Das Leben außerhalb der Klostermauern

Nur wenige Schritte von dem berühmten Kloster in Ripoll entfernt, befindet sich ein kleines Museum, das Museu Etnogràfic. Hier führt mich Aina durch die Geschichte der Menschen, die außerhalb der Klostermauern lebten.

Das Museum wurde schon 1929 in einer Art Dachkammer der Kirche Sant Pere gegründet und war eines der ersten Museen für Folklore, wie man es damals nannte, in ganz Spanien. Viele der rund 8.000 Ausstellungsstücke stammen von den Bewohnern Ripolls oder nahegelegener Orte. Die Menschen wollen ihre alten Traditionen und Bräuche bewahrt wissen und tragen daher bis heute ihre wertvollen Erbstücke ins Museum.

„Jedes einzelne Teil hat eine ganz besondere Geschichte“, meint Raquel, die Direktorin des Museums, die ich später noch kennenlerne. Sie ist voller Begeisterung bei der Sache. „Die Leute bringen mir ihre Erinnerungen. Sie erzählen mir die Geschichten, die mit den Dingen, die sie uns anvertrauen, zusammenhängen.“ Manchmal sind es lustige Anekdoten, oder sie erinnern sich daran, wie sie als Kinder dem Urgroßvater bei der Arbeit zusahen. Raquel geht in diesen kleinen Geschichten des Alltags auf und versucht im Museum so viele wie möglich davon zu retten.

Museum in Ripoll Szene

Als Erstes stehe ich vor einem Diorama, einer Art Schaukasten, in der eine typische, ländliche Szene dargestellt wird. Es sind Schäfer, die ihre Herde wohl gerade auf einer Weide weit weg vom Dorf, oben in den Bergen, grasen lassen. Die Hirten teilten sich die Arbeit auf: Einer kochte, einer blieb die Nacht über bei den Tieren, usw. Allerdings sieht diese friedliche Landschaftsszene so gar nicht nach harter Arbeit aus. Das Bild wirkt eher romantisch verklärt; die Idylle eines Lebens in einer anderen Zeit.

Aina meint, dieses Diorama sei von einem berühmten katalanischen Bühnenbildner gestaltet worden, Josep Mestres i Cabanes. Mestres arbeitete nicht nur in Theatern und Opernhäusern, sondern machte auch Wandmalereien in diversen Kirchen und Klöstern. Berühmt geworden ist er aber als Bühnenbildner des Liceus in Barcelona. Bei dem großen Brand des ehrwürdigen Opernhauses 1994 ging ein Großteil seiner Werke in den Flammen für immer verloren. Aber hier in Ripoll gibt es noch das Diorama!

Jahrhundertelang lebten die Menschen in den Bergen von der Landwirtschaft, von der Schafzucht und vom Eisen. Viele der in den Vitrinen ausgestellten Werkzeuge zeigen, wie mühevoll die Arbeit gewesen sein muss.

Museum ripoll Markierung Schafe

Etwas, das wie ein Brenneisen aussieht, diente der Markierung der Schafe. Irgendwie musste man die Tiere, wenn die Herden wieder ins Tal gebracht wurden, voneinander unterscheiden und jedem Schafzüchter auch die richtigen Schäfchen übergeben können. Im Unterschied zu Kühen wurden die Schafe allerdings nicht mit heißen Eisen auf der Haut gebrandmarkt. Bei dem wolligen Fell wäre das ja nicht sehr sinnvoll. Diese Markierungen wurden daher vielmehr in das Fell geklebt. Die geschorene Wolle musste sowieso gereinigt werden, also konnten die Schafzüchter ihre Markierung ruhig auf dem dicken Pelz hinterlassen.

Außer den Werkzeugen gibt es noch viele andere Dinge, wie handgeschnitzte Flöten, Spielzeuge und sogar Kleidungsstücke. Die typisch katalanische barretina, eine rote Mütze (die die Touristen am Flughafen in Barcelona eigentlich statt mexikanischer Sombreros kaufen sollten) wurde zum Beispiel von älteren Männern anders getragen, als von jungen Männern!

Instrumente der hirten Museum ripoll

barretina Museum ripoll
Die traditionelle barretina

werkbank espandrilles Ripoll Museum
Werkbank eines „Schusters“, der sich auf espardenyes (Espandrilles), die nationale Schuhtracht, spezialisiert hatte

Seit Kurzem gibt es im Museum auch eine Sektion, die die traditionellen Arbeiten der Frauen zeigt. Natürlich hatten die Frauen damals keinen offiziellen Beruf, aber sie waren unschlagbar im Nähen und Sticken. In einer Vitrine ist sogar ein ganzes Schlafzimmer aufgebaut. Es wurde Stück für Stück aus einem alten Bauernhaus hierher gebracht und wieder aufgestellt. Erst denke ich nur, naja ein Bett eben, aber dann macht mir Aina die Bedeutung des Raumes klar: Hier wurden die Menschen geboren und hier starben sie. Das sind die wohl wichtigsten Stationen eines jeden Lebens und die fanden in den abgelegenen Dörfern normalerweise in so einem Bett statt.

Museum Ripoll Schlafzimmer

Museum ripoll Exvoto Votivgabe
Exvoto – Sammlung der Votivgaben  

Die Menschen waren früher sehr religiös, das zeigen viele Gegenstände im Museum. Während die Kinder heute mit Playmobil oder Lego Actionfilme nachspielen, imitierten die Kleinen damals eben das, was sie bei den Großen sahen – ihre Spielzeuge waren Zinnsoldaten oder Priester, Bischöfe und andere Kleriker!

Museum ripoll Spielzeug Zinnsoldaten

Spielzeug Museum ripoll

Auch Eisen spielte eine wichtige Rolle in der Gegend um Ripoll. Aina erklärt mir, wie das Eisen aus dem Erz gewonnen wurde und wie es in den fragas, den Eisenhütten, zu dünnen Metallplatten verarbeitet wurde. Innerhalb der Metallverarbeitung gab es dann wieder viele verschiedene, sehr spezialisierte Berufe. Total schön ist die komplette Werkstatt eines Nagelschmieds. Alles ist genauso aufgebaut, wie es damals benutzt wurde, sogar der Fensterrahmen, in dem die Körbchen mit Nägeln in verschieden Größen und Formen zum Verkauf angeboten wurden, ist erhalten geblieben.

ripoll museu etnografico

Museum ripoll Werkstatt

Da sich die Leute früher nicht einfach am Abend vor den Fernseher setzen konnten, versammelte man sich oft am warmen Feuer und lauschte alten Geschichten. Hier im Museum kann ich mich daher auch vor einen Kamin – keinen echten – setzen und alten Legenden lauschen. Auf Knopfdruck kann ich mir sogar eine aussuchen.

Kamin Legenden Museum ripoll

Eine eigene Abteilung ist alten Pistolen gewidmet. Die Schießeisen aus Ripoll waren früher richtig berühmt und galten, das behauptet Aina jedenfalls, als besonders zuverlässig.

Pistolen ripoll Museum

Infos zum Museum Ripoll:

Museu Etnogràfic de Ripoll
Plaça de l’Abat Oliba
17500 Ripoll / Girona
Website: www.museuderipoll.org

Eintritt
Erwachsene: 4 Euro
Rentner, Studenten, Jugendliche zwischen 9 und 18: 3 Euro
Familien:10 Euro (Eltern + Kinder unter 18 Jahren)
Am letzten Sonntag jeden Monats ist der Eintritt gratis.

Mauerreste Museum Ripoll
Bei den Renovierungsarbeiten des Gebäudes fand man diese alte Mauer im Eingangsbereich des Museums

Hinweis: Meine Recherche wurde unterstützt von Turisme Ripoll und Turisme Girona. Vielen Dank an Aina für die Führung durch das Museum und an Roser für ihren unermüdlichen Einsatz!  

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