Die grünen Sommerweiden der Pyrenäen – das Vall d’Àssua

Mit leicht gesenktem Kopf blickt er mich unter seinem langen schwarzen Pony argwöhnisch an. Dieses Misstrauen in den Augen sagt: Komm jetzt nicht näher! Das braune Muskelpaket beschützt seinen Harem. Toni hatte mir schon erzählt, dass Pferde unglaubliche Machos sind. Hier auf der Weide glaube ich ihm das sofort. Unter die Herde des sehr muskulösen Hengsts haben sich auch zwei der Stuten gesellt, die eigentlich Toni gehören. Toni ist Viehzüchter und lässt seine Tiere im Sommer auf den oberen Weiden des Vall d’Àssua grasen.

HErde Pferde grasen Vall d'Àssua

Pferd Vall d'Àssua

distel Vall d'Àssua

Eine spektakuläre Sommerweide. Hier könnte ich es auch aushalten. Malerische grüne Hügel so weit das Auge reicht. In der Ferne ragen die spitzeren, alpineren Gipfel der Pyrenäen stolz und kraftstrotzend in die Höhe. Doch hier sind die Hügel sanft und rund. Welch mächtigen Kräfte der Natur vor vielen Millionen Jahren diese Landschaft geformt haben mögen, das Ergebnis ist spektakulär. Auf fast 2.900 Metern Höhe haben wir Bäume und Sträucher längst hinter uns gelassen. Hier wachsen nur Gräser und Disteln. Einige davon sind gelb, die meisten leuchten aber in einem fast schon unwirklichen Blauton.

In den siebziger Jahren gab es hier sogar mal einen Skilift, doch die Station wurde bald wieder geschlossen. Zu unrentabel. Im Nachhinein war das ein echtes Glück für das Vall d’Àssua, denn so blieb die Natur unberührt von den Touristenmassen, die im Winter in die benachbarten Täler strömen, um Ski zu fahren und dem Wintersport zu frönen.

Doch zurück zu den Pferden. Voller Respekt beobachte ich die stolzen Tiere. Bis zu 20 Liter Wasser trinkt so ein Pferd pro Tag, behauptet Toni gerade. Die männlichen Pferde bewachen ihre Herden sehr genau und lassen keinen anderen Hengst auch nur in die Nähe ihrer Damen kommen. Falls es doch mal einer wagt, sich zu nähern, kann es durchaus zu echten Auseinandersetzungen kommen. Als ich erschreckt dreinblicke, beruhigt mich der erfahrene Viehzüchter aber gleich wieder. Die tun sich nicht weh, es ist ein unblutiges aber sehr beeindruckendes Kräftemessen.

PFerde Vall d'Àssua

Mir fällt auf, dass diese zugegebenermaßen sehr hübschen Muskelpakete auf der Weide ganz unterschiedlich frisiert sind. Offenbar verpassen die Besitzer ihren Tieren einen bestimmten unverwechselbaren Look, um sie von den anderen Pferden unterscheiden zu können. Das finde ich wesentlich besser, als die armen Tiere mit einem Brandeisen zu markieren, wie man das aus Cowboyfilmen kennt. Manche tragen den Pony vorn extrem kurz, andere ganz lang, manchmal ist die Mähne geflochten oder hat Zöpfe und sogar der Pferdeschwanz kann unterschiedlich frisiert werden. Um den Hals tragen sie ein Glöckchen, denn die Tiere laufen ja monatelang völlig frei hier oben rum.

montsent Vall d'Àssua

Ein einziger Hirte achtet darauf, dass die Tiere nicht verloren gehen oder krank werden. Falls mal ein Unfall passiert oder ein Pferd traurig aussieht oder krank wird, gibt der Hirte den Züchtern Bescheid. Wenn etwas Kompliziertes passiert ist, holen sie das entsprechende Tier natürlich nach Hause in den Stall, damit es vom Tierarzt behandelt werden kann. Aber im Normalfall kommen sie nur zwei oder dreimal pro Woche, um nach dem Rechten zu sehen.

kuh Vall d'Àssua

Die gemütlichen Kühe sind in Liebesdingen ganz anders drauf, als die Pferde. Hier darf jeder mit jedem Spaß haben. Das sehen die Stiere -oder sind es Bullen?- ganz locker. Im Gegensatz zu den stolzen Pferden, die sich wie halbstarke Teenager aufführen, kennen die Rindviecher keine Eifersucht.

Am häufigsten sind hier die hellbraunen Vacas Brunas zu sehen. Diese Kreuzung aus einer Schweizer und einer anderen Kuhsorte, gilt seit den 50er Jahren als eine einheimische Kuh, denn sie ist besonders gut für das Leben im Hochgebirge geeignet. Alle paar Meter stehen oder liegen sie gemütlich kauend auf den steil abfallenden Wiesen und an den Hängen. Oder gern auch mitten auf dem Weg.

Für die Viehzüchter ist es wichtig, dass die Kühe hier robust sind, denn wer in dem unwegsamen Gelände nicht gut kraxeln kann, bricht sich schnell einen Knöchel und wird zum Futter für die Geier. Die kreisen hier oben nämlich in erstaunlicher Zahl in den Lüften. Neben den flinken Milanen wirken die Aasfresser jedoch ziemlich plump und träge. Aber sie sind sehr, sehr groß, wenn man sie so aus der Nähe sieht! Angeblich fliegen Geier gar nicht „richtig“, sondern lassen sich nur faul von der Luftströmung treiben. Deswegen brauchen sie auch die Aufwinde, um sich überhaupt erst einmal in die Luft erheben zu können.

skelett

salers rinder Vall d'Àssua

Weiter oben an einem Hang steht eine Herde rotbrauner Zotteltiere. Die Kühe mit dem langen Fell haben beeindruckend große Hörner und erinnern mich ein wenig an schottische Highland Rinder. Irgendwie sehen sie fast etwas teuflisch aus. Doch das Aussehen trügt, meint Toni. Die Salers-Rinder, so heißen die grimmig aussehenden Zottelkühe, seien sogar wesentlich sanfter als die anderen Kühe und von umgänglichem Charakter, schwört der erfahrende Viehzüchter. Diese sehr alte aus Frankreich stammende Rasse wurde früher vorwiegend für die Milch und zur Käseproduktion gehalten. In der Auvergne gibt es sogar einen traditionellen Salers Käse! Hier im Vall d‘Ássua züchtet man diese Rasse aber wegen des Fleisches.

Als wir ganz oben auf einer Weide stehen erhebt sich der Montsent de Pallars direkt vor uns. Er scheint ganz nah, so als ob er zu einem Spaziergang einladen würde. Prompt kommt von hinten ein Pärchen angelaufen, ja gelaufen. Zwei junge sportliche Menschen, die wie Kílian Jornet einfach so zum Spaß Berge hoch laufen. Ich gebe zu, ich bin beeindruckt.

montsent de pallars Vall d'Àssua

Vall d'Àssua blick vall fosca

Auf der anderen Seite können wir von hier aus einen Blick ins Nachbartal werfen. Weil es geologisch so geformt ist, dass die Sonne nie direkt in dieses Tal fällt, nennen die Leute es la Vall Fosca, das dunkle Tal. Aber natürlich ist es nicht wirklich „dunkel“, sondern nur eben etwas schattiger gelegen.

Und dann sind da noch die Schafe. Davon gibt es hier … viele! Wenn Du mal nicht einschlafen kannst, kannst Du ja versuchen die hier zu zählen.

herde schafe viehzuechter Vall d'Àssua

Gerade werden die weißen Wuscheltiere in eine Einzäunung, den Orri getrieben. Die Hirten und Schafzüchter wollen heute vermutlich die Herde markieren oder impfen. Mit einem speziellen Stock zieht gerade einer der Hirten geschickt ein mähendes Schaf am Hinterbein aus der Menge heraus. Mit flinken Fingern wird es kurz untersucht, kriegt eine Pediküre und etwas blaue Farbe auf das Fell und schon darf es sich wieder zu den anderen gesellen.

Da sich die Herde dauernd in die eine oder andere Richtung bewegt, laufen zwei süße Border Collies kläffend um die Schäfchen herum. Wie eine Mama sorgen die treuen Hunde dafür, dass die Herde zusammenbleibt und keines der Schafe ausbüchst.

border collie

schaf Vall d'Àssua

Toni hat selber Schafe zu Hause. Er unterhält sich mit einem der Männer am Rande des Geschehens. Er erzählt mir dass Schafe, wenn sie sich bedroht fühlen, eng zusammenrücken und ein dichtes Pulk bilden. Die stärksten Tiere suchen sich dabei einen Platz in der Mitte. Wenn ein Wolf, Bär oder irgendein anderes Raubtier zuschlägt, erwischt es also meist eines der schwächsten Tiere der Herde. Kleine, alte oder kranke Schafe müssen am Rande der Herde offenbar selbst zusehen, wo sie bleiben. Na sehr elegant ist das nicht. Soziales Miteinander geht anders, aber in der Natur gilt nun mal das Recht des Stärkeren.

schafherde Vall d'Àssua

Im Oktober ist dann der Sommerurlaub für die Tiere zu Ende. Dann ist Baixada, „Almabtrieb“ in den Pyrenäen, und alle Schafe, Pferde und Kühe müssen wieder zurück in ihre gewohnte Herde, in den Stall oder auf die tiefer gelegenen Winterweiden.

radtour Vall d'Àssua

mountainbike Vall d'Àssua

Michi und Toni radeln mit dem Mountainbike den Berg wieder hinunter ins Tal. Ich fahre mit Neus (Tonis Frau) im Jeep. Schon eine halbe Stunde später treffen wir uns vor dem Restaurant in Llessui wieder. Die beiden Männer steigen grinsend vom Rad. Sie sind vor uns angekommen.

llessuí Vall d'Àssua

Llessui

Hungrig nehmen wir in der Casa Kiko Platz. Ein rustikales Restaurant mit typischen Gerichten der Region. Auf der Speisekarte steht viel Fleisch, denn das gibt es hier natürlich frisch von den eigenen Weiden. Aber ich finde auch fleischfreie Speisen, die sich sehr lecker anhören. Als ersten Gang stellt uns die Kellnerin eine üppige Wurst- und Käseplatte auf den Tisch. Alles spezielle Würste hier aus der Gegend: Secallonga, Xolís, Bull de Lengua. Michi schmecken sie alle sichtlich gut, denn er langt ordentlich zu.

wurst Vall d'Àssua

Der Käse ist natürlich vom Schaf und schmeckt auch echt köstlich. Besonders spannend finde ich aber einen rosa Dip. Ich kann beim besten Willen nicht erraten, was da drin ist, und muss fragen. Es ist allioli de codony! Die Knoblauchcreme Aioli hat es ja vom Mittelmeer längst schon auch bis in deutsche Küchen geschafft, aber codony ist Quittengelee! Der rosa Dip ist also eine Quittenknoblauchcreme.

aioli codony Vall d'Àssua

Palpis

Während Michi sich schon an den Verzehr des Palpis, der Spezialität des Hauses macht, lerne ich noch etwas über die Wurst. Wenn man früher Schweine geschlachtet und sie zu Wurst verarbeitet hat, machte man aus den besten Stücken immer eine besonders gute und beeindruckende Xolís. Diese Xolís de Vistaire wurde für ganz besondere Gelegenheiten aufbewahrt und nur dann hervorgeholt, wenn der Anlass wirklich bedeutend war, wie zum Beispiel, wenn ein junger Mann um die Hand der Tochter des Hauses anhielt. Dem zukünftigen Schwiegersohn zu Ehren wurde dann die Xolís de Vistaire, die Wurst des Bräutigams, serviert.

Nach dem üppigen Essen laufen wir noch ein paar Schritte weiter bis zum Museu del Pastor. Das kleine Museum ist eine Hommage an die Hirten und das Leben hier im Vall d’Àssua. Der Guide, der uns durch die Räume führt und alles erklärt, ist selbst Hirte und kennt natürlich jeden Stein. Das Ökomuseum ist echt klein, aber wirklich liebevoll gemacht.

museu del pastor llessuí Vall d'Àssua

museu del pastor

Seurí

Weil wir immer noch nicht genug haben von diesem Tal in den Bergen, wollen Neus und Toni uns noch etwas ganz Besonderes zeigen. Eine romanische Kirche in einem Dorf, nicht weit von hier. Eigentlich denkt man bei romanischer Kirche in den Pyrenäen ja an so etwas wie im Vall de Boí. Nette, kleine Kirchen aus Stein, die mal mehr, mal weniger, jahrhundertealte Wandmalereien bewahrt haben. Doch in Seurí erwartet uns etwas völlig anderes.

kirche in seurí Vall d'Àssua

Ein paar der insgesamt dreizehn (?) Einwohner des verschlafenen Dörfchens sitzen auf einer Bank und schwatzen. Sie grüßen freundlich, während wir uns den scheinbar einzigen Weg durch Seurí, steil bergan zwischen hübschen Häusern hindurch, nach oben bahnen. Die Kirche befindet sich auf dem höchsten Punkt der kleinen Siedlung. Heute leben die meisten Einwohner nur noch an den Wochenenden oder in den Ferien in Seurí. Dann kommen sie in die alten, hübsch restaurierten Häuser zurück und genießen die Ruhe hier oben. Es sind nur noch wenige, meist ältere Menschen, die das ganze Jahr über in dieser Abgeschiedenheit leben.

seurí Vall d'Àssua

Die kleine Kirche wurde nur noch selten genutzt. Doch die Dorfbewohner hatten eine Idee, wie sie die schöne alte Kirche wieder mit neuem Leben füllen wollten. Sie fragten Santi, einen  der ihren, der hier im Tal aufgewachsen und später in die Welt hinausgezogen war, ob er nicht die Kirche neu bemalen wollte.

Dieser „Santi“ ist allerdings kein Kirchenmaler, sondern ein international anerkannter zeitgenössischen Künstler, der seit vielen Jahren in New York lebt. Nur selten noch kommt er in die Berge, aber den Kontakt zu den Leuten von Seurí hat er nicht verloren. Santi Moix zögerte zunächst, und hielt den Vorschlag für einen Scherz. Doch die Dorfbewohner hielten hartnäckig an ihrer Idee fest. Schließlich willigte der Künstler ein und entwickelte ein Konzept. Für ihn war es eine spannende Herausforderung, denn bislang hat er völlig anders gearbeitet und sich auch nicht mit religiösen Themen auseinandergesetzt.

santi moix kirche Vall d'Àssua

Über ein paar Stufen gehen wir hinauf, an den Kreuzen des Friedhofs vorbei, zu dem kleinen Gotteshaus. Als wir die Kirche betreten, ertönt Lilac Wine in eine andächtige Stille hinein. Bunte Blumen, wilde, farbenfrohe Muster leuchten an den Wänden und von der Decke. Wie erschlagen von der Macht der Bilder gucke ich mich langsam um. Tränen kullern mir aus den Augen, einfach so. Ich spüre nur diese unbändige Kraft der Farben, die mich umgibt. Santi Moix hat es geschafft, das Gefühl seiner Kindheit, seine Wahrnehmung des Vall d‘Àssua, festzuhalten und an die Kirchenwände zu projizieren. So ähnlich muss es den Menschen wohl im Mittelalter gegangen sein, wenn sie damals eine bunte romanische Kirche betreten haben. Es fühlt sich an als stünde man inmitten eines riesigen Bilderbuchs.

Diese Farben und Formen berühren etwas in mir, das ich mit dem Kopf gar nicht greifen kann. Einfach schön! Am besten gefällt mir ein Spruch ganz unten an der Seite (frei übersetzt): Dort, wo Ihr denkt, dass die Straße zuende ist, gibt es viele neue schöne Wege.

kirche santi moix seurí Vall d'Àssua

kirche Vall d'Àssua santi moix
kirche seutrí santi moix Vall d'Àssua  Vall d'Àssua kirche seurí

kirche seurí Vall d'Àssua
kirche seurí Vall d'Àssua

kirche Vall d'Àssua

Infos Vall d’Àssua

Toni und Neus bieten auf ihrer Website contrast trip verschiedene Touren durch die Täler und Berge an. Die beiden sind so unglaublich lieb und natürlich, dass ich sie sofort ins Herz geschlossen habe. Sie haben es zum ersten Mal geschafft, dass so ein eingefleischter Meermensch wie ich ich, sich in eine Berglandschaft verliebt! Das will was heißen!

Ecomuseu dels pastors de la Vall d’Àssua
Carrer Llessui Poble, 141
25567 Llessui

El Pigal (Casa Kiko)
25567 Llessui
Website  restaurantcasakiko.blogspot.com

Esglesia Sant Víctor de Seurí 
Carrer Seuri Alt, 5
25567 Seurí
Website  www.esglesiaseuri.cat

Mein Besuch im Vall d’Àssua fand im Rahmen eines Projekts von Katalonien Tourismus statt, für die ich einen Abstecher in die katalanischen Pyrenäen gemacht habe. Meine Geschichte erzähle ich hier aber völlig unabhängig davon, einfach weil ich es so wunderschön fand.

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