Der Teppich der Apokalypse

Versteckt in einem dunklen Raum in Angers, in der uneinnehmbaren Festung mit den dicken Mauern, befindet sich der über einhundert Meter lange Schatz, der apokalyptische Teppich. Auf diesem gigantischen Wandbehang werden nicht einfach bloß die vier Reiter der Apokalypse dargestellt. Wie in einem Bilderbuch wird die ganze Geschichte der Offenbarung des Johannes in allen Details erzählt.

teppich apokalypse angers schloss

Irgendwann im vierzehnten Jahrhundert müssen die Leute in mindestens zwei Werkstätten gleichzeitig an diesem Teil gearbeitet haben. Und das mindestens sieben Jahre lang. Dieser Teppich der Apokalypse ist ein echtes Mammutkunstwerk. In Auftrag gegeben wurde er einst von Ludwig I von Anjou, gewebt wurde er in Paris.

Über die Jahrhunderte hinweg hat der Wandteppich natürlich sehr gelitten. So ein riesiges und tonnenschweres Ding konnte man ja nicht einfach in ein Regal oder eine Truhe legen. Julie meint, man wisse aus alten Schriften, dass diese Tapisserie einmal in der Kathedrale gehangen haben muss und einmal zur Hochzeit eines Fürsten draußen, bei einer großen Feierlichkeit als Partydekoration, aufgebaut wurde. Viel mehr haben auch die Historiker bis heute noch nicht herausgefunden.

Nach diesen beiden erwähnten Auftritten des Teppichs geriet er dann aber wohl in Vergessenheit. Vielleicht war er einfach nicht mehr modern, auf jeden Fall aber war er sehr unpraktisch. In der Zeit der Französischen Revolution schnitt man einfach Teile aus dem Teppich heraus, nutzte sie als Putzlappen, umwickelte damit die Orangenbäume im Winter als Schutz gegen die Kälte oder benutzte die Lappen als Pferdedecken.

Erst in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts besann man sich wieder auf den Wert dieser gewebten Kostbarkeit. Ein Bischof von Angers machte sich 1843 daran, die einzelnen Stücke wiederzufinden und den Teppich neu zusammenzusetzen. Vieles musste restauriert werden, Einiges ist für immer verloren, wie zum Beispiel der Text in der Mitte. Aber erstaunlich viel, fast zwei Drittel des Originals, sind erhalten geblieben und konnten gerettet werden.

Apokalypse Angers

Die knallbunten Farben von einst sind heute etwas verblichen. Um dieses einzigartige Stück besser zu schützen, ist der Raum, der übrigens extra für den Teppich der Apokalypse gebaut wurde, sehr dunkel gehalten. Julie, die mich heute durch Angers führt, hilft mir dabei, die Bilder des Teppichs zu lesen. Wir setzen uns auf eine Bank an der Wand und im Dunkeln lausche ich der Geschichte der Apokalypse.

Am Anfang steht Johannes, der ja diese berühmte Offenbarung hatte und seine Vision erzählt. Gott hält das Buch mit den sieben Siegeln in der Hand, aber niemand kann es öffnen. Dann kommt jemand auf die glorreiche Idee, das Lamm Gottes, also Jesus, solle das Buch öffnen. Das Lamm bricht also die Siegel, die Engel blasen ihre Posaunen und die schlimmsten Übel brechen über die Menschheit herein: Feuer, Kriege, Hunger, Erdbeben, eine Katastrophe nach der anderen.

die grosse hure teppich apokalypse angers

Da gibt es ein Kapitel mit einem siebenköpfigen Drachen, der eine Jungfrau stehlen will. Aber der Engel kämpft gegen das böse Untier. In einem anderen Kapitel lassen sich ein siebenköpfiges Wassermonster und ein siebenköpfiges Erdmonster von den Menschen anbeten.

Auf einem Bild, das eigentlich gar nicht nach Katastrophe aussieht, sitzt eine schöne Frau, die sich in einem Spiegel betrachtet, auf mehreren Hügeln. Auf einem anderen Bild reitet sie auf einem Monster. „Das ist die große Hure, die Hure Babylon, die auf dem Tier reitet“, erklärt mir Julie. „Sie soll Städte wie Babylon oder Rom symbolisieren, die vom vielen Handel reich geworden waren und Gott nicht mehr gebührend fürchteten.“

Natürlich wird auch der Showdown zwischen Gut und Böse, zwischen dem Erzengel Michael und dem Drachen, dem Vertreter des Satans, ausführlich dargestellt. Auf manchen Bildern gibt es auch etwas Trost zu sehen, kleine Details, die den Gläubigen Hoffnung geben sollen. Johannes will nicht nur warnen, sondern auch Mut machen, dass für die Gottesfürchtigen nach dem Jüngsten Gericht alles wieder gut werden wird.

bilder Teppich der Apokalypse Schloss Angers  teppich apokalypse Engel posaunen angers

Es gibt überraschend viele Möglichkeiten, diese Bildergeschichte zu lesen. Da ist einmal natürlich die religiös-historische Ebene der Zeit, in der Johannes die Offenbarung schrieb. Er benutzte diese bildhafte Sprache, um seine heftige Kritik an der damaligen Situation sehr drastisch und deutlich jedermann verständlich zu machen. Er kritisierte die Mächtigen aber auch die Gläubigen, die vom wahren und reinen Glauben abkamen und Götzenbildern wie Geld und Macht dienten. Dann gibt natürlich auch die rein spirituelle Ebene, und dann noch die politische Leseebene aus der Zeit der Entstehung des Teppichs. Bei der Darstellung der Ungläubigen gibt es zum Beispiel auffallende Ähnlichkeiten mit den Uniformen und Symbolen der Engländer, die im vierzehnten Jahrhundert die ärgsten Feinde der Grafen von Anjou waren.

festung schloss Angers

Als ich mit Julie die Burg wieder verlasse, brauche ich einen Augenblick, um aus dieser mächtigen Bilderwelt wieder zurück in die Wirklichkeit und das gleissendhelle Tageslicht zu kommen. Ohne Julie hätte ich sicher nur einen bunten Wandteppich gesehen, aber mit ihren spannenden Geschichten und den ausführlichen Erklärungen bin ich für eine Stunde in die Gedankenwelt des dreizehnten Jahrhunderts abgetaucht.

gebäude für den Teppich der Apokalypse Schloss angers

Infos zum Nachreisen: 

Hier findest Du einen Artikel über den Teppich der Apokalypse: www.zeit.de

Öffnungszeiten und Eintrittspreise findest Du auf der Seite Angers Loire Tourisme oder www.schloesser-der-loire.com

Hinweis: Meine Reise entlang der Loire wurde von Atout France unterstützt. Vielen Dank an Julie, die mich in die Geheimnisse Angers und in die Geschichte dieses unglaublichen Teppichs eingeweiht hat! Die hier dargestellte Meinung spiegelt selbstverständlich ausschließlich meine eigenen Ansichten und Erlebnisse wieder.  

 

2 Comments

  • Ich bin sprachlos. Vor Ehrfurcht und Begeisterung. Was für ein Mammutwerk. Und wie schön der Teppich ist. Ich kann mich an solchen alten Kunstwerken gar nicht satt sehen.
    Lg aus St. Leonhard Passeiertal

    • Das war ich auch! Ich stand da wirklich einfach nur staunend, mit offenem Mund – wie ein Kind. Dabei bin ich gar kein Kunstkenner, aber diese mächtigen Bilder fesseln Dich total! Ist echt wahnsinnig schön!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.