La Verema – Weinlese auf altmodische Art

Weinreben Weinstöcke Weinlese

Wie die Kinder hüpfen wir zwischen den Reben herum und suchen die süßesten Weintrauben. Zum ersten Mal bin ich bei einer echten Weinlese dabei. Auf dem Weingut La Vinyeta kann man einmal im Jahr bei der „Verema“ mitmachen.  

Weinlese La Vinyeta Costa Brava

Freudig gespannt fahre ich mit meiner Schwägerin Olivia zusammen über einsame Landstraßen gen Norden. Die Berge ragen vor uns majestätisch in den Himmel. Den Verkehr und die breiten Straßen haben wir längst hinter uns gelassen. Je näher wir den Bergen kommen, desto einsamer und stiller wird es um uns herum. Rechts und links nur Maisfelder, Wiesen und Weinreben. Ab und zu erscheint ein alter Kirchturm in der Ferne. Dabei sind wir nur 30 Kilometer von den Stränden der Costa Brava entfernt. Aber hier herrscht Ruhe und Beschaulichkeit. Ganz oben, im nördlichen Teil der Costa Brava, fast schon in den Pyrenäen, liegt ein Weingut, das ich im Sommer mal besucht habe: La Vinyeta. Der komplett ökologisch orientierte Familienbetrieb hat mir damals schon so gut gefallen, dass ich beschlossen habe, zur Verema, der Weinlese, wiederzukommen. Für den hier produzierten Wein wird noch jede einzelne Traube per Hand gelesen. Das ist natürlich sehr mühsam und teurer als mit Maschinen, aber die traditionelle Traubenlese hat einen entscheidenden Vorteil: Die Pflücker können faule oder unreife Trauben von den reifen Trauben unterscheiden. Maschinen können das nicht. Natürlich werden wir Besucher bei dieser alljährlichen Veranstaltung nicht richtig „ernten“. Es wäre wohl zu riskant, eine ganze Meute Kinder und Laien auf die empfindlichen Reben loszulassen. Aber wir werden an echten Rebstöcken echte Weintrauben pflücken, das hatte Josep, der Besitzer, mir schon im Sommer versprochen.

Ich fahre auf den Hof des Weinguts. Ein paar Kinder toben schon durch die Gegend und warten darauf, dass es endlich losgeht. In fröhlicher Erwartung sammeln sich immer mehr Familien auf dem Hof. Die Verema ist ein echtes Familien-Event. Manche scheinen nicht zum ersten Mal dabei zu sein. Sie begrüßen sich herzlich, als ob sie sich schon vom letzten Jahr kennen würden. Es sind eindeutig sowohl einheimische als auch ausländische Familien dabei. Das schließt Olivia jedenfalls messerscharf aus den Nummernschildern der Autos.

Weinlese La Vinyeta Costa Brava

Als schließlich alle eingetrudelt sind, gibt Josep noch wichtige Instruktionen. „Erntehelfer können wir immer gut gebrauchen“, beginnt er seine kleine Rede. „Heute werden wir das markierte Feld dort drüben abernten.“ Dabei zeigt er auf einen gar nicht so kleinen Bereich weiter unten am Hang. „Um zu wissen, welche Trauben ihr ernten könnt, müsst ihr zunächst den Reifegrad prüfen. Dazu gibt es drei Tests.“ Alle Kinder lauschen und sind konzentriert bei der Sache. „Für den ersten Test braucht ihr gute Augen. Reife Trauben erkennt ihr an der Farbe: Wenn sie goldgelb sind, sind sie reif“, sagt Josep und strahlt die Kinder an. „Um ganz sicher zu gehen, müsst ihr aber noch einen zweiten Test machen. Reife Trauben schmecken angenehm süß. Ihr müsst also immer mal ein paar probieren!“ Die Kinder hüpfen vor Aufregung von einem Bein aufs andere. Aber die Erklärungen gehen noch weiter. „Beim dritten Test“, fährt Josep fort, „müsst ihr auf die Kerne achten. Am besten ihr spuckt sie in die Hand, so.“ Das macht er kurz vor. Die Kleinen kichern. „Die Kerne sollen nicht mehr hellgrün, sondern eher bräunlich sein. Alles verstanden?“ „Jaaa!“, jubelt die mittlerweile schon ganz zappelige Meute. Dann kommt Albert, der Spezialist für das Pflücken und Ernten der Trauben. Er zeigt genau, wie wir die Schere halten müssen. Schneiden dürfen aber nur die Großen, damit es keinen Unfall gibt. Ganz wichtig sei es, keine Blätter mitzuernten. „Sonst schmeckt der Most oder der Wein später nicht so lecker!“ Alle lachen.

Weinlese La Vinyeta Costa Brava

Eimer und Scheren werden verteilt, und wir werden auf die Weinreben losgelassen. Olivia und ich streifen durch die Reben. Es sieht so wunderschön aus, diese brav aufgereihten Rebstöcke, die in geraden Linien fast bis zum Horizont reichen. Wie war das doch gleich? „Wann genau sind die Trauben reif?“, frage ich meine Schwägerin. „Gelb sollen sie sein, soviel weiß ich noch“, meint sie nur schulterzuckend. Irgendwie sehen sie für mich alle gelb aus. Wir lachen beide, sind aber unsicher, was wir nun pflücken dürfen und was nicht. Also fotografieren wir die Weintrauben erst mal. Zum Glück geht Albert durch die Reihen. Ich schnappe ihn mir: „Sind die hier reif? Kannst du bitte mal kurz gucken?“ Albert lacht mich an. Die seien alle reif, gesteht er. „Eigentlich kannst du sie zack, zack abschneiden.“ Noch während er redet, hat er bereits vier bis fünf Hände voll Trauben abgeschnipselt und in den Eimer gepackt. „Josep hat es für die Kinder etwas spannender gemacht, aber pst! Der gesamte abgesteckte Bereich ist erntereif!“ Na, da bin ich doch viel beruhigter. Ich muss also nur noch aufpassen, dass keine faulen Trauben oder Blätter in meinem Eimer landen. Albert kontrolliert noch mal die Handhaltung und zeigt uns, wie ein echter Pflücker schneidet. Ganz wichtig sei es, immer eine Hand unter die Trauben zu halten und mit der anderen zu schneiden. „Halte niemals oben fest, wenn du schneidest. Das kann im Eifer des Gefechts schnell mal daneben gehen.“ Ich habe es jetzt verstanden. Also gehe ich durch die Reben, gucke und wähle. Und ich probiere – der Teil gefällt mir am besten. Alle Trauben schmecken zuckersüß. Noch ein Blick auf die ausgespuckten Kerne: braun. Gut. Abschneiden und in den Eimer mit den kleinen Kugeln. Nach einer Weile ist ordentlich was zusammengekommen. Alle leeren ihre Eimerchen in große Behälter, die am Rande der Weinstöcke stehen. Als auch die bis oben gefüllt sind, fährt ein Stapler unsere gesammelte Ernte zum Hauptgebäude.

Weinlese La Vinyeta Costa Brava

Dann kommt der zweite Schritt, die Hauptgaudi der Verema. Die Kleinen hüpfen aufgeregt durch die Gegend. „Habt ihr euch denn auch alle die Füße gewaschen?“, fragt Josep schelmisch grinsend in die Menge. „Jaaaaa!“ Selbstverständlich haben alle Kinder saubere Füße! Noch nie habe ich gesehen, dass sich jemand so schnell die Schuhe ausgezogen hat. Egal ob drei oder acht Jahre alt, die Kleinen können kaum noch stillhalten. Das In-Einer-Reihe-Aufstellen klappt mehr oder weniger gut. Jeder will als Erster in einen der großen Pötte springen und Weintrauben stampfen. „Ihr kommt alle dran! Es ist genug Arbeit für jeden von euch da!“ Josep lacht. Und dann stampfen und treten sie, kichern und lachen, und musen die Trauben zu Brei, bis endlich Saft entsteht. Am liebsten würde ich auch in die Traubenmatsche hineinspringen. Ich bin etwas neidisch auf die Kleinen, aber Wegschubsen kommt sicher nicht so gut bei den Eltern an. Also warte ich geduldig. Olivia versucht unterdessen, sich irgendwie zwischen Eltern und Kindern hindurchzuquetschen und den Bottichen zu nähern, um das große Weintraubentreten zu filmen. Es ist das reinste Tohuwabohu. Alle haben mächtig Spaß. Nach fast einer Stunde ist es endlich soweit. Der ganze Obstmatsch wird in eine Presse gekippt. Josep dreht an dem großen Rad und schon laufen die ersten Tropfen „unseres“ Saftes unten heraus. Der Most wird professionell aufgefangen und abgefüllt. Das machen jetzt die Großen. Dann dürfen wir alle probieren. Natürlich schmeckt unser selbstgemachter Traubensaft so was von lecker! Süß, fruchtig, mit einer leichten Note von Waldboden. Oder wie würde der Fachmann das wohl nennen? Leider hat unser Saft keine Zeit, zu einem guten Wein heranzureifen. Dafür trinken wir nämlich viel zu viel von dem Most. Aber das soll auch so sein. Diese Familien-Verema auf dem Weingut ist ja schließlich in erster Linie für die Kinder gedacht. Sie haben viel Spaß und lernen gleichzeitig, wie Wein hergestellt wird. Zur Stärkung von der ganzen Anstrengung gibt es ein kleines Buffet mit Aufschnitt, Käse, Oliven und dem typisch katalanischen Tomatenbrot.

Weinlese La Vinyeta Costa Brava

Weinlese La Vinyeta Costa Brava
Während wir es uns schmecken lassen, das Glas Most stolz in der einen, ein Stück Käse in der anderen Hand, toben die lieben Kleinen längst wieder über den Hof. Währenddessen verteilt Josep noch Geschenke: Jeder darf eine Flasche selbstgemachten Weintraubensaft mit nach Hause nehmen. Als wir wieder im Auto sitzen und über die jetzt dunklen Straßen nach Hause fahren, schaukelt hinten auf dem Rücksitz, direkt neben den zwei Flaschen Most, noch eine Kiste roter Traubensaft. Aber der ist nur für Erwachsene.

Nützliche Infos: 

Mehr Infos zum Weingut findet Ihr hier im Blog unter Von süßen Trauben… oder direkt auf der Website La Vinyeta

Celler La Vinyeta
Ctra. Mollet a Masarac
17752 Mollet de Perelada
Girona
Website: www.lavinyeta.es

Und hier noch ein paar Bilder von der Weinlese:

Weinlese La Vinyeta Costa Brava
Konzentriertes Probieren der Weintrauben  😉

Weinlese La Vinyeta Costa Brava
wie sehen die Kerne aus? 

Weinlese La Vinyeta Costa Brava
Abschneiden! Albert macht es vor …

Weinlese La Vinyeta Costa Brava
… und ich mache es nach 

Weinlese La Vinyeta Costa Brava
ab in den Eimer

Weinlese La Vinyeta Costa Brava

Weinlese La Vinyeta Costa Brava

Weinlese La Vinyeta Costa Brava
Das Treten und Stampfen der Trauben ist der allergrößte Spaß für die Kleinen

Weinlese Weintrauben treten La Verema La Vinyeta Costa Brava

Weinlese La Vinyeta Costa Brava

Weinlese La Verema

Hinweis: vielen Dank an Josep und Marta, dass ich bei Eurer Verema dabei sein durfte! Es hat riesigen Spaß gemacht! 

2 Comments

  • Hallo Nicole,

    wir haben auch Lust mal so eine „altmodische“ Weinlese und Weinstampfen mitzumachen. Wie bist du denn an die Adresse gekommen und kann man da einfach eine Reise hin buchen oder sich mit dem Weingut in Verbindung setzen? Muss man dafür portugiesisch können? Ich würde mich freuen wenn du mir ein paar Infos dazu geben kannst.

    Schöne Grüße,
    Jan

    • Hallo Jan , Auf der Website (im unteren Teil des Artikels ist ein Link) findest Du alle Termine der Veranstaltungen, die es dort gibt. Wenn Du hier an der Costa Brava bist, kannst Du dort einfach hinfahren.Wenn Du eine Führung oder eine Veranstaltung haben möchtest, solltest Du aber vorher anrufen oder schreiben. Portugiesisch brauchst Du ganz sicher nicht hier 🙂 Englisch wäre allerdings schon gut, denn ich bin nicht sicher, ob sie jemanden haben, der Deutsch spricht.

      Liebe Grüße

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.