Camprodon – Modernisme in den Bergen

Es ist Sommer und es ist heiß. So um die Jahrhundertwende herum muss es zu dieser Jahreszeit in den engen Gassen Barcelonas unerträglich stickig gewesen sein. Die heute breit angelegte Eixample wurde vor rund hundert Jahren ja gerade erst gebaut, die Altstadt platzte damals schon aus allen Nähten. Kein Wunder also, dass sich die richtig reichen Einwohner Barcelonas für die Sommermonate gern ein ruhiges Plätzchen auf dem Land suchten. Jeder, der etwas auf sich hielt, hatte eine kleine Sommerresidenz außerhalb der Stadt. So kam es, dass die katalanischen VIPs auf der Suche nach Erholung das kleine Dörfchen Camprodon in den Pyrenäen entdeckten.

camprodon pyrenäen

Wahrscheinlich waren sie genau wie ich fasziniert von der romanischen Brücke, die heute noch wie vor Hunderten von Jahren so malerisch über den Fluss führt. Genau genommen fließen an dieser Stelle zwei Flüsse zusammen, nämlich Ter und Ritort. In fast vierzehn Meter Höhe verlief hier über die Brücke einst die von Frankreich kommende Straße zum mittelalterlichen Stadttor, der Porta de Cerdanya.

romanische Brücke Camprodon
camprodon romanische brücke oben

Vom mittelalterlichen Ort ist allerdings nicht viel erhalten geblieben. Durchschreitet man das Tor, gelangt man in das Viertel, das sich früher am Fuße einer Burg befand. Die Burg gibt es bis auf einzelne Mauerreste nicht mehr. Nur ein paar der Häuser, die vor langer Zeit einmal ein kleines, jüdisches Viertel waren, sind noch erhalten.

camprodon zusammenfluss ter und ritort

camprodon fluss

Würde ich von oben auf Camprodon gucken, dann sähe ich ein Dreieck. Der kleine Ort erstreckt sich entlang der beiden zusammenkommenden Flüsse in eine Ober- und eine Unterstadt. Während man die Gegend um die Burg Vila Baix (Unterstadt) nennt, bezeichnet man den Ortsteil, der um das Kloster herum entstand, als Vila d’Alt (Oberstadt).

kloster Camprodon

Von dem Kloster in Camprodon ist leider nicht mehr viel übrig geblieben, nur die leere Klosterkirche steht heute noch. Dabei war dies einst, neben Ripoll und San Joan de les Abadesses, das dritte bedeutende Kloster, das Guifré der Haarige um das Jahr 900 hier in der Gegend gründete.

Aber zurück zu unseren Sommerurlaubern der Jahrhundertwende. In dem kleinen Bergdorf gab es natürlich nicht denselben Luxus wie in Barcelona. Diese ultrareichen Barceloner brachten ihren ganzen Hofstaat mit, Köche, Fahrer, Kammermädchen, Bedienstete für dies und das eben. In den einfachen Herbergen konnten diese Leute natürlich nicht alle übernachten. Aber wo Geld ist, findet sich schnell ein Weg: Flugs wurden edle Hotels für die zahlenden Gäste gebaut und die Gäste selbst ließen sich pompöse Paläste errichten. Wer es sich leisten konnte, engagierte als Architekten einen der angesagten Superstars des Modernisme.

Vor einem solchen Palast stehe ich nun, während mir Montse, die mich durch Camprodon führt, diese ganze Geschichte erzählt.

Hotel camprodon Modernisme

Auf dem zentralen Platz mit seinen Cafés und einem Schatten spendenden Baum in der Mitte sticht ein orange-rötlich leuchtendes Gebäude besonders hervor, das Hotel de Camprodon. Der Besitzer des kleinen Gasthofs, der hier einmal stand, ein gewisser Herr Rigat, hatte das große Los gezogen: In einer Lotterie gewann er richtig viel Geld. Das investierte er in den Bau eines schicken Hotels für die immer zahlreicher anreisenden Gäste aus Barcelona. Romantische Elemente des Modernisme, wie die eisernen Balkone und die Verschnörkelungen mit den Buchstaben R für Rigat, mischen sich mit klaren Linien des etwas klassischeren Noucentisme. Das Geschäft lief gut, das Hotel gibt es noch heute. Da hatte Herr Rigat wohl den richtigen Riecher.

„Aber der letzte Schrei war damals das Kino“, erklärt Montse. Direkt neben dem Hotel befindet sich nämlich ein Cinema. „Eine Zeit lang gab es in Camprodon sogar mehrere Säle. Es standen mehr Kinosessel zur Verfügung,  als es Dorfbewohner gab!“

Überall stoßen wir auf steinerne Zeugen dieser Zeit des Reichtums, der wie eine Welle über den kleinen Ort schwappte. Leider sind einige der alten Paläste dem Verfall preisgegeben. Bei einem besonders schönen Gebäude steht nur noch die Fassade. Durch eine Ritze in der Tür kann ich in den Innenraum hinein schielen, eine einzige große Baustelle. Wie schade. „Kann man das denn nicht restaurieren?“, frage ich. Es wäre doch eine Schande, das hier einfach verfallen zu lassen. „Wenn das so einfach wäre. Eine angemessene Restaurierung würde Unsummen kosten und für so etwas ist einfach kein Geld da.“ Da müsste wohl mal wieder einer im Lotto gewinnen.

camprodon detail haus modernisme verfallen

Während wir weiter spazieren, macht Montse mich auf modernistische Elemente an einigen einfach gebauten Häusern aufmerksam. „Die Reichen ließen sich zwar ihre Paläste von Architekten aus Barcelona entwerfen, aber die Arbeiten selbst wurden von den Handwerkern aus Camprodon ausgeführt. Und wenn so ein Steinmetz oder ein Schmied gelernt hatte, diese hübschen Verzierungen für die Paläste der Reichen zu machen, dann hat der eine oder andere von ihnen diese neuen Techniken auch bei seinem eigenen Haus eingesetzt.“ Und so haben manche der einfachen Wohnhäuser schicke, schmiedeeiserne Balkone mit modernistischen Blumenelementen oder Bienen.

Biene modernistische elemente Camprodon
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In der kleinen Fußgängerzone Carrer Valencia liegen Läden und Bars dicht nebeneinander. Auch hier findet Montse wieder zahlreiche modernistische Elemente: Da gibt es die Can Vila, den früheren Sitz der Telefónica, mit ihren schmiedeeisernen Balkonen, Can Blanch, mit einem hölzernen Balkon und Can Suris, das auch das Haus der Nonnen genannt wird. Can Suris war ursprünglich ein Weinladen, später lebten dann eine Zeit lang Nonnen in dem Haus, heute ist es eine Apotheke.

Das Besondere an Can Suris ist, dass die aufwendige Keramikdekoration nicht nur an der Fassade, wo sie jeder sieht, sondern auch an der Seitenstraße und sogar auf der Rückseite des Hauses angebracht sind! Das war schon eher ungewöhnlich damals. Normalerweise legte man lediglich Wert darauf, nach vorne zur Straße hin, gut auszusehen. Aber hier finden wir die grünen, kugelartigen Ornamente und schmiedeeiserne Verzierungen rund um das Gebäude herum.

can suris camprodon
camprodon can suris modernisme
camprodon Can Suris hinten modernisme

Über die Brücke gelangen wir zu einem kleinen Spazierweg. Hier stand früher ein Krankenhaus. „Weißt du, was das ist?“, fragt mich Montse und zeigt auf einen Zaun. „Ein Zaun?“ blöde Antwort, ich weiß, aber ich habe keine Ahnung, worauf sie hinaus will. „Aus den vielen Bettgestellen, die nach der Schließung des Krankenhauses praktisch Müll waren, hat man dieses Geländer zum Fluss gebaut!“ klärt sich mich schließlich grinsend auf. Wahnsinn. Jetzt wo ich es weiß, erkenne ich die Bettgestelle sofort. Auch auf dieser Seite des Flusses finden wir schicke Paläste, die an den Reichtum der Besucher um die Jahrhundertwende erinnern.

Camprodon fluss Bettgestell

Kurz vor dem Ortsausgang kommen wir zu einer alten Keksfabrik. Urlauber wollen natürlich immer Andenken mit nach Hause nehmen. Das war auch früher so. Offenbar nahmen die reichen Sommerresidenzler gern Essbares aus den Bergen mit nach Barcelona. Da sich Kuchen und Torten schlecht transportieren ließen, verpackte ein kluger Konditor seine leckeren Kekse in einer hübschen Metallschachtel. Trocken und einfach zum Mitnehmen. Sofort entwickelte sich dieses Gebäck zu einem wahren Verkaufsschlager. Bald konnte man die Galetes Birba nicht nur in Camprodon, sondern in ganz Katalonien kaufen. Noch heute gibt es diese gelben Schachteln mit der romanischen Brücke in vielen Feinkostläden. Die Fabrik selbst befindet sich heute längst außerhalb des Ortes – auf dem Weg hierher ist sie sofort am Duft nach frischen Keksen zu erkennen.

camprodon galetas Briga
Hinter der alten Keksfabrik erstreckt sich ein parkähnlicher Spazierweg. „Der Passeig Maristany ist genauso breit wie der Passeig de Gracia und angelegt wie die Ramblas: In der Mitte ein breiter Weg zum Promenieren, rechts und links Wege für die Kutschen, bzw. Autos.“ Und alles ist schön grün, mit vielen Bäumen. Auf diesem Passeig spielt gerade ein Papa mit seinen Kindern Fußball. Während in Barcelona heute die Autos hin und her rauschen, ist es hier wirklich erholsam ruhig.

passeig maristany camprodon

Zwischen den Bäumen und Büschen kann ich von parkähnlichen Gärten umgebene Wohnhäuser erkennen. Als im Dorfzentrum der Platz knapp wurde, bauten die Reichen hier ihre Paläste. Schick! Montse erzählt, dass während des Spanischen Bürgerkriegs die geflohene Regierung der Zweiten Republik eine Art provisorischen Sitz in einem dieser Häuser hier hatte. Juan Negrin, der republikanische Präsident, musste mit seiner Regierung vor den Francotruppen flüchten. Der Regierungssitz war bereits nach Barcelona verlegt worden, das noch nicht von Franco eingenommen war. Juan Negrin selbst residierte jedoch hier in den Bergen von Camprodon, kurz vor der französischen Grenze, wo es sicherer war, als in der katalanischen Hauptstadt. Letztendlich siegte dann doch Franco und die Regierung musste ins Exil nach Frankreich flüchten.

camprodon haus passeig maristany

passeig maristany Haus mit kloster soria camprodon

Vor einem der letzten Häuser an diesem Spazierweg macht mich Montse auf etwas Besonderes aufmerksam. Vorsichtig luschere ich durch die Blätter der Büsche: Hinter dem Haupthaus scheint ein romanisches Portal zu stehen. Montse erzählt mir die Geschichte dazu.

versteckt kloster soria Camprodon

Der Besitzer dieses Hauses in Camprodon, ein steinreicher Katalane, hatte irgendwie mitgekriegt, dass ein Amerikaner das Kloster San Esteban de Gormaz in der Provinz Sòria gekauft hatte und mitnehmen wollte. Reiche Amerikaner kauften zu dieser Zeit offenbar alte Schlösser, Burgen und Klöster aus ganz Europa, ließen die historischen Gebäude Stein für Stein abtragen und bei sich zu Hause wieder aufbauen.

Um diesen Kulturklau in letzter Minute zu verhindern, bot der Katalane dem amerikanischen Millionär so viel Geld, dass er das Kloster, oder zumindest entscheidende Teile davon, die bereits als „Baumaterial“ in Eisenbahnwaggons lagerten, zurückkaufen konnte. Auf seinem Grundstück in Camprodon ließ er die einzelnen Teile des Klosters in einem romanisch anmutenden Komplex wieder aufbauen. Die Geschichte an sich ist schon merkwürdig und geht eigentlich sogar noch weiter, weil dem reichen Katalanen wohl niemand glaubte, dass er das Kloster in Sòria gekauft und nicht einfach geklaut habe. Es kam zu wilden Gerüchten und heftigen Spekulationen, die er mit einem gültigen Kaufvertrag entkräften konnte. Wie auch immer – das Kloster ist immerhin nicht in Übersee gelandet und auch nicht dem Verfall preisgegeben. Dieser romanische Schatz steht halt nur etwas versteckt hier im Park – aber es gibt ihn noch.

eingangstor Camprodon romanisch
romanische Brücke Camprodon Strasse
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Hinweis: Meine Recherche wurde von Turisme Ripoll und Turisme Girona unterstützt, die mir eine Übernachtung in Ripoll ermöglicht haben. Vielen Dank an Montse für den spannenden Spaziergang durch Camprodon!  

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