Herausforderung Felswand – Via Ferrata, ein Weg aus Eisen

Ganz schön hoch denke ich noch. Doch nun geht kein Weg mehr zurück. Vor mir ragt der Granitfelsen steil in den Himmel. Gerade noch kann ich das Kreuz oben auf der Roca de la Creu erkennen. Auf was habe ich mich da wieder eingelassen?

Ribes de freser klttersteig roca de la creu via ferrata

Der Klettersteig gleich hinter dem Rathaus von Ribes de Freser soll mein erster Versuch werden, meine Kräfte an einem Felsen zu messen. Die große Frage ist, ob jemand ohne jegliche Erfahrung, also ich, in der Lage ist, diesen steinernen Finger, der sich da vor mir in den Himmel streckt, zu erklettern. Ich muss zugeben, es sieht schon ziemlich cool aus und ich freue mich total auf das Klettern. Im Grunde kann mir ja auch nichts passieren, denn Jaume, mein Guide hat nicht nur Helm und Sicherheitsseile dabei, er ist auch sehr durchtrainiert und muskulös. Jaume ist erfahrener Bergsteiger und wird mich retten, falls ich abrutschen sollte. Vollstes Vertrauen.

Ein paar Meter vor dem Anfangspunkt des Klettersteigs legen wir die Ausrüstung an. Jaume erklärt die Sicherheitsvorkehrungen und gibt Infos zur Via Ferrata. „Weg aus Eisen“ heißen Klettersteige nämlich auf Katalanisch, weil sie ja aus eisernen Haken, Stufen und Seilen bestehen, die auch Anfängern wie mir das sichere Klettern ermöglichen sollen.

Klettersteigset klettersteig via ferrata

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Also lege ich den Klettergurt an, setzte den Helm auf, kriege hier noch eine Schlaufe und da noch einen Karabiner verpasst und dann geht es los. Ich muss mich immer mit beiden Karabinern an einem Drahtseil einklinken. Alle paar Meter gibt es Stopper an diesem Seil, die einen bei einem möglichen Ausrutscher abbremsen und dadurch verhindern, dass man dem Hintermann auf den Kopf rutscht. Darum ist es auch wichtig, stets genügend Abstand zum Vordermann (oder zur Vorderfrau) zu halten und immer beide Karabiner eingehakt zu haben. Beim Umsetzen an den Stoppern nie gleichzeitig beide Haken auf einmal lösen, sondern nur nacheinander, auch wenn das länger dauert.

 klettersteig via ferrata

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Schritt für Schritt erklimme ich den Felsen. Es sind die Überreste eines uralten Vulkans, der vor über 400 Millionen Jahren hier Feuer in den Himmel gespuckt hat. Heute sind von dem Krater nur noch diese steil aufragenden Granitbrocken übrig geblieben.

Der Anfang ist ziemlich leicht. Wie auf einer Leiter klettere ich Stufe um Stufe immer höher. Doch dann komme ich an eine Stelle, an der die Felswand über meinen Kopf hinaus ragt, ein Überhang, an dem ich mich irgendwie hoch hangeln muss. Ähm – ich stutze kurz. Wie mache ich das denn nun? Doch es geht. Sogar leichter als gedacht. Mit Händen und Füßen suchen ich mir einfach ein paar Stellen an der Felswand, an denen ich mich dann nach oben ziehen kann. Es fühlt sich an, als sei ich wieder Kind. Mit Leichtigkeit und ohne groß nachzudenken bin ich damals einfach drauflos geklettert. Ich war zwar nie besonders sportlich, aber immer schon ziemlich „rustikal“. Jedenfalls bis ich ungefähr 10 Jahre alt war. Danach wurde das Leben dann etwas komplizierter.

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Doch jetzt kommen diese unbändige Neugier und die selbstbewusste Gewissheit, alles schaffen zu können wieder in mir hoch. Es macht unendlich Spaß immer höher und höher zu klettern. Als ich zwischendurch nach unten blicke, stelle ich überrascht fest, wie weit oben ich schon bin. Mir wird kurz ein wenig mulmig. Ich gucke doch besser wieder nach oben. Jaume ist schon am Kreuz angekommen und wartet bereits auf mich. Ich klettere die letzten Meter und dann stehe ich auch ganz oben auf dem Felsen. Neben mir weht die Fahne. Auf der anderen Seite geht es gleich wieder nach unten. Bergab zu klettern ist sogar leichter als bergauf. Auch eine wackelige Brücke erweist sich als weit weniger dramatisch, als sie aussieht. Eine Weile geht es sogar horizontal am Felsen entlang. Alles kein Problem.

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Ich muss zugeben, ich hätte nicht gedacht, das mir das Klettern solchen Spaß machen wird. So ein Klettersteig erfordert natürlich schon etwas Respekt, aber es ist eben auch kein Ding der Unmöglichkeit. Erfahrene Bergsteiger mögen Klettersteige ja vielleicht belächeln, aber ich bin total begeistert. Ich finde es total gut, dass gerade auch blutige Anfänger einen Einblick in die Faszination des Kletterns kriegen können. Unerfahrene Kletterer können abenteuerlich scheinende Herausforderungen wie diese Via Ferrata meistern und dabei allmählich ein Gefühl für den Untergrund kriegen. Jaume meint, schon nach ein paar solcher Klettersteige werde die Trittfestigkeit deutlich besser. Man lernt sich im unwegsamen Gelände zu bewegen und seinen Körper richtig einzuschätzen. Mit jeder neuen Klettererfahrung bewege man sich in den Felsen immer sicherer.

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Es ist gar nicht so schwer, einen Klettersteig zu bezwingen. Man sollte nur keine Höhenangst haben und möglichst schwindelfrei sein. Als wir nach der Via Ferrata noch etwas zusammen trinken, meint Jaume zu meinem großen Erstaunen, dass Muskeln beim Klettern gar nicht so wichtig seien. „Natürlich erfordern schwierige Klettersteige an manchen Stellen schon etwas Muskelkraft. Aber viel wichtiger als die körperliche Kraft, ist es das hier“ sagt er und tippt sich dabei an den Kopf. Die eigentliche Herausforderung ist es, einen klaren Kopf zu behalten. Es geht im Grunde genommen darum, konzentriert zu sein und sich nicht ablenken zu lassen. Darauf zu achten, was man gerade tut. Denn Unkonzentriertheit kann beim Klettern schnell zu Fehlern führen und die wiederum führt zu Unfällen.

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Infos zur Via Ferrata

Die Via Ferrata „Roca de la Creu“ liegt in Ribes de Freser, einem kleinen Ort in den katalanischen Pyrenäen, kurz vor der französischen Grenze. Von hier aus fährt eine Zahnradbahn in eines der unberührtesten Pyrenäentäler, das Vall de Núria. Gleich hinter dem Rathaus von Ribes de Freser führt ein schmaler Weg zum Anfangspunkt der Via Ferrata.

Via Ferrata „Roca de la Creu“:

Der Klettersteig in Ribes de Freser besteht genau genommen aus zwei Teilen. Der erste Teil ist die Roca de la Creu, der zweite Teil heißt Castell de Segura und ist wesentlich einfacher als der erste Teil. Diese für mich merkwürdige Einteilung ist dem Gelände geschuldet. Ich hätte zuerst den einfachen Teil, und dahinter im Anschluss die schwierigere Via Ferrata angelegt. Aber die geologischen Gegebenheiten sind nun mal so, wie sie sind, und man muss sie so hinnehmen.

Der Schwierigkeitsgrad der Klettersteige liegt bei K2-K3 bei der Roca de la Creu und bei K1-K2 beim Castell de Segura. Auf dieser Skala bezeichnet K1 die einfachste und K5 die anspruchsvollste Via Ferrata.

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Ich habe den zweiten Klettersteig nicht mehr gemacht, aber wer nach dem ersten Teil noch Zeit und Lust hast, kann hier gleich noch eine Stunde weiterklettern. Beide Etappen in Ribes de Freser dauern jeweils ungefähr eine Stunde. Am Ende geht es dann jeweils in einem kleinen Spazierweg von ca. 30 Minuten zurück zum Rathaus, dem Anfangspunkt der Via Ferrata.

Jaume ist wie oben schon erwähnt Bergführer und hat außer den Kletterrouten noch diverse andere Tipps, was Du alles in den Pyrenäen machen kannst: Radtouren, Skifahren etc. Die absolut genialste Erfahrung, hat er mir erzählt, war es sicher, als Skilehrer für blinde Menschen zu arbeiten. Ich konnte erst gar nicht glauben, wie das überhaupt gehen soll. Blinde Menschen müssen sich komplett auf ihr Gehör verlassen und nehmen die Welt dadurch ganz anders wahr. Das war auch für Jaume eine echte Herausforderung. Mega spannend! Seine Touren findest Du hier:  www.guiesnordsud.cat

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Die Via Ferrata habe ich im Rahmen eines Projekts von Katalonien Tourismus mutig erklommen. Meine Geschichte erzähle ich Dir hier aber völlig unabhängig davon, einfach weil ich das Erlebnis so spannend  fand, dass ich hoffentlich bald wieder klettern gehen werde.

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