Miravet – Nebel liegt über der Welt

Die Welt verschwindet in dichtem Nebel. Keine zwei Meter vor mir liegt ein dicker weißer Schleier über dem Ebro. Früh am Morgen hat der Nebel nicht nur die Welt, sondern auch alle Geräusche um uns herum verschluckt. Es ist gespenstisch still. Noch während ich völlig fasziniert aus dem Fenster sehe, beginnt die dichte Wolkenwand sich ganz allmählich zu lichten und gibt den Blick auf den Fluss, die Bäume und Sträucher frei. Langsam kommen die Häuser von Miravet, die Gärten und Felder wieder zum Vorschein.

miravet ebro

Miravet Ebro

Nicht weit von hier, direkt am Ebro, hat während des Spanischen Bürgerkriegs eine dramatische Schlacht stattgefunden. Hinter den Häusern von Miravet überquerten in den frühen Morgenstunden des 25. Juli 1938 die Truppen der Republikaner den Fluss, um auf der anderen Seite gegen die heranrückenden Franco-Truppen zu kämpfen. Viele Tage lang tobte die blutige Schlacht am Ebro. Doch schließlich waren es Francos Schergen, die dieses entscheidende Gefecht und damit auch den Bürgerkrieg für sich entscheiden konnten.

Kommunisten, Anarchisten und alle, die auf republikanischer Seite für die demokratisch gewählte Regierung gekämpft hatten, mussten fliehen. Auch berühmte Köpfe wie George Orwell und Ernest Hemingway hatten damals, wie viele linke Intellektuelle, aufseiten der Republikaner gekämpft und verloren. Der Rest ist Geschichte. Erst Mitte der siebziger Jahre wurde Spanien mit dem Tod Francos von der Diktatur befreit.

 batalla del ebro schlacht am Ebro miravet

schlacht am Ebro Miravet

Heute sieht man Miravet die bewegte Geschichte nicht mehr an. So friedlich liegt das kleine Dorf im winterlichen Sonnenschein am Ufer des Ebro. Bewacht von einer mächtigen Festung, die hoch oben über den mittelalterlichen Häusern thront.

Miravet Ebro Ufer Baum

Das kleine Dorf ist schnell durchwandert. Die kleinen Häuser schmiegen sich direkt an die Felswand. Die meisten von ihnen sind mittlerweile recht zerbrechlich geworden. Nur einige Wenige wurden restauriert, meist von wohlhabenden Städtern, die die Schönheit des Dorfes erkannten und die finanziellen Mittel hatten, Miravet wieder in bunten Glanz erstrahlen zu lassen. Der alte Palau del Comanador leuchtet weit sichtbar in zartem Blau. Zu Zeiten des Johanniterordens war dieser Palast der Sitz des lokalen Leiters des Ordens. Als eines der wichtigsten Gebäude im Dorf wurde es damals schon in leuchtendem Blau bemalt. Das sollte nicht nur hygienisch sein, sondern auch vor bösen Geistern schützen.

Den besten Blick auf Miravet hast Du von einem kleinen Bootsanleger am Ufer des Ebro. Im Sommer fahren dort kleine Ausflugsboote ab, im Winter kannst Du den einen oder anderen Hobbyangler antreffen. Früher lebten viele Menschen hier vom Fischfang und vom Transportwesen, denn der Ebro war ein viel genutzter Verkehrsweg. Ein deutscher Angler, den wir zufällig treffen, erzählt uns, dass es hier die dicksten Welse in ganz Europa geben soll. Doch die seien eigentlich nicht autochthon und schmeckten außerdem sehr moderig. Nur echte Angelfreaks machen daher tagelange Bootstouren, um hier diese fetten Fische zu fangen.

miravet

Vom alten Dorfzentrum führt ein steiniger Trampelpfad den Weg zur Burg hinauf. Auch wenn die Burg zerfallen ist, sind einige Bereiche noch recht gut erhalten. Aber wer lebte nun eigentlich hier oben?

Nach dem Untergang des Römischen Reichs im fünften Jahrhundert waren zwar die Westgoten einige Jahre hier in der Gegend und lebten weitgehend friedlich im Einklang mit den einheimischen Stämmen der Iberer, doch das Ebrotal war dünn besiedelt und leer.

Als die Mauren im achten Jahrhundert die Iberische Halbinsel eroberten, trafen sie kaum auf Widerstand. So kam es, dass auch das kleine Barcelona und sogar die Pyrenäen ein paar Jahrzehnte lang von den Mauren beherrscht wurden. Erst als die islamischen Herrscher bis ins Roussillon vordrangen, war das christliche Abendland alarmiert. Die heraufziehenden islamischen Mächte mussten gestoppt werden.

ebro Aussicht von der burg miravet

Karl der Große versuchte in mehreren Schlachten die maurischen Städte zu erobern. Obwohl die islamischen Herrscher untereinander bereits zerstrittenen waren, klappte der christliche Eroberungsfeldzug nicht so reibungslos wie geplant. Die Städte paktierten nicht wie erwartet gegen Al-Andalus, sondern leisteten erbittert Widerstand. Der Frankenkönig war für eine längere Belagerung nicht ausgerüstet und geriet schließlich auf dem Rückzug bei Roncesvalles auch noch in einen Hinterhalt (wovon übrigens das Rolandslied handelt, das nach den Geschichten über die hier geschlagenen Schlachten entstand).

Zur Sicherung der Grenzen nach dieser schweren Niederlage richtete der europäische Herrscher die Spanische Mark als Pufferzone zwischen den beiden Welten ein. Die Marca Hispanica endete mehr oder weniger am Ebro. Der Fluss galt als Grenzgebiet. Der gesamte Landstrich südlich von Barcelona war nach wie vor fest in maurischer Hand. Die islamistische Herrschaft dauerte in vielen Dörfern und Städten über siebenhundert Jahre. Das ist eine lange Zeit, in der die Kultur, die Bräuche und die Sprache der Menschen geprägt werden. In Miravet hatten die Mauren oben auf dem Felskamm eine Burg errichtet. Viele Jahrhunderte lang war die Burg in Miravet ein Teil der Grenzbefestigung von Al-Andalus. Die zahlreichen kleinen Burgen und Wehrtürme entlang der Grenze dienten vor allem zur Übermittlung von Nachrichten.

Religion war damals bei den Mauren kein großes Thema. Die Truppen waren ohne Frauen in den Norden gezogen und vermischten sich schnell und ziemlich problemlos mit der ursprünglich christlichen Bevölkerung. Sie brachten neue landwirtschaftliche Techniken in die eroberten Gebiete und verwandelten das bis dahin einsam gelegene Flusstal in eine blühende Landschaft. Bis auf wenige Schlachten und gelegentliche Übergriffe lebten Mauren und Christen jedoch ziemlich entspannt im Grenzgebiet.

miravet palau

Um ihr Gebiet und ihre Macht zu festigen, betrieben die christlichen Herrscher der Marca Hispanica eine aktive Besiedlungspolitik. Guifré el Pelós war Vasall des französischen Königs und im neunten Jahrhundert der erste Graf von Barcelona. In den von ihm eroberten Gebieten ließ er zahlreiche Klöster und Kirchen bauen. Er verschenkte Land an Bauern und Soldaten, damit sie die Felder bearbeiteten und zur Not auch selbst verteidigten. Dörfer und Städte entstanden. Seine Nachfolger führten diese Besiedlungsstrategie fort.

Ramon Berenguer III weitet im elften Jahrhundert sein Herrschaftsgebiet auf beiden Seiten der Pyrenäen aus. Gegen Ende seines Lebens tritt der Graf von Barcelona dem Orden der Templer bei. Sein Sohn Ramon Berenguer IV nimmt an der Seite König Alfons von Kastilien am zweiten Kreuzzug teil und hilft bei der Eroberung des maurischen al-Mariyya (Almeria).  Ramon Berenguer IV stört die Kommunikation seiner Gegner, indem er die Kette der Nachrichtenübermittlung von Burg zu Burg unterbricht. Mit Unterstützung des Templerordens erobert er so 1148 das maurische Tortosa, 1149 Lleida, 1153 Miravet.

burg der Tempelritter miravet

 burg der tempelritter miravet innenhof

Als Belohnung für ihre Hilfe im Kreuzzug überlässt er die Burg von Miravet den Tempelrittern. Die verwandeln die einfache maurische Burg in eine mächtige Festung. Bis heute gilt Miravet als Beispiel für die Architektur des mächtigen Ritterordens. Doch auch unter der Herrschaft der Templer lebten die maurischen Familien in Miravet und anderen Dörfern weiterhin ihren Alltag. Während die Templer oben auf der Burg beteten oder sich für irgendeine Schlacht vorbereiteten, waren es die Mauren, die die Techniken der Landwirtschaft beherrschten, die die Felder bearbeiteten und für Wohlstand sorgten. Also ließ man sie gewähren.

Doch die Tempelritter waren dem französischen König Philipp IV ein Dorn im Auge. Er hatte sich von dem Ritterorden Geld geliehen und konnte seine Schulden nicht zurückzahlen. Weil ihm die Templer zu mächtig geworden waren, paktierte er mit dem Papst und anderen europäischen Fürstenhäusern. An einem einzigen Tag ließ er gleichzeitig in allen Städten die Tempelritter festnehmen und hinrichten. Ihre Güter wurden beschlagnahmt, der Orden zerschlagen. Die Pfründe teilte sich der König mit seinen Verbündeten.

In Miravet und auf den anderen Burgen in Katalonien und Aragón leisteten die Tempelritter jedoch erbitterten Widerstand. Erst nach fast einem Jahr Belagerung kapitulierten sie schließlich. Doch statt die Mönchsritter hinzurichten, wie der französische König es geplant hatte, ließ Jaume der Gerechte, Graf von Barcelona und König von Aragón, die frommen Männer am Leben. Die meisten von ihnen fanden Unterschlupf in einem neuen, von Jaume II selbst gegründeten Ritterorden, dem Orden von Montesa, dem auch viele Besitztümer des ausgelöschten Templerordens zugesprochen wurden. Miravet ging mit seinen zugehörigen Ländereien an den Johanniterorden.

miravet am ebro

Wer nicht so gut zu Fuß ist, kann auch mit dem Auto zur Burg hinauf fahren. Aus der Zeit der Mauren ist hier nicht mehr viel zu sehen, aber die dicken Mauern der Tempelritter scheinen uneinnehmbar. Massig gebaut und viele Meter hoch, haben sie diverse Schlachten und Kriege überlebt.

Die Anlage war eine Mischung aus Kloster und Kaserne. Innerhalb der Festung gab es einen großen Platz zum Exerzieren, Reiten und Kämpfen. Durch einen Torbogen schreitend gelangen wir zu einem großen Innenhof, dem Patio de Armas. Eine steinerne Treppe führt in die Klosterkirche der Ritter. Durch ein Fenster in der Apsis des kargen und schmucklosen Raumes fiel das erste Sonnenlicht des Tages herein.

Vom Patio de Armas aus gelangte man nicht nur in die Kirche, sondern auch in die Küche, den Speiseraum oder die privaten Räume im oberen Teil der Burg – die leider nicht erhalten sind. Im Refektorium erkennt man noch die Ansätze mächtiger Säulen, die wohl ursprünglich den Speisesaal der Mönchsritter zieren sollten, dann aber doch nicht gebaut wurden. Wegen Unebenheiten im Untergrund verzichtete man offenbar auf die Säulen und legte eine Decke darüber. Schweigend nahmen hier die Mönche ihre Mahlzeiten ein und lauschten nur den Psalmen und Bibelversen.

burg der tempelritter miravet

Überraschenderweise hat mir aber etwas ganz anderes noch besser gefallen, als die Burg von Miravet. Direkt am Ufer des Ebro führt nämlich eine steile Treppe hinab zum Fluss. Die untersten Stufen sind vom schnell fließenden Wasser verschluckt. Als ich mich ein paar Schritte hinunter wage, entdecke ich an der Seite eine Art Höhle. Es sind die Überreste des uralten Anlegers der Llaguts, der traditionellen Boote, die hier be- und entladen wurden. Nicht groß und spektakulär, aber wunderschön, oder?

anleger Miravet

Infos zur Burg von Miravet

Öffnungszeiten: täglich 10-17 Uhr, im Sommer 10-19.30 Uhr, im Winter 10-15.00 Uhr, montags geschlossen
Eintritt: ohne Führung 3 Euro, ermäßigt 2 Euro
Führung: Verschiedene Guides bieten Führungen oder „Experiences“ an, die neben dem Besuch der Burg auch einen Bummel durch das Dorf und eine kleine Verkostung beinhalten.
Vicenç: 691 561 868 (Spanisch, Katalanisch, Französisch)
Josep: 696 612 801
Aureli: 656 266 398 (Besitzer des Palau de Miravet)
Bei Vicenç (Tarvitur) kostet so eine zweistündige Tour in der Gruppe 15 Euro pro Kopf. Eine persönliche Führung für uns zwei hat 60 Euro gekostet.

Miravet burg aussicht

Geschlafen haben wir im Palau de Miravet, dem ehemaligen Palau del Comanador:
Palau de Miravet
Carrer del Palau, 34
43747 Miravet
Website: elpalaudemiravet
Preis Übernachtung 1 Nacht 80 Euro alles Notwendige für ein kleines Frühstück ist vorhanden. Wein und kleine Extras kann man kaufen. Ansonsten ist wenige Meter neben der Haustür  des Palaus die kleine Bar Amadeo, in der man lecker essen kann.

balkon blick auf Ebro Miravet

tapas ebro

 

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