. Als mit der Zeit der Anspruch an die Qualität der Weine wuchs, und man auf Inox-Tanks umgestiegen war, nutzte man diese Anlage zur Lagerung der Flaschen, die mittels eines Krans von oben in die kühlen Tanks gehoben wurden. Doch dank einer neuen Technologie, einer besonderen Beschichtung, können seit Kurzem auch wieder Weine hier heranreifen.

alte Tanks Kooperative Empordàlia

tanks Empordàlia
Als wir den „Weinkeller“ betreten, in dem die Eichenholzfässer lagern, umfängt mich ein Duft von Holz und schwerem Rotwein. Lecker. Langsam wird es Zeit, den guten Wein zu probieren. Doch zur Verkostung fahren wir in den anderen Teil der Agrobotiga, wo Núria uns auf einer kleinen Terrasse schließlich durch die Geschmackswelt Empordàlias führt.

Empordàlia

Wir probieren zuerst die Weine. Der Weißwein Mabre, dessen Etikett mit vielen kleinen Fischen verziert ist, heißt übersetzt Marmorbrasse, eine der Brassen, die im nahegelegenen Naturpark des Cap de Creus zuhause sind. Auch die beiden anderen Weine aus dieser Serie sind eine Hommage an die Natur, denn den Rotwein Passarell (benannt nach einer kleinen Finkenart) ziert ein Vogelschwarm und der Rosé Daina (auf dt. Hirsch) erinnert an die Serra d’Albera.

Empordàlia Verkostung

Auch die Weine der Sinols-Serie spiegeln die enge Verbindung von Mensch und Natur wider, denn die hübschen Etiketten zieren ein Seeigel, eine Pustblume und ein Weinstock, Symbole für Wasser, Wind und Erde. Das Besondere dabei ist, dass die Bilder aus echten Fingerabdrücken der Empordàlia-Mitarbeiter angefertigt wurden!

weinEmpordàlia

Núria sagt, man schmecke die Landschaft, das Meer und die Tramontana in ihren Weinen, denn der Nordwind sorgt dafür, dass die Weinstöcke trocken bleiben und sich keine feuchtigkeitsliebenden Schädlinge einnisten können. Und natürlich hat sie recht. Während der kühle Mabre unsere Gaumen erfrischt, schmecke ich Meer und Salz und spüre fast schon eine leichte Brise.

Die Etiketten der edleren ABC-Weine kommen minimalistisch elegant daher, reduziert auf die Lettern A für Antima, B für Balmeta und C für Coromina. Die auf Schieferböden gewachsenen Trauben sind eine Klasse für sich. Antima ist gerade erst bei der Concours Mondial in Brüssel mit der Goldmedaille ausgezeichnet worden. Wir probieren und entscheiden, mindestens eine Flasche Antima wandert sofort in unseren Einkaufskorb.

Weinprobe Empordàlia

Aus den Trauben der ältesten Rebstöcke wird der Wein mit dem altgriechischen Namen Icnos, Fußabdrücke, hergestellt und dann gibt es noch Weine, deren Namen aus katalanischen Sprichwörtern bestehen wie  „Bufar i fer ampolles“ oder „Perdre el Nord“ .

Etiektten Empordàlia

Egal welchen Wein wir probieren, bei allen Unterschieden haben sie alle eines gemeinsam: die Verbindung von Meer und Bergen, den Bezug zur Natur. Besonders deutlich wird das an den von Perico Pastor entworfenen Etiketten des Ença. Wie ein Gemälde zeigt es die Verbindung von Pastor und Meerjungfrau und erzählt eine Geschichte …

Die Geschichte basiert auf einem Gedicht des katalanischen Schriftstellers Joan Maragall, in dem es darum geht, wie ein in den Bergen lebender Hirte und eine im Meer lebende Meerjungfrau sich verlieben und einander annähern. Beide gehen langsam Stück für Stück aufeinander zu, um eine gemeinsame Hütte zu bauen. Diese große Liebe und das Haus, das die beiden bauen, ist das Empordà, die Zusammenkunft von Meer und Bergen poetisch erzählt. Schön oder?

Olivenöl Empordàlia
Dann ist es Zeit, das Olivenöl zu kosten. Dafür nutzen wir die hübschen blauen Gläser, in denen man die Farbe des Öls nicht erkennen kann und sich ganz auf die Nase und die Geschmacksnerven verlassen muss. Das Oli de Pau wird fast ausschließlich aus den im Empordà einheimischen Argudell-Oliven produziert. Außer Argudell finden sich auch ein paar Bäume der Sorte Corivell in den Olivenhainen, denn als man damals die Bäume pflanzte, versprach man sich dadurch eine bessere Bestäubung. Die Menge der Corivell-Oliven macht jedoch nur einen kleinen Prozentsatz aus.

Schon der Duft des Öls ist angenehm sanft und frisch. Mit geschlossenen Augen sehe ich sofort die satten, grünen Triebe eines Tomatenstrauchs vor mir. Die Bitterstoffe sind nicht sehr stark, das Öl ist samtig und aromatisch. Auch davon wandert ein Kanister in unseren Einkaufswagen.

Informationen Empordàlia

Die Agrobotiga ist auch ein Verkaufspunkt für Produkte anderer lokaler Produzenten.  Neben Öl und Wein kannst du hier Wasser aus den unterirdischen Quellen Vilajuïgas,  Anchovis aus l’Escala, Honig, Käse, Marmelade und sogar frisches Obst und Gemüse der nahe gelegenen Biohöfe kaufen.

wasser vilajuïga

Wenn du Lust hast, den Wein nicht einfach nur bei einer Verkostung zu probieren, findest du auf der Website ganz viele Aktivitäten wie Picknick, Bootsfahrten, Radtouren oder nächtliche Sternstunden, bei denen du die Weine probieren kannst.

Empordàlia
Carr. de Roses a Vilajuïga
17494 Pau (Girona)
Website 
Tel. 972 53 01 40

Du findest den Weinkeller mit kleinem Laden kurz vor dem Örtchen Pau, direkt an der Landstraße, die von Roses ins Hinterland bis nach Espolla führt (GI 604). Von Figueres aus kommend, fährst du auf der N 260 Richtung Llançà. In Vilajuïga selbst gibt es eine größere Agrobotiga, wo du die Produkte verkosten kannst.

agrobotiga Empordàlia