Die erstaunliche Kirche von Cadaqués

Nachdem ich eine Weile durch die mit bunten Blumen geschmückten Gassen der Altstadt von Cadaqués gelaufen bin, komme ich zu einer kleinen Anhöhe. Hier erhebt sich die Kirche Santa Maria, die der gefürchtete Pirat Barbarossa im sechzehnten Jahrhundert abgebrannt hat. Jedenfalls fast. Zum Glück wurde nur ein Teil der Kirche zerstört, der größte Teil blieb erhalten, den Rest baute man wieder auf. Hier oben auf dem Hügel hat man einen wunderschönen Blick auf die Bucht. Zusammen mit Mercè, die mich am Morgen bereits durch den Naturpark am Cap de Creus geführt hat, gehen wir nun in die Kirche.

Cadaques Costa Brava

Als wir vor dem mächtigen Barockaltar aus dem achtzehnten Jahrhundert stehen, kommt plötzlich ein kleiner Mann mit grauen Haaren und einer runden Brille aus einer Seitentür hervor. Es ist Honest, stellt Mercè ihn mir vor, der Sakristan der Kirche. „Honest heißt der Ehrliche“ lacht er verschmitzt und erzählt mir auch gleich, dass der Pfarrer bei seiner Taufe den Namen für ihn ausgesucht habe. Ich habe total Glück ihn zu treffen, denn Honest kennt den Altar wie seine eigene Westentasche und er ist so lieb, mir die Figuren zu erklären.

Gemeinsam bestaunen wir nun das überdimensionale Prachtstück. In der Mitte thront Maria mit Jesus, an den Seiten wachen die Apostel, von denen einer allerdings ein Schnurrbärtchen trägt. Da hat der Erbauer Pau Costa, von dem übrigens auch der Altar in Arenys de Mar stammt, sein eigenes Antlitz auf dem Apostel verewigt. Soweit so gut. Nur die zwei Atlanten ganz unten, die den gesamten Altar auf ihren Schultern zu tragen scheinen, wollen irgendwie nicht ins Bild passen.

Die beiden kräftig gebauten Männer sind mit bunten, kurzen Hosen und ärmellosen Hemden mit riesigem V-Ausschnitt bekleidet. Mich erinnern sie eher an Gewichtheber aus dem Zirkus. Honest erklärt mir, dass das natürlich keine Heiligen oder Apostel sind, sondern Seeleute, Fischer aus dem sechzehnten Jahrhundert. Die trugen damals solche Kleidung und haben den prächtigen Altar offenbar bezahlt.

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Da es die enge kurvige Straße nach Cadaqués erst seit 1910 gibt, musste der Altar hier in der Bucht gebaut werden. So ein massives Teil konnte man ja schlecht auf den alten Trampelpfaden durch die Berge tragen. Damit er länger hält, und der Altar ist bis heute noch nicht restauriert worden, legte man das Holz, das man zum Bau benutzten wollte, erst eine Weile ins Meerwasser, erklärt mir Honest. Das habe er auch erst durch Zufall vor Kurzem erfahren. Aber irgendwie ist es ja auch logisch, denn für die Holzschiffe machte man das ja ganz genauso. Das salzige Meerwasser scheint die Holzfasern zu imprägnieren.

Honest hat seine ganz eigene Art, das Altarbild zu erklären. Man merkt ihm an, dass er oft und gern mit den Besuchern der Kirche spricht. Einmal erzählt er, sei eine asiatische Touristin sehr erbost gewesen und habe ihn gefragt, warum denn alle Figuren so traurig und ernst seien. Gemeinsam machten sie sich also auf die Suche nach fröhlichen Gesichtern, irgendetwas Positivem. Doch zu Honests großer Überraschung fanden sie keine einzige Figur mit einem Lächeln. Wirklich alle diese unzähligen Figuren waren mit todernster Miene dargestellt.

Irgendwie ließ dieser Vorfall dem Sakristan keine Ruhe. Als er wenige Tage darauf einen Barockspezialisten in der Kirche antraf, fragte er also nach. Der Professor erklärte ihm dann auch prompt, warum die Heiligen so Ernst drein blicken. Im Barock sei es nämlich nahezu verpönt gewesen, zu lächeln, ja es galt fast schon als Sünde.

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Das erklärte natürlich den Ernst der Figuren. Doch Honests Geschichte ist noch nicht zu Ende. Ein paar Wochen später erzählte er einem Besucher die Geschichte des Piraten Barbarossa. Als er ihm dann den in Stein gehauenen Kopf des Bösewichts zeigte, erlebte er eine neue Überraschung. Der Pirat grinst bis über beide Ohren! Sollte das einzige Lächeln in der Kirche wirklich das des berüchtigten Piraten sein? Honest gibt keine Ruhe und wird fündig. Stolz zeigt er mir ein anderes, kleines Altarbild, wesentlich älter als das große barocke Kunstwerk. Und tatsächlich: In der Mitte des Bildes grinst eine Madonna verschmitzt, geradezu schelmisch den Betrachter an. Honest triumphiert. Er freut sich über die keck dreinblickende Maria, denn sie ist ein Beweis dafür, dass auch die „Guten“ fröhlich sein können und Spaß haben. Zumindest vor dem Barock.

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Bevor ich mich verabschiede, hat Honest aber noch ein kleines Wunder für mich. Ich soll in den Mittelgang gehen und dabei immer die Maria über dem Eingangsportal im Auge behalten. Mache ich. Zunächst passiert nichts und ich denke, dass es wahrscheinlich daran liegt, dass ich meine Brille nicht auf habe. Doch dann, plötzlich, beginnt die Krone der Jungfrau Maria grün zu leuchten. Nein, echt jetzt? Ich gehe in paar Schritte zurück. Die Krone leuchtet nicht mehr. Wieder nach vorn, sie leuchtet. Es muss also der Lichteinfall auf die mit grünen Steinen besetzte Krone sein, der diesen fantastischen Effekt auslöst. Genial!

Honest nimmt mich am Arm und führt mich den Mittelgang entlang. Während wir nun Richtung Eingang schreiten, knipst sich wie von Zauberhand ein Licht der Krone nach dem anderen an. Ich gehe wieder ein paar Schritte zurück und prompt knipsen sich die Lichter wieder aus. Hammer! Ein italienisches Pärchen guckt etwas verwundert zu mir rüber. Vermutlich finden sie es etwas befremdlich, wie ich da vor- und wieder zurücklaufe, den Blick stur nach oben gerichtet.

Honest, ganz in seinem Element, schnappt sich die zwei und erklärt ihnen (sogar auf Italienisch) seine Madonna. Während ich mich mit einem fröhlichen Grinsen auf dem Gesicht nun endgültig von der Kirche verabschiede, werden die beiden gleich das leuchtende Wunder erleben.

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Infos zur Kirche Cadaqués

Parròquia Santa Maria
Carrer de l’Església
(zwischen Carrer Portal de Mont und Carrer Curós)
17488 Cadaqués/ Girona

Infos zu Gottesdiensten und Öffnungszeiten der Kirche:  www.visitcadaques.org Besonders schön ist der Raum der Stille, eine Kapelle, die Angehörige jeder (oder keiner) Religion nutzen dürfen, um zu beten oder zu meditieren. Honest meint „Schließlich soll uns der Glaube doch verbinden, nicht trennen.“

Mein Besuch in Cadaqués wurde unterstützt vom Patronat Girona Costa Brava. Die hier dargestellte Ansicht, drückt einzig und allein meine persönliche Meinung aus.

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