Im Labyrinth der Bücher : Hay-on-Wye

Oh mein Gott, ich bin im Himmel. Mike, mein Guide, hat mir von diesem Ort erzählt, aber als ich dann tatsächlich in der Castle Street, der kleinen Hauptstraße von Hay-on-Wye, stehe, bin ich platt. Ein knuddeliger, kleiner Buchladen reiht sich an den nächsten. Es sind zwar keine vierzig Second-Hand-Shops mehr, wie zu den besten Zeiten des Dorfes, aber so eine „Bücherdichte“ gibt es bestimmt nirgendwo anders auf der ganzen, weiten Welt!

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Sobald ich in den ersten Buchladen betrete, weiß ich, wie sich Alice im Wunderland gefühlt haben muss. Ich verschwinde in einem Kaninchenbau aus Büchern. Alle Gänge, Flure und Wände sind vollgestopft mit Büchern. Bis zur Decke. Alle Räume, wirklich jeder Flur, die Treppenaufgänge, ja sogar eine kleine Spülküche sind voller Poesie, Romane, Comics, historischen Abhandlungen, Krimis und großen Bildbänden.

Bald weiß ich gar nicht mehr, wo ich bin, in diesem Irrgarten aus alten Schmökern. Getrieben von einer staunenden Neugier, gehe ich einfach immer weiter, kreuz und quer in den engen Gängen dieser Bücherwelt entlang. Einmal kommt mir eine junge Frau mit großen, ungläubig dreinblickenden Augen entgegnen. Sie hält eine Hand fast erschrocken wirkend vor den Mund. Genauso sehe ich sicher auch aus. So fühle ich mich jedenfalls, weil ich ständig irgendein gutes Buch sehe, dass ich gern hätte oder mir zumindest gern näher ansehen würde. Diese Frau könnte mein Spiegelbild sein.

Und es riecht hier anders. Es ist ein ganz spezieller Geruch. Nach vergilbtem Papier. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Aber ich mag diesen leicht moderigen Duft, den ich fast mit den Händen fassen kann, so dick liegt er in der Luft. In diesem kleinen Ort atmet man Bücher statt Sauerstoff!

Richard Booth hay-on-wye-wales-bookfestivalRichard Booth – größter Secondhand Bookshop

Das Bücherdorf Hay-on-Wye:

Richard Booth war der Erste, der 1962 in Hay-on-Wye einen Secondhand Buchladen aufmachte. Faszinierenderweise taten es ihm viele andere Leute nach. Er muss wohl ein etwas exzentrischer Kerl gewesen sein, denn man sagt, er sei im Königsmantel durch die Gegend gelaufen und habe in den wilden siebziger Jahren das unabhängige Königreich von Hay-on-Wye ausgerufen. Mit sich als rechtmäßigem, selbst ernannten Herrscher selbstverständlich. Aber dieser kauzige Buchhändler hat dem Dorf geholfen. Seine Aktionen haben das Dorf mit gerade einmal 1800 Seelen weit über die Grenzen des Landes bekannt gemacht. Nach und nach eröffneten immer mehr book shops in Hay-on-Wye und 1988 wurde schließlich das Hay Festival ins Leben gerufen, ein etwas anderes Literatur- und Buchfestival, das so hochrangige Prominente wie Jimmy Carter oder Bill Clinton hierher nach Wales zieht. Clinton soll übrigens total begeistert von einem „Woodstock of the mind“ gesprochen haben!

Mittlerweile bin ich in einem etwas schrullig wirkenden Laden gelandet, der sich auf Crime and Vampire Stories spezialisiert zu haben scheint. Eng gepackt liegen die auf Papier gebannten Geschichten dicht beieinander. Wieder geht es über zwei Stockwerke, hoch und runter, bis in den sehr dunklen, muffig riechenden Keller. Auch hier unten steht alles voller Bücher. Ich kann mich fast nicht bewegen und muss aufpassen, keinen der vielen Bücherstapel umzuwerfen, wenn ich mich umdrehe.

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Manche der Buchläden haben sich auf gregorianische oder viktorianische Literatur, auf Klassiker, auf Science-Fiction oder Fantasy Romane spezialisiert. Es gibt ab er welche, die ein bisschen von allem haben, wie zum Beispiel der größte Secondhand Buchladen der Welt. Das ist schon eine richtige Bibliothek. In ordentlichen Reihen stehen die altertümlichen Schätze hier liebevoll und sorgsam aufgebahrt. Einige besonders schöne Folianten und Märchenbücher werden sogar in kleinen Glasvitrinen oder auf samtigen Kissen präsentiert – mit dem Hinweis „nicht zu verkaufen“. Von außen sieht der weltgrößte Secondhand Bookshop, übrigens Eigentum des noch immer lebenden Urgesteins Richard Booth, zwar eher klein aus, aber von drinnen ist er fast unendlich. Es gibt sogar eine nett eingerichtete Ecke zum Kaffeetrinken und eine Leseecke mit gemütlichen Sesseln.

Für mich ist dieses Dorf eine himmlische Qual. Ich stürze von einem Regal zum nächsten, finde hier einen guten Autor, da ein gutes Buch, und erblicke auf der anderen Seite des Ganges schon wieder etwas, das ich unbedingt lesen möchte, während ich noch ein gerade entdecktes Werk aus bedrucktem Papier und lebendigen Geschichten in den Händen halte.

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Manchmal sind es die Geschichten, der Inhalt der Bücher, der mich fesselt, manchmal sind es aber auch die Bücher selbst. Einige der Schätze hier in Hay-on-Wye sind richtig alt und gehören eigentlich schon als Antiquitäten in ein Museum. Andere haben dieses poppig-bunte Plastik-Kitsch-Design der sechziger und siebziger Jahre. Die sehen verdammt so aus, als ob es Leute gäbe, die so etwas sammeln würden. Natürlich gibt es auch ganz viele Secondhand Bücher, die keinerlei Sammler- oder Liebhaberwert zu haben scheinen. Es sind einfach nur billig zu lesende Ausgaben von guten Büchern, nur eben haben sie schon ein eigenes kleines Leben hinter sich. Wie ein altes Gesicht, mit Falten.

Sobald ich mich von einem Laden losgerissen habe und wieder auf der Straße stehe, lockt schon der nächste Shop und will von mir durchstöbert werden. In Haye-on-Wye könnte ich wohl eine ganze Woche verbringen und würde doch nie fertig werden. In einem der Läden, überlege ich schließlich kurz, ob es wohl günstiger wäre, einen kleinen Koffer zu kaufen, den ich auf dem Rückflug aufgeben könnte, oder ein Paket mit Büchern per Post nach Hause zu schicken. Aber dann drehe ich mich doch um, mache auf dem Absatz kehrt und gehe zielstrebig auf den Ausgang zu. Es fühlt sich wie eine Flucht an. Flucht vor der Verführung durch Bücher. Aber wenn ich jetzt nachgebe, komme ich hier nie mehr weg.

Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, aber letztendlich bringe ich es tatsächlich fertig, das Bücherlabyrinth mit nur einem einzigen Buch in der Hand wieder zu verlassen und ans helle Tageslicht zu treten.

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Schnell rette ich mich in ein Café. Das Sheperds ist Cafeteria und Eisdiele in einem. Hier treffe ich mich mit Mike, der mich irgendwie wieder aus diesem Dorf befreien muss.

„Das Eis hier ist komplett aus Schafsmilch“, erzählt er mir und zeigt auf eine Tafel an der Wand. Ein niedliches, weißes Schaf erklärt jedem, der es wissen will, dass ein Eis mit Schafsmilch wesentlich weniger Fett enthält, als ein normales Eis aus Kuhmilch. Schafsmilch sei fettiger als Kuhmilch. Daher braucht man bei der Eisherstellung auch keine Sahne mehr hinzuzufügen. Unterm Strich also weniger Fett. Sehr interessant. Eis aus Schafsmilch habe ich noch nie probiert und gesund ist es praktisch ja auch noch.

Die Ablenkung funktioniert. Eis schleckend schlendere ich brav neben Mike zum Auto und überlege, ob ich das Schaf in dem Eis nun eigentlich herausschmecke oder nicht.

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Infos zum Hay-on-Wye Festival:

2016 findet das Hay-on-Wye Festival vom 26. Mai bis 5. Juni statt. Dieses Jahr habe ich das Spektakel also ganz knapp verpasst.

Notiz an mich: Das Woodstock der Bücher auf meine Bucket List für Wales setzen!

Hay-on-Wye liegt übrigens am nördlichen Rand des Brecon Beacons National Parks, bei Hereford, in der Grafschaft Powys.

Website Hay Festival: www.hayfestival.com

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Dieser Artikel entstand im Rahmen eines Blogtrips, der von Visit Wales unterstützt wurde. Besonders lieben Dank an Mike, meinen allwissenden und geduldigen Guide von Dragon-Tours.

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