Die Stadt der verlorenen Träume – der Friedhof des Montjuïc

Geschichte des Cementiri Montjuïc

Die Stadt der Toten auf dem Montjuïc ist voller Engel. Denkend, flehend, kämpfend oder tragisch verzweifelt zeugen die Skulpturen und Monumente von den Träumen, den Idealen, den moralischen Werten der Einwohner Barcelonas zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Eine Zeit der Kämpfe zwischen Arbeitern und Bourgeoisie, die auch auf dem Friedhof sichtbar ist.

Engel Friedhof Montjuïc Barcelona Friedhofskunst

Im achtzehnten Jahrhundert war es in den mittelalterlichen Städten längst viel zu eng geworden, um die Friedhöfe neben den Kirchen, mitten im Ort, belassen zu können (zum Beispiel Fossar de les Moreras neben der Santa Maria del Mar). Gleich zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts errichtete man also auch in Barcelona den ersten Friedhof außerhalb der Stadt, den Friedhof Poblenou.

Poblenou war damals noch freies Feld und gehörte zur benachbarten Gemeinde San Martín de Provensals. Schnell füllte sich jedoch auch diese moderne Nekropole. Als dann Mitte des Jahrhunderts die Stadtmauer fiel und Barcelona endlich wachsen konnte, brauchte man noch mehr Platz für die Toten. Abseits des gerade ganz neu entstehenden Barcelonas, auf der Rückseite des Montjuïc, errichtete man also eine kleine Stadt für die Verstorbenen: 1883 wurde der Cementiri del Montjuïc eröffnet.

Plan Erweiterung Barcelona im cemenitri montjuïc barcelona

Barcelona befand sich zu dieser Zeit mal wieder in einer tiefen Wirtschaftskrise. Nachdem die Phylloxera in Frankreich bereits ein heilloses Chaos angerichtet hatte, erreichte das Unheil bringende kleine Tierchen nun auch die katalanischen Weinbauern. Während die Katalanen zunächst noch heftig an den Börsen spekulierten und versuchten Profit aus der Krise der Franzosen zu ziehen, war das schnell gewonnene Geld auch ganz schnell wieder verloren, als die Reblaus die Pyrenäen überschritt.

Friedhof Montjuïc Barcelona Totenkopf

Der Architekt Leandre Albareda wurde mit dem Entwurf der Nekropole beauftragt. Angelehnt an europäische Friedhöfe wie den Père Lachaise, war es Albaredas Plan, aus dem Friedhof selbst eine Art Monument zu machen, mit verschiedenen Bereichen für die Bourgeoisie, mit schicken Treppen und eleganten Plätzen. Sogar König Alfons XII kam aus Madrid zur Besichtigung vorbei.

Architekt denkmal Cementiri Montjuic

Am Ende einer der Hauptachsen des Friedhofs erhebt sich ein Denkmal des Planers. Von hier oben aus kann man den ganzen Hafen mit seinen Lastkränen und Frachtschiffen überblicken.

  Ausblick Hafen Friedhof Montjuic Barcelona

Mit der Zeit wurde es aber auch auf diesem neuen Friedhof immer voller. Das ursprüngliche Projekt musste verändert und den neuen Bedürfnissen angepasst werden. Heute geht es wesentlich liberaler auf dem Cementiri zu. Auch Protestanten, Spiritualisten, Atheisten und andere Nicht-Katholiken werden hier beigesetzt. Gerade erst wurde die letzte Erweiterung des Friedhofs vollendet. Nun ist echt kein Platz mehr auf dem Berg.

cemenitri montjuïc barcelona auf dem Friedhof

cemenitri montjuïc barcelona Friedhof Nischen

Kutschen und Karossen

Von den vielen Engeln und Pantheons abgesehen, gibt es aber noch etwas anderes zu entdecken. Nämlich eine Sammlung von alten Karossen, mit denen die Verstorbenen früher auf die neuen, weit außerhalb der Stadt gelegenen Friedhöfe gebracht wurden. Adrià weiß zu jeder der Karossen eine Geschichte! Wie schon bei den Gräbern gab es auch bei den Kutschen, die die Toten zum Friedhof fuhren, große Klassenunterschiede. Während die Reichen in aufgedonnerten Gefährten, mit Glasfenstern und bis zu acht Pferden ihren letzten Weg antraten, mussten sich die einfachen Leute mit einem Platz in einem „Omnibus“ genannten Sammelfahrzeug zufrieden geben, das mehrere Tote gleichzeitig transportierte.

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Wirklich überrascht hat mich die Tatsache, dass Witwen gar nicht bei der Trauerfeier ihres verstorbenen Gatten dabei sein durften. Frauen trauerten nicht in der Öffentlichkeit. Das durften nur die Männer. Bis zur Kirche gab es immerhin noch die Möglichkeit, dass die Witwe in einer extra dafür vorgesehenen Karosse den Trauerzug begleitete. Dieser Wagen war jedoch vollständig abgedunkelt und tiefschwarz, nicht einmal die Fenster durften frei bleiben und wurden verdeckt. Adrià lässt mich einen Blick in eine der Witwen-Karossen werfen. Es sieht aus wie in einem gepolsterten Sarg. Schrecklich.

Überhaupt hatten die armen Frauen nicht viel zu lachen. Nicht genug damit, dass der (vielleicht) geliebte Mann verstorben war und der Ernährer der Familie wegfiel. Der Ruf der Witwen war allein aufgrund der Tatsache, dass sie alleinstehend waren, schon ruiniert. Sie standen plötzlich am Rande der Gesellschaft und wurden von vielen sozialen Ereignissen mehr oder weniger ausgeschlossen. Die „lustigen Witwen“ wurden wie lüsterne Prostituiertebehandelt. Kein Wunder, dass viele Frauen eine Weile ins Ausland zogen, wenn sie es sich leisten konnten. Andere vermählten sich rasch wieder, um auch weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Wem weder das eine noch das andere gelang, der hatte eine schwarze Zukunft vor sich. Nicht nur die Kleidung musste von nun an schwarz sein, und das jahrelang, auch das Geschirr im Haus, das Briefpapier, einfach alles musste mit einem Trauerflor versehen werden.

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Bei dem ganzen Schwarz fallen natürlich ein paar der Karossen besonders auf: Sie sind komplett weiß, bzw. eine ist sogar rosa-gold. Adrià erklärt mir, dass Kinder unter zwölf Jahren, unverheiratete Frauen, also automatisch Jungfrauen, und Nonnen als „unschuldig“ galten und daher in weißen Karossen zum Friedhof gebracht wurden. Bei diesen Beerdigungen durften auch Frauen am Trauerzug teilnehmen. Da es sich bei diesen Verstorbenen um reine Seelen handelte, kamen sie – theoretisch – direkt in den Himmel.

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Friedhof Montjuïc Barcelona Kreuz

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Nützliche Infos:

Die geführten Touren über den Friedhof finden jeden Samstag und Sonntag auf Spanisch und Katalanisch statt. Und das Beste ist – diese Sonntagsspaziergänge sind gratis!

Adresse Friedhof:
Cementiri Montjuïc
c/ Mare de Déu de Port, 56-58
08038 Barcelona
Website: www.cbsa.cat
Anfahrt: Mit dem Bus 21 ab Metrostation Paral.lel (wochentags) oder 107 (feiertags)

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2 Comments

  • Es klingt vielleicht ein wenig sonderbar, aber ich gehe im Urlaub gern auf fremde Friedhöfe und sehe sie mir an. Dabei gefallen mir natürlich besonders diese alten Friedhöfe, auf denen sich Schönheit und Melancholie so einzigartig verbinden. Da bekomme ich oft eine Gänsehaut, manchmal stehen mir auch die tränen in den Augen, obwohl ich niemanden kenne, der auf diesem Friedhof liegt. Aber…es ist irgendwie eine gute Melancholie. 🙂

    • ich finde das gar nicht sonderbr. Auf Friedhöfen kann man so viel lernen und sehen … 🙂

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