So schmeckt der Regenwald

Concepção, eine weißhaarige alte Dame begrüßt mich in der Comunidade de Jamaraquá. Rund eine Stunde sind wir mit dem Boot von Alter do Chão flussabwärts gefahren, bis wir zu der kleinen Amazonas-Siedlung am Ufer des Rio Tapajó gelangen. In Jamaraquá suchen wir uns einen einheimischen Guide, der mit uns durch den Regenwald läuft.

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Ankunft am Strand von Jamaraquá

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Concepção ist so etwas wie die gute Seele des Dorfes. Obwohl wir uns noch nie gesehen haben, begrüßt sie mich wie ein Familienmitglied. Was ich denn nach der kleinen Wanderung zu Essen haben möchte, fragt sie mich, denn sie wird nachher etwas für uns kochen. Ob Fisch in Ordnung sei, gegrillt. Ja klar, sehr gern antworte ich und freue mich schon auf ihre Kochkünste. Obwohl ich ja leider nicht einmal ihre Sprache spreche, ist sie unglaublich herzlich und drückt mich. Ganz offen, so komplett ohne Berührungsängste. Wunderbar!

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Aber bevor es etwas zu essen gibt, marschieren wir erst einmal in den Wald. Wir sind schon relativ spät dran, denn eigentlich gehen die Trails sehr viel früher am Morgen los. Aber da Madlen und ich allein hier sind, haben wir den Guide ganz für uns und können die Zeit selbst bestimmen. Zum Glück ist es heute ein wenig bewölkt und nicht ganz so heiß, denn sonst wäre es eine echte Qual in der Mittagshitze zu laufen.

Während ich schon nach wenigen Minuten schwitze, läuft unser Guide Eric leichtfüßig vor mir durch den Wald. Gleich zu Anfang unserer rund neun Kilometer langen Wanderstrecke entdeckt Eric eine Gruppe Affen. Macacos de mãos amarelas nennt er sie, denn die kleinen schwarzen Äffchen haben auffällig gelbe Hände. Etwas später sehen wir auch noch ein paar andere kleine Affen, die noch in den Baumwipfeln unterwegs sind. Da haben wir wirklich Glück, denn normalerweise muss man schon sehr viel früher aufstehen als wir heute, um so viele Tiere in Aktion zu sehen!

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Ein knallblauer Schmetterling flattert vor uns auf dem Weg, natürlich viel zu schnell, um ihn auf einem Foto festzuhalten. Aber auch spannende Pflanzen gibt es hier jede Menge. Alle paar Meter bleibt Eric stehen und erklärt etwas. Da ist zum Beispiel ein Baum, dessen Harz wie Wick vaporup riecht und genauso verwendet wird. Auch zum Inhalieren gegen Erkältung oder bei Sinusitis helfe das klebrige Sekret. Wir kosten eine merkwürdige pulvrige Frucht. Wie einen Bonbon stecken wir das grüne Ding in den Mund und lutschen das süße staubige Fruchtfleisch ab. Als Eric die Frucht in etwas größerer Form findet, sammelt er ein paar davon ein und knackt sie für uns. Jatobá (auf Deutsch Hymenaea) heißt dieses lustige Ding, das zur Familie der Johannisbrotgewächse gehört.

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Natürlich hat der Regenwald auch Medizin gegen Durchfall, Erkältung und sogar gegen Malaria auf Lager. Eine echte Wunderapotheke, wenn man wie die indigenen Völker, all die Pflanzen und ihre Kräfte zu nutzen weiß. Gegen Mückenstiche reiben wir uns zum Beispiel mit einer besonderen Sorte Ameisen ein, der formiga capiba.

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Um eine schwarze Riesenameise sollen wir allerdings besser einen großen Bogen machen, sagt Eric. Von dem Gift der formiga tucomdeira wird einem übel und schwindelig. Manche Leute müssen sich auch übergeben und kriegen Durchfall. Der Biss sei wirklich sehr schmerzhaft. Auf Deutsch hört die Riesenameise auf den harmlos klingenden Namen 24-Stunden-Ameise.

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Im Amazonas haben die Eingeborenen angeblich ein Initiationsritual, bei der ein Heranwachsender einen mit solchen Ameisen bespickten Handschuh mehrere Stunden anbehalten muss. Wenn er den Schmerz erträgt, hat er die Prüfung bestanden. Eric muss lachen, als er mein Gesicht sieht, dass ich allein schon bei dem Gedanken daran mache. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie schlimm es ist, gestochen zu werden. Er wurde nämlich schon von so einem Tierchen gebissen, als er aus Versehen draufgetreten hat. Das tat richtig weh, erzählt er.

Da jetzt gerade Trockenzeit ist, steht das Wasser sehr tief in den Flüssen des Amazonasgebietes und es gibt relativ wenig Insekten im Regenwald. Ehrlich gesagt finde ich das ganz gut so, denn viele der kleinen Viecher sind ganz schön giftig.

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Wir probieren noch eine andere Frucht, die mich an Litschis erinnert, entdecken knallbunte Grillen und Eric zeigt uns spitze Dornen, die die Indios mit einem Froschgift zu Giftpfeilen machen und Früchte, die sie als Kohle zum Feuermachen benutzen. Zwischendurch findet unser Guide auch noch ein paar alte Keramikscherben auf dem Boden. Die stammen von einem Indianervolk, das hier einst gelebt haben muss. Vielleicht haben sie sich in die Tiefen des Waldes zurückgezogen. Irgendwann sind sie verschwunden und niemand weiß, wer sie waren oder wohin sie gingen. Nur die Scherben auf dem Weg sind von ihnen noch übrig geblieben.

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Besonders beeindruckend sind die Bäume. Die verschiedenen Frucht- und Kautschukbäume, die Eric uns im Urwald zeigt, sind über fünfzig Meter hoch und die meisten von ihnen um die zweihundert Jahre alt. Erst seit rund fünfzehn Jahren steht dieses Stück des Amazonaswaldes unter Naturschutz. Seither dürfen die Bäume von den Menschen nicht mehr gefällt werden. Besucher dürfen hier nur mit einem einheimischen Guide durch den Regenwald laufen.

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Sumauma-Kapokbaum-brasilien-regenwald

Der Höhepunkt des Wanderweges von Jamaraquá ist ein wunderschöner alter Sumaúma, ein Kapokbaum. Diese Bäume gehören zu den höchsten Bäumen des Regenwaldes. Es ist zwar nicht der größte der Gegend, aber er ist schon ziemlich beeindruckend und ziemlich alt. Eine der Brettwurzeln sieht aus wie ein Elefantenkopf. Wunderschön! Eric knackt für uns noch ein paar der Jatobá Früchte, dann machen wir uns auf das letzte Stück des Weges, der uns wieder zum Dorf zurückführen wird.

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Dann fängt es plötzlich an zu regnen. Erst nur kleine Tropfen, dann aber dann geht es richtig los. Es ist ein angenehm warmer Regen, aber wir wollen natürlich nicht, dass unsere Kameras nass werden. Geschickt baut Eric einen kleinen Unterstand aus Palmenblättern. Wir sind zwar längst quitschnass geworden, aber die Kameras sind trocken geblieben. Nach wenigen Minuten hört der Regen wieder auf und wir gehen weiter.

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Als wir den Waldrand erreichen, erkenne ich auch schon das kleine Dorf. Concepção hat unser Essen bereits vorbereitet. Sie bringt Reis, Bohnen, Salat und Pirarucu. Das ist der größte Süßwasserfisch der Welt. Davon hat sie mir ein ordentliches Stück gegrillt. Das Fischfilet schmeckt fantastisch, wirklich lecker. Es ist ein mageres, trockenes Fleisch, ohne Gräten. Von der riesigen Portion könnte allerdings eine ganze Familie satt werden! Dazu gibt es Wasser und frischen Obstsaft. Von welcher Frucht habe ich leider vergessen, aber hier schmecken alle Fruchtsäfte genial.

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Zu gern würde ich mich mit Concepção noch länger unterhalten und den Geschichten der liebenswerten alten Dame lauschen. War sie jemals woanders, als in dieser Comunidade? Oder hat sie immer schon hier am Fluss im Amazonas gelebt? Sie legt einfach den Arm um mich. Auch ohne Worte weiß ich, dass sie ein herzensguter Mensch ist.

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Infos Ausflug Regenwald :

Trilha Jamaraquá:
Der Wanderweg ist ungefähr 9 km lang. Mit vielen Erklärungen des Guides braucht man in gemütlichem Tempo vier Stunden für den gesamten Rundweg.

Macaco Sagui Branco  – Silberäffchen
Macaco de cheiro – Saimiri sciureus – Totenkopfäffchen
Saguis preto de mãos douradas – Rothandtamarin

Kosten:
Für die Bootsfahrt von Alter do Chão nach Jamaraquá haben wir einen ganzen Tag lang Andre und sein Boot gemietet: 350 Reias (ca. 94 Euro). Wenn man sich einer Gruppe anschließt, wird es billiger. Da wir uns spontan entschlossen hatten, nach Jamaraquá zu fahren, gab es nur die Möglichkeit die Fahrt individuell zu organisieren oder sie gar nicht zu sehen. Auf dem Rückweg hat Andre noch einen Badestopp an einem wunderschönen Strand eingelegt. Sogar ein paar graue Flußdelfine konnten wir noch beobachten.

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Lokaler Guide in Jamaraquá 100 Reias (ca. 26 Euro)
Essen bei Concepção 20 Reais pro Kopf (ca. 5,40 Euro)
Umrechnungskurs (Stand Oktober 2017): 1 Euro= 3,71 Reais / 10 Reais = 2,70 Euro

Pirarucu

Der über hundert Kilogramm schwere rötliche Fisch Arapaima, den die Einheimischen Pirarucu nennen, kann bis zu zwei Meter groß werden und ist ein wichtiger Nahrungslieferant für die abgelegenen Indio-Dörfer. Aber er ist auch ein sagenumwobener Bewohner des Amazonas. Der Legende nach ist Pirarucu der eitle und egoistische Sohn eines Stammesoberhauptes gewesen. Man erzählt sich noch heute die Geschichte, nach der er eines Tages die Abwesenheit seines Vaters wieder einmal ausgenutzt haben soll, um ungestraft seine Gräueltaten zu begehen. Er tötete Menschen aus dem Dorf, aus reiner Willkür und verspottete die Götter. Die hatten schließlich genug vom dreisten Treiben des jungen Mannes und schickten Blitze, Donner und Sturzfluten bis Pirarucu für immer in den wilden Fluten des Amazonas verschwand.

Da der Pirarucu ab und zu nach Luft schnappen muss, schwimmt er dicht unter der Wasseroberfläche. Dadurch ist er für Flussfischer eine leichte und lohnende Beute. Seine dicken Schuppen schützen ihn zwar vor Piranhas aber nicht vor den Angeln der Menschen.

www.zeit.de

Videos zu den Ameisen: 

Vielen Dank an TAP Airlines für den Flug nach Brasilien. Meine Meinung ist davon nicht beeinflusst und die hier dargestellten Ansichten beruhen einzig und allein auf meiner persönlichen Erfahrung.   

4 Comments

  • Ich liebe zwar die Tiere und die Natur aber der Regenwald wäre glaube ich eine Nummer zu hoch. Aber trotzdem vielen Dank für die Erfahrung die du in deinem Blog teilst. Sonnige Grüße aus dem Wellnesshotel Schenna

    • Das glaube ich gar nicht :-). Man muss ja kein wilder Abenteurer sein und alleine mit der Machete durch den Regenwald laufen. Es gibt durchaus Möglichkeiten, leichte trails, auch in kleinen Gruppen mit lokalen Guides zu laufen. Aber egal wo, wenn die Natur noch fast unberührt ist, ist sie einfach am schönsten 🙂

      LG
      Nicole

    • Oh wieso doch nicht Costa Rica? Die Natur soll dort auch schon sehr beeindruckend sein – habe ich gehört… Habt Ihr Euch für ein anderes Land entschieden?
      Liebe Grüße!

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