Die Açaí Pflücker vom Furo do Miguelão

Eigentlich fährt Imperião mit seinem kleinen bunten Holzboot jeden Tag zwischen Salvaterra und Soure, dem Hauptort der Ilha Marajó, hin und her. Neben dieser Art Fährbetrieb übernimmt er ab und zu auch private Bootstouren. So wie heute. Dann führt er Besucher wie uns zu kleinen versteckten Nebenflüssen wie dem Furo do Miguelão.

Ausflug zum Furo do Miguelão

Unser Bootsausflug beginnt in dem winzigen verschlafenen Hafen von Soure. Dort liegen mehrere alte Holzschiffe mehr oder weniger im Sand. Einige der vor sich hinrottenden Schiffe erinnern an kleine Mississippidampfer, nur ohne Schaufelrad. Leider sind fast alle Boote schon halb verfallen und dümpeln in den plätschernden Wellen nur noch vor sich hin. Richtig seetauglich sehen sie nicht mehr aus.

Boot Hafen Ilha Marajó Furo do Miguelão

boot Furo do Miguelão

Doch zwischen all diesen traurigen Schiffswracks liegen auch noch ein paar funktionstüchtige Boote. Die größeren unter ihnen, ich vermute, es sind Fischerboote, sehen richtig schön aus. Man müsste nur an einigen Stellen das Holz ausbessern und alles neu anstreichen. Auf diesen belebten Schiffen scheinen sogar Leute zu leben. Junge und mittelalte Männer hocken dort träge an Deck. Einer schaut gelangweilt dem Treiben am Strand zu. Einer hängt Wäsche auf, ein anderer schläft.

 Paracauari fluss Furo do Miguelão Brasilien Amazonas

Wir legen ab. Zunächst fährt Imperião den Rio Paracauari flussaufwärts. Immer weiter entfernen wir uns von der kleinen Siedlung. Immer seltener sind Häuser am Ufer zu sehen. Wir dringen immer tiefer ins Innere der großen Flussinsel vor. Bald kommen uns nicht einmal mehr andere Boote entgegen und wir sind allein auf dem breiten Fluss. Um uns herum nur das Grün der Wälder, das Blau des Himmels und das schlammige Grau des Flusses.

 Paracauari fluss Furo do Miguelão Brasilien Amazonas

 Paracauari fluss Furo do Miguelão Brasilien Amazonas Strudel

Wir fahren und fahren, immer weiter. Die riesige Insel scheint kein Ende zu nehmen. Der Fluss ist zwar etwas schmaler geworden, als zu Beginn unserer Fahrt, doch auch nach fünfzig Minuten ist er noch sehr viel breiter als die meisten europäischen Flüsse, die ich kenne. Der Wind weht heute ziemlich heftig und so bildet das Wasser an vielen Stellen kleine Strudel. Zum Schwimmen sollte man vermutlich vorher einen Fischer fragen, wo es ungefährlich ist, ins Wasser zu gehen.

Dann wird endlich so etwas wie ein Loch im endlosen Grün des Ufers sichtbar. Eine kleine Öffnung im Gebüsch, durch die wir auf einen schmalen Flussarm einbiegen. Wir sind am Furo do Miguelão angelangt. Sobald wir in den Kanal eingebogen sind, befinden wir uns in einem grünen Tunnel. Über uns und um uns herum ist Urwald. Mangroven strecken ihre Wurzeln ins Wasser. Ein kleines Äffchen mit hellem Fell hockt in dem Baum über uns. Die Palmenzweige ragen tief ins Wasser und streifen das alte Holzboot.

Nach einer Weile stellt Imperião den Motor ab und greift zu einem dicken Ruder. Nun herrscht absolute Stille um uns. Ich höre nur noch das gleichmäßige Eintauchen des Paddels ins Wasser. Fast geräuschlos gleiten wir dahin. Die Blätter rascheln im Wind. Im Gestrüpp der Mangroven knackt es und in der Ferne ist von irgendwo ein leises Zirpen zu hören.

   Mangroven Kanal grün açaí Beere Furo do Miguelão Brasilien Amazonas

Ich erlebe den Moment wie in Zeitlupe, gefangen von dieser einfachen Schönheit der Natur. Alle meine Sinne sind hellwach und dennoch fühle ich mich wie gelähmt. Ich kann mich kaum bewegen, nur konzentriert gucken. Ich bin ganz Auge und Ohr. Alles will ich festhalten, will ich mitnehmen, in mir bewahren. Doch langsam weichen diese ersten Minuten der freudigen Aufregung einer entspannteren Gelassenheit. Irgendwie hat die Natur immer diese beruhigende Wirkung auf mich. Statt wie gebannt mit der Kamera jede Sekunde einfangen zu wollen, lege ich mich mit den Rücken auf die Bank im Boot und lasse die Blätter und den Himmel über mich hinwegziehen. Ich fühle mich frei, unbeschwert.

Mangroven Kanal grün açaí Beere Furo do Miguelão Brasilien Amazonas
Mangroven Furo do Miguelão
 Furo do Miguelão Amazonas

Viel zu schnell neigt sich unsere Fahrt durch den Kanal dem Ende. Immerhin hat sie fast eine Stunde gedauert, aber ich könnte einfach noch länger hier bleiben. Kurz bevor wir den kleinen, stillen Furo do Miguelão verlassen und der großen Rio Paraguari wieder in Sicht kommt, nähert sich ein anderes Boot. „Pescadores? Fischer?“ frage ich Imperião. Vielleicht ein Vater mit seinen Söhnen oder Neffen. „Nein“, antwortet mir unser Bootsführer und schüttelt mit dem Kopf. „Açaí!“ ruft er stattdessen und zeigt dabei mit dem Finger nach oben.

açaí Beere Furo do Miguelão

Die Açaí Pflücker:

Seit ich in Rio de Janeiro vor einigen Jahren zum ersten Mal Açaí probiert habe, bin ich in dieses leckere Mus ganz vernarrt. Die Beeren sollen hier aus dem Norden kommen, so viel weiß ich. Doch bisher ist es mir nicht gelungen, irgendwo die wirklichen Früchte zu finden. Egal wo, gab es bisher immer nur das lila Beerenmus. Doch nun zeigt Imperião auf die Palmen direkt über uns. Dort hängen kleine dunkelblaue Beeren, ganz weit oben in den Palmenzweigen. Normalerweise klettert also einer der Jungen hoch, schneidet die Zweige ab und wirft sie runter.

Als das andere Boot ungefähr auf unserer Höhe ist, erkenne ich auch, dass sie bereits einige Stapel dieser Palmenzweige gesammelt haben. Der Vater pflückt gerade die Beeren von dem strauchigen Geäst und füllt alles in einen großen Sack. Die leer gerupften Zweige wandern über Bord, ins Wasser. Imperião grüßt die Açaí-Pflücker freundlich und darf sich eine kleine handvoll Beeren nehmen, um sie uns zu zeigen. Er reicht mir die Beeren zum Probieren. „Aber vorsichtig. Man kann nur die Schale essen. Der Kern ist hart und ungenießbar“, erklärt er. Ich bin etwas erstaunt. Wie kann man denn bei Beeren die Schale essen?

açaí Beere Furo do Miguelão

açaí Beere Furo do Miguelão

Vorsichtig beiße ich also in eine kleine lila Frucht hinein und schon habe ich den Kern zerteilt. „Não!“ lacht Imperião und gibt mir noch eine Beere. Dieses Mal beiße ich noch behutsamer, kratze eigentlich nur mit den Zähnen. Die Açaí bestehen tatsächlich nur aus einer hauchdünnen Schale, die einen sehr, sehr harten Kern umhüllt. Diese dünne Schicht muss man regelrecht abschaben, um daraus Açaí, das lila Superfood, zu gewinnen. Hinter einem einzigen Schälchen Beerenmus muss ja eine wahnsinnige Arbeit stehen! Sehr ergiebig sind diese Beeren definitiv nicht, denn rund 99 % der Frucht besteht aus Kern. Jetzt verstehe ich auch, warum ich bislang nirgends frische Açaí Beeren gesehen habe. Man kann die Dinger überhaupt nicht roh essen. Und die Verarbeitung findet offenbar hier oben auf kleinen Farmen im Amazonas statt.

açaí Beere Furo do Miguelão

Vom Açaí leben können hier allerdings nur die wenigsten. Für die meisten Pflücker ist das nur ein Nebenverdienst. Sie verkaufen ihre Ernte in Soure. Dort kann man die Beeren dann an kleinen Ständen mit einer roten Fahne finden und sich sein eigenes Açaí zubereiten. In großen Mengen werden die Beeren auf regelrechten Açaí Farmen angebaut. Dort werden sie direkt zu Mus verarbeitet und nach Rio de Janeiro oder São Paulo verkauft, wo die Leute ihr Açaí als süßes Frühstück mit Banane oder Erdbeeren, mit Tapioka oder Granola essen.

Imperião schüttelt sich schon bei dem bloßen Gedanken daran, Zucker an die Beeren zu tun. Er mag Açaí nur pur. „Natur“ wie er das nennt, schmecken die Beeren allerdings recht bitter. Aber hier oben im Norden kennt man das nur auf diese Art. Hier gibt es Açaí eben in der salzigen Version. Das ist halt echtes Amazonasfood. Die Einheimischen essen das lila Mus zusammen mit Huhn oder Fisch, als Sosse oder Beilage, aber niemals süß. Das sei so eine verrückte neue Mode der Großstädter, findet Imperião.

açaí Beere Furo do Miguelão

Langsam machen wir uns wieder auf den Rückweg. Wegen der Strömung und des heftigen Windes geht es zurück schneller, wenn wir wieder durch den Furo do Miguelão fahren, als auf dem großen Fluss. Wir kürzen also ein Stückchen ab, bevor wir schließlich das letzte Stück der Fahrt wieder auf dem Rio Paracauari zurücklegen müssen.

Mangroven Kanal grün açaí Beere Furo do Miguelão Brasilien Amazonas Boot

Dicht vor unserer Nase fliegen rote Ibisse vorbei. Sie lassen sich in der Nähe eines badenden Wasserbüffels nieder. Am Ufer hocken elegante weiße Vögel mit langem, gebogenem Hals. Je näher wir der Stadt kommen, umso mehr Boote, Häuser und Menschen tauchen auf. Am Ufer spielen fröhliche Kinder und planschen im Wasser.

roter ibis

Wieder kommt ein kleines Fischerboot in Sicht. Wieder scheint ein Vater mit drei jungen Männern unterwegs zu sein. Dieses Mal wollen sie aber wohl doch Fischen. Einer der Jungen wirft gerade einen dicken Stein als Anker ins Wasser, die anderen schauen zu. Doch schon sind wir an ihnen vorbei.

In der Nähe des Fähranlegers üben ein paar Jugendliche Radschlagen. Geschicklichkeitsübungen in Badehose. Kräftemessen auf der Insel. Etwas weiter ist eine Gruppe Kinder damit beschäftigt, über die halb versunkenen Boote ins Wasser zu rutschen. Unbeschwert springen sie fröhlich auf den Wracks hin und her. Auch eine junge Mutter sucht mit ihrem Kind im Arm Erfrischung im Fluss. Sie macht Platz, als Imperião mit dem Boot das Ufer ansteuern. Und dann sind wieder im Hafen.

Infos zum Furo do Miguelão

So verträumt und natürlich der Furo do Miguelão auch aussieht, ist er doch künstlich angelegt. Der ungefähr zwei Kilometer lange Kanal wurde von Menschenhand geschaffen. In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts legte man hier viele solcher Kanäle an, um über diese Wasserwege die großen Entfernungen zwischen den abgelegenen Fazendas abzukürzen. Mit dem Boot gelangt man nämlich schneller von einer Fazenda zur anderen, als auf dem Landweg.

Die Bootstour mit Imperião hat 70 Reais gekostet. Er hat uns direkt an unserer Pousada O Canto do Frances auf der Ilha Marajó abgeholt. Da der Hafen aber wirklich keine fünf Minuten von dort entfernt ist, sind wir zurück dann allein zu Fuß gegangen.

Furo do Miguelão
Rio Paracauari
Ilha Marajó
Belém/ Pará

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