Frau, Vogel, Mond und Sterne – das Miró Museum in Barcelona

Auf dem Weg zum Miró Museum komme ich an einer Bank vorbei. Ich muss noch Geld abheben. “Wusstest Du, dass Miró auch das Logo der Caixa entworfen hat?” Die Caixa ist meine Bank und ihr Logo ist ein blauer Stern. “Stimmt, das sieht schon sehr nach Miró aus.” muss ich zugeben. Allerdings wäre ich im Leben nicht darauf gekommen, dass der Stern der Bank von ihm ist. Lina, die mit mir unterwegs ist und sich zu einer echten Spezialistin in katalanischer Kunstgeschichte entwickelt hat, klärt mich mal wieder auf und erzählt mir die Geschichte.

Bis in die siebziger Jahre hatte die Caixa, eine über hundert Jahre alte katalanische Institution, ganz unterschiedliche Zeichen. 1979 beschlossen sie dann ein neues Logo zu finden, das sowohl für Modernität und Aufbruch als auch für eine hohe Qualität und für die katalanische Kultur stehen sollte. Ein einfaches, wiedererkennbares Symbol, mit dem sich die Kunden identifizieren konnten. Schnell kam man auf Miró und der nahm den Auftrag an. Aus einem großen Wandteppich, den er für die Sparkasse entwarf und der sich noch heute im Hauptsitz der Caixa befindet, isolierte er den blauen Stern, der bis heute jedes Gebäude der Caixa schon von Weitem erkennen lässt.

Miro Logo la caixa

Auf dem kleinen Platz El Escorxador in der Nähe des Hauptbahnhofs, erhebt sich vor uns ein riesiger, bunter Phallus. Das ist Mirós Dona i Ocell, Frau und Vogel. Die Betonskulptur hat zwar eindeutig eine, sagen wir männliche Form, aber auf einer Seite befindet sich ein länglicher Schlitz, der ziemlich weiblich aussieht. Offenbar hat Miró hier Mann und Frau miteinander verschmolzen. Wie eine Hommage an Gaudí ist die Frau und Vogel mit buntem Trencadís überzogen. Ganz oben thront der Vogel und ein gelber Halbmond leuchtet vor dem strahlend blauen Himmel.

Miro Barcelona Frau und Vogel
Miro Barcelona Dama i ocell
Miro dama i occell trencadis Statue Barcelona

Lina erzählt mir, dass man in Barcelona stets von einem Miró Kunstwerk begrüßt wird, wenn man in die Stadt kommt: Kommt man auf dem Landweg mit der Bahn, dann steht hier in der Nähe des Hauptbahnhofs die Frau mit Vogel. Kommt man mit dem Flugzeug, befindet sich am Flughafenterminal ein riesiges Mosaik Mirós.

Barcelona Flughafen Miro
Und wer Barcelona vom Hafen aus betritt, läuft über ein riesiges Mosaik auf dem Boden der Ramblas, el Pla de l’os. Die meisten Katalanen machen etwas ehrfürchtig einen Bogen um diese bunte rundliche Form auf der Erde. Die meisten Touristen, die die Ramblas hoch und runter laufen, nehmen das Mosaik gar nicht war und laufen den Blick nach oben gerichtet, einfach drüber. Echt wahr, Touristen gucken immer nach oben! Als ob die Häuserdächer besonders spannend seien.

miro barcelona la rambla
Miro Barcelona La Rambla Paviment del pla de l'os
Miro Barcelona Paviment del pla de l'os rambla

Wir laufen weiter. Jetzt geht es auf den Berg. Über die Plaça Espanya, wo sich zur Weltausstellung 10929 der Eingang zu den Hallen und Pavillons befand, die Treppen hoch, immer bergauf. Hinter dem Museum für romanische Kunst biegen wir dann nach links ab und gehen durch einen kleinen Park. Angenehm ruhig, schön grün ist es hier und die Aussicht auf die Stadt ist der Hammer. Wir nähern uns der Fundació Miró von hinten und entdecken eine Skulptur auf der Terrasse des Museums, dessen Gabel in den Himmel ragt.

Barcelona Auf dem Weg zum Miro Museum Montjuic
Miro Museum Barcelona Garten Montjuic
Miro Museum Barcelona sun moon and star estudio

Das Miró Museum ist eine Stiftung, die Fundaciò Joan Miró, die 1975 oben auf dem Montjuïc eingerichtet wurde, dort wo Lluis Companys, der damalige Präsident Kataloniens, 1940 von Francos Soldaten erschossen wurde. Ich bin gespannt.

(Achtung, jetzt kommt viel Text!) 

Joan Miró

Miró war nicht nur einer der wichtigsten katalanischer Künstler, sondern auch einer der katalanischsten. 1893 in Barcelona geboren, wuchs er am Fuße des Montjuïc auf. Sein Elternhaus steht noch heute in einer kleinen Straße, in der Nähe der Carrer Avinyó (Passatge del Crèdit 4). Gegen den Willen des Herrn Papa, der eigentlich wollte, dass der Sohnemann etwas Anständiges lernt, nahm der kleine Joan schon als Kind Zeichenunterricht. Eine kaufmännische Ausbildung brach er mit 18 Jahren ab, nachdem er einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Danach durfte er sich endlich an der Kunstschule einschreiben.

Bald schon fand er Förderer und einen Galeristen, der seine Werke ausstellte. Er war mit dem Modernist Ramon Casas und auch mit dem Andalusier Picasso eng befreundet, den er später in Paris kennenlernte. Mit Dali konnte er nicht so viel anfangen. Im Gegensatz zu dem extrovertierten und extravaganten Surrealisten aus Cadaques, war Miró ein verträumter, romantischer, aber hart arbeitender und disziplinierter Künstler. Er fühlte sich als Katalane, nicht als Spanier, das war ihm immer sehr wichtig.

Mirós frühe Werke entstehen noch in ganz unterschiedlichen Stilen. Mal ist er kubistisch, mal fauvistisch, in Frankreich dann auch surrealistisch. Er probiert sich aus. Aber immer ist Miró irgendwie katalanisch, als sei das eine Art Markenzeichen.

Mein Lieblingsbild La Masia suche ich allerdings vergeblich. Eine nette Angestellte im Museum erklärt mir, dass sich das Gemälde zwar früher hier befunden habe, aber schon seit einiger Zeit in Washington, in der National Gallery hängt. Wie schade. Das Bild von 1921-22 zeigt nämlich den Bauernhof in Mont-roig, auf dem Miró viele Jahre seiner Kindheit verbracht hatte. Mit den unglaublich vielen Details ist das Bild wie eine Liebeserklärung an die einfachen Leute auf dem Land, an das harte, schlichte Leben, von und mit der Natur und den Tieren. Das in Paris fertiggestellte Bild verkaufte Miró übrigens an Hemingway, den berühmten Schriftsteller, der damals wohl auch nicht viel Geld hatte und das Werk in monatlichen Raten abstottern musste.

Als der Spanische Bürgerkrieg ausbrach, floh Miró nach Frankreich, wo er Plakate wie Aidez l’Espagne entwarf, um aus der Ferne Aufmerksamkeit und Hilfe für seine Landsleute zu erkämpfen. Zunächst hielt sich Miró in Paris auf, später dann in der Normandie. Zur Weltausstellung in Paris 1937 entwirft er El Segador für den Pavillon der spanischen Republik. Auch Picasso malt sein weltberühmtes Guernica extra für diese Ausstellung.

Während der Zweite Weltkrieg noch tobt und die Deutschen in Frankreich einmarschieren, hat der Spanischen Bürgerkrieg ein Ende. Die noch viele Jahrzehnte andauernde, faschistische Diktatur in Spanien beginnt. Franco versuchte wohl ständig, den berühmten Künstler für sich zu gewinnen, um ihn für seine Zwecke einzuspannen. Aber Miró ging dem Diktator geschickt aus dem Weg. Nie konnte er sich mit dem Regime des selbsternannten Caudillos anfreunden.

Während der Kriegswirren, bei seinen Aufenthalten in der Normandie, entstehen die ersten Bilder der Serie Constel.lacions, die bald Mirós Weltruhm begründen. In den Gemälden des Himmels über der Normandie kommen erstmals die später so typischen Symbole Sterne, Mond, Frau und Vogel vor. Diese Himmelskonstellation zeigen oft Verzweiflung und Traurigkeit. Das Leiden der Menschen, der blanke Horror des Krieges, so wie Miró diese Jahre erlebte. Erst nach dem Ende der Kriege in Europa kommt wieder Hoffnung in seinen Bildern auf. Mirós Anerkennung als einer der besten modernen Künstler seiner Zeit beginnt mit den großen Ausstellungen in New York und Paris.

1956 zieht Miró nach Mallorca, wo ihn niemand erkennt und er viele Jahre zurückgezogen mit seiner Frau lebt. Bis ins hohe Alter ist er jedoch noch produktiv. Mit fast neunzig Jahren entwirft er 1982 noch Dona i Ocell, die Skulptur, von der ich Euch ganz am Anfang erzählt habe. 1983 stirbt Mirò auf Mallorca.

Miro museum Barcelona Muchacha jeune fille s evandent
Jeune fille s’évadent

Miro Museum Barcelona Personaje
Personaje, Ausschnitt
Miro Museum Barcelona Terasse Skulptur
La caresse d’un oiseau

miro museum barcelona la caresse d'un oiseau skulptur

Ich muss zugeben, ich wusste vorher nicht viel über Miró. Aber ich bin begeistert. Ich mag diese Bilder, die kräftigen Farben. Für mich sieht so aus, als ob er nur die stärksten, reinsten Farben auf ganz wichtige Punkte seiner Bilder setzt. So, als ob er die Farben nie mischen würde. Nur mit den Primärfarben und ganz einfachen, klaren, direkten Linien und Formen entstehen Schreie, Sehnsucht Liebe oder Wut. Auf mich wirken seine Werke irgendwie ehrlich, ohne jede überflüssige Spielerei. Manche Gemälde oder Skulpturen drücken Verzweiflung aus, manche Lebensfreude, manche Sehnsucht, aber immer sind es starke Gefühle. Keine Ahnung, ob das die Kunstspezialisten auch so sehen, aber mir gefällt dieser klare Umgang mit Farben und Formen.

Miro Museum Barcelona Gabel ragt in den Himmel
Fotografieren darf man leider nur die Skulpturen auf der Terrasse! Drinnen ist Fotografieren streng verboten! 

Was mir außer den immer wiederkehrenden Symbolen Frau, Vogel, Sonne, Mond und Sterne, auffällt, sind die sehr oft auftauchenden Regenschirme und Handschuhe in Mirós Werken. Was das bedeutet, habe ich noch nicht herausgefunden. Aber ich habe mir für nur neun Euro den dicken Katalog der Ausstellung gekauft. Den werde ich jetzt in Ruhe lesen und dann gehe ich noch einmal in die Fundaciò.

Miro Museum Barcelona Katalog La Masia
Ausstellungskatalog  – Bild: La Masia

Vom Montjuïc wieder runter sind wir übrigens mit der Seilbahn gefahren. Auch klasse, aber davon erzähle ich ein anderes Mal.

Stiftung Joan Miró Barcelona:

Adresse:
Parc de Montjuïc
08038 Barcelona
Website: www.fmirobcn.org

Miro Museum Barcelona – Öffnungszeiten:
10 bis 19 Uhr Winter (Oktober bis Juni)
10 bis 20 Uhr Sommer (Juli bis September)

Miro Museum Barcelona – Eintritt:
Erwachsene: 11 Euro
Jugendliche, Schüler, Studenten: 7 Euro
Kinder unter 15 Jahre: frei

Anfahrt:  
Mit dem Funicular de Montjuïc, eine kleine Bahn, die von der Metrostation Paral.lel den Montjuïc hinauffährt.

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