Wie man im Lot-et-Garonne Geschichten erzählt

Mit Janouille durch Monflanquin:

„Adisiatz“ ruft er einem vorbeigehenden Pärchen zu, dann wiederum verteilt er kleine Geschenke, eine Tüte Haselnüsse oder eine Tüte Pflaumen. Jeder kennt und mag den Hofnarren Janouille, der mit Wanderstock und laut klimpernden Schellenschuhen durch das Dorf zieht. In Monflanquin zeigt mir dieser ganz besondere Geschichtenerzähler seine Stadt. Janouille ist der uneheliche Sohn Henri IV, ein Troubadour und ein guide bouffon.

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Ehrlich gesagt war ich mir nicht sicher, was mich hier erwarten würde. Doch sobald Jean in seine Rolle schlüpft, bin ich hin und weg. Diese sympathische Quasselstrippe, ein echtes Plappermäulchen, zieht mich sofort in seinen Bann. Janouilles Geschichten aus dem mittelalterlichen Leben wirken nicht aufgesetzt oder künstlich, sondern authentisch, fast so als würde man mit einem durch die Zeit gereisten Troubadour sprechen. Selbst in die lustige Mischung aus Okzitanisch und Französisch in der Janouille parliert, hört man sich schnell ein. Die vielen Gesten des ausdrucksreichen Geschichtenerzählers helfen natürlich.

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Immer wieder spricht er Menschen an, die wir auf der Straße treffen, und wir tauchen tief in die bewegte Vergangenheit der alten Festungsstadt ein. Passenderweise finden in Monflanquin regelmäßig mittelalterliche Feste statt. Ich kann mir gut vorstellen, wie Janouille inmitten von Jongleuren und Feuerspuckern durch die Menge zieht und seine Lieder zum besten gibt. Selbst wenn man nicht jedes einzelne Wort versteht, ist es schön, ihn in Aktion zu erleben. Ein toller Mensch, der mit ganzem Herzen bei der Sache ist.

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Nérac und der Raconteur de pays:

In Nérac treffe ich Guy, einen Raconteur de pays. Guy erzählt leidenschaftlich und voller Begeisterung Geschichten über Nérac, seine kleine Stadt im Lot-et-Garonne. Wir treffen uns am Ufer der Petite Baisse. Von hier aus haben wir einen tollen Blick auf den Fluss und die ältesten Häuser die Stadt. Guy berichtet natürlich von Henri IV, dem König der auf unserer kleinen Reise sehr präsent ist, weil er in Pau geboren wurde und in Nérac viele Jahre seines Lebens verbrachte.

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Und so sitzen wir da mit Blick auf das Château und Guy erzählt vom Aufstieg der Familie Albret. Eine ursprünglich einfache Familie aus Les Landes, die sich dank geschickter Verheiratung und einer strikten Erstgeborenen-Erbregelung, bis in die Spitze der damaligen Gesellschaft hocharbeitete. Über Jahrhunderte wurden die jungen Mädchen der Familie mit wohlhabenden alten Männern verheiratet. Nach deren Tod durfte die junge Witwe zwar die Ländereien und das Vermögen nutzniessen, mussten es aber bei ihrem Tod nicht an die eigenen Kinder, sondern an den ältesten Bruder vererben. Dadurch dass dem Erstgeborenen einer Generation der komplette Besitz der Familie zufiel, gehörten die Albrets nach ein paar Jahrhunderten bereits zu den angesehensten Familien der Region.

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Geschickt paktierten die Albrets mit den Mächtigen und trieben Brücken- und Wegegelder für die Kirchenfürsten ein. Um mir die komplizierten Grenzverläufe zwischen den Burgen und Ländereien besser zu veranschaulichen, schmückt Guy mein Notizheft mit anschaulichen Skizzen. Im sechzehnten Jahrhundert heiratet Jeanne d‘Albret, die inzwischen die Königskrone Navarras trägt, den „premier prince du sang“ Antonine de Bourbon, ein hochrangiges Mitglied des französischen Königshauses. Aus dieser Verbindung geht dann Henri IV hervor, der neben dem navarrischen auch den französischen Thron besteigt.

Während wir durch Nérac spazieren findet Guy immer wieder neue Themen, zu denen er ausführliche Geschichten zu berichten weiß. Im Parc de la Garenne kommen wir zu dem Brunnen, der an Fleurette, die erste und wahre Liebe des vierzehnjährigen Henri IV erinnert. Das junge Mädchen soll sich der Legende nach das Leben genommen haben, als Henri eine andere heiratete.

Natürlich führt Guy mich auch zu dem Gebäude, in dem in wochenlangen Verhandlungen ein Papier vorbereitet wurde, das den Hugenotten freie Ausübung ihrer Religion zugestehen sollte. Während die Männer in zähen Verhandlungen versuchten Frieden zwischen Protestanten und Katholiken zu stiften, um die bereits Jahrzehnte andauernden Religionskriege zu beenden, reiste auch die Königinmutter Catherine von Medici nach Nérac. Begleitet wurde sie von einer besonderen Armee, einem Escadron volant. Dreihundert Frauen sollten die verhandelnden Männer milde stimmen und sie von allzu harten Verhandlungspositionen ablenken. Das hier entstandene Papier war so etwas wie die Grundlage für das Edikt von Nantes, das den Religionskriegen schließlich ein Ende bereitete.

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Als Henris Gemahlin Marguerite de Valois sich von Paris auf den Weg nach Nérac gemacht hatte, soll sie das Landleben furchtbar langweilig gefunden haben. Daher, so sagt man, richtete sich die junge Königin im Parc de la Garenne, dem ehemaligen Jagdrevier ihres Schwiegervaters, einen Lustgarten mit Badesteg, Booten und Theateraufführungen ein.

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Die Lügner von Moncrabeau:

In Moncrabeau erzählt man auch viele Geschichten, aber hier funktioniert das eher nach dem Münchhausen-Prinzip. Daher frage ich mich bei dem Bummel durch den kleinen Ort das eine oder andere Mal, ob mir die Einheimischen gerade wieder einen Bären aufbinden oder nicht. Bereits seit dem 18. Jahrhundert versuchen die Mitglieder der Akademie der Lügner ihre Mitmenschen mit unterhaltsamen Geschichten zum Lachen zu bringen. Das Dorf ist übersät mit kleinen Schildbürgereien und lustigen Anekdötchen, wie dem winzigen Schädel des Henri IV als Kind, den sie mir voller Stolz präsentieren.

thron der lügner moncrabeau

moncrabeau kirche

Die Bewohner von Moncrabeau nehmen sich selbst nicht so ernst. Aber sie sind stolz auf ihre Lügentradition, die sogar schon in Belgien und Italien nachahmende Gemeinden gefunden hat. Vor dem steinernen Lügnerthron stehend erklären mir die beiden Herren der Akademie, dass sie einmal im Jahr sogar einen König oder eine Königin krönen. Auch Kandidaten aus anderen Orten oder gar Ländern können sich mit ihren Geschichten für diesen Titel bewerben. Wichtig sei nur, dass die Lüge glaubwürdig und wahrhaftig klinge. Themen wie Religion und Politik sind streng vom Wettbewerb ausgenommen, aber ansonsten darf man auf die Schippe nehmen wen oder was man will.

rosa elefanten

Nachdem die auf dem Thron sitzenden Kandidaten einen unterhaltsamen sechsminütigen Vortrag gehalten haben, sammeln zwei Pagen in einem Jutesäckchen das Urteil der Jury ein. Je Vortrag können dabei bis zu zehn Löffel Salz gesammelt werden. Je besser die Geschichte gefällt, umso mehr Salz erhält der Redner oder die Rednerin. Am Ende werden alle Säcke gewogen und die Geschichte, die den schwersten Sack erhalten hat, geht als Sieger aus dem Lügenwettkampf hervor. Die Königin oder der König wird in einer feierlichen Prozession durch das Dorf getragen und dann wird nach Gascogner Art, anständig getafelt. Auf gutes Essen legt man in der Gascogne nämlich allerhöchsten Wert.

moncrabeau kbriefkasten
moncrabeau

Über die Geschichten und die Erzähler

Auf der Seite Albret Tourisme findest Du einige Informationen über den famosen Henri IV. albret-tourisme.com

Welche Raconteur de pays es außer Guy noch gibt, erfährst Du auf der Website www.raconteursdepays47.com

Die Akademie der Lügner erklärt ihre Geschichte und Aktivitäten hier: www.academiedesmenteurs.fr

Mein Guide Bouffon, der Troubadour Janouille hat sogar eine eigene Website: www.janouille.com

fenster montflanquin

montflanquin

Praktische Infos Lot-et-Garonne

In Monflanquin haben wir übrigens im lø.ft ô village übernachtet, einem super niedlichen Apartment mitten im Ort. Früher war hier wohl mal ein Laden, doch Karen und ihre Familie haben alles umgebaut und eine gemütliche Wohnung eingerichtet. Karen, unsere super liebe, ursprünglich aus den Niederlanden stammende Vermieterin, hat sich rührend um unser Wohlergehen gekümmert. Die kleine Wohnung ist mit allem ausgestattet, was man so braucht, eine perfekt eingerichtete Kochnische, ein großer Wohn-Esstisch, WIFI und sogar eine Bank vor der Tür.

montflanquin

lø.ft ô village
56 Rue Saint-Pierre
47150 Monflanquin
Website loftovillage.com

unterkunft tipp monflanquin

In Nérac haben wir im Hotel Henri IV geschlafen. Frühstück gab es covid-bedingt aufs Zimmer, das fanden wir gar nicht schlecht. Im Erdgeschoss gibt es sogar ein winziges Schwimmbad – falls man mal eine kleine Abkühlung braucht. Unser Zimmer ist auf dem Foto das mit dem geöffneten Fenster 🙂

nerac hotel

Hôtel Henri IV
4 Place du Général Leclerc
47600 Nérac
Website: www.hotelhenriiv.fr

Hinweis: Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Pressereise. Zu den Übernachtungen wurden wir vom Lot-et-Garonne eingeladen.  

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