Als ich lernte Buchstaben zu malen

Das Skriptorium des Klosters Ripoll:

Mönche schrieben die Bibel per Hand. Sie schrieben nicht nur komplette Bücher ab, sondern malten dazu auch wunderschöne Zeichnungen, um die beschriebenen Texte zu illustrieren. Dafür gab es drei ganz spezielle „Berufe“ unter den Mönchen, die sich mit den Schriften beschäftigten:

Während die eine Gruppe ausschließlich Texte abschrieb, konzentrierte sich eine andere Gruppe von Mönchen einzig und allein auf die Gestaltung der Anfangsbuchstaben jedes Kapitels. Eine dritte Gruppe war ausschließlich für die bunten und detaillierten Zeichnungen verantwortlich. Diese Schreibarbeiten fanden oft in der Stille der Bibliothek statt. Nur das Kratzen der Federkiele und ab und an vielleicht die schlurfenden Schritte eines Mönchs waren da zu hören.

Oliba Abt Kloster Ripoll

Unter dem berühmten Abat Oliba entstand im Kloster von Ripoll eine Lehrstätte, wie es sie im nördlicheren Europa damals so noch nicht gab. Das lag vor allem am Einfluss der nahe gelegenen Kalifate und der dortigen Universitäten. Die Mauren waren damals in puncto Wissenschaften schon wesentlich weiter als die noch im dunklen Mittelalter verhafteten Katholiken. Ripoll lag – geografisch gesehen – direkt zwischen dem Islam und dem Christentum. So kam es, dass hier, in der Wiege Kataloniens, bereits Geometrie, Arithmetik, Musik und Astronomie gelehrt wurden, als man weiter nördlich noch nicht die Bedeutung der Zahl Null erkannt hatte (die meisten Katholiken betrachteten die Null zu dieser Zeit noch als Teufelswerk). Unzählige geistliche und wissenschaftliche Bücher wurden hier geschrieben und kopiert. Leider befinden sich die meisten heute nicht mehr in Ripoll. Die, die erhalten blieben, werden in großen Archiven in Barcelona, in Paris oder im Vatikan verwahrt. Eine der Bibeln aus Ripoll, die damals bereits als wahre Meisterwerke galten, kann ich aber dennoch hier bewundern.

Bibel aus Ripoll Kloster Skriptorium

Abat Oliba (971 -1046) Graf von Berga:

Oliba war ein Urenkel Wilfried des Haarigen, Graf von Berga und Ripoll, Bischof von Vic, Abt des benediktinischen Klosters Santa Maria de Ripoll und Gründer des berühmten Klosters Montserrat bei Barcelona. Er war Freund vieler mächtiger und einflussreicher Leute seiner Zeit, unter anderem ein sehr enger Freund der Ermessenda de Carcassonne. Aber vor allem war er ein Förderer der romanischen Kunst, ein Gelehrter und sehr besonnener Ratgeber. Oft stand er der mächtigen Ermessenda, Gräfin von Girona, mit Rat und Tat zur Seite. Aber auch seinem Bruder Bernat Tallaferra musste er helfen, die gemeinsame Halbschwester Ingilberga aus dem Kloster San Joan de les Abadesses zu vertreiben. Der besonnene Oliba versuchte lange Zeit zwischen den Geschwistern zu vermitteln – vergeblich. Schließlich blieb ihm nichts anderes übrig, als die vom Papst verhängte Bulle zu vollstrecken und eines der beiden einzigen Frauenklöster Kataloniens aufzulösen.

Abt Oliba Graf von Besalu

Die Schreibwerkstatt:

Aber woher hatten die Mönche die Tinte und soviel Papier? Aina klärt mich auf. Während man in Ägypten vor allem auf Papyrusrollen geschrieben hatte, verwendete man hier in den Klöstern Pergament. Die Pergamente waren deutlich haltbarer als Papyrusrollen und ließen sich in praktische Quadrate schneiden, die man dann zu Büchern binden konnten. Das Pergament wurde aus getrockneten Tierhäuten gewonnen. Die Häute wurden gebleicht, das Fell entfernt und ein paar Kräuter halfen, den fauligen Geruch zu entfernen. War die Haut dann getrocknet, konnte sie geschnitten und Seite für Seite, mit Nadel und Faden gebunden werden. Die schwarze Tinte gewann man aus Kohle, rote Tinte aus ganz bestimmten Pflanzen und andere Farben meist aus Mineralien.

Skriptorium Ripoll wie schrieben die Mönche

Nach dem kurzen Rundgang durch das kleine Skriptorium darf ich mich auch im Malen der Buchstaben probieren. Roser, die Direktorin des Museums in Ripoll, legt mir zwei Blätter mit ähnlichen, aber doch unterschiedlichen Lettern als Beispiele hin und macht mir vor, wie das geht. Es sind karolingische und gotische Buchstaben. Die Karolingischen sind älter. Wie die Architektur dieser Zeit, sind auch die Lettern irgendwie runder. In der Gotik wird es dann eckiger. Tapfer versuche ich mit dem Gänsekiel die Lettern zu kopieren. Aber so zu schreiben ist gar nicht so einfach. Entweder habe ich zu viel oder zu wenig Tinte. Wenn die Tintenmenge stimmt, mache ich den Bogen falsch oder ich setze falsch an. Mein Gott, da muss man sich aber ganz schön konzentrieren!

Skriptorium Ripoll Schriften wie die Mönche

Roser lacht. Sie meint, anfänglich sei diese Aktivität im Skriptorium eigentlich nur für Kinder gedacht gewesen. Aber fast alle Erwachsenen, die ihre lieben Kleinen begleitet haben, hätten auch mitmachen wollen. „Die hatten mindestens so viel Spaß daran, wie die Kinder!“ Ich kann gerade leider nicht mehr zuhören, denn ich bin voll auf die Rundung des karolingischen „o“ konzentriert – wie war das doch noch?

meine Schreibversuche im Skriptorium

Nützliche Infos zum Skriptorium: 

Adresse:
Raval de l’Hospital
Ripoll

Man muss ich vor dem Besuch des Skriptoriums und der Schreibwerkstatt in der Oficina de Turisme de Ripoll (Plaça Abat Oliba) nach Terminen erkundigen. Das Skrptorium ist nicht immer geöffnet.

Webseiten:  www.ripoll.cat und  www.terradecomtes.cat

Hinweis: Meine Recherche wurde unterstützt von Turisme Ripoll und Turisme Girona. Vielen Dank!  

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