Klosterfrauen: Emma de Barcelona und Ingilberga

Heute bin ich in dem kleinen Ort San Joan de les Abadesses, kurz vor den Pyrenäen, auf der Suche nach der Geschichte zweier Frauen. Genauer gesagt suche ich die erste und die letzte Äbtissin des Klosters, nämlich Emma von Barcelona und Ingilberga. 

Alte Schule im Ort San Joan de les Abadesses

Da ich schon früh morgens in dem kleinen Ort San Joan de les Abadesses ankomme, drehe ich erst mal eine Runde durch die Straßen, um das Kloster herum. Das Dörfchen wirkt noch fast verschlafen. Die ersten Bars und Läden öffnen gerade erst ihre Türen. In einem netten, kleinen Café trinke ich einen tallat – ein Espresso mit einem Schuss Milch. Dann mache ich mich auf den Weg zur Klosterkirche. Dabei komme ich an einer Ruine vorbei. Ein Hinweischild erklärt, dass es sich hier um die Überreste der Kapelle der Krankenstation des Klosters handelt. Hier beteten also die Mönche, wenn sie alt und gebrechlich oder krank waren, und nicht mehr allein aus eigener Kraft in die große Kirche kommen konnten.

Reste Kapelle Enfermeria Klsoter San Joan

Am Ende der Gasse gelange ich auf einen kleinen Platz, der nach der Äbtissin Emma benannt ist. Mitten auf dem Platz steht ein schlichter, steinerner Brunnen. Da ich ja auf der Spurensuche nach Emma und Ingilberga bin, will ich natürlich wissen, ob der Brunnen etwas mit dem Kloster zu tun hat. Wieder hilft mir ein Schild weiter:

Der Brunnen wurde diesem kleinen katalanischen Ort in den den Bergen von den Mexikaner geschenkt! Und zwar aus Dankbarkeit dafür, dass ein gewisser aus San Joan de les Abadesses stammender Jaume Nunó Roca die mexikanische Nationalhymne komponiert hat! Der offenbar musikalisch begabte Sohn der Stadt reiste gegen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts durch Europa und nach Kuba, wo er sich mit dem mexikanischen Präsidenten Antonio López de Santa Anna anfreundete. 1853 zog Jaume nach Mexiko und nahm an einer Ausschreibung für die Komposition der Nationalhymne teil. Der Katalane gewann die Ausschreibung und seine Musik kennt nun in Mexiko jedes Kind.

Nach dem Fall Santa Annas zog Nunó Roca in die Vereinigten Staaten und starb 1908 in New York. Bei den Mexikanern war Jaime (die spanische Form von  Jaume) Nunó Roca so beliebt, dass sie seine sterblichen Überreste nach Mexiko bringen liesen, wo er in der „Rotonda de las Personas Ilustre” beigesetzt wurde.

plaça de la abadessa emma Brunnen Mexiko
San Joan de les abadesses Kloster

Gegen zehn betrete ich den Kreuzgang des ehemaligen Klosters. Das Museum hat gerade erst geöffnet und ich bin noch ganz allein. Der Kreuzgang ist gotisch und stammt leider nicht aus der Zeit der Gründung des Klosters. Im Jahre 1428 erschütterte nämlich ein schreckliches Erdbeben die gesamte Gegend. Wie in Ripoll, brach auch hier ein großer Teil des Klosters ein. Der ursprünglich romanische Kreuzgang wurde dabei völlig zerstört.

kreuzgang san joan de les abadesses
San joan de les abadesses Kreuzgang

Ich biege in die Kirche ein. Ziemlich dunkel ist es hier drin, aber auch angenehm kühl. Schon lange leben hier keine Nonnen oder Mönche mehr. Aber die 1150 gebaute Klosterkirche war und ist gleichzeitig auch eine Dorfkirche und so finden hier immer noch Gottesdienste statt.

Weiter hinten entdecke ich Kerzenlicht und einen Altar. Eine Figurengruppe stellt die Kreuzabnahme dar. 1426 fanden die Mönche im Kopf der Christusfigur eine Hostie, die wohl schon bei der Einweihung im Jahr 1251 darin versteckt worden sein muss. Natürlich glaubte man an ein Wunder und verehrte dieses „Santissim Misteri“ in den nachfolgenden Jahrhunderten, bis die Hostie im Spanischen Bürgerkrieg für immer verloren ging.

Während ich ganz leise durch den dunklen Innenraum der Kirche schleiche, entdecke ich das Grabmal eines längst verstorbenen Abts, die Marienstatue der Santa Maria la Blanca und eine kleine versteckte Kapelle, die capella dels dolors.

Klosterkirche

Kreuzabnahme Figuren San Joan de les Abadesses

Und dann stehe ich vor einem in die Wand eingelassenen Grabstein, der an die erste Äbtissin des Klosters erinnert: Emma de Barcelona

Emma de Barcelona (880-949):

Emma wird als eines von neun Kindern Guifré el Pelós, Wilfried des Haarigen, dem Gründer Kataloniens und seiner Frau Guinilda d’Empuries geboren. Während ihr Vater seine Grafschaften unter den Söhnen aufteilte, sah er für seine Tochter eine andere Zukunft vor. Mit nur vierzehn Jahren ernennt er sie zur Äbtissin.

Das Kloster, das Papa Guifré 885 für seine Emma errichtete, stand damals noch irgendwo im Nirgendwo der Vorpyrenäen. Kein Ort war hier weit und breit in Sicht. Guifrés Ziel ist war es, diese, durch die Flucht der Bevölkerung vor den Sarazenen vereinsamten Landstriche, wieder zu bevölkern, um so das Territorium besser sichern zu können. Die Gründung von Klöstern waren Teil seiner sehr erfolgreichen Besiedlungspolitik.

Emma de Barcelona San Joan de les Abadesses

Emma wurde sicher bereits von klein auf darauf vorbereitet, später einmal Verantwortung übernehmen zu müssen. Trotz des noch jungen Alters erledigte sie ihre Aufgabe so hervorragend, dass das Kloster und die Ländereien schnell wuchsen und gediehen. Sie baute eine Backstube, legte einen Garten an und gründete sogar eine Schreibstube, so dass die Nonnen ihr Kloster kaum verlassen mussten. Die Klosterfrauen lebten ein einfaches Leben nach den Regeln der Benediktiner. Beten, Arbeiten und Stille.

Emma lebte nicht luxuriös, aber politisch gesehen herrschte sie praktisch wie eine Gräfin über ihr kleines Reich. Auf ihren Ländereien ließ sie Häuser, Brunnen, Mühlen, Gärten und Weinstöcke errichten. Durch geschickte Pakte mit Bischöfen und und anderen Kirchenoberen stand sie unter dem Schutz der Kiche. Schnell entstandenen im einzugsbereich des Klosters die ersten Dörfer. Die Leute siedelten sich gern auf den Ländereien des Klosters an, weil sie nur der Äbtissin Rechenschaft und Abgaben schuldig waren. Im Gegensatz zu den Bauern, die unter dem Schutz eines Burgherren oder Landgrafen lebten, mussten sie hier nicht für ihren Herrn in Kriege und Schlachten ziehen. Sie konnten sich voll und ganz auf die Arbeit in den Feldern und in den Werkstätten konzentrieren. Natürlich gab es auch hier Abgaben, die zu entrichten waren. Aber alles in allem war es hier wohl deutlich angenehmer, als unter einem adeligen Feudalherren, der sich dann oft auch noch in das Privatleben der Bauern einmischte.

Die ganze Gegend florierte. Von den Pyrenäen zog sich Emmas Einflussbereich bis kurz vor die Küste. Bald gehörten neben den vielen Siedlungen auch kleine Pfarrgemeinden zum Kloster, denn Emma baute für die Siedler Kirchen und Kapellen. 942 stirbt Emma und hinterlässt auch ihre privaten Ländereien dem Kloster. Ihr folgen noch fünf weitere Äbtissinnen, bevor das Leben in San Joan de les Abadesses eine ganz andere Wendung nimmt.

San joan de les Abadeses Emma de Barcelona

Ingilberga (976- 1055):

Ingilberga ist die sechste und letzte Äbtissin des Klosters San Joan de les Abadesses. Ingilberga stammte sowohl von Seiten des Vaters als auch von Seiten der Mutter aus reichen, adeligen Familien. Aber sie trug aber von Geburt ein Makel mit sich, denn sie war eine uneheliche Tochter. Beide Elternteile waren zwar verheiratet, nur nicht miteinander.

Als ihr Vater sich 986 reuevoll ins Klosterleben zurückzieht, entschließt er sich, die kleine Ingilberga Gott zu schenken. Wohl mehr aus Angst um sein eigenes Seelenheil, oder auch weil er nicht wusste, wohin mit dem Kind. Jedenfalls tritt Ingilberga mit ungefähr zehn Jahren ins Kloster San Joan de les Abadesses ein. Zu dieser Zeit gab es in ganz Katalonien nur zwei Kloster für Frauen, dieses und das Kloster Sant Pere de les Puel.les de Barcelona.

Als Ingilberga zwanzig Jahre alt ist, ernennt man sie zur Äbtissin. Eigentlich macht sie ihre Sache gut. Sie ist relativ erfolgreich, hat aber ein großes Problem, ihren Halbbruder Bernat Tallaferro, Bernhard der Eisenschneider. Der ist nämlich Graf von Besalú und neidet Ingilberga ihre Macht und die Ländereien. Er will das Kloster mitsamt seiner Dörfer und Territorien für sich beanspruchen und unternimmt diverse Versuche Ingilberga zu diskreditieren.

So ganz klösterlich und abstinent geht es damals in den Klostern nicht unbedingt zu. Hier und da kommt es sicher zu der einen oder anderen Liebschaft. Das ist in Sant Joan de les Abadesses nicht besser oder schlechter als anderswo. Bernat nutzt diese Tatsache jedoch aus und schwärzt seine Halbschwester an. Er geht sogar soweit, einen Gesandten zum Papst nach Rom zu schicken, der dem heiligen Vater die Zustände im Kloster so übertrieben schildert, als wäre es ein Puff. Ingilberga ignoriert zunächst sämtliche Drohungen und weigert sich sogar nach Rom zu Reisen, um ihre Unschuld zu beweisen. Der Abt Oliba, ein besonnener Ratgeber und Bruder der beiden Streitenden, versucht zu schlichten. Vergeblich.

Nach jahrelangem Tauziehen gewinnt Bernat: Das Kloster wird aufgelöst und die Nonnen werden vertrieben. Dass die Beschuldigungen maßlos übertrieben gewesen sein müssen, zeigt sich unter anderem daran, dass einige Nonnen sehr großzügige Abfindungen erhielten und überall wohlwollend in der Gegend aufgenommen wurden. Ingilberga zieht sich nach Vic zurück, wo sie mit allen Ehren und gebührendem Respekt lebt, bis sie nach ihrem Tod in einer Kapelle der Kathedrale beigesetzt wird.

In San Joan de las Abadesses ziehen vorübergehend Augustinermönche ein, die man extra aus Marseille hierher beordert. Nonnen spielen von nun an keine Rolle mehr in diesem Kloster, das nur noch dem Namen nach an die Äbtissinnen erinnert.

Alabaster Maria la blanca san joan

in der Klosterkirche san joan de les abadesses

Website:  www.monestirsantjoanabadesses.cat

Details aussen Klosterkirche San joan de les Abadesses
Kloster San joan de les Abadesses

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