Ramón, der Fischer von Palamós

Der alte Mann und das Meer: „Sechsundneunzig! Sechsundneunzig werde ich im August“ ruft Ramón und wedelt dabei mit dem Gehstock. Wohl um die Bedeutung dieser Zahl noch einmal zu unterstreichen. Ramón ist Fischer. Oder besser er war Fischer. Ich treffe ihn im Museu de la Pesca, dem Fischereimuseum im Hafen von Palamos. Er sitzt da auf einem Stuhl in der Ecke des Eingangs und beobachtet das Geschehen. „Der kommt jeden Tag hierher“, sagt ein Angestellter, „und trinkt mit uns einen Café.“  Ganz nebenbei erwähnt er noch, dass Ramón in den sechziger Jahren ein paar Tage auf See verschollen gewesen sei. „Wie bitte? Stimmt das?“,  frage ich Ramón selbst. „Ach das! Ja, vier Tage waren wir auf See …“ und er beginnt zu erzählen.

fischerei museum palamos

Er erzählt mir seine Geschichte, vom Sturm, der gar kein Sturm war. „Das war ein richtiger Hurrikan!“, meint er. Zu viert waren sie auf ihrem kleinen Fischerboot, wie jeden Morgen, aufs Meer gefahren. Dann brach plötzlich und unerwartet der Sturm los. Als das Ruder brach, konnten sie das Boot nicht mehr steuern. In den meterhohen Wellen wurden sie hin und her geschleudert. Jeder hielt sich fest, wo und wie er nur konnte, irgendwo an den wankenden Holzplanken. „So habe ich mich festgeklammert“, zeigt er mir und macht eine umarmende Geste. Einen Tag nach dem anderen trieben sie auf dem Wasser. Ohne etwas zu essen, und was viel schlimmer ist: ohne Wasser. Zu Hause glaubten ihre Familien, alle seien tot. „Ein wahres Wunder war das“, als ein französischer Kreuzer die Schiffbrüchigen auf See fand und nach Barcelona brachte.

fischer der alte mann

Total fasziniert lausche ich Ramóns Erinnerungen. Ich möchte, dass er gar nicht mehr aufhört zu reden. Also frage ich einfach weiter. Ob er hier aus Palamos stamme, will ich von ihm wissen. Nein, eigentlich stamme er aus Tarragona, sei aber schon mit zehn Jahren an die Costa Brava gekommen. „Damals ging man nicht einfach in die Schule.“ winkt Ramón ab. Zu Hause mussten viele hungrige Münder gestopft werden! Jeder musste irgendwie Arbeit finden, um etwas Geld nach Hause zu bringen.

Es macht total Spaß, ihm zuzuhören. Ich bin ganz traurig, als wir schließlich weiter müssen. Ich verabschiede mich von ihm und hoffe, dass ich bald wieder nach Palamos kommen werde. Und dass Ramón dann noch auf seinem Stuhl im Museu sitzt und mir noch mehr Geschichten erzählt.

Museu de la Pesca und die Fischauktion

Das Museum liegt direkt neben der Llotja, in dem auch die Fischauktion stattfindet. Llotja oder Lonja nannte man in Katalonien früher das Gebäude, in dem sich die Händler trafen. Hier in Palamos verkaufen die Fischhändler heute noch ihre Fische direkt im Hafen, wie sie das wohl schon vor hundert Jahren getan haben, nur natürlich moderner. Das Fischereimuseum ist klein, aber sehr niedlich und vermittelt eine  gute Vorstellung davon, wie das Leben der Fischer früher war.

fischer boot entlanden palamos

fischer in Palamos

Während draußen die letzten Fischer mit ihren Booten in den Hafen einfahren, hat drinnen schon die Versteigerung des heutigen Fangs begonnen. Wer seine Ladung nicht rechtzeitig entlädt, kann nichts mehr verkaufen. Da gibt es strenge Regeln. Kistenweise stapeln sich die Seeteufel, Garnelen, Kabeljau und anderes Meeresgetier. Auf einem Band werden sie in die Auktionshalle transportiert. Dort sitzen die Händler bereits auf den Rängen und begutachten die vorbeiziehenden Fische in ihren Kisten. Eine Anzeigentafel gibt an, von welchem Boot der Fang stammt und um welche Sorte Fisch es sich handelt. Den Anfangspreis setzt der Auktionator fest, sobald die Kiste aufs Band gestellt wird und er die Daten in einen Computer eingibt. Er ist der Einzige, der genau weiß, wie viel von welchem Fisch heute gefangen wurde. Der Preis wird hoch angesetzt und fällt dann automatisch. Er sinkt praktisch im Zehntelsekundentakt immer weiter, bis einer der Händler den Knopf auf einer Art Fernbedienung drückt: Gekauft! Wer zu schnell drückt, zahlt einen höheren Preis, wer zu langsam drückt, kriegt den Zuschlag nicht. Ganz einfach.

fischauktion in Palamos

fischer Fischauktionshalle Palamos

In dem hektischen Treiben ist nicht viel von Fischerromantik zu spüren. Es ist ein knochenharter Job. Auch heute noch. Überhaupt wundert es mich, dass es wirklich und wahrhaftig noch so viele kleine Fischerboote gibt und dass die Fischer noch genügend Fisch finden, um von ihrer Arbeit leben zu können. Die Lebenshaltungskosten, die Gehälter, fast alles ist in den letzten Jahrzehnten teurer geworden, aber der Preis für Fisch ist nicht gestiegen.

Meine Erkenntnis heute: Fischer zu sein ist nicht nur ein Beruf. Es ist eine Lebenseinstellung. „Wenn du Fischer bist, bist du das mit Haut und Haaren. Nur ein bisschen gibt es nicht.“ Ich erinnere mich zwar nicht mehr, wer genau das gesagt hat, aber seit heute kann ich das verstehen.

Auf der anderen Seite der Llonja ist der Fischmarkt untergebracht. In buntesten Farben glitzern hier die Fische um die Wette. Die Fischerverkäuferinnen stellen sich sogar fröhlich für ein Foto in Pose. Was für eine nette, familiäre Atmosphäre. Es sieht faszinierend aus. Irgendwie wünsche ich mir aber trotzdem, alle diese Fische könnten jetzt noch glücklich da unten im Meer herumschwimmen. Ich bin hin und hergerissen. Einerseits finde ich Fische wunderschön, seit ich mit dem Tauchen angefangen habe, und es tut es mir leid, dass sie gefangen werden. Andererseits schmecken sie nun mal eben sehr lecker.

fische fischmarkt

fisch

fische markt

fisch palamos

marktfrau

Nützliche Informationen zu Palamós:

Im Gebäude La Llonja sind  neben der Fischauktion und dem Fischmarkt auch das Museu de la Pesca und der Espai del Peix untergebracht.
Adresse:
Moll pesquer, s/n
17230 Palamós

Hinweis: Der Besuch des Fischmarkts in Palamos fand im Rahmen der TBEX Costa Brava statt.

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