Castelo Rodrigo, wo die Mandeln blühen

Laut trapsend hüpfen die Vögel vor meinem Fenster hin und her und trällern ihre morgendlichen Lieder. Die ersten warmen Sonnenstrahlen fallen in mein Zimmer. Ich werde wach und freue mich über die Sonne. Aber weil es noch echt früh ist, kuschele ich mich lieber noch ein halbes Stündchen in meine Kissen. Eine Stunde später lockt mich der Duft von frischem Kaffee dann doch aus dem Bett. Während in der Küche schon das Frühstück zubereitet wird, öffne ich die Fensterläden und blicke auf die mittelalterlichen Mauern des kleinen Dorfs. Goldfarben schimmern die alten Steine im Morgenlicht. Ein schöner neuer Tag in Castelo Rodrigo!

Castelo Rodrigo aldeias historicas
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Ana ist die Chefin der kleinen Pension Casa Cisterna. Mit ihrem Mann ist sie vor über zwanzig Jahren aus Lissabon hierhergekommen und hat sich in das historische kleine Dorf so sehr verliebt, dass sie hier geblieben ist. Nach und nach haben die beiden erst ein altes Haus renoviert, dann noch eins und 2004 schließlich das kleine Gästehaus eröffnet. Während ihr Mann sich im Parque Natural do Douro Internacional um den Schutz der Umwelt und der Tiere kümmert, sorgt Ana dafür, dass sich die Gäste wohlfühlen. Mittlerweile ist das einst schon fast ausgestorbene Dorf wieder neu belebt. Die einst vom Verfall bedrohten Gebäude sind restauriert und zumindest an den Wochenenden bewohnt.

Castelo Rodrigo aldeias historicas

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Mandeln aus Castelo Rodrigo

„Viele Ruinen waren das hier noch in den achtziger Jahren“, erzählt auch Monsieur André, dem die kleine Teestube gleich am Eingang des Dorfes gehört. Mehr oder weniger durch Zufall kam er vor vielen Jahren dazu, diesen kleinen Laden mit regionalen Produkten und der Teestube zu eröffnen. Aber das ist eine lange Geschichte. Jedenfalls beschloss er eines Tages, seinen gut bezahlten Job als Bänker in Paris an den Nagel zu hängen, um stattdessen hier in Castelo Rodrigo Mandelbäume zu pflanzen. Plaudernd sitzen wir in seinem kleinen Laden. Monsieur André ist gut gelaunt und es macht ihm sichtlich Spaß, kleine Anekdoten aus seinem Leben zu erzählen. Gerade letzte Woche war das Fernsehen hier. In Portugal kennt man den sympathischen Herrn aus Frankreich nun also landesweit.

Castelo Rodrigo aldeias historicas Monsieur andre
Castelo Rodrigo aldeias historicas Teestube

Nebenan werden gebrannte Mandeln in den verschiedensten Geschmacksrichtungen hergestellt und eingetütet. Alles in Handarbeit. Monsieur André selbst denkt sich die Rezepte aus, hat mittlerweile aber diverse Helfer, die für ihn arbeiten. Einmal habe ein Amerikaner nach Mandeln mit Raucharoma gefragt. Das hatte er nicht, erzählt Monsieur. Aber er habe dem Touristen gesagt, er solle am nächsten Tag wiederkommen, dann hätte er die gewünschten Mandeln. Noch am selben Abend tüftelte er so lange, bis er den richtigen Geschmack getroffen hatte. Am nächsten Morgen gab es dann eine neue Sorte Mandeln in seinem Sortiment.

Immer wieder fällt Monsieur eine neue, lustige Geschichte ein und so erzählt er, wie er überhaupt auf die Idee mit den Mandeln kam. Als Kind gab es nämlich vor der Opéra in Paris einen älteren Herrn, der dort süße, gebrannte Mandeln verkaufte. Er hatte einen kleinen Ofen auf der Straße aufgebaut und verkaufte tagein tagaus dort seine Mandeln an die Kinder. Was den kleinen André damals besonders beeindruckt haben muss, war die Tatsache, dass der Père Praline, wie er den Mandelverkäufer nannte, stets im schwarzen Frack und mit weißen Handschuhen arbeitete. „So elegant, als wäre er bei der Queen zum Tee eingeladen“ lacht er.

Mandelblüte Castelo Rodrigo aldeias historicas

Castelo Rodrigo aldeias historicas Mandeln

Das war also die eigentliche Inspiration. Die Mandelbäume direkt vor dem mittelalterlichen Eingangstor von Castelo Rodrigo habe er erst später gepflanzt. Im Gegensatz zu den meisten Mandelbäumen, die der einfacheren Bearbeitung halber zurechtgestutzt werden, stehen seine Bäumchen wild und natürlich als blühende Begrüßung vor dem kleinen Ort. Doch die eigentliche Blüte habe ich leider gerade knapp verpasst. Da hätte ich eine Woche früher kommen müssen. So bleibt mir nur, die Mandeln zu probieren. Und die sind zum Glück zu jeder Jahreszeit köstlich!

Castelo Rodrigo aldeias historicas Mandelblüte

Castelo Rodrigo, die Burg
Oben auf dem höchsten Punkt ruhen die Reste der Burg, die dem Dorf seinen Namen gegeben hat: Castelo Rodrigo. Schon die Lusitaner hatten hier eine befestigte Siedlung errichtet, die dann aber von den römischen Eroberern vernichtet wurde. Lusitaner nannte man die Volksgruppe, die vermutlich bereits vor den Iberern in dieser Gegend lebte. Von all den Eroberern, den Römern, den Westgoten und den Mauren, sind allerdings kaum Spuren bis in unsere Zeit erhalten geblieben. Wichtig wurde der kleine Ort erst, als hier ganz in der Nähe die Grenze zwischen Portugal und Spanien, beziehungsweise Kastilien, verlief.

Castelo Rodrigo aldeias historicas

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Besonders der portugiesische König Manuel I sorgte zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts dafür, dass entlang der Grenze befestigte Burgen errichtet oder ausgebaut wurden. Geld genug hatte Manuel I, denn unter seiner Herrschaft entwickelte sich Portugal zu einer großen Seefahrernation. Es war in seiner Regierungszeit, als die Schiffe unter portugiesischer Flagge in ferne Welten segelten.

Trotz der vielen Schlachten in der Grenzregion sollen es aber die Bewohner von Castelo Rodrigo selbst gewesen sein, die die Burg letztlich zerstörten. So erzählt man es sich jedenfalls hier im Dorf. Und das kam so…

Nachdem 1578 König Dom Sebastião I mit nur 24 Jahren starb ohne einen Nachfolger hinterlassen zu haben, übernahm sein Onkel Heinrich vorübergehend die Regierungsgeschäfte. Der war jedoch eigentlich Kardinal und hatte als Diener Gottes ebenfalls keine Kinder. Als auch er zwei Jahre später starb, kam es zu einem Erbfolgestreit. Der endete damit, dass Portugal im sechzehnten Jahrhundert eine Weile von den spanischen Königen mitregiert wurde. Da diese spanischen – und nun auch portugiesischen – Könige allesamt Felipe hießen, nennt man diese Dynastie die „Dinastia filipina“.

Die meisten Adeligen Portugals passten sich den neuen Regenten an, so auch der Burgherr von Castelo Rodrigo. Als die Portugiesen im siebzehnten Jahrhundert endlich ihre Unabhängigkeit zurück erkämpft und den letzten spanischen König Felipe IV verjagt hatten, ignorierte der adelige Herr auf der Burg diese Tatsache jedoch. Er diente weiterhin den Spaniern und kämpfte gegen sein eigenes Volk. Erbost und wütend zündeten die Dorfbewohner also die Burg an und verjagten die Adeligen von der Burg. Für immer.

Als ich am Abend glücklich aber total müde von einem aufregenden langen Tag in mein Zimmer komme, knistert dort schon ein Kaminfeuer …

casa cisterna castelo rodrigo

 

Infos Castelo Rodrigo – zum Nachreisen:

Guesthouse Casa Cisterna
Ana Berliner & António Monteiro
Casa da Cisterna
Largo da Igreja
6440-031 Castelo Rodrigo
Website: www.casadacisterna.com

Das Thema Nachhaltigkeit wird hier groß geschrieben! Ana organisiert auch viele verschiedene Ausflüge für die Gäste, wie den nächtlichen Besuch der Felsmalereien in Côa, Wanderungen in den Parque Natural do Douro, Bird whatching, Picknick, Bootsfahrten auf dem Douro oder einen Spaziergang mit den süßen Eseln von Castelo Rodrigo.

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Im Mittelalter soll es eine bedeutende jüdische Gemeinde in Castelo Rodrigo gegeben haben. Zu der gehörte auch die Mikwe, die später als Zisterne genutzt wurde. Das Eingangtor der Mikwe ziert als Silhouette auch das Schild der Casa Cisterna, denn das erste Haus, das Ana und ihr Mann renovierten, liegt direkt neben der alten Zisterne.

Castelo Rodrigo aldeias historicas Zisterne Mikwe

Teestube Monsieur André
Sabores do Castelo
Rua da Praça
6440-031 Figueira de Castelo Rodrigo

Vierzehn verschiedene Sorten Mandeln, dazu selbstgemischte Tee- und Kräuterteemischungen gibt es in dem kleinen Laden gleich am Dorfeingang. Die Geschmacksrichtung der Mandeln reicht von salzig bis scharf, mit Kaffee- oder Schokoladengeschmack, mit Zimt, Ingwer oder Lavendel, roh oder geröstet…

mandlenbäume Castelo Rodrigo aldeias historicas

wein Castelo Rodrigo aldeias historicas

Adega Cooperativa de Figueira de Castelo Rodrigo
Rua Pedro Jacques de Magalhães 7
6440-031 Figueira de Castelo Rodrigo
Website: www.adegacastelorodrigo.pt

Castelo Rodrigo aldeias historicas wein

Etwas weiter unten im Tal, außerhalb des mittelalterlichen historischen Dorfkerns, gibt es eine Weinkooperative. Hinten auf dem Hof ragen riesige weiße Kuppeln aus der Erde. Castelo Rodrigo ist eine von drei Subregion die zur DO Beira Interior gehören. Traditionelle Weintrauben sind hier Síria, Malvasia Fina (beide weiß) und Marufo, Touriga Nacional, Touriga Franca und Tinta Roriz (rot). Schon die Mönche des nahe gelegenen Zisterzienserklosters Santa Maria de Aguiar haben hier im zwölften Jahrhundert Wein produziert. Doch lange Jahre stellte man in der Gegend vorwiegend einfache Tischweine her, ohne besonderen Wert auf die Qualität zu legen. Das änderte sich erst später, denn nun ruhen hier sehr leckere Reservas in den alten Eichenfässern.

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ESel Castelo Rodrigo aldeias historicas
Unbedingt probieren musst Du den Couve. Das ist ein portugiesischer Kohl mit langem Stiel, der im Winter fast überall wächst, auch auf der Straße (!) und in vielen Gerichten vorkommt.

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Der Artikel entstand im Rahmen einer Pressereise, zu der ich von TCP/ARPT Centro de Portugal eingeladen wurde.   

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