Via Verda und Via Ferrata – Draußen sein

Etwas verschlafen sitzen wir in aller Frühe in der Bahn nach Girona. Linchen hat mir einen ganzen Tag ihrer Zeit geschenkt, um ihn draußen an der frischen Luft mit sportlichen Aktivitäten zu verbringen. Mit der Via Verda und der Via Ferrata stehen heute eine Radtour und ein Kletterstieg auf dem Programm. Nach dieser langen Zeit, die wir alle eingesperrt waren, habe ich Bewegung dringend mal wieder nötig. Die Spaziergänge rund um unser Dorf sind zwar schön, aber manchmal muss man eben raus.

Girona

In Girona angekommen holen wir bei bikebreaks unsere Räder ab. Von hier aus soll es bis ans Meer, nach Sant Feliu de Guíxols, gehen. Vor ein paar Jahren wurde eine alte Bahntrasse zu einem Fahrradweg umgebaut, sodass man kinderleicht durch kleine Dörfer bis an die Küste radeln kann. Durch Wiesen und Wälder, über Brücken und Flüsschen, radeln wir vorbei an Äckern und Feldern. Eine Vielfalt unterschiedlicher Düfte dringt unterwegs in meine Nase. Während es anfangs nach trockenem Getreide auf dem Feld riecht, duftet es etwas später nach dem feuchten Grün der Wälder. Als wir an einem Campingplatz vorbeikommen, versetzt mich der Duft der Piniennadeln in die Kindheit und erinnert mich an die Sommerferien mit meinen Eltern am Mittelmeer. Ab und an säumt sogar ein Feigenbaum die Strecke und verströmt meinen absoluten Lieblingsduft. Wieso hat eigentlich noch niemand „Feigenbaum“ als Parfum erfunden? Ich würde es sofort kaufen.

radtour via verda el carrilet II
Felder via verda el carrilet II

Fahrradtour via verda el carrilet II

Als die kleine Eisenbahn noch hier entlang fuhr, roch es sicher anders. El carrilet wurde 1892 in Betrieb genommen, um den Transport von Kork, Keramik und anderen Materialien zu erleichtern. Aber auch Personen konnten in der schmalen Bahn von A nach B fahren. Die Anbindung an die Bahnstrecke bedeutete wirtschaftlichen Aufschwung für die kleinen Dörfer. Bis weit nach dem Spanischen Bürgerkrieg war der Transport über die Straßen oft schwierig. Keramikbetriebe und die Kork verarbeitenden Industrie waren dort entstanden, wo das Rohmaterial zu finden war. Daher lagen diese Fabriken oft in abgelegenen Dörfern.

via verda el carrilet II quart radtour

In Cassà de la Selva und Llagostera wurde Kork verarbeitet, in Quart gab es viele Ziegeleien und Töpferwerkstätten, die ihre Ware in den Hafen nach Sant Feliu de Guíxols transportierten. Als diese Wirtschaftszweige in den sechziger Jahren immer mehr ins Hintertreffen gerieten und das Straßennetz besser ausgebaut wurde, stellte man den Betrieb des “carrilet” ein. Doch obwohl es die Bahngleise heute nicht mehr gibt, haben sich die kleinen Bahnhöfe bis heute gehalten.

Wir fahren von Girona aus zuerst nach Quart. Dort führt die Via Verda direkt vor das liebevoll gemachte Keramikmuseum. Unser Weg geht an duftenden Kornfeldern und rotem Klatschmohn vorbei. Kurz vor Llambilles erinnert ein Denkmal an die Geschichte des Carrilets. In Cassà de la Selva gibt es eine kleine Bar direkt neben dem alten Bahnhofsgebäude. Doch wir machen erst in Llagostera, wo wir die Hälfte der Strecke hinter uns gelassen haben, eine richtige Pause.

via verda el carrilet II llambilles

Vor der Bar „el carrilet“ sind schon zahlreiche andere Räder geparkt. Danach geht es an Weinstöcken vorbei in Richtung Santa Cristina d‘Aro. In Bell-lloch ist der malerische Bahnhof nach einer Quelle, der Font Picant benannt, die hier ganz in der Nähe liegen muss. Als wir in Castell d‘Aro ankommen stehen wir dann vor der Lokomotive SFG2, die auf dem Abstellgleis zu bewundern ist. Im Sommer dreht im Parc de l’Estació de Platja d’Aro eine Miniatureisenbahn ihre Kreise, doch heute ist sie leider noch nicht in Betrieb.

via verda el carrilet II Font Picant

lokomotive via verda el carrilet II

Unsere Route führt mittlerweile fast nur noch bergab. Durch eine baumumstandene Allee, unter der Schnellstraße hindurch und auf dem erhöhten ehemaligen Bahndamm geht es weiter, dann kommt das Meer in Sicht. Die letzten hundert Meter führen an den alten Fabrikgebäuden Sant Feliu de Guíxols vorbei bis in den Hafen, wo uns der Duft nach Salzwasser, Fisch und Motorenöl empfängt.

roques de l'infern via verda el carrilet II

via verda el carrilet II ende

Dort wartet ein netter Kollege von bikebreaks schon auf uns, um die in Girona gemieteten Räder wieder in Empfang zu nehmen. Denn für uns geht es von hier aus zu Fuß weiter. Für die immerhin 40 KM haben wir ganz gemütlich mit vielen kleinen Pausen zum Fotografieren, Trinken und Pipi machen rund drei Stunden gebraucht. Ehe wir jedoch ein Stück auf dem Camí de Ronda spazieren, gönnen wir uns im Casino noch rasch eine Portion patatas bravas. Nach der Stärkung geht es dann vorbei an der Cala Jonca eine ziemlich steile Treppe hinauf, die ich schnaufend und Lina zwei Stufen auf einmal nehmend, erklimmen.

cami de ronda sant feliu de guixols cala jonca

Die Aussichtspunkte zwischen dem Hafen und der Platja Sant Pol sind nach traditionellen Frauenberufen benannt. Da gab es die Fischerinnen (was sich vermutlich auf die Frau des Fischers, die sich um Netzflickerei und den Verkauf der Fische kümmerte, bezog), die Lehrerinnen, die Ammen etc. An dem Mirador, der nach den Frauen benannt wurde, die die Schafwolle nach unterschiedlichen Qualitäten sortierten, dem Mirador de les Triadores, treffen wir Albert.

Sein Vater war ursprünglich Bäcker und in der Freizeit ein passionierter Kletterer. Irgendwann machte er dann das Hobby zum Beruf. Von klein auf ist Albert daher in den Klippen herum gekraxelt und quasi aufgewachsen. 2003 begann der Herr Papa dann damit ein paar Eisenstiege in die Felsen zu schlagen und 2013 wurde ganz offiziell die erste direkt am Meer liegende Via Ferrata eröffnet. Albert hat die Liebe zum Klettern definitiv geerbt. Er verbringt mittlerweile mehr Zeit an der Felswand, als zu Hause und hält den von Papa gebauten Kletterstieg instand.

cami de ronda sant feliu de guixols

Niemand ist also besser geeignet, um uns auf dem Weg an den Felsen zu begleiten! Doch leider sind inzwischen dunkle Wolken aufgezogen. Ein kühler Wind weht und Regen ist angesagt. Mir ist die Vorstellung am Felsen zu hängen, während ein Wolkenbruch über mich hereinbricht, dann doch nicht ganz geheuer. Lina lässt sich davon jedoch nicht abschrecken. Sie steigt kurzerhand in den von Albert mitgebrachten Klettergurt, setzt den Helm auf und folgt ihm hinab in die Tiefe.

via ferrata sant feliu de guixols
Lina:
Mama ist wieder mal ungeduldig. Laut Wettervorhersage soll es nicht vor 18 Uhr regnen. Als Albert um 16 Uhr kommt, lautet seine klare Ansage: „Wenn es nicht regnet, ist auch kein schlechtes Wetter.“ Nach einer kurzen Erklärung, – wir sind mit zwei Haken unterwegs, immer erst einen einhaken, dann den anderen aushaken -, geht es los. Zuerst ist es ein wenig nervig, diese beiden Haken dauernd ab- und wieder dran machen zu müssen, denn das Herumhüpfen zwischen den Felsen ist gar nicht kompliziert.

via ferrata bruecke sant feliu de guixols
via ferrata foto by aventura experience

via ferrata foto by aventura experience

via ferrata foto by aventura experience

via ferrata foto by aventura experience

Aber dann wird es doch steiler und plötzlich hänge ich da. Habe keinen festen Halt mehr unter den Füßen. Die Eisengriffe sind manchmal oben manchmal unten, aber (meinem Gefühl nach) Meter weit auseinander. Es kommt mir vor, wie Twister spielen, nur um 90 Grad gedreht und mit dem Meer unter mir. An einer Stelle verknote ich mich so, dass ich für einen Moment ein mulmiges Gefühl kriege. Die beiden Haken sind hinter mir und ich muss sie mit der Hand zu mir holen. Aber mit welcher? Ohne Fußstütze hänge ich praktisch nur an den Händen. Zum Glück rettet Albert mich sofort aus dieser misslichen Lage und gibt mir Anweisungen: Okay, jetzt linker Fuß auf den nächsten Eisengriff, den rechten da hin … und schon geht es weiter. Eben doch wie beim Twister.

via ferrata foto by aventura experience
via ferrata foto by aventura experience

Als wir zu einer kleinen Hängebrücke kommen, fühle ich mich dann schon wie auf einem Laufsteg. Die Höhe macht mir absolut gar nichts aus. Ich bin ja gut gesichert. Mein Fazit: Der einzige Moment, in dem ich kurz gezittert habe, war als ich mich selbst so verknotet hatte, dass ich nicht mehr wusste, wohin mit den Füßen. Aber davon abgesehen, ist der Klettersteig klasse. Allein schon um mir selbst zu beweisen, dass ich es auch ohne Verknotung schaffe, werde ich das bestimmt noch mal machen.

via ferrata sant feliu de guixols

Infos zur Via Ferrata und Via Verda

Via Verda El Carrilet II

Die 39,7 km lange Strecke dieser Via Verda ist mit 284 Höhenmetern ziemlich eben und wirklich einfach zu fahren. Auch für Kinder ist die Route gut zu schaffen. Meist führt die Via Verda wie der Name schon sagt, durchs Grüne, manchmal geht es allerdings auch ein Stück neben einer Straße entlang. An vielen Stellen knüpft die Via Verda an andere Radwanderwege, wie die Ruta de les Termes an, die bis Caldes de Malavelles führt. Die Via Verda Carrilet I führt von Girona nach Olot. Wegen der Steigung würde ich persönlich die Route allerdings immer von den Bergen zum Meer hin fahren. Aber wer Herausforderungen mag, kann natürlich auch bergauf in die Pyrenäen radeln.

via verda el carrilet II

www.viesverdes.cat
Website der Fahrradvermietung bikebreaks in Girona: www.gironacyclecentre.com
Hinweis: Die beiden Räder wurden uns vom Patronat de Turisme in Girona zur Verfügung gestellt.

Via Ferrata

In den Bergen gibt es ziemlich viele Klettersteige. Eine Via Ferrata in Ribes de Freser habe ich mal erklommen. Diese hier am Meer ist allerdings ziemlich einzigartig. Die Via Ferrata in Sant Feliu de Guíxols besteht aus zwei Etappen. Die erste ist einfacher und für Anfänger geeignet, die zweite ein wenig anspruchsvoller. Zwischen den beiden Etappen gibt es einen Notaustieg. Albert erklärt alles ganz genau.

Albert Aventura Experience

Alberts Website (auf Englisch): www.aventuraexperience.com

So eine Klettertour kostet pro Person 30 Euro. Bei Albert sind neben der Ausrüstung und seiner fachlichen Begleitung auch die Fotos mit im Preis inbegriffen 🙂 Die Via Ferrata ist aber grundsätzlich frei zugänglich. D.h. jeder, der über entsprechende Ausrüstung und Erfahrung verfügt, kann den Klettersteig auch ohne Guide machen.

3 Comments

  • Lina, mir wird schon beim Zuschauen schlecht!!!! Sieht aber traumhaft aus.

    Endlich ist Nicole wieder unterwegs und ich kann mitreisen. Danke

  • Sehr schöner Bericht auch in meiner Heimat gibt es Felsenkletterer
    leider haben wir nicht das schöne Meer und das schöne Wetter
    daher komme ich lieber zu Euch klettern.

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