Parc de la Ciutadella – einst gehasst, heute geliebt

Bei dem schönen Wetter hält es uns nicht länger in der Wohnung. Lina, meine Tochter, und ich müssen raus in die Sonne. Am großen Brunnen, der Font de la Cascada, betreten wir den Parc de la Ciutadella. Ein paar Jugendliche quietschen vergnügt und sind damit beschäftigt Selfis von sich und dem Brunnen zu schießen. Wir sind nicht die Einzigen, die auf die Idee kommen, bei dem schönen Wetter in den Park zu gehen.

Brunnen Parc de la ciutadella Barcelona

Boote Parc de la ciutadella

Auf den Wegen und Wiesen wimmelt es nur so vor Spaziergängern und In-der-Sonne-Liegern. Es herrscht fast ein wenig Volksfeststimmung. Alle sind total gut drauf, gucken gebannt den Jonglierkunststückchen eines Straßenkünstlers oder lauschen einem Trommler, der irgendwo außer Sichtweite seine Bongos und Congas bearbeitet.

Vor einer Würstchenbude steht ein Luftballonverkäufer mit seinen über ihm schwebenden bunten Pikatschus, Spongebobs und Arielles. Er ist der Einzige weit und breit, der heute nicht so gut drauf zu sein scheint. Er wirkt fast schon ein wenig traurig. Vielleicht, weil er noch keine Kunden gefunden hat, bisher. Aber es ist ja auch gerade erst Mittag.

Wir steuern auf die alte Drachenburg und die leicht verfallen wirkenden Wintergärten Umbracle und Hivernacle zu. Wenn ich mit Lina unterwegs bin, kriege ich immer eine Lektion Kunstgeschichte. Bei uns auf dem Dorf gab es das früher in der Schule nicht. Oder ich kann ich mich nicht daran erinnern. Jedenfalls bin ich leider ein kunstgeschichtlicher Analphabet und ganz dankbar, wenn Lina mir die Geschichte der Gebäude, die von der Weltausstellung 1888 übrig geblieben sind, erzählt. Ganz die stolze Mama eben.

arc de triomf barcelona

Der Eingang der Ausstellung befand sich dort, wo heute noch der imposante Arc de Triomf steht. Rechts und links verteilten sich die Pavillons, die nach dem Ende der „Exposició Universal de Barcelona“ fast alle wieder abgerissen wurden. Das Castell dels Tres Dragons, von einem der Stararchitekten des Modernisme, nämlich Lluís Domènech i Montaner, war während der Weltausstellung ein Kaffeehaus. Hier gingen die eleganten Damen und Herren ein und aus, um eine kleine Verschnaufpause einzulegen oder vielleicht auch, um wichtige Leute zu treffen. Heute gehört das Gebäude zum Zoologischen Museum, ich bin aber nicht sicher, ob es überhaupt geöffnet ist.

castell dels tres dragons parc de la ciutadella barcelona

Wir schlendern lieber weiter zum geheimnisvoll verfallenen Glashaus, dem Hivernacle. Zwar schon an einigen Stellen ziemlich kaputt, strahlt dieser Wintergarten immer noch eine gewisse Eleganz aus. Durch die schmutzigen und teilweise zerbrochenen Fenster werfen wir einen Blick auf die Pflanzen, die dort wachsen und gedeihen, als sei alles in bester Ordnung. Denen scheint der Schmutz auf den Glasscheiben nichts auszumachen.

hivernacle parc de la ciutadella barcelona

Nur ein paar Meter weiter steht das Umbracle. Statt aus Glas und Eisen, wie das Hivernacle, besteht dieser Wintergarten aus Holz und Steinen. Das Dach wellt sich in dicken Rollen über die geradlinigen Mauern des Gebäudes. Das Umbracle wurde übrigens von demselben Architekten entworfen, der auch den Brunnen im Park, den damals sehr modernen Mercat del Born und das Café, das ursprünglich dort stand, wo dann das Castell dels Tres Dragons errichtet wurde, gebaut hatte: Josep Fontserè i Mestre. Auch der junge Antoní Gaudi arbeitete zu Beginn seiner “Karriere” im Büro dieses Baumeisters, der mit seinen Glas- und Stahlkonstruktionen bis heute als einer der Wegbereiter des katalanischen Jugendstils gilt.

Auf Zehenspitzen versuchen wir einen Blick durch die Holzplanken zu werfen, die den Blick ins Innere des Umbracles vor neugierigen Blicken schützen. Ein grüner Urwald wächst und gedeiht hier ganz prächtig.

blick ins umbracle parc de la ciutadella barcelona

lina parc de la ciutadella

Wenn ich mir überlege, wie glücklich die Barceloner heute in dieser Grünanlage ihre Freizeit verbringen, kann ich mir kaum vorstellen, dass die Zitadelle, die hier einst stand, das wohl meistgehasste Bauwerk der Stadt war. König Felipe V. hatte nach dem Ende des blutigen Erbfolgekriegs und der Erstürmung der Stadt Barcelona 1714 (das Datum der Niederlage ist noch immer Nationalfeiertag der Katalanen) eine riesige Festung errichten lassen, für die er große Teile der Altstadt abreißen ließ. Über tausend Wohnhäuser, Klöster und sogar Krankenhäuser wurden abgerissen. Das Viertel Ribera wurde praktisch dem Erdboden gleichgemacht. Eine Entschädigung für die obdachlos gewordenen Bewohner gab es nicht. Der Bau einer ursprünglich geplanten Siedlung für einen Teil dieser Menschen, la Barceloneta, wurde erst eine ganze Generation später in Angriff genommen.

Mit dem Bau der massiven Festung ging die Errichtung einer engen Stadtmauer einher. Barcelona wurde sozusagen in den Würgegriff genommen und konnte nicht mehr wachsen. Innerhalb der engen, verhassten Stadtmauer wurde es sehr dunkel und eng. Schlimme Wohnbedingungen herrschten mehrere Jahrhunderte lang in den stickigen und brodelnden Gassen, immer in Reichweite der Kanonen der Zitadelle. Es war ein Versuch des spanischen Königs, die aufmüpfigen und ungehorsamen Katalanen zu beherrschen. Katalanische Institutionen wie der Consell de Cent (eine Art Versammlung der Volksvertreter) und die Diputació (eine Art Landtag/ Provinzregierung) wurden abgeschafft. Schon lange waren diese demokratischen Elemente den kastilischen Monarchen ein Dorn im Auge gewesen. Auch die katalanische Sprache wurde verboten, bzw. durfte an den wenigen Universitäten des Landes nicht benutzt werden. Die Veröffentlichung von Büchern in katalanischer Sprache wurde untersagt. Da damals Latein die europaweite Sprache der Gelehrten war und der allergrößte Teil der Katalanen weder lesen noch schreiben konnte, hatte diese Maßnahme nicht wirklich großen Einfluss. Katalanisch war die einzige Sprache, die die Mehrheit der Einwohner schon immer gesprochen hatte und auch weiterhin sprach. Da konnten auch die königlichen Dekrete nicht gegen an.

Erst gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts wurde der längst überfällige Abriss der Stadtmauer und der verhassten Zitadelle möglich. Während im Norden der Altstadt die längst überfällige „Erweiterung“ (Eixample) mit ihren modernistischen Bauten entstand, schlug ein Heer von Freiwilligen in jahrelang andauernden Arbeiten die dicken Mauern der Ciutadella ein. Nur wenige Festungsgebäude blieben erhalten. Das ehemalige Arsenal war eines der verbliebenden Bauwerke. Für die Weltausstellung wurde es umgebaut und diente der königlichen Familie als Residenz. Heute tagt dort das katalanische Parlament.

kirche im Parc de la ciutadella Barcelona
Kirche im Parc de la Ciutadella

 

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hivernacle barcelona

hivernacle im winter parc de la ciutadella barcelona

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