Wir reiten auf den Wellen zur Marie Galante

Die Wellen sind eineinhalb Meter hoch, schätzt Kapitän Cedric, als wir auf dem Weg nach Marie Galante sind. “Das sind ja Schlaglöcher auf dem Wasser”, scherzt einer der Franzosen an Bord. Um das Gewicht auf dem Boot möglichst gleichmäßig zu verteilen, haben der Schatz und ich die Stehplätze vorn neben dem Steuerruder gekriegt. Zum Glück, denn wir bleiben trocken, während diejenigen, die hinten gemütlich auf der Sitzbank Platz genommen haben, gerade pitschnass werden.

Ich liebe die rasante Fahrt über die Wellen, auch wenn wir dabei ganz gut durchgeschaukelt werden. Vor uns wird die Insel langsam immer größer und der Hafen von Sainte Anne hinter uns wird immer kleiner. Neben mir glitzert es und ein Fisch fliegt ein paar Meter neben uns her, ehe er wieder im Wasser verschwindet.

Bootsfahrt marie galante Guadeloupe

Dieses breite glückliche Grinsen will gar nicht mehr aus meinem Gesicht weichen. Ich strahle bis über beide Ohren. Meine Mundwinkel ziehen sich von einem bis zum anderen Ohr. Der Schatz wirft mir einen Blick zu. Das war eine gute Entscheidung, soll das heißen. Dieser Bootsausflug ist genau das Richtige für uns. Viel Wasser, wenig Menschen. Wir hatten erst überlegt mit der Fähre zu fahren und uns ein Auto auf Marie Galante zu mieten. Die Bootstouren sind meist nämlich recht teuer, doch wir sind glücklich, dass wir mit Cedric über die Wellen reiten. Cedric ist hier geboren und aufgewachsen. Schon als Kind ist er zum Fischen rausgefahren und hat sich das Boot seines Vaters “geliehen” statt die Schulbank zu drücken. Nachdem er eine Weile in der Metropole studiert hat, zog es ihn dann doch wieder zurück in die alte Heimat und aufs Meer.

Während wir an unserem kleinen Ritt auf den Wellen viel Spaß haben, sorgt das wilde Schaukeln auf dem wütenden Wasser hinten im Boot für ernste Stille. Die ersten Damen werden offenbar seekrank und kämpfen gegen die Übelkeit. Doch unser Kahn ist angeblich unsinkbar. Cedric erklärt stolz, dass wir es in acht kleine Teile sägen könnten, und dennoch würde es nicht untergehen! Dann schwämmen eben acht einzelne Teile auf dem Wasser, aber sinken würden sie nicht, weil die Hohlräume des Boots mit einem bestimmten Schaum gefüllt sind. Also sind wir praktisch so unsinkbar.

marie galante boot guadeloupe

Nach ungefähr einer Stunde ist die holprige Überfahrt geschafft, und wir werfen den Anker am Strand vor Marie Galante. Während Kapitän Cedric noch an den Leinen herumwerkelt, um das Boot festzumachen, nimmt uns Bertrand in Empfang. Bertrand ist unser Guide und hat uns am Strand von Saint Louis schon erwartet.

Man sagt, Marie Galante sei so, wie Guadeloupe vor zwanzig Jahren gewesen sein muss, unberührt und authentisch. Ich fand es sehr niedlich und schön, aber einen großen Unterschied zu den untouristischen Gegenden im Norden der großen Insel habe ich ehrlich gesagt nicht bemerkt. Doch es stimmt, dass die Uhren hier wohl noch etwas langsamer gehen. Niemand ist gestresst. Die Leute haben es nicht eilig und bewegen sich gemächlich. Sehr angenehm.

Grand Bourg
Nach unserer Ankunft am Strand von Saint Louis fährt Bertrand uns zunächst zu einem Markt in Grand Bourg. Dort werden Andenken, Gewürze und Gebäck verkauft. Ich habe nicht gefrühstückt und hole mir eine kleine Quiche und kaufe eine Tüte Colombo, die Currygewürzmischung für die typisch kreolischen Gerichte. Sehr lecker. Aber auch sehr teuer. Drei Euro wollen sie für einen kleinen Beutel haben. Die Preise sind leider überall ähnlich hoch. Aber egal, ich will nicht handeln und das Geld landet wenigstens in der Tasche eines Einheimischen.

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Habitation Murat
Der nächste Anlaufpunkt unserer Tagestour ist eine alte Habitation. Leider erklärt Bertrand nur in drei halben Sätzen die Eckpunkte dieser ehemaligen Zuckerrohrfabrik. „In zwanzig Minuten wieder hier am Bus“ heißt es und schon rennen alle los.

Auf einem Schild finde ich dann doch noch ein paar Infos. Im siebzehnten Jahrhundert waren bereits elf Sklaven hier beschäftigt, heißt es da. Der Jüngste sei neun Jahre, der Älteste 36 Jahre alt gewesen. 1807 kauft ein Herr Murat dann die Anlage und baut sie zur größten Zuckerrohrplantage der Insel aus. Bis 1839 leben und arbeiten dann schon mehr als 300 Sklaven hier. Sie kümmerten sich aber nicht nur um das Zuckerrohr, sondern arbeiteten auch als Maurer und Zimmerleute. Die Gebäude der Habitation wurden von den Sklaven gebaut. Doch heute stehen fast nur noch Ruinen auf dem riesigen Gelände. Einzig und allein das Haupthaus der Plantagenbesitzer ist noch gut erhalten, bzw. restauriert worden. Auf einer Anhöhe ruht es stattlich erhaben, das gesamte Anwesen überblickend.

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Siwo Batterie Joël Moysan
Dritte Station unserer Rundfahrt ist ein kleiner Familienbetrieb, in dem Sirup hergestellt wird. Sobald die Zeit der Zuckerrohrernte naht, kommen die Bauern der Umgebung und verkaufen Joël Moysan ihre Erzeugnisse. In der Batterie wird dann ein Sirup daraus hergestellt, den die Franzosen offenbar gern ihn ihren Ti-Punch mischen. Man kann auch damit kochen. Passende Rezepte hängen an der Wand, neben der kleinen Theke, an der wir den süßen Saft verkosten dürfen.

Der Sirup ist fast schwarz und klebrig, wie Melasse. Ich nippe an einem Fingerhut davon: sehr süß! So pur ist das ja auch kein Getränk. Es ist eher zum Süßen gedacht, erklärt Joël. Wie ein Cowboy alter Schule hängt er mit todernster Miene und wettergegerbtem Gesicht hinter der Theke. Fachmännisch kippt er einen Schluck Rum in meinen Fingerhut mit Sirup. Ah das schmeckt schon anders!

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Rum Destillerie
Nach dem Sirup geht es dann in eine richtige Destillerie. Es gibt zwei oder drei davon auf Marie Galante. Wir steuern heute Bellevue an. In der Fabrik selbst ist nicht viel los. Es ist ja auch noch keine Erntezeit für das Zuckerrohr. Also begeben wir uns nach einem kleinen Rundgang in die Probierstube, um den hier produzierten Rum zu verkosten.

Leider ist gerade ziemlich viel los und es geht relativ lieblos zu. Man stellt sich in die Schlange, kriegt einen Schluck Rum oder Punch im Plastikbecher und dann ist der nächste dran. Es gibt keinerlei Erklärung, kein Vergleichen, keine Geschichte, gar nichts. Der arme Barkeeper macht das sicher auch schon länger und kennt die drängelnden Massen, die eigentlich nur schnell Rum trinken wollen, bevor ihr Bus wieder abfährt. Sehr schade, den ich hätte gern etwas mehr über diese Destilliere erfahren. Aber egal.

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Gueule Grand Gouffre
Ganz zum Schluss unserer Rundfahrt geht es dann hoch in den Norden von Marie Galante. Dort befindet sich eine besondere Grotte, die Gueule Grand Gouffre. Bertrand meint, es sei früher mal eine Höhle gewesen, deren Decke irgendwann nachgegeben hat und eingestürzt ist. Nun ragt dort ein klaffendes Loch in der Felswand. Durch den ehemaligen Höhleneingang strömt das Meer mit kraftvollen Wellen in die Gruft.

gueule grand gouffre marie galante

Nach der Gueule Grand Gouffre geht es wieder zurück nach Saint Louis, wo wir heute Morgen an Land gegangen sind. Dort wartet Cedric schon mit dem Mittagessen auf uns.

Picknick
Am Strand hat Kapitän Cedric bereits den Grill angeworfen. Es duftet lecker nach Fisch und Huhn. Den Marlin, der da auf dem Rost brutzelt, hat er natürlich selbst gefangen. Schließlich ist er mit Leib und Seele Fischer. Gestern hat er ihn extra noch in eine leckere Marinade eingelegt, erzählt er uns. Denn auf Guadeloupe kochen viele Männer, viele Fischer auf jeden Fall. Und dann lassen wir es uns alle zusammen schmecken.

grill-marie galante

Tipps und Infos zu Marie Galante

Bootstouren
Abfahrt: im Hafen von Sainte Anne, morgens um 7.50 Uhr
Überfahrt: Dauer eine Stunde
Preis: Wir haben ein Last Minute Ticket für 80 Euro gekriegt. Normalerweise kosten diese Bootstouren alle um die 90 oder 95 Euro.
Anzahl: 12 Teilnehmer (vier Pärchen und wir)

Kleiner Tipp: Nächstes Mal würde ich ein paar Tage auf der Insel bleiben und alles in Ruhe am Nachmittag erkunden, wenn die Tagestouristen ihr Picknick am Strand machen. Dann hätte ich auch mehr Zeit die echt superschönen Strände auf der Insel zu genießen.

Ilet vor Marie Galante strand guadeloupe

marie galante baden insel guadeloupe

Natürlich war uns klar, dass wir nicht die einzigen Besucher auf der Insel sein würden. Noch zwei weitere Kleinbusse waren gleichzeitig auf derselben Route über die Insel unterwegs. Viele Leute wollen schließlich, genau wie wir ja auch, einen Ausflug auf die kleinere Insel machen und nur sehr wenige Besucher bleiben länger als einen Tag auf Marie Galante. Genau das wäre aber viel besser gewesen, denn nur am Vormittag ziehen die Tagesbesucher über die Insel. Am Mittag gehen alle Gruppen pünktlich essen und baden noch eine Runde im Meer, dann geht es zurück nach Grand Terre, bevor die Sonne untergeht. Am Nachmittag haben die Einheimischen Marie Galante dann wieder ganz für sich.

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