Mit Satteltaschen über die Pyrenäen – Pirinexus I.

Alforjas sind Satteltaschen auf Spanisch. Das Wort an sich hört sich irgendwie schon abenteuerlich an. Mich persönlich erinnert es an die Geschichte von Don Quijote, der auf seinem Esel durch die Landschaften von La Mancha irrte. Jedenfalls habe ich mir nun auch zwei dieser alforjas zugelegt, denn Andreu und ich planen eine Reise, zwar nicht mitten durch die Iberische Halbinsel wie Don Quixote de la Mancha, aber einmal außen herum. Da wir im Reisen mit dem Rad noch nicht sonderlich erfahren sind, haben wir uns zum Üben eine kürzere Route vorgenommen, die Pirinexus.

mit der bahn nach girona

Die Pirinexus ist eine Fahrradroute, die durch die katalanischen und französischen Pyrenäen und an der Costa Brava entlang führt. Diesen insgesamt ca 350 km langen Rundweg kann man variieren und hier und da noch einen kleinen Abstecher machen, denn es gibt sehr viel zu sehen! Gerade das ist es, was diese Route besonders schön und einzigartig macht: Auf der relativ kurzen Strecke gibt es eine so große Vielfalt an unterschiedlichen Landschaften, Dörfern, Flora und Fauna zu bewundern, dass die Augen sich gar nicht sattsehen können. Ein großer Pluspunkt der Pirinexus ist auch, dass weite Teile der Strecke auf “Vies Verdes”, stillgelegten, begrünten Bahntrassen verläuft. Während der Fahrt muss man sich den Weg daher fast nie mit dem Auto- und LKW-Verkehr teilen. Der fährt auf anderen Straßen.

Theoretisch ist die Pirinexus so angelegt, dass sie in 6 – 10 Tagen zu schaffen ist, je nachdem wie fit man ist oder wie entspannt man reisen möchte. Und natürlich gibt es Leute, die die Tour auch in 4 Tagen schaffen. Wir haben die verschiedenen Etappen jedenfalls ganz entspannt in 6 Tagen vollbracht, und zwar im Uhrzeigersinn:

1. Tag: Girona – Les Preses
2. Tag: Les Preses – Camprodon / Molló
3. Tag: Camprodón / Molló – Ceret / Le Boulou
4. Tag: Ceret / Le Boulou – Sant Pere Pescador
5. Tag: Sant Pere Pescador – St Antoni de Calonge
6. Tag: Sant Antoni de Calonge – Girona

TAG 1: VON GIRONA BIS LES PRESES

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Girona ist leicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, deswegen haben wir uns entschlossen, dort zu starten. Von der Plaça de l’Assemblea Catalana startet die erste Etappe der Via Verda Girona – Olot. Diese grüne Bahnstrecke nach Olot ist nicht nur Teil der Pirinexus, sondern auch ein Teil des katalanischen Jakobswegs (Camí de Sant Jaume). Die ersten 5 km aus Girona heraus, sind wunderschön. In Salt führt der Weg zunächst an Schrebergärten vorbei, danach fährt man angenehm schattig am Ter entlang.

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palmen-amer-promenade

Ab Bescanó wir es ländlicher und ruhiger. Allerdings auch ein wenig trockener. Hinter Bescanó kommen wir an einem hübschen modernistischen Gebäude, einem stillgelegten Wasserkraftwerk vorbei, ehe uns der Weg durch Anglès mit seiner Palmenpromenade an Beverly Hills erinnert. Nach einer sehr kurzen aber intensiven Steigung, die wir mit unserem Gepäck zu spüren bekommen, erreichen wir die alte Bahnstation von Amer. Ab hier geht es langsam und fast unmerklich bergauf. Es scheint fast, als würde man auf einer Ebene weiterfahren, aber nach einigen Kilometern fragt man sich schon, warum es hier so anstrengend ist.

wasserkraftwerk-modernistisch-bescano

Sobald wir in Planes d’Hostoles ankommen, entdecken wir am Wegesrand ein Hinweisschild zum Gorg de Santa Margarida. Zwei Fahrradreisende kommen gerade aus dem kleinen Weg heraus. Einer der beiden will nach Toulouse weiter, der andere sogar nach Schweden. Der Weg zum Gorg wirkt easy, also beschließen wir den kleinen Abstecher zu machen. Eine Erfrischung haben wir uns schließlich verdient. Leider ist der Weg dann mit dem Rad doch nicht so einfach. Doch auch wenn es ein wenig steil und sehr steinig ist, lohnt sich der Abstecher, denn der Gorg liegt direkt an einer Lichtung. Er ist groß, hell und ruhig. Wir baden, essen unsere Mittagsbrötchen. Dann geht es auch schon weiter. Später entdecken wir noch andere sehr verlockende Gorgs, aber leider können wir nicht an jedem anhalten.

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Irgendwann sind wir aus der Comarca La Selva heraus und erreichen La Garrotxa, die Region der Vulkane. Beim Coll d’En Bas erschrecken wir kurz, weil die erste Steigung ziemlich steil aussieht, aber zum Glück stellt sie sich dann doch als gut machbar heraus. Kurz vor Olot, in Les Preses, übernachten wir bei Andreus Cousine. Eigentlich hatten wir vorgehabt, am ersten Tag bis Sant Joan de les Abadesses zu kommen. Doch aufgrund neuer Covid-Regelungen brauchen wir zur Einreise nach Frankreich einen höchstens 24 Stunden alten Antigen-Test. Und der letzte Ort vor der Grenze, an dem das machbar scheint, ist Olot. Um nach dem Test am frühen Morgen noch bis Frankreich zu kommen, müssen wir umplanen und beschließen statt über Sant Joan de les Abadesses lieber über den Coll de Capsacosta nach Sant Pau de Segúries zu fahren.

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sonnenblumen feld bei olot

lina in sonnenblumenfeld olot

TAG 2: VON LES PRESES BIS KURZ NACH CAMPRODÓN

Früh am Morgen machen wir in Olot den Test, um so schnell wie möglich nach Frankreich zu kommen. Wir haben 24 Stunden Zeit, um die Grenze zu überqueren. In Olot ist die Pirinexus gut ausgeschildert. Aus einem Industriegebiet führt die Ruta de Ferro Richtung Ripoll aus der Stadt hinaus. Um schneller über die Grenze zu kommen, weichen wir von der Route ab und fahren nach Sant Pau de Segúries.

felsiger-weg-richtung-olot

Der Coll de Capsacosta ist die erste echte Schwierigkeit auf unserem Weg. Es geht ordentlich in die Höhe. Da der Weg aber langsam ansteigt, ist er mit genügend Trinkpausen zwischendurch machbar. In Sant Salvador de Bianya füllen wir unsere Trinkflaschen auf. In dem kleinen Dorf ist kein Mensch weit und breit zu sehen. Wir fahren an grasenden Kühen vorbei und bestellen und in einer Bar in Sant Pau de Segúries Patates d’Olot. Der kleine Ort ist eigentlich ganz niedlich. Die Bäckerei sieht aus wie vor 100 Jahren.

Nach dieser ersten Steigung bin ich ziemlich K.O. und dabei haben wir das Schlimmste noch vor uns, dachte ich zumindest. Aber als ich dann auf der App schaue, steht dort zu meiner Erleichterung, dass Camprodon nur noch 20 Minuten entfernt und keine große Steigung mehr vor uns liegt. Der Plan war ja, heute so nah wie möglich an die Grenze zu Frankreich zu kommen. Doch in Molló, dem letzten Dorf auf der katalanischen Seite, gibt es keinen Campingplatz. Der letzte Campingplatz vor der Grenze liegt kurz hinter Camprodon: “Camping Els Solans” ist groß, aber ruhig, schön grün und liegt direkt an einem Fluss. Wie uns der Besitzer später erklärt, haben sie absichtlich kein Schwimmbad, weil das Touristen anziehen könnte, die die Natur nicht zu schätzen wissen.

bruecke-fluss-camping-els-solans

Als wir eine Steckdose suchen, um unsere Handys aufzuladen, erzählt er uns später noch, dass die Straße, an der der Platz liegt, im Spanischen Bürgerkrieg Teil des “Camí de la Retirada” war. Dem Weg, auf dem viele Tausende Menschen vor den heranrückenden Truppen Francos nach Frankreich flohen. Nicht ahnend, dass sie dort in Konzentrationslager gesteckt, oder zurückgeschickt und den “Nationalen” ausgehändigt werden würden.

zelt und fahrrad camping

cami-de-la-retirada-schild

Wir bauen unser Zelt an einem ruhigen Fleckchen unter einem Baum auf, und gehen den Fluss erkunden. Weiter hinten soll es einen kleinen Damm geben, an dem wir baden können. Das Wasser liegt so still, dass wir sogar Kaulquappen entdecken. Als wir für unsere Verhältnisse viel zu früh, aber total nachvollziehbar, nach dem langen Tag, unser Abendessen kochen, kommt ein älterer, sympathisch aussehender Mann auf uns zu. Er fragt mit haargenau demselben charmanten Akzent wie Xavier in dem Film l’Auberge Espagnole: “Pirinexüs?” und Andreu und ich antworten prompt im Chor “Oui”. Wir erfahren, dass der Franzose mit seiner Frau ebenfalls die Pirinexus fährt.

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Das liebenswerte französische Rentnerpaar erzählt, dass sie in Le Boulou angefangen und das meiste schon hinter sich haben. Am schlimmsten soll der Weg von Le Boulou nach La Jonquera gewesen sein, sagt er. Eine sehr steile, noch nicht fertig gebaute Strecke, die anscheinend so “mauvais” war, dass beide absteigen und das Fahrrad schieben bzw. tragen mussten. François und Marie Claude sind  unsere ersten Satteltaschen Kumpel. Nach einem langen Tag gehen wir schließlich ins Bett, beziehungsweise auf die Matten, denn morgen müssen wir richtig früh los.

françois-und-marieclaude-fahrradfahrer pirinexus

TAG 3: VON CAMPRODON BIS CERET

Am dritten Tag heißt es schon um 7 Uhr aufwachen! So früh am Morgen ist es in den Pyrenäen noch kühl und dunkel, auch im Sommer. Doch damit unser Test nicht älter als 24 Stunden ist, müssen wir vor 9:39 Uhr die Grenze überqueren. Während der letzten Tage sollen die französischen Gendarmes auf der Lauer gelegen haben. Zeitgleich mit dem französischen Pärchen sind wir startklar und radeln los. Über den Coll d’Ares, den höchsten Punkt der Pirinexus geht es bis Prats de Molló in Frankreich. Zuerst radeln wir den Franzosen hinterher, aber irgendwann überholen wir sie und verabschieden uns mit einem “Au revoir”.

Obwohl es noch ziemlich frisch ist, beginnen wir langsam zu schwitzen. Je höher wir kommen, umso schöner ist die Aussicht. Als wir Molló hinter uns gelassen haben, sind wir ganz allein mit den Bergen und der aufgehenden Morgensonne. Die Zeit ist zwar knapp, aber ein Foto muss sein.

strasse morgensonne pirinexus

Auf dem Weg kommen uns viele Radfahrer entgegen, oder auch hinterer und überholen uns. Der ruhige Moment hält nur kurz. Bald schon treffen wir andere Radfahrer. Einige kommen uns entgegen, andere überholen uns. Allerdings haben die keine Satteltaschen. So wäre ich auch schneller, rede ich mir die ganze Zeit ein. Sogar ein Opa in Hemd und Jeans mit einem alten klapprigen Rad fährt den Coll d’Ares hoch. Hier sind wohl auch die älteren Leute ziemlich in Form, denke ich bewundernd. Doch dann steigt er doch kurz ab, zwinkert uns zu und meint, sein Benzin sei wohl alle.

berge-aussichten-pyrenaeen pirinexus

Schließlich kommen wir am Coll an. Weit und breit ist niemand zu sehen. Andreu fährt ein paar Meter vor mir und wartet in Frankreich auf mich. Ich komme schnell aus Spanien hinterher. Wie schauen auf die Uhr: 9:39! Genau geschafft! Auf der französischen Seite geht es nur noch bergab. Der Asphalt ist ein wenig anders hier. Während ich ein bisschen Schiss habe und bremse, weil es mir sonst zu schnell geht, freut sich Andreu und flitzt mit Turbo den Berg hinunter. Irgendwann sehen wir ein paar Häuser und schließlich ein Schild: Prats de Molló. Hört sich ziemlich Katalanisch an. Das Dorf ist niedlich. Alte Steinhäuser, viele Blumenkübel überall. Das Schwierigste haben wir hinter uns!

bergkette pirinexus frankreich

blick auf prats de mollo

Als ich etwas später in einem Supermarkt unser Mittagessen holen will, wird mir klar, dass ich trotz der vielen katalanischen Flaggen in Frankreich bin. Alles ist 1 Euro teurer und es ist gerade mal halb eins, als ich ins Regal schaue und die Kassiererin mir Bescheid gibt, “Madame, on ferme” wir schließen! Hä? Jetzt? Mittagspause? Ich bezahle. Wir finden eine Bank und essen unsere Brötchen. Dann geht es auch schon weiter nach Arles le Tech, Amélie les Bains, wo man in einen großen Fluss prima baden kann, und Ceret. Meist geht es in vielen engen Kurven bergab, aber die Autofahrer überholen trotzdem.

prats de mollo pirinexus

prats de mollo pays catalans pirinexus

In Ceret fragen wir in der Office de Turisme, welche Campingplätze es hier in der Nähe gibt. Und ratet mal wen wir dort treffen – das französische Rentnerpärchen, unsere Satteltaschen- Kumpel! Sie suchen auch gerade ein Campingplatz “avec piscine” und schlagen vor, dass wir einen Stellplatz teilen könnten, damit es billiger wird. Natürlich! Also fahren wir zusammen zum Camping Saint George, ein bisschen vom Weg ab, aber nicht weit. Eigentlich wollten wir heute noch nach Le Boulou fahren, aber das Schöne an unserer Reise ist ja gerade, dass wir spontan umplanen können 🙂

amelie-les-bains-fluss-pirinexus

lina mit fahrrad in amelie les bains

Auf dem Campingplatz bauen wir unsere Zelte auf, und ab in den Pool. Während die Leute brav ihre Bahnen schwimmen, springt Andreu ins Wasser, fuchtelt wild mit den Armen und platscht alles voll. Na toll, da wissen gleich alle, wer hier die Spanier sind 😛 Als wir zu unserem Zelt zurückgehen, bauen neben uns gerade zwei Typen mit Fahrrädern und Satteltaschen ihre Zelte auf. Obwohl wir ja in Frankreich sind, rutscht mir intuitiv “Hola, buenas” heraus. Aber halb so wild, denn die beiden kommen aus Barcelona. Schnell stellt sich heraus, dass sie auch auf der Pirinexus unterwegs sind.

pferd pirinexus baum

campen-in-frankreich-fahrrad pirinexus

Zwischen François und Marie Claude, die am nächsten Morgen ihre Pirinexus vollenden werden, und Paco und Juanito, die in Caldes de Malavella angefangen haben, und ungefähr im selben Tempo unterwegs sind, wie wir, schlafen wir schließlich in unserem Zelt ein.

TEIL 2 folgt.

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