Knochenjob auf dem Meer – ein Tag mit dem Fischer von Roses

Es ist noch dunkel. Morgens um halb sechs ist die Sonne noch gar nicht aufgegangen, als ich mit Joan, dem Fischer, aus dem Hafen von Roses auslaufe. Heute werde ich nämlich fischen.

Eigentlich ist Joan Obstbauer, erzählt er mir. Aber davon konnte er nicht mehr leben, denn selbst mit ich-weiß-nicht-wieviel Hektar an Obstbäumen blieb trotz der harten Arbeit nicht genug übrig. Darum hat er vor fünfzehn Jahren alles verkauft und ist Fischer geworden. Er liebt das Meer und da war das wohl einfach naheliegend. Aber auch das Fischen ist ein Knochenjob. Nichts für Weicheier. Vor dem Morgengrauen aufstehen, denn ganzen Tag unterwegs sein, und ob er was fängt oder nicht, ist jeden Tag ein Lotteriespiel. Natürlich gibt es ein paar Plätze, an denen er weiß, dass dort Fische sind. Aber die anderen Fischer wissen das auch. So legt er jeden Tag seine Leinen an einer anderen Stelle aus und hofft darauf, dass sich die Fischschwärme in die richtige Richtung bewegen. Denn die Fische wandern.

Hafen Roses Fischer Freibeuter reisen Morgens um halb sechs

Zuerst fahren wir Richtung Norden, an der Küste entlang, zu den Buchten von Montjoi und Cap Norfeu. Kleine und große Felsen, winzige Inseln und massige Klippen ziehen im Morgengrauen an uns vorbei. Mit dem kleinen Fischerboot dauert es eine Weile, bis wir an der ersten Boje ankommen. Mittlerweile sind auch die großen Schleppnetzfischer ausgefahren. In Formation, wie eine Rockerbande auf dicken Motorrädern, kommen sie schnell näher. “Halt dich fest”, ruft Joan mir zu. Ach, wegen der paar Wellen, denke ich. So schnell wird mir nicht schwindelig. Aber dann muss ich mich doch festhalten. Das kleine Fischerboot schaukelt bedenklich hoch und runter, wird in den Wellen hin und her geworfen. Das war wesentlich heftiger, als erwartet. Dabei war das Wasser vorher doch spiegelglatt. Fast versinkt der Bug des kleinen Bootes in einer großen Welle. Aber Joan hat aufgepaßt und steuert gegen. Hammer. Das hätte ich nicht gedacht. “Die Großen bremsen für niemanden”, meint Joan nur ganz ruhig. “Wenn du nicht aufpaßt, kann da glatt die Ladung über Bord gehen”.

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Während die Formation schnell immer kleiner wird und bald hinter dem nächsten Cap verschwindet, geht die Sonne auf. Der rosarote Himmel verwandelt die Küste in ein Farbspiel aus zarten Pastelltönen. Genau zwischen zwei aus dem Meer ragenden Felsen erhebt sich der orange glühende Feuerball aus dem Wasser und beginnt seinen Weg am Himmel. Mein Gott, ist das schön!

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Mittlerweile hat Joan schon die erste Boje eingeholt. Joan arbeitet nicht mit Netzen, sondern mit Leinen. Palangre, Langleinenfischerei, nennt sich das. An einer langen, horizontalen Grundleine hängen in regelmäßigen Abständen kleinere, vertikale Leinen mit einem Köder. Die Art des Fischens ist wesentlich schonender als die mit Schleppnetzen, denn so wird der Meeresboden nicht beschädigt, und Joan kann ganz gezielt bestimmte Fische fangen. Wenn sie denn anbeißen. In den Schleppnetzen bleibt hingegen alles hängen, egal ob Fisch, Krabbe, Tintenfisch oder gar Delfin. Natürlich ist die Ausbeute wesentlich kleiner und so manches Mal muss Joan mit leeren Händen nach Hause fahren. „Gestern zum Beispiel“, erzählt er mir, „habe ich einen einzigen Fisch gefangen“. Das ist hart, denn irgendwie muss er seine Unkosten decken.

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Joan zieht die Leine hoch und wickelt sie in einen Korb. Fein säuberlich werden die Haken am Rand verstaut, sonst gäbe es ein heilloses Wirrwarr. Dann gibt Joan mir den Faden in die Hand, den er gerade aufwickelt. Ich merke, wie es zieht. Eine Dorade! Joan freut sich. Das fängt ja gut an. Viele seiner Leinen sind leer, aber ab und zu hat einer angebissen. Einen ganz kleinen Fisch wirft er gleich zurück ins Meer „Komm wieder, wenn du zwei Kilo zugenommen hast“ ruft er ihm nach und lacht.

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So fangen wir heute ein paar Sarpas, Goldstrieme, ein paar Doraden und einen Congre, einen Meeraal. Der Meeraal schmeckt angeblich wie Seeteufel, meint Joan, sei aber wesentlich billiger. „Ich habe noch nie einen gegessen“ gebe ich zu. Doch Joan grinst. „Doch hast du bestimmt schon, ohne es zu wissen.“ Angeblich kann es wohl in manchen Restaurants schon mal vorkommen, dass sie einem Meeraal servieren, obwohl eigentlich Seeteufel auf der Speisekarte steht. Den Unterschied schmecken die meisten wohl gar nicht.

Überhaupt bin ich überrascht, wie unterschiedlich die Preise der Fische sein können. Wenn Joan seinen Fang am Nachmittag in der Llotja verkauft, gibt es für manche Exemplare einen Kilopreis von zwanzig Euro, während er für andere gerade mal zwei Euro pro Kilo kriegt. Klar, dass er sich freut, wenn er einen “guten” Fisch fängt.

Wir fahren zum nächsten Platz. Der Felsen, vor dem wir haltmachen, sieht aus wie eine Katze! Hier geht dasselbe Spiel wieder von vorn los. Theoretisch jedenfalls. Aber stattdessen kreuzt Joan besorgt dreinblickend hin und her. Eine Boje ist verschwunden. Wie kann das sein. Abgetrieben? Geklaut? Notgedrungen beginnt er an der verbliebenen Boje die Leine einzuholen. Was soll er auch sonst machen. Der Fang ist gut. Hier ist wohl ein ganzer Schwarm hungriger Fische vorbeigekommen, der sich auf seine Köder gestürzt hat. Ganz am Ende erscheint dann auch die Boje. Sie war nicht abgetrieben oder abgerissen, sondern untergegangen! Durch ein Loch ist Wasser in die Plastikboje eingedrungen. Durch das Gewicht ist sie so schwer geworden, dass sie sich nicht mehr an der Oberfläche halten konnte. Joan ist erleichtert. Der Wert der Boje ist nicht so dramatisch, aber er ist froh, dass die Leine nicht gerissen ist.

Einmal ist es ihm passiert, dass ein Taucher vor seiner Nase die Leinen durchgeschnitten hat, um die Fische zu befreien. Joan konnte nur zugucken, wie seine Arbeit dahinging. Der Tag war umsonst. Ich muss sagen, ich bin etwas geschockt, als er mir das erzählt. Natürlich mag ich Fische und freue mich, wenn sie fröhlich im Meer schwimmen. Aber ich esse auch gern Fisch und irgendwo müssen sie ja herkommen. So kleine Fischer wie Joan richten ja keinen Schaden an. Sie arbeiten so, wie die Fischer vor hundert Jahren und fangen gerade mal so viel, dass sie davon leben können. Wenn der Taucher den großen Schleppern die Netze durchlöchert hatte, könnte ich das ja verstehen, aber gegen einen armen kleinen Fischer? Ich finde das eine völlig falsch verstandene Tierliebe. Trotzdem hat Joan natürlich nichts gegen Taucher. Im Gegenteil, er taucht selber gern.

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Nachdem wir alle Leinen an dieser Stelle der Küste eingeholt haben, fahren wir zu einem Fanggebiet in der Nähe eines Sandstrands. Dort beißen andere Fische. Wieder versuchen wir unser Glück. Doch heute beißt hier gar nichts an. Eine einzige Dorade und ein paar Tintenfischeier, die sich an dem Haken festgehängt haben. Ich finde, die Eier sehen aus wie schwarze Oliven. Joan befreit den Nachwuchs vom Haken und zeigt mir die kleinen Tintenfische, die ganz kurz vor dem Schlüpfen sind. Einige der Eier sind schon fast durchsichtig und ich kann sehen, wie sich drinnen ein winziges Tintenfischchen bewegt. Faszinierend. Dann wirft er sie wieder zurück ins Meer.

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“Wenn du willst, kannst du hier ins Wasser springen”, meint Joan. “Echt?” Das lasse ich mir nicht zweimal sagen, und springe in das erfrischende Nass. Wie gut das tut! Mittlerweile hat die Sonne nämlich ordentlich aufgedreht. An der Küste waren wir noch im Schatten der Felsen aber hier am Strand, brennt es ordentlich vom Himmel. Ich schwimme also kurz hinter dem Boot her, das gemächlich vor sich hin tuckert. Dann klettere ich schnell wieder an Bord, bevor Joan zu weit weg ist, denn er arbeitet ja schließlich und kann nicht einfach beim Aufwickeln der Leinen mittendrin anhalten. Aber das kurze Bad habe ich genossen.

Leider kommt auch bei der zweiten Leine nichts mehr an Land. “No hi ha ni aigua” „Hier gibt es ja nicht mal Wasser“, murmelt Joan etwas enttäuscht vor sich hin. „Für die nächsten zwei Wochen werde ich bestimmt nicht wieder hierher kommen.“ Immerhin haben wir an der Felsküste vorher ja etwas gefangen. Das reicht hoffentlich, um wenigstens die Unkosten für heute zu decken. Und da ich mit an Bord bin, hat er noch einen zusätzlichen kleinen Verdienst, denn die Fischer werden natürlich bezahlt, wenn sie einen Touristen wie mich mitnehmen.

Mittlerweile ist es fast ein Uhr. Wir fahren zurück in den Hafen von Roses. Auf dem Weg dahin bleibt nicht mehr viel zu tun. Ich setze mich auf eine Kiste und lasse mir den Wind  durch die Haare wehen.

Die Fischer von Roses

Von denen kleinen Fischern gibt es in Roses gerade mal noch acht oder so. Wenn sie Touristen zum Fischen mitnehmen, können sie sich ein bisschen was dazu verdienen. Ich war total begeistert von meinem Vormittag mit Joan auf dem Meer. Allein der Sonnenaufgang war schon das frühe Aufstehen wert, aber ich liebe das Meer und Boote ja sowieso. Und Joan ist auch ein total Netter. Es hat richtig viel Spaß gemacht! Falls Du auch Lust hast, in Roses mit einem Fischer aufs Meer zu fahren, findest Du Infos hier de.visit.roses.cat

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Zu der Fischer-Tour wurde ich vom Patronat de Turisme in Girona eingeladen.

2 Comments

  • Es ist schon ein hartes Brot, das die Fischer da verdienen. Gibt es eigentlich einen bestimmten Grund, warum die Fischer schon so früh am Morgen hinausfahren? Um die gefangenen Fische noch frisch auf den Markt zu bringen? Oder gibt’s dafür noch andere Gründe?

    • so weit ich das verstanden ahbe, beißen die nur zu bestimmten Zeiten … die halten sich ganz traditionell an die Mahlzeiten 🙂

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