Sant Jordi in der Casa de les Punxes

Schon von Weitem ist die Casa de les Punxes mit ihren spitzen Türmen und Giebelchen gut zu erkennen. Diese sechs Türme sind es auch, die dem Haus seinen Spitznamen gegeben haben, denn punxes nennt man auf Katalanisch etwas Spitzes wie Dornen, Zacken oder Stachel. Trotz der Geradlinigkeit erinnert mich besonders das Dach der Casa de les Punxes mit ihren unterschiedlichen und verspielt wirkenden Burgtürmchen irgendwie an ein Märchenschloss. Während Richard Wagners Ouvertüren aus dem Kopfhörer des Audioguides in meinen Ohren erklingen, finde ich in einem der Türme auf dem Dach auch die Erklärung für diesen Eindruck.

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Zur letzten Jahrhundertwende waren italienische Opern in Barcelona gerade groß in Mode. Das Liceu boomte. Aber es gab auch große Fans der deutschen Klassiker. Puig i Cadafalch, der Architekt der Casa de les Punxes, gehörte zu den Wagner-Begeisterten. Mehr noch: Ihm gefiel das deutsche Märchenschloss König Ludwigs so gut, dass er sich von Neuschwanstein für den Entwurf dieser spitzen Türmchen inspirieren ließ!

Mit offiziellem Namen heißt die Casa de les Punxes eigentlich Casa Terradas, nach der Familie, die den Bau dieses modernistischen Gebäudes einst in Auftrag gegeben hat. In Barcelona herrschte Aufbruchsstimmung zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Die spät einsetzende industrielle Revolution und der florierende Handel mit den Kolonien hatten reichlich Geld in die Taschen des Bürgertums fließen lassen. Diesen Wohlstand zeigten die neuen Reichen gern. Sie investieren nicht nur in ihre Fabrik, sondern unterstützten zahlreiche Künstler und ließen sich schicke Paläste in der Stadt bauen.

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Bartomeu Terradas i Mont war einer derer, die durch den Handel mit Übersee und die Textilindustrie reich geworden waren. Seine Familie zählte zur wohlhabenden Bürgerschicht Barcelonas. Als der Patriarch 1901 starb, übernahm sein Sohn die Geschäfte und die Familie zog von Sabadell nach Barcelona. Wenige Jahre vorher waren die alten Stadtmauern eingerissen worden, da Barcelona aus allen Nähten zu platzen drohte. Endlich wurde die längst überfällige Planung für eine Erweiterung der Stadt in Angriff genommen. Sobald man mit der Umsetzung der Pläne für die Stadterweiterung begann, kaufte auch Angelau Brutau, die Witwe des Industriellen Terradas, eines der Grundstücke in der Eixample.

Bartomeu Junior kümmert sich um das Bauprojekt und beauftragt den befreundeten Architekten Puig i Cadafalch mit dem Entwurf eines Gebäudes das aus drei Häusern bestehen sollte, eines für jede seiner Schwestern: Angela, Josefina und Rosa. Puig i Cadafalch war zu diesem Zeitpunkt schon einer der Stars der Architekturszene. Er war nicht nur als Architekt, sondern auch politisch und kulturell sehr engagiert.

Zwischen 1903 und 1905 entstand nach seinen Plänen also dieses mittelalterlich anmutende Märchenschloss im katalanischen Jugenstil. Über jedem Gebäudeteil schwebt in luftiger Höhe ein Mosaikbild, das darauf schließen lässt, welche der Schwestern in dem jeweiligen Flügel des Gebäudes lebte: ein Engel für Angela, eine Sonnenuhr für Josefina und ein Rosenbusch für Rosa.

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Angelas Fassade liegt zum Passeig de Gracia, der wichtigen neuen Flaniermeile des neuen Barcelonas, und ist dementsprechend die am reichsten geschmückte Seite der Casa de les Punxes. Josefinas Fassade öffnet sich zur Diagonal und die Fassade ihrer Schwester Rosa liegt zum Carrer Bruc. Zu der Zeit, als das Gebäude errichtet wurde, lagen in dieser Richtung mehr oder weniger offene Äcker und Wiesen, daher sparte man hier an der üppigen Dekoration und gestaltete diese Fassade nicht ganz so aufwendig. Aber egal von welcher Seite ich die Casa de les Punxes betrachte, überall entdecke ich üppige Blumenverzierungen, schmiedeeiserne Balkone und bunte Glasfenster. Zwischendrin sind immer wieder Hinweise und Symbole versteckt. Seemannsknoten zum Beispiel, die daran erinnern sollen, dass die Familie ihren Reichtum mit dem Überseehandel erlangte, Granatäpfel als Zeichen von Macht, fliegende Fische als Symbol für Wohlstand.

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Während des Modernisme wurden Handwerker, die bis dahin als einfache Arbeiter keinen sonderlich guten Ruf genossen, zu gefragten Künstlern. Die Architekten legten sehr viel Wert auf die Kreativität und das Können der Glasmacher, Steinmetze, Schmiede und Fliesenmacher, denn alle diese Materialien waren wichtige und häufig vorkommende Elemente in den Bauwerken des Modernisme.

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Über der großen Vorderfront des Haupteingangs im Carrer Rosselló thront ein Bild des Nationalheiligen Sant Jordi. Darunter ist in großen Lettern zu lesen „Sant Patró de Catalunya torneu-nos la llibertat“ (Schutzheiliger von Katalonien, gib uns unsere Freiheit zurück). Vielen Modernisten war es wichtig eine katalanische Identität in ihren Werken zum Ausdruck zu bringen. Darum findet man überall in Barcelona zahlreiche Hinweise und Bilder, die an den mutigen Kämpfer erinnern, der den bösen Drachen tötet und die Prinzessin rettet.

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Die katalanische Ausprägung des Jugendstils hatte einen stark sozialen und politischen Charakter. Der Modernisme fiel in Barcelona zusammen mit der Renaixença, der Rückbesinnung der Katalanen auf ihr kulturelles Erbe, ihre Sprache und ihre Geschichte. Wie viele seiner Kollegen war auch Puig i Cadafalch durch und durch Katalane. Die von ihm entworfenen Gebäude spiegeln alle seine ideologische Einstellung eindeutig wieder. Um an den alten Glanz und die vergangene Gloria dieser kleinen Nation im Norden Spaniens anzuknüpfen, gibt es daher auch in der Casa de les Punxes Hinweise auf das Mittelalter. Die tribünenartigen Balkone oder die grotesken Wasserspeier sollen an diese Blütezeit Kataloniens erinnern.

Nachdem ich das gesamte Gebäude umrundet habe, geht es nun auf das Dach. Da es an Geld nicht fehlte, ließ die Frau Mama die neuste technische Errungenschaft in das Haus ihrer Töchter einbauen: Fahrstühle! Die alten Aufzüge sind noch funktionstüchtig und mit ihren schönen Spiegeln und Holzvertäfelungen erhalten. Diese ersten Fahrstühle bewegten sich längst nicht so schnell wie heutige Aufzüge. Darum hatte man für die Damen und Herren sogar bequeme Sitzbänke anbringen lassen.

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Ich darf mal gucken 🙂 Für Besucher sind diese Fahrstühle allerdings nicht gedacht.

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Ganz oben zwischen den Schornsteinen wurde früher die Kohle zum Heizen aufbewahrt und die Wäsche aufgehängt. Hier hielt sich eher die Dienerschaft, als die Damen des Hauses auf. Dabei ist die Aussicht von dieser riesengroße Terrasse einfach fantastisch! Wenn das meine Terrasse wäre, würde ich mir hier eine nette Chillout-Ecke einrichten, mit einem Blick über die Dächer Barcelonas! In den runden Türmchen, in denen sich früher die Abstellkammern befunden haben, sind heute interaktive Spiele und Erklärungstafeln zur Geschichte des Hauses untergebracht. Eine Zeit lang wurden diese Minizimmer angeblich sogar als Wohnungen vermietet. Vielleicht nicht unbedingt das Richtige für eine mehrköpfige Familie, aber für Studenten oder einen Künstler, war das hier sicher ein kleines Paradies.

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Die letzte Etappe meines Besuchs ist der erste Stock der Casa de les Punxes. In den modernistischen Bauten bewohnten die wohlhabenden Besitzer fast immer in der ersten Etage. Dieses Stockwerk war weit genug von den dreckigen Straßen entfernt, aber leicht und bequem über eine elegante Treppe zu erreichen. Daher war der pis noble stets die am prächtigsten ausgebaute Etage dieser Gebäude. Leider sind die drei Terradas Schwestern irgendwann verstorben, ohne Nachkommen zu hinterlassen. So gingen diese Wohnungen von einer Hand in die andere, bis von den originalen Möbeln leider nichts mehr erhalten geblieben ist. Bis auf die Bodenfliesen und die modernstischen Verzierungen an Wänden, Fenstern und Türen sind die Räume heute kahl.

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Statt die modernistischen Möbel nachbauen zu lassen, hat man sich etwas ganz anderes einfallen lassen. Sant Jordi, der siegreiche Kämpfer, zentrales Element des Modernisme in ganz Barcelona, wird hier zum Mittelpunkt der Besichtigung. Eine Multimediashow erzählt die Legende des Drachentöters und führt die Besucher dabei durch die einzelnen Räume.

Während ich noch das bunte Aquarium im Boden bestaune, zeigt ein Countdown an, dass die Vorstellung gleich losgeht. Ich reiße mich also von den niedlichen Fischlein los und begebe mich zügig in den nächsten Raum. Wie von Geisterhand schließt sich die Tür hinter mir. Plötzlich erlöscht das Licht. Und dann erscheint auf einer großen Leinwand Sant Jordi. Obwohl ich die Geschichte schon kenne, bin ich total gefesselt! Aber ich will Dir hier nicht schon alles verraten, nur so  viel: Ganz am Ende duftet der ganze Saal nach Rosenblüten!

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Infos zur Casa de les Punxes:

Avinguda Diagonal, 420
08037 Barcelona
Website: http://www.casadelespunxes.com

Seit August 2016 ist die in Privatbesitz befindliche Casa de les Punxes endlich für Besucher geöffnet.

Öffnungszeiten:
Täglich  9-20 Uhr

Eintritt:
– Mit Audioguide: 12,50 Euro
– Fast Pass: 15,00 Euro
– Mit Führung: 20,00 Euro (Englisch, Spanisch und Katalanisch täglich, bei vorheriger Anfrage auch auf Deutsch möglich)
– Exklusive Führung  – mit einem Gläschen Sekt: 23,00 Euro

Die Vorstellung der Sant Jordi Legende ist richtig gut gemacht! Besonders wenn Du das erste Mal in Barcelona sein solltest, ein super Einstieg, um die Bedeutung des „Drachentöters“ zu verstehen. Kann ich nur empfehlen!

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2 Comments

  • Hallo Nicole,
    oh, danke für diesen tollen Tipp! Ein Besuch kommt gleich mal auf die Liste für Weihnachten. Erst ein wenig Architektur anschauen, dann durch Gràcia treiben lassen. – Klingt nach nem stimmigen Plan. 🙂
    Viele Grüße aus München, Nadine

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