Moorburg – von Fischen, vom Hafen und vom Widerstand

Eine liebe Freundin von mir hat Hamburg verlassen. Nach 40 Jahren zog es sie einfach raus, auf’s Land. Dafür hat sie ihre schöne Wohnung in Altona aufgegeben. Ich bin auf dem Weg nach Hamburg und muss natürlich sehen, wie es ihr so geht, auf dem Land. Christine holt mich am Flughafen ab. Wir fahren durch den Elbtunnel und sind in einer halben Stunde in Moorburg, ihrem neuen Zuhause. Stolz erzählt sie mir von den Freunden, die hier wohnen und warnt mich vor, dass es hier wirklich gar nichts gibt, keinen Supermarkt, keine Bar, nicht mal einen Bäcker. Dafür gibt es viel Grün. Die Elbmarsch grenzt hier ans Alte Land, wo schon seit ewigen Zeiten Äpfel und anderes Obst angebaut werden. Aber hauptsächlich Äpfel, soweit ich das aus dem Auto sehe. Dafür ist die Gegend berühmt. Jedenfalls bei Hamburgern. Und im Mai kommt man zum Scholle essen hierher. Daran erinnere ich mich auch noch.

Hamburg Moorburg

Moorburg hat seinen Namen von einer Burg, die die Hamburger im 14. Jahrhundert in diesem südlichsten Teil Hamburgs errichtet hatten. Und da diese Festung in einer ziemlich moorigen Gegend lag, eben Moorburg.

Hamburg Moorburg

Nachdem ich Haus und Garten bestaunt habe, machen wir eine kleine Sightseeing Tour. Jede Menge Obstbäume, wunderschöne alte Fachwerkhäuser und ein alter Friedhof. An vielen Häusern sind Markierungen der Wasserstände von  zahlreichen Überflutungen angebracht. An der Kirche gibt es sogar eine kleine Gedenktafel an die Sturmflut 1962. Hinter dem Deich, direkt gegenüber des Friedhofs, liegt der vollautomatische Terminal des Hamburger Frachthafens.

Industrieromantik pur. Riesige Kräne ragen in den Himmel, Maschinen fahren vollautomatisiert durch die Gegend, um die noch riesigeren Containerschiffe zu beladen. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Darf auch nicht. Da sind Sensoren im Boden eingebaut, erklärt mir Jens, ganz Fachmann. Sobald jemand den Boden betritt, wird ein Alarm auslöst. Dann bleiben alle Kräne, Container und was sich da sonst noch alles von allein bewegt, stehen. Damit kein Unfall passiert.

Ich frage mich natürlich, wie das denn ist, wenn ein Hund oder eine Katze das Gelände betreten. Löst dann auch sofort der Alarm aus? Zum Glück kennt Jens sich aus. Anfangs gab es scheinbar Probleme mit den Vögeln. Diebische Elstern fanden die glitzernden Sensoren so klasse, dass sie sie einfach geklaut haben und den gesamten Terminal mehrfach zum Erliegen brachten. Schlaue Ingenieure haben die Sensoren daraufhin einfach einbetoniert. Seitdem läuft alles wie am Schnürchen. Irgendwie hat es schon etwas Gespenstisches, wenn sich diese gigantischen Dinger da in einem Affenzahn wie von Geisterhand bewegen.

Hamburg Moorburg

Moorburg ist mit seiner Mischung aus sattem Grün, Industrie und dem überall präsenten Hafen schon sehr „charmant“, auf seine ganz eigene, hamburgische Art.

Aber Moorburg ist nicht nur „romantisch“. Wegen der geplanten Hafenerweiterung wurden in den 70ern zwei Nachbardörfer einfach platt gemacht. Die Leute, die seit Jahrzehnten oder teilweise seit Generationen hier lebten, wurden umgesiedelt. Von Altenwerder steht heute nur noch die Kirche. Manfred, ein Freund und Nachbar -und Moorburger Urgestein-, geht seit Jahren gegen die Hafenerweiterung an. Leider ohne großen Erfolg. Er ist sozusagen einer der Letzten des Moorburger Widerstands, der vor zwanzig Jahren noch aus Anwohner- und Umweltverbänden bestanden hatte. Manfred will verhindern, dass Moorburg ein ähnliches Schicksal erleidet, wie einst die in Schutt und Asche gelegten Nachbarorte. Falls die Stadt den Hafen eines Tages an dieser Stelle doch noch ausbauen will, müssten nämlich auch hier alle Einwohner ihre sieben Sachen packen und ihre Grundstücke verlassen.

Langsam wird es dunkel und Zeit ans Abendessen zu denken :-). Christine und Jens haben eine prima Idee, wir fahren nach Cranz, zum Alten Fährhaus. Auf unserem Weg dorthin kommen wir an einer Straße vorbei, in der sämtliche Häuser verlassen wirken. Die stehen wirklich alle leer – meint Christine. Die Leute sind weggezogen, seit die Landebahn für den Airbus direkt gegenüber des kleinen Deichs gebaut wurde, nur knapp 200 m von den heute verlassenen Häusern entfernt. Da die Landebahn so nah ist, dass man fast „rüberspucken“ könnte, rauschen die fetten Flieger nur wenige Meter über den Häusern durch die Luft. Wirklich kurz vor der Landung. Der Geräuschpegel hat auch die hartgesottensten Anwohner schließlich zum Aufgeben gezwungenen. Schade.

Hamburg Moorburg

Die Stimmung ist irgendwie traurig- trotzig aber auch aufgeregt-freudig, als wir am Alten Fährhaus ankommen. An dem Anleger hinter dem Restaurant halten sogar die HVV Fähren! Hungrig wie wir drei sind, gehen wir gleich rein und sind, bis auf einen anderen Tisch, die einzigen Gäste. Es gibt Fisch. Natürlich. Ich lasse mich beraten. Jens empfiehlt mir eine traditionelle Fischspezialität: Hamburger Pannfisch. Das sind eigentlich Fischreste mit Bratkartoffeln. Hier krieg ich natürlich frischen Fisch: drei verschiede Sorten Fischfilet, in der Pfanne gebraten. Christine und Jens nehmen auch Fisch, aber anderen. Es schmeckt alles köstlich. Viel zu früh müssen wir wieder aufbrechen. Denn am nächsten Morgen heißt es früh aufstehen. Jens und Christine müssen arbeiten und ich fahre weiter nach Kopenhagen

Fotos Moorburg und Elbmarsch:

Hamburg Moorburg

Hamburg   Süderelbe
Blick auf Blankenese

Hamburg Moorburg

Hamburg Moorburg

Hamburg Moorburg

Hamburg Moorburg
Kirche und Friedhof in Moorburg

Hamburg Moorburg Blick Container Terminal
Container Terminal Hamburger Hafen

Hamburg Cranz Altes Fährhaus 

Fischrestaurant-Tipp: das Alte Fährhaus

Hamburger Pannfisch

Hamburg Fisch essen altes Fährhaus

Fisch Hamburg Altes Fährhaus

Nützliche Infos:

Private Website über Moorburg:
Hamburg-Moorburg

Altes Fährhaus
Hotel, Restaurant, Café
Estedeich 94
21129 Hamburg-Cranz
Website:  www.altes-faehrhaus.com

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