La Pedrera – der ungeliebte Steinbruch

Direkt am Passeig de Gracia steht eines der berühmten Bauwerke des katalanischen Architekten Antoni Gaudí, die Casa Milà, die von den Bewohnern Barcelonas einfach nur der Steinbruch, la Pedrera, genannt wird.

Die Casa Milà wurde 1906, ganz kurz nach der Casa Batlló (1905-07) in Auftrag gegeben. Zu diesem Zeitpunkt galt die nur wenige Häuserblöcke entfernt stehende Casa Batlló bereits als einer der angesehendsten und prestigeträchtigsten Neubauten der gerade entstehenden Eixample. Eixample heißt eigentlich nichts anderes, als Erweiterung, denn dieser neue Stadtteil war die dringend benötigte Erweiterung der damals aus allen Nähten platzenden Altstadt Barcelonas. Als die alte, viel zu enge Stadtmauer endlich eingerissen wurde, konnten sich die Architekten des aufkommenden Modernisme auf dem riesigen Gelände oberhalb der heutigen Plaça Catalunya austoben. Und mit der finanziellen Unterstützung der reichen Händler und Industriellen, taten sie das ausgiebig, wie man heute noch sehen kann.

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Zu dieser Zeit des Aufschwungs kurz nach der Jahrhundertwende, wollte jeder in Barcelona gern zu den Reichen und Mächtigen gehören. Frau Milà, eine ehrgeizige junge Dame, hatte sich einen der reichen Indianos, namens Josep Guardiola geschnappt und geheiratet. Herr Guardiola war einer der in den Kolonien reich gewordenen Katalanen, die aus Übersee zurückkehrten und nun in der Heimat in üppigem Wohlstand leben konnten. Herr Guardiola war allerdings wesentlich älter als seine junge Braut und hinterließ ihr ziemlich bald sein ganzes Vermögen.

Zum Besitz der nun steinreichen Frau Milà gehörte unter anderem auch ein Grundstück am eleganten Spazierweg nach Gràcia, dem Passeig de Gràcia. Wo früher die Bourgeoisie mit der Kutsche in die Sommerfrische enteilte, entstanden nun überall neue, elegante Paläste und schicke Bauten.

Da die Casa Batlló bereits zu den angesehensten Häusern Barcelonas zählte und Gaudí einer der angesagtesten Architekten des gerade aufkommenden Modernisme war, beauftragte die reiche Witwe den kreativen jungen Mann mit dem Entwurf eines Palastes, der die Pracht der Casa Batlló noch übertreffen sollte. Schließlich war ihr Grundstück ja noch wesentlich größer.

Gaudí legte also los, er plante und entwarf. Das Gebäude sollte dem menschlichen Körper nachgeahmt werden. Die Brüche, Bögen und Kurven der Außenfassade sollten der menschlichen Haut ähneln. Durch die Unregelmäßigkeiten im Mauerwerk bricht sich das Licht auf eine Weise, die das Haus lebendig erscheinen lässt, wie ein still liegendes, atmendes Reptil.

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Auf dem Dachboden erkennt man an der Art, in der die Bögen zusammengeführt werden eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Wirbelsäule. Diese besondere Art der Bögen kommen auch in der Torre Bellesguard vor.

Das Grundgerüst der Casa Milà sind eigentlich zwei getrennte Bauten, die jeder für sich, über einen eigenen Innenhof verfügen. Diese Innenhöfe sind sozusagen die Lungen des Gebäudes. Durch die vielen Fenster auf der Innenseite gelangen frische Luft und Licht in alle Räume. Verbunden sind die Bauten durch das Parterre, in dem damals wie heute Läden und Geschäfte untergebracht sind, und durch den „pis principal“, die Hauptwohnung in der ersten Etage. Reiche Städter lebten normalerweise im ersten Stock und vermieteten die „schwerer“ zugänglichen Wohnungen in den oberen Stockwerken.

Die Hauptwohnung der Besitzer, also Frau Milàs Wohnraum, zog sich über die gesamte Fläche des Gebäudes hin. Immerhin knapp 1.200 m². Die Wohnungen der anderen Stockwerke waren mit rund 300 m2 deutlich kleiner.

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Frau Milà war nicht die einzige wohlhabende Frau in der Stadt. Viele ihre Mieter waren ebenfalls relativ reiche, wohlsituierte Bürger. Einige von ihnen verfügten sogar über ein motorbetriebenes Automobil. Die Casa Milà war also auch eines der ersten Häuser in ganz Barcelona, das schon kurz nach der Jahrhundertwende über eine Garage verfügte.

Ganz neu erfunden waren damals die Fahrstühle. Selbstverständlich wollte Frau Milà als eine der Ersten auch so einen automatischen Aufzug in ihrem Palast haben. Diese Fahrstühle gibt es immer noch. Sie gehen bis heute, ganz ohne Flur, direkt in die Wohnungen. Da der Dachboden und das Dach des Hauses von den Bewohnern nicht betreten wurde, das war Sache der Dienstboten, reichen die Aufzüge allerdings nur bis zum vierten Stock. Bauarbeiter und Angestellte mussten die Treppen hoch laufen. Und die Touristen heute ebenfalls. Aber das macht gar nichts, denn den Besuch der Dachterrasse finde ich immer besonders aufregend. Die schneckenartigen Treppen, Mosaike und Schornsteinen lassen das Dach wie einen Märchenwald mit Riesen und Zauberwesen erscheinen.

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Als der Bau der Casa Milà immer weiter fortschritt, stellte Frau Milà bald fest, dass sie einen viel klassischeren Geschmack als ihr Architekt hatte. Sie fand Gaudis Werk einfach nur schrecklich. Sie war so unzufrieden, dass sie sich nicht nur mehrmals mit dem berühmten Modernisten stritt, sondern ihn sogar vor Gericht zerrte. Doch das half nichts. Gaudi bekam Recht. Allerdings vollendete er die Casa Milà nicht mehr ganz. Auf dem Dach kann man sehen, dass nur einige der Schornsteine mit Mosaiken und Keramik dekoriert worden sind. Da fehlte dann am Ende die Zeit und wohl auch die Lust.

Die streitlustige Frau Milà hatte ja nun ihr gesamtes Vermögen in dieses Prestigeobjekt gesteckt, das ihr leider gar nicht gefiel. Aber das Geld war weg. Wohl oder übel lebte sie dann bis zu ihrem Tod in der Wohnung im „pis principal“.

Während der monatelangen Bauarbeiten an der Casa Milà hackten und hämmerten die Arbeiter fast täglich an der Fassade. Das machte Lärm und verärgerte auch die Anwohner der benachbarten Häuser. Für Viele sah es damals so aus, als würden die Bauarbeiter Steine in einer Mine oder in einem Steinbruch schlagen. Schnell hatten die Spötter einen Spitznamen für die Casa Milà zur Hand: La Pedrera, der Steinbruch.

An der Casa Milà sind bereits einige der religiösen Symbole sichtbar, die für Gaudi im Laufe der Zeit immer wichtiger wurden. Auf der Terrasse kann man deutlich die Kreuze an den Schornsteinen erkennen und an der Fassade ist eine religiöse Inschrift in abstrakten Buchstaben angebracht. Auch die für Gaudi so typischen, aus der Natur übernommenen Formen einiger Bauelemente kommen hier vor.

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Infos zur Casa Milà

Adresse:
Casa Milà – La Pedrera
Provença, 261-265 / Ecke Passeig de Gràcia 92
08008 Barcelona
Metro: Passeig de Gràcia

In den Gewölben unter dem Dach ist seit einigen Jahren eine permanente Ausstellung über das Leben und Werk Antoni Gaudís untergebracht.

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