Saras Töchter – die Mikwe und das jüdische Leben in Girona

Das Wasser schimmert sanft in dem unterirdischen Becken. Genau an dieser Stelle befand sich einst die letzte Mikwe der jüdischen Einwohner Gironas. Durch die „Straße der Frauen“ schlichen die jüdischen Frauen, für die Männer unsichtbar, an den Häusern und der Synagoge vorbei, zu diesem reinigenden Bad, das sie regelmäßig aufsuchten. Total fasziniert lausche ich den Worten, mit denen Silvia Planas, die Direktorin des Museums, das Leben der jüdischen Frauen in Girona beschreibt.

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Direkt hinter dem Museum für jüdische Geschichte liegt das Becken, in dem die Frauen ihr rituelles Bad nahmen. Diese Mikwe hatte man in einer Zeit eingerichtet, als die Juden bereits ernste Schwierigkeiten in der Stadt hatten. Während der letzten Jahrzehnte vor ihrer endgültigen Vertreibung 1492 kam es immer öfter zu heftigen Auseinandersetzungen und Anfeindungen seitens der christlichen Bewohner. Längst durften sich jüdische Mitbürger nicht mehr frei in der Stadt bewegen. Den Zugang zur großen Synagoge und der daneben liegenden Mikwe hatte man ihnen bereits verwehrt. Die Gassen des jüdischen Viertels wurden geschlossen. Eine neue Mikwe musste her, und das möglichst schnell.

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Den jüdischen Glauben kann man zur Not ohne Synagoge leben, aber nicht ohne Mikwe. Sie ist das Erste und Wichtigste, das jede jüdische Gemeinde braucht. Die rituelle Reinigung ist die Basis des religiösen Lebens. Ohne Mikwe kann es keine jüdische Gemeinde geben. Als man an dieser Stelle, wo wir gerade stehen, auf tropfendes Regenwasser stieß, das sich in einem Becken sammelte und von hieraus weiter bergab floss, richtete man das Notbad, die letzte Mikwe Gironas, ein. Denn das Wasser für das Reinigungsbad darf nicht stehen, sondern muss fließen. Es muss lebendig und rein sein.

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Seit die ersten fünfundzwanzig Familien im neunten Jahrhundert in Girona eintrafen, muss es mindestens vier, wenn nicht sogar fünf verschiedenen Mikwes gegeben haben. Von den ersten Baderäumen weiß man leider nicht mehr viel. Dass sich hier an dieser Stelle vor uns die letzte Mikwe der einst bedeutenden jüdischen Gemeinde Gironas befunden haben muss, dessen ist man sich heute allerdings ziemlich sicher. Silvia erklärt mir, was die Geschichtswissenschaftler und Archäologen herausgefunden haben. Da in alten Verträgen genau festgehalten wurde, durch welche Straßen ein bestimmtes Grundstück begrenzt wurde, konnte man die Lage der letzten Synagoge bestimmen. Als diese bei der Auflösung der jüdischen Gemeinde 1492 verkauft wurde, listete man auch auf, welche Gebäude zu diesem Grundstück gehörten. Daher weiß man, dass es hier auch eine Schule und ein Bad gegeben hat.

Aus anderen alten Dokumenten geht hervor, dass es noch im dreizehnten Jahrhundert eine wesentlich größere Synagoge und eine entsprechende Mikwe für die damals blühende jüdische Gemeinde in Girona gegeben haben muss. Von diesen Gebäuden ist jedoch nichts erhalten geblieben.

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Irgendwann davor hatten die Juden als vorübergehende Lösung einen Raum in den Baños Arabes gemietet. Trotz des Namens waren diese arabischen Bäder eigentlich nie arabisch, sondern wurden von den Christen, vermutlich in Erinnerung an die Reinlichkeit der nur kurze Zeit hier lebenden arabischen Eroberer, so genannt. Dieses öffentliche Badehaus der Stadt wurde von Menschen aller Religionen genutzt. Auch die Juden hatten hier zeitweilig einen Raum gemietet, um ihre rituelle Reinigungsprozedur durchführen zu können. Da die Kulturen letztendlich doch sehr verschieden waren, lief das nicht immer problemlos ab. Aus den Briefen eines Rabbiners weiß man, dass es zu Streitereien kam. Wegen Verunreinigungen des rituellen Badebereichs musste der Geistliche schnell praktische Lösungen für die jüdischen Bewohner Gironas finden.

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Die jüdischen Gemeinden des Mittelalters standen unter dem besonderen Schutz des Königs. Sie leisteten hohe Steuerabgaben und genossen im Gegenzug gewisse Privilegien, wie die Erlaubnis, sich selbst verwalten zu dürfen. Die Juden organisierten ihr Leben in der Aljama, so nannte man auf der Iberischen Halbinsel weitgehend selbstverwaltete Gemeinden der Juden und Moslems innerhalb christlicher Städte. Die Juden unterschieden sich nicht nur durch den Besuch verschiedener Gotteshäuser von den Christen. Da ihre Lebensmittel koscher sein mussten, kauften sie nur in speziellen Bäckereien und Fleischereien. Auch ihre Feiertage und ihr Kalender waren anderes, als die ihrer christlichen Nachbarn. Während unser Kalender bis heute auf der Geburt Christi basiert, richtet sich der jüdische Kalender nach dem Lauf des Mondes. Die Juden beginnen ihre Zählung bereits mit der Vertreibung aus Ägypten, also in unserem Jahr 3761 vor Christus.

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Schnell wuchs die jüdische Gemeinde und machte bald zwanzig Prozent der Bevölkerung Gironas aus. Sie hatte also einen wichtigen Anteil an der Entwicklung und der Geschichte der Stadt. Dank der bedeutenden kabbalistischen Schule entwickelte sich Girona zu einem intellektuellen Zentrum seiner Zeit. Immer mehr Wissenschaftler und Intellektuelle zogen in die Stadt. Mossé ben Nahman, auch Nachmanides genannt, war ein berühmter jüdischer Philosoph, Dichter, Arzt und Gelehrter. Aufgrund seines hohen Ansehens machte König Jaume I den aus Girona stammenden Nachmanides zu seinem Berater.

Außerhalb der gelehrten Kreise waren viele Juden in Berufen tätig, die ihre christlichen Nachbarn nicht ausüben wollten oder durften. Geldverleih ist nur eines, wenn auch das bekannteste Beispiel dafür. Da in Girona viele Bücher geschrieben wurden, fand man hier entsprechend viele Buchbinder unter den Juden. Die Berufe der jüdischen Männer waren oft darauf ausgerichtet, ortsunabhängig arbeiten zu können. Zu oft war es in der Vergangenheit vorgekommen, dass sie schnell ihre Sachen packen und an einen anderen Ort ziehen mussten. Da war es praktisch und oft leider notwendig, dass sie ihr Werkzeug mitnehmen und anderswo Arbeit suchen konnten.

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An der Wand des Museums zeugt eine riesengroße, sehr detaillierte Weltkarte von der Bildung der Juden im zwölften Jahrhundert. Die Namen aller wichtigen Hafenstädte sind im katalanischen Weltatlas genauso verzeichnet, wie Informationen zu den Bewohnern fremder Länder. Im vierzehnten Jahrhundert ließen die Grafen von Barcelona und Könige von Aragón gern solche Weltkarten von ihren jüdischen Kartografen anfertigen, um sie als Geschenke an andere Königshäuser weiterzugeben. Diese Karten waren eine Art Enzyklopädie der damals bekannten Welt. Der Atlas Cresques war ein Präsent für König Karl VI von Frankreich und hat damals sicher großen Eindruck gemacht. Das Original der von Abraham Cresques gefertigten Weltkarte ist heute in der französischen Nationalbibliothek in Paris zu finden.

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Im vierzehnten Jahrhundert neigte sich die Blütezeit der jüdischen Gelehrten Gironas jedoch bereits ihrem Ende. Erdbeben, Kriege, die Pest und soziale Unruhen erschütterten die Stadt. In solchen Zeiten heftiger Krisen radikalisieren sich die Menschen. Die Ablehnung Andersartiger und Andersdenkender wird immer heftiger und oft leider auch blutiger. Im fünfzehnten Jahrhundert wurde der Call, das jüdische Viertel, immer kleiner und schließlich gar mit Toren geschlossen. Als 1492 die letzten Juden die Stadt verließen, nahmen sie ihre heiligen Bücher und liturgische Gegenständige mit ins Exil. Damit endeten an die sechshundert Jahre jüdischer Geschichte in Girona.

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Die anschließenden fünfhundert Jahre haben in der dicht besiedelten Altstadt nicht viel von den einst prächtigen jüdischen Stätten übrig gelassen. Jede Generation nutzte so gut wie möglich den Raum und die Materialien, die sie vorfand, um sich selbst einzurichten.

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Seit meinem letzten Besuch im Museum jüdischer Geschichte hat sich viel verändert. Mittlerweile wird auf insgesamt drei Ebenen die Geschichte der jüdischen Gemeinde Gironas dargestellt: Von der Entstehung des jüdischen Viertels und seiner Ausdehnung über die Bedeutung der Familie, die Rolle der jüdischen Kultur, den Einfluss der jüdischen Intellektuellen, und den Friedhof auf dem Montjuïc, bis hin zur Vertreibung der Juden aus dem Land.

Die Überreste der Mikwe stammen aus der Zeit von 1435-1492 und befinden sich in der zweiten Etage, hinter dem Pati de l‘Estrella. Nach dem Auszug der Juden wurde das Bad als Zisterne genutzt.

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Mikwe girona Museum juedische Geschichte freibeuter reisen scherben als filterdiese Scherben filterten das Wasser der Mikwe 

Der Pati l’Estrella ist dem berühmten Gelehrten Mossé ben Nahman, der sich mit katalanischem Namen Bonastruc ça Porta nannte, gewidmet. Nach ihm sind auch die Bibliothek und das Institut benannt worden. In einer Ecke des Hofes erinnert eine Skulptur an die Bedeutung der jüdischen Gelehrten und Wissenschaftler und ihren Einfluss auf die Geschichte.

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„Saras Töchter“ ist der Titel eines Buches, das Silvia Planas, die Direktorin des Museu d’Historia de Girona und des Museu d’Historia dels Jueus in Girona, über die Geschichte der jüdischen Frauen geschrieben hat:   „Filles de Sara“.

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Museu d’Història dels Jueus
Carrer de la Força, 8
17004 Girona
Website: www.girona.cat/call/

Eintritt:
Eintritt Erwachsene: 4 Euro
Ermäßigter Eintritt: 2 Euro
Kinder unter 14 Jahren: Eintritt frei
Am ersten Sonntag im Monat ist der Eintritt immer gratis – für alle.
Audioguides gibt es auf Spanisch, Katalanisch, Französisch, Englisch oder Hebräisch gratis als App zum downloaden

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Samstag 10-18 Uhr, montags, sonntags und feiertags 10-14 Uhr
Sommer (nur Juli und August): Mo-Sa von 10-20 Uhr, sonntags und feiertags 10-14 Uhr
Am 24.12 und 31.12 bis 14 Uhr geöffnet. Am 25. und 26,12 sowie am 1. und 6. Januar geschlossen.

Zu dem Besuch des Museums wurde ich eingeladen. Die hier dargestellte Meinung beruht ausschließlich auf meiner persönlichen Faszination für dieses Thema. 

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