Hinter den Kulissen der Oper – das Liceu in Barcelona

Liceu Barcelona Gran Teatre

Direkt an den Ramblas liegt das Gran Teatre del Liceu, die Oper Barcelonas. Als ich zum ersten Mal vom Liceu hörte, war das gerade keine gute Nachricht: 1994, kurz nach dem ich zum ersten Mal Michis Familie in Barcelona besucht hatte, brannte das schöne, alte Liceu fast bis auf die Grundmauern ab. Nur die Fassade und der Spiegelsaal blieben erhalten. Trotz Mangel an finanziellen Mitteln entschloss man sich, das Liceu originalgetreu wieder aufzubauen. Nur ein paar akustische und technische Verbesserungen gestattete man sich, ansonsten wurde alles möglichst detailliert rekonstruiert. Die Mittel dafür stammten vor allem aus Spendengeldern. Berühmte Solisten und Chöre gaben jahrelang wöchentlich Benefiz-Konzerte „auf der Straße“, vor dem Liceu. Nach nur 5 Jahren war es dann soweit: 1999 konnte die feierliche Neueröffnung stattfinden.

Geschichte des Liceu:

1994 war aber nicht das erste Feuer. Im 19. Jahrhundert hatten sich die Flammen schon einmal über die Oper hergemacht. Ursprünglich eröffnet wurde das Liceu schon 1847, zur Glanzzeit des Opern-Booms in Barcelona. Damals stand die alte Stadtmauer noch, die das aus allen Nähten platzende Barcelona einengte, bis endlich die Eixample, die Erweiterung, gebaut werden konnte. Das ist auch der Grund dafür, warum das Liceu nicht wie die meisten Opern in anderen Städten auf einem großen Platz, freistehend, errichtet wurde, sondern sich fast unscheinbar in die enge Häuserzeile an der Rambla zwängen muss.

Jedenfalls wehte zur Zeit des Baus der Oper gerade ein sozialer und politischer Wind des Umschwungs. Die Bourgeoise war zu Wohlstand gelangt und ganz wild auf italienische und vor allem deutsche Opern. Wagner war damals der Hit in Barcelona. Alles was Rang und Namen hatte, traf sich im elitären Club des privat finanzierten Liceu. Dabei gab es eigentlich auch noch ein offizielles Opernhaus, das Teatre Principal. Das ist aber im Laufe der Zeit schnell in der Bedeutungslosigkeit versunken. Heute befindet sich in dem Gebäude des ehemaligen Theaters glaube ich eine Spielhalle.

Da die Herrscher in Madrid kein Interesse daran hatten, Geld für eine weitere Oper im fernab gelegenen Barcelona auszugeben, musste das Liceu von Anfang an ohne königliches Sponsoring auskommen. Eine königliche Loge sucht man daher im Liceu vergeblich. Ein Vorteil der komplett privaten Finanzierung war aber, dass man das Programm frei gestalten konnten. So wurden neben Theaterstücken und den so beliebten Opern auch schon mal Zirkusnummern aufgeführt. Was eben den Sponsoren so gefiel. Löwen gibt es mittlerweile übrigens nicht mehr ;-). Das moderne aber auch altehrwürdige Opernhaus hat sich heute auf Oper und Ballett spezialisiert.

Liceu Barcelona Gran Teatre

Soviel zur Geschichte des Liceus. Ganz gespannt betrete ich also andächtig die heiligen Hallen der Oper. Sebastian, der Tourguide, führt mich zusammen mit drei weiteren Besuchern hinter die Kulissen. Schnell merke ich, wie riesig die Oper ist! Von außen erscheint sie gar nicht besonders groß, aber sobald man den Eingangsbereich verlassen hat, erstreckt sich ein wahres Labyrinth an Gängen, Treppen und Fluren rund um den Hauptturm, in dem sich der Bühnenaufbau befindet. Schon früh morgens wimmelt es hier vor emsigen Arbeitern, die hammern, nageln, schrauben, nähen oder putzen. Bis zum Abend, nach Ende der letzten Vorstellung geht das so! Insgesamt arbeiten hier bis zu 40 Personen an nur einer Aufführung. Die Musiker und Sänger sind dabei nicht einmal mit eingerechnet.

Wir dürfen uns einen der Probensäle, den Probenraum der Musiker, des Chors und die Schneiderei ansehen. Ohne Sebastian hätte ich mich hier im Nullkommanix verlaufen! In der Schneiderei braucht man allein 17 Leute, die die Kostüme umnähen, anpassen oder reparieren. Hier muss rund um die Uhr jemand bereit stehen, um jederzeit eingreifen zu können, falls einem der Solisten mal eine Naht platzt oder so. Sogar die Garderoben dürfen wir betreten. Da die Vorstellung erst am Abend stattfindet, ist es hier natürlich leer und wir stören nicht. Auch wenn gerade niemand da ist, kann man aber die kribbelnde Anspannung spüren, die hier jeden Abend, kurz vor der Vorstellung, herrscht. Ich stelle mir vor, wie zwanzig, dreißig halb kostümierte, noch nicht fertig geschminkte Sängerinnen sich hier hektisch auf ihren Auftritt vorbereiten. Adrenalin pur.

Liceu Barcelona Garderobe

Die Solisten haben natürlich eigene Garderobe, sogar mit Blick auf die Rambla.

Liceu Barcelona Gran Teatre

Dann kommt die Überraschung, mein absolutes Highlight der Besichtigungstour: Wir dürfen in die Perücken Abteilung! Die werden hier nämlich von Hand gefertigt. Von jedem Sänger werden die genauen Maße des Kopfes genommen, um aus Echthaar die entsprechende Perücke zu knüpfen. Falls mal ein Solist in letzter Sekunde ausfällt und die Vertretung einen total anderen Kopf hat, wird es schwierig. In den Regalen stehen auch ein paar Rokoko- und Fantasie- Perücken, die sind allerdings nicht aus Echthaar, das hätte im Laufe der Jahre schon viel zu sehr gelitten, sondern aus robustem Yak-Haar! Wenn man das gut pflegt, kann es nämlich fast ein Leben lang halten! (So ein bißchen Yak Haar hätte ich auch gern! 😉 )

Die Regale an der Wand sind voll mit Schachteln, in denen sich „Resthaare“ befinden, blond, braun, gelockt, schwarz, glatt, gekräuselt. Wenn man überlegt wie teuer Haare sind (zum Beispiel wenn man sich Extensions machen lässt!), kann man sich schnell denken, dass hier echte „Schätze“ gestapelt liegen.

Liceu Barcelona Gran Teatre

Liceu Barcelona Gran Teatre

Nach einem weiteren kleinen Spaziergang durch die labyrintartigen Gänge dürfen wir nicht nur in den großen Saal, sondern auch auf und hinter die Bühne. Allerdings mit dem sehr ernsten Hinweis, dicht hinter Sebastian zu bleiben und bloß nichts anzufassen. Hier steht und hängt überall so viel bewegliche Technik, dass man besser genau macht, was er sagt, wenn man nicht Gefahr laufen will, dass einem etwas auf den Kopf fällt. Auf dem Boden sieht man überall Klebestreifen in verschiedenen Farben. Die sind für die Künstler, aber auch für die Aufbauten, damit jeder schnell weiß, wer und was, wann wohin muss. Kompliziiiiert!

Liceu Barcelona Gran Teatre

Der Turm mit den Aufbauten ist echt beeindruckend. 40 m in die Höhe und nochmal 24 in die Tiefe oder so geht es! Die Columbussäule würde locker hier reinpassen und hätte sogar noch ein paar Meter Platz. Ganz unten im Keller riecht es plötzlich nach Hafen. Sebastian erklärt auch warum. Im Untergrund fließt sehr viel Wasser. Ganz früher war da, wo heute die Rambla entlang geht, ein Fluss. Beim Bau des Liceu musste man also eine komplette Umwälzanlage für die Wassermassen bauen, um das ganze Wasser umzuleiten. Damit es aber nicht verschwendet wird, leitet man es zum Font del Montjuïc – deswegen sind die Lichtspiele dort auch so schön musikalisch 🙂 .

Ganz zum Schluss dürfen wir noch einen Blick in den privatesten Teil des Liceu werfen, den Club der elitären Sponsoren Cercle del Liceu. Wie in einem englischen Club des letzten Jahrhunderts stehen hier gemütliche Ledersessel nebeneinander und vor dem Kamin. Jeder Sessel hat einen eigenen Klingelknopf für die „Diener“. Sogar der modernistische Fahrstuhl ist mit einem gepolsterten Sitz ausgestattet. Und erst die Kunstwerke! An den Wänden hängen ein Dutzend Gemälde von Ramón Casas, einem der bekanntesten Vertreter des katalanischen Modernisme. Fotos sind hier leider nicht erlaubt.

Am Ende des Rundgangs hab ich ganz schön platte Füsse. Wir haben wirklich alles gesehen. Ich glaube Sebastian auch sofort, als er zum Abschied noch sagt, dass das Liceu das größte Opernhaus Europas ist. Mit einer Fläche von  360 m² Fläche eine Kapazität von 2.286 Plätzen wird das Liceu sogar weltweit nur noch vom Opernhaus in Rio de Janeiro mit 2.361 Zuschauerplätzen übertroffen. Echt beeindruckend, oder?

Also, wenn Ihr das nächste Mal über die Ramblas bummelt, guckt ruhig mal rein, in Barcelonas altehrwüdiges Opernhaus. Vielleicht seid Ihr ja dann auch so angetan wie ich von den bunten Yak-Haar- Perücken :-)! 

Liceu Barcelona Gran Teatre

Liceu Barcelona Gran Teatre

Liceu Barcelona Gran Teatre

Liceu Barcelona Gran Teatre

Liceu Barcelona Gran Teatre

Liceu Barcelona Gran Teatre

Liceu Barcelona Gran Teatre

Nützliche Infos zum Nachreisen:

Adresse:
Gran Teatre del Liceu
La Rambla, 51
08002 Barcelona
Anreise: Mit der Metro L3 (Liceu)

Touren, Preise, Eintritt:
Die Besichtigungstouren finden täglich statt und sind sogar auf Deutsch möglich! Es gibt Express Tours (Dauer etwa 20 Minuten) und
Guided Tours (Dauer etwa 50 Minuten).
6 € Express Tour
14 € Geführte Tour

Website: www.liceubarcelona.cat
E-Mail: informacio@liceubarcelona.cat

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